Felix Brauner

Mentalisieren und Fremdenfeindlichkeit

Psychoanalyse und Kritische Theorie im Paradigma der Intersubjektivität

Cover Mentalisieren und Fremdenfeindlichkeit

EUR 36,90

Dieser Titel erscheint im Mai 2018.

Buchreihe: Psyche und Gesellschaft

Verlag: Psychosozial-Verlag

ca. 350 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm

Erscheint im Mai 2018

ISBN-13: 978-3-8379-2770-2, Bestell-Nr.: 2770

Felix Brauner macht die Konzepte der modernen, auf Intersubjektivität ausgerichteten Psychoanalyse für die Gesellschaftskritik fruchtbar, indem er Anknüpfungspunkte zur aktuellen Kritischen Theorie herausarbeitet. Um die Identitätsbildung von Subjekten in der Spätmoderne sowie ihr Misslingen zu verstehen, stellt er das Konzept der Mentalisierung in den Vordergrund seiner Forschung. Er wendet dabei die Modelle der Mentalisierungstheorie auf den Untersuchungsgegenstand der Fremdenfeindlichkeit an und analysiert bedrohliche Folgen einer Überidentifizierung mit der ethnischen oder nationalen Eigengruppe. In seiner umfassenden Studie demonstriert er, wie eine strukturell geringere Ausbildung von Fähigkeiten zur Emotionsregulation und Empathie in Kindheit und Jugend sowie eine dynamische Anfälligkeit für Regressionen auf prämentalisierende Reflexionsmodi im Erwachsenenalter zu fremdenfeindlichen Ressentiments führen können.

Inhaltsverzeichnis

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Vita:
Felix Brauner (*1991): Nach dem Abitur habe ich an der Uni Bielefeld den Bachelor Psychologie studiert. Aufgrund meiner Unzufriedenheit mit der wissenschaftstheoretischen Ausrichtung der akademischen Psychologie und einer Hinwendung zur Psychoanalyse bin ich anschließend für den Master Klinische Psychologie und Psychotherapie an die Uni Kassel gegangen, weil dort psychodynamische Zugänge gleichberechtigt gelehrt werden. Neben meinem Master-Studium habe ich gemeinsam mit Prof. Benecke das Buch zu "Motivation und Emotion. Psychologische und psychoanalytische Perspektiven" in der Kohlhammer-Reihe "Psychoanalyse im 21. Jahrhundert" geschrieben. In den nächsten Jahren schreibe ich meine Dissertation in Weiterführung des Themas dieses Buches über Fremdenfeindlichkeit aus mentalisierungstheoretischer Perspektive und absolviere die Psychotherapie-Ausbildung zum Psychoanalytiker in Berlin.

Kernaussage:
Die Konzepte der modernen, intersubjektiven Psychoanalyse können für den Bereich der Gesellschaftskritik nutzbar gemacht werden, indem Anknüpfungspunkte zur aktuellen Kritischen Theorie ausgearbeitet werden. Insbesondere das Konzept der Mentalisierung, das ein zentrales Konzept der Gegenwartspsychoanalyse darstellt, ist diesbezüglich hilfreich, um die Identitätsbildung von Subjekten in der Spätmoderne sowie ihr Misslingen zu verstehen. Vor diesem Hintergrund können Beeinträchtigungen der Mentalisierungsfähigkeiten durch eine strukturell geringere Ausbildung von Empathie in der Kindheit sowie Jugend und durch eine dynamische Anfälligkeit zur Regression auf prämentalistische Reflexionsmodi zu fremdenfeindlichen Ressentiments führen.

Leserkreis:
Studierende, WissenschaftlerInnen, Lehrende der Psychologie/Soziologie/politischen Philosophie; allgemein Interessierte an der Anwendung gegenwartspsychoanalytischer Konzepte auf die Gesellschaftskritik

Nutzwert:
- Anregungen zu geben für ein Zusammendenken von Psychoanalyse und Kritischer Theorie im Paradigma der Intersubjektivität
- im Sinne der Interdisziplinarität Parallelen aufzuzeigen zwischen gegenwartspsychoanalytischen Analysen und Erkenntnissen der Nachbarwissenschaften wie Sozialphilosophie, Soziologie, Evolutionsbiologie und empirische Sozialpsychologie
- eine Übersetzung zentraler Kategorien der Freudschen Kulturtheorie (Urvater-Mord, Triebverzicht, psychosexueller Charakter) in Überlegungen der Gegenwartspsychoanalyse und akutellen Kritischen Theorie (bspw. von Bohleber, Verhaeghe, Tomasello, Illouz und Rosa) zu liefern
- ein Verständnis dafür zu entwickeln, inwiefern eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeiten zu Fremdenfeindlichkeit führen können
- insgesamt einen Impuls dafür zu geben, die Fruchtbarkeit der modernen Psychoanalyse für die Gesellschaftskritik zu erkennen

Alleinstellungsmerkmal:
Mein Buch stellt den Versuch dar, die zunehmend auf Evidenzbasierung und die klinische Praxis zugeschnittene moderne Psychoanalyse auf ihre vormals vorhandenen Potentiale zur Gesellschaftskritik und Kulturtheorie hin zu erweitern, ohne hinter die empirisch gewonnenen Erkenntnisse zur primären Intersubjektivität zurückzufallen. Mir sind keine an anderer Stelle publizierten Auseinandersetzungen bekannt, in denen (1) Parallelen zwischen Honneths Psychoanalyse-Rezeption und der psychoanalytischen Mentalisierungstheorie aufgezeigt werden, (2) mithilfe der aktuellen Forschungsergebnisse der Evolutionären Anthropologie die Fähigkeit und Motivation zum Mentalisieren als entscheidende Komponente im evolutionären Prozess der Menschwerdung ausgeführt werden, (3) beispielhaft gesellschaftliche Einflüsse auf die individuelle Entwicklung des Mentalisierens diskutiert werden und (4) eine systematisierende Darstellung fremdenfeindlicher Ressentiments auf der Grundlage des Konzepts der Regression auf prämentalisierende Reflexionsmodi aufgestellt werden. Viele dieser Versuche sowie ihre Zusammenführung sind zwar noch von spielerisch-tastendem Charakter, geben jedoch für an der modernen Psychoanalyse Interessierte, die mit Neugierde über den eigenen disziplinären Tellerrand schauen, viele Anregungen zum kritisch Weiterdenken.

Zitate:
Da der Text des Buches als Masterarbeit an der Uni Kassel eingereicht worden ist, habe ich von meinen Betreuern dort Rückmeldungen und Noten erhalten (Prof. Benecke: 0,7 und Prof. Warsitz: 1,0). Ich könnte mir deshalb vorstellen, dass sie für eine Rezension zu gewinnen wären.
Ansonsten gab es noch keine Rückmeldungen zu dem Buch.

Inhalt:
Die Konzepte der modernen, auf Intersubjektivität fokussierten Psychoanalyse können für die Gesellschaftskritik fruchtbar gemacht werden, indem sie mit den Analysen aus dem Umfeld der aktuellen Kritischen Theorie zusammengeführt werden. In meinem Buch wende ich die Konzepte der Mentalisierungstheorie auf den Untersuchungsgegenstand der Fremdenfeindlichkeit an, indem ich aufzeige, wie (1) durch maladaptive Bindungserfahrungen konstituierte strukturelle Einschränkungen der Mentalisierungsfähigkeiten in der Kindheit und (2) eine dynamische Anfälligkeit für Regressionen auf prämentalisierende Reflexionsmodi im Erwachsenenalter zur Ausbildung fremdenfeindlicher Vorurteile beitragen. Um die Mentalisierungstheorie für die Gesellschaftskritik handhabbar werden zu lassen, argumentiere ich im ersten Teil meiner Auseinandersetzung dafür, inwiefern sie zu Honneths Anerkennungstheorie, der federführenden Konzeption der aktuellen Kritischen Theorie, aufgrund dessen Psychoanalyse-Rezeption eine stimmige Ergänzung darstellt. Hatte die ursprüngliche Kritische Theorie sich stark auf die Kulturtheorie Freuds bezogen, so nehme ich mir im zweiten Teil die seitdem vollzogenen Revisionen durch die moderne Psychoanalyse zum Anlass, zentrale Überlegungen aus Freuds kulturtheoretischen Schriften (Mythos vom Urvater-Mord, Kulturentwicklung durch Triebverzicht, gesellschaftliche Ausbildung eines psychosexuellen Charakters) mithilfe der Analysen, die im Schnittbereich zwischen Gegenwartspsychoanalyse und aktueller Kritischer Theorie angestellt wurden, in die heutige interdisziplinären Erkenntnisse zu übertragen (Evolutionäre Naturgeschichte des Mentalisierens, Kulturentwicklung durch Emotionsregulation, Ausbalancieren performativer Identitäten als gesellschaftliche Aufgabe der Spätmoderne). Im dritten Teil werden einerseits psychische Hintergründe der Fremdenfeindlichkeit beschrieben, untersucht mittels empirischer Ergebnisse aus sozialpsychologischen Studien zu Vorurteilen und gegenwartspsychoanalytischen Konzeptionen zur Bedeutung der Großgruppen-Identität für Ressentiments; andererseits wird der gesellschaftliche Hintergrund von Fremdenfeindlichkeit mittels der soziologischen Untersuchungen zur »Abstiegsgesellschaft« und »Gesellschaft der Angst« aufgespannt. Mit diesem gesellschaftskritischen Instrumente-Baukasten wird sich im abschließenden Teil - wie erwähnt - mit dem Einfluss struktureller und dynamischer Beeinträchtigung des Mentalisierens auf Fremdenfeindlichkeit befasst.
(Für eine Einführung in das Thema siehe Vorwort im Manuskript)