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Zur »Vermittlung von Psychoanalyse und Kulturanalyse«

Alfred Lorenzer zum 100. Geburtstag

Der Frankfurter Psychoanalytiker und Sozial- und Kulturwissenschaftler Alfred Lorenzer, der am 8. April 1922 in Ulm/Donau geboren wurde, hat in seinem Werk ein weit verzweigtes Gespräch zwischen den Kultur-, Sozial- und Naturwissenschaften angeregt, konzentriert auf die Debatte um Gegenstand und Verfahren der Psychoanalyse. Lorenzer hat hierfür in seiner eigenen Biographie die Voraussetzungen mitgebracht: In den fünfziger Jahren wandte er sich, noch als Psychiater an der von Ernst Kretschmer geleiteten Tübinger Universitätsnervenklinik tätig, der Psychoanalyse zu, absolvierte seine Lehranalyse bei Felix Schottlaender und trat dann in den Kreis um Alexander Mitscherlich ein, um sich hier bereits als Sozialpsychologe zu profilieren: in frühen Arbeiten zur Problematik des Traumas, zur Bedeutung der Architektur, aber auch schon zu Fragen, die den Verstehens- und Erkenntnisprozess der Psychoanalyse betrafen. Nach seiner 1969 erfolgten Habilitation war er zunächst Sozialpsychologie-Professor in Bremen, um dann von 1974 bis 1990 an der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität zu lehren und zu forschen, und zwar als einziger Psychoanalytiker in Deutschland auf einem Lehrstuhl für Soziologie. Eine im Februar 1990 erlittene schwere Erkrankung beendete sein wissenschaftliches Wirken; am 26. 6. 2002 starb er im Alter von achtzig Jahren in seinem Haus in Umbrien.

Lorenzer hat an das in der frühen Frankfurter Schule begründete Projekt, kritische Gesellschaftstheorie mit der Perspektive Freudscher Erkenntnis zu verbinden, angeknüpft, für die Vermittlungsarbeit aber einen neuen Weg vorgeschlagen. Seine »Metatheorie der Psychoanalyse« verfolgte drei Ziele: Zum einen galt es, auch der nicht-psychoanalytischen Scientific Community Einsicht in die Eigenart des psychoanalytischen Verfahrens zu vermitteln und detailliert darzulegen, was der Psychoanalytiker macht. Lorenzers Schlüsselbegriff des »szenischen Verstehens«, zuerst entfaltet in der zentralen Studie »Sprachzerstörung und Rekonstruktion« (1970), war hierfür die Grundlage und wurde darüber hinaus zu einem vielgenutzten Modell interpretierender Wissenschaften.

Zum anderen setzte sich Lorenzer intensiv mit Widersprüchen, historisch bedingten Aporien innerhalb der Freudschen Theoriebildung auseinander, stets darum bemüht, bei aller Kritik der Begriffe deren Erfahrungsgehalt zu respektieren. Beispiel hierfür war die Übersetzung der Freudschen Auffassung vom Trieb durch das Konzept der »Interaktionsformen«, dem Gelenkstück der von Lorenzer begründeten und in den siebziger Jahren breit rezipierten Sozialisationstheorie (»Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie«,1972; Sozialisationstheoretische Exkurse in: »Das Konzil der Buchhalter« von 1981). Mit ihr gelang es Lorenzer, über Freuds letzte Begründungsebene Biologie hinausgehend, den Erkenntnisgegenstand der Psychoanalyse – Unbewusstes, Trieb, Es – in den Horizont einer Dialektik von Natürlichkeit und Sozialität zu rücken und dabei Wege aufzuzeigen, wie bisher schroffe begriffliche Entgegensetzungen (Psyche – Soma; Trauma – Trieb; Trieb – Objektbeziehungen) zu überwinden waren.

Der dritte Schwerpunkt metatheoretischer Arbeit war darauf angelegt, Psychoanalyse über den Rahmen ihrer therapeutischen Aufgabe hinaus für gesellschafts- und kulturkritische Forschung fruchtbar zu machen, und dies methodologisch reflektiert, in Transfers der psychoanalytischen Suchbewegung, die den Begrenzungen jener angewandten Psychoanalyse entgeht, die nur findet, was die Begriffe vorzeichnen. Die auch in religionswissenschaftlichen Kontexten intensiv diskutierte Studie »Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit« (1981) widmete sich dem Bereich nachfamilialer Sozialisation. Die methodologische Grundlegung der »Vermittlung von Psychoanalyse und Kulturanalyse« erfolgte in der weit verzweigten Modellskizze »Tiefenhermeneutische Kulturanalyse« (1986), von der bis heute zahlreiche unterschiedliche Projekte, auch in den Bereichen der Pädagogik und der Sozialen Arbeit, ihren Ausgang nehmen.

In seiner letzten Schaffensphase intensivierte Lorenzer die Auseinandersetzung mit zentralen Motiven Freudscher Erkenntnis; so führte er in seiner Schrift »Intimität und soziales Leid. Archäologie der Psychoanalyse« (1984) vor Augen, wie sich eine problemgeschichtliche Freud-Interpretation gegen zeitgenössische Tendenzen einer Psychoanalyse-Rezeption zu behaupten vermag, die aus Lorenzers Sicht mit der Distanzierung vom Standpunkt der Trieb-Deutung und mit der Verabschiedung der Metapsychologie die Anstößigkeit Freudscher Erkenntnis preisgibt.

Lorenzers Werk sucht diese zu bewahren: so in der These vom Unbewussten als einem nicht-sprachlichen Sinn- und Wirkungsgefüge, zuletzt noch einmal dargestellt in dem erst kurz vor seinem Tode erschienen Band »Die Sprache, der Sinn, das Unbewußte«, der auf eine Mitte der achtziger Jahre in Costa Rica gehaltenen Vorlesungsreihe zurückgeht. Lorenzers auch in diesem Kontext versuchte Rehabilitierung der Freudschen Metapsychologie ist darauf ausgerichtet, im Freudschen Verweis auf den Bios die Problematik des Leibes zu erschließen und als Matrix des Erlebens anzuerkennen. Die Erforschung des Zusammenwirkens von Leiblichkeit und Sozialität berechtige dazu, den Kern der Freudschen Entdeckungen als eine »Hermeneutik des Leibes« zu begreifen. Mit ihr – so Lorenzers Hoffnung – könne es gelingen, jenseits der starren Grenzziehungen zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften, herauszufinden, wie der eine Bereich (das Unbewusste als nichtsprachliche Praxis, die Leiblichkeit des Es) mit dem scheinbar entgegengesetzten anderen (dem System der Sprache, den kulturellen Bedeutungsträgern) verschränkt ist und zur widerspruchsvollen Einheit gelangt.

Auch Lorenzers Kulturanalysen gehen von dieser Perspektivenverschränkung aus, sie sind hierbei der Eigenbedeutung und der Widerständigkeit jener Lebensszenarien auf der Spur, die in den Konflikten zwischen individuellen Wünschen und kulturellen Werten aufzuspüren sind, ob in literarischen Werken, medialen Inszenierungen, ob in Alltagsästhetik oder Kunst. Dass sich eine derart grenzüberschreitende Wissenschaft nicht wegbewegt vom psychoanalytischen Untersuchungs- und Erkenntnisgegenstand, der Frage der Subjektivität und der Auseinandersetzung mit psychophysischem Leid, das hat Lorenzer in einem seiner letzten Aufsätze noch einmal klargestellt; sein Beitrag zur Festschrift für Margarete Mitscherlich (1987) schließt mit einer Überzeugung, die als sein Vermächtnis gewertet werden kann und eine Herausforderung auch für die gegenwärtige Psychoanalyse bleibt: die Überzeugung, dass »wir unsere Patienten auch in der Analyse nicht zureichend verstehen, wenn wir den Zusammenhang ihres individuellen Erlebens mit den kulturellen Bewegungen der Zeit nicht zu sehen vermögen, wenn wir nicht die gesellschaftlichen Verbote und Gebote in ihnen und uns beim Namen nennen können.«

Bernard Görlich war von 1981–1986 wiss. Mitarbeiter von Alfred Lorenzer am FB Gesellschaftswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main; bis 1990 Mitautor von Beiträgen zur Sozialisationstheorie und zur Freud-Forschung.

Im Psychosozial-Verlag erschien von und über Alfred Lorenzer:

Freuds metapsychologische SchriftenAlfred Lorenzer
Freuds metapsychologische Schriften
Vorlesungen zur Einführung
EUR 29,90

In seinen 1985/1986 gehaltenen Vorlesungen lotet Alfred Lorenzer das Verhältnis von Trieb, Affekt und gesellschaftlicher Bestimmung aus und vermittelt Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Mensch und Tier und ihren jeweiligen Entwicklungen. Ausgehend von Freuds Metapsychologie öffnet sich dabei ein Panorama diverser Anknüpfungspunkte zu verschiedensten Disziplinen. [ mehr ]

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Verstehen und Begreifen in der PsychoanalyseThierry Simonelli, Siegfried Zepf (Hg.)
Verstehen und Begreifen in der Psychoanalyse
Erkundungen zu Alfred Lorenzer
EUR 29,90

Seit den 1990er Jahren erfährt die Psychoanalyse aufgrund der Professionalisierung der Psychotherapie eine immer stärker werdende Reduzierung auf die Psychotechnik. Alfred Lorenzer gehörte zu den Analytikern der Nachkriegszeit, die nach Lösungen für das »szientistische Selbstmissverständnis« der Psychoanalyse suchten. Geprägt von der Diskussion über den wissenschaftlichen Stellenwert der Psychoanalyse versuchte er die Rolle der Psychoanalyse in der Gesellschaft und deren Verhältnis zur Soziologie neu zu überdenken. [ mehr ]

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Jacques Lacan trifft Alfred LorenzerRobert Heim, Emilio Modena (Hg.)
Jacques Lacan trifft Alfred Lorenzer
Über das Unbewusste und die Sprache, den Trieb und das Begehren
EUR 24,90

Jacques Lacan (1901–1981) und Alfred Lorenzer (1922–2002) gehören zu den großen charismatischen Gestalten der Psychoanalyse nach Freud. Gegen die Tendenz des Rückzugs in der zeitgenössischen Psychoanalyse auf selbstreferenzielle Ansätze bringen die Beiträgerinnen und Beiträger dieses Buches Lacan und Lorenzer in einen nachträglichen Dialog. Das Aufeinandertreffen dieser kritischen Theoretiker des Subjekts betont Differenzen ihrer Denkpositionen, schlägt aber auch Brücken. [ mehr ]

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Alfred LorenzerEllen Reinke (Hg.)
Alfred Lorenzer
Zur Aktualität seines interdisziplinären Ansatzes
EUR 29,90

Das bedeutende Werk Alfred Lorenzers (1922–2002) wird grundlegend diskutiert und für die aktuelle interdisziplinäre Theoriedebatte und Forschung anhand eigener Fortentwicklungen und empirischer Untersuchungen der Autoren erschlossen. [ mehr ]

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Analytische SozialpsychologieHelmut Dahmer (Hg.)
Analytische Sozialpsychologie
Texte aus den Jahren 1910-1980, 2 Bände
EUR 39,90

Die erstmals 1980 erschienene und lange vergriffene Sammlung von 35 Grundlagentexten aus sieben Jahrzehnten ruft das Projekt der Analytischen Sozialpsychologie in Erinnerung. Freud’sche Psychologie und Gesellschaftstheorie sollten miteinander kombiniert werden, um unserem Verständnis »rätselhafte« Phänomene – wie die Persistenz des Antisemitismus und das Festhalten an obsolet gewordenen gesellschaftlichen Institutionen – zu erschließen. [ mehr ]

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psychosozial 128: Von Freud zu Lorenzer. Psychoanalyse im Spannungsfeld von Sozial- und NeurowissenschaftEllen Reinke (Hg.)
psychosozial 128: Von Freud zu Lorenzer. Psychoanalyse im Spannungsfeld von Sozial- und Neurowissenschaft
(35. Jg., Nr. 128, 2012, Heft II)
EUR 19,90

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