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Erinnerungen an Anni Bergman

Erinnerungen an Anni Bergman

Ein kleiner biografischer Abriss

Neulich erinnerte mich eine Nachricht an Anni Bergman, nämlich, daß sie im Februar letzten Jahres 100 – einhundert! – Jahre alt geworden ist. Eine Fotografin hatte beeindruckende Bilder der Jubilarin gemacht und veröffentlicht, die mir aufgefallen waren.[1]Ich wunderte mich nicht darüber, daß Anni darauf noch agil und präsent ist, denn ich hatte sie nicht nur als geschätzte Kollegin, sondern auch als Sportlerin in Erinnerung. Ich will hier nun davon etwas zusammentragen.

Anni Bergman, geborene Rink, ist 1919 als Tochter des Wiener Fabrikanten Ernst Rink (1868-1936) und seiner Frau Marta, geb. Haas (1880-1930) zur Welt gekommen. Als ersten Stolperstein möchte ich nennen, daß der Name der Familie nicht immer Rink war, sondern Rindskopf. Das dürfte einer dieser verballhornenden Namen sein, die die Wiener Bürokratie ihren jüdischen Mitbürgern auferlegte. 

Das Ehepaar Rink hatte vier Kinder: Paul und Lisl (Eva?), Anni und Arnold.[2] Anni besuchte von 1929 bis 1938 in Wien das erste Gymnasium für Mädchen in der Rahlgasse 4.[3] Zu dieser Zeit war es dort bereits möglich, ein regelrechtes internes Abitur abzulegen. Gerade noch rechtzeitig, denn bald nach dem »Anschluss«“ 1939 wanderte Anni aus. 

Hier muß ich einen kleinen Einschub machen, der sich mir aufgrund der damaligen Zeitläufte und der Thematik aufdrängt. Ich muss einen Witz erzählen, den Salcia Landmann in ihr wunderbares Buch Jüdische Witze(1962) aufgenommen hat:

1938. Ein Jude kommt zur Wiener Behörde und trägt die Bitte vor, seinen Namen ändern zu können. Der Beamte wirft ihn nicht sogleich hinaus; er scheint außer einer Beamtenseele doch irgendwo noch ein Herz zu haben und sagt: Wie heißen Sie denn? Ich heißt Adolf Stinkfuß, antwortet der Antragsteller. Ach ja, das verstehe ich! Antwortet der Beamte. Wie möchten Sie denn heißen? Antwort: Peter Stinkfuß.

Anni lebte zunächst in Los Angeles, arbeitete als Au-pair,  und studierte dann Musik an der University of California. Den Bachelor of Arts erwarb sie 1943. In LA lernte sie auch ihren späteren Ehemann Peter (Mosche) Bergman kennen. Er war Schriftsteller und Verleger. Das Paar ging 1945 nach New York, wo sie heirateten. Zwei Söhne, Kostia und Tobi, gingen aus der Ehe hervor. Anni arbeitete als Musiklehrerin und ließ sich zur Kinderanalytikerin ausbilden. Ihre Lehranalytikerin war Margaret Mahler, in deren Forschungsverbund sie aufgenommen wurde. Von daher ist sie auch den meisten von uns bekannt, vor allem über die Schrift The Psychological Birth of the Human Infant: Symbiosis and Individuation(1975), auf Deutsch erschienen 1978 unter dem Titel Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation, von Margaret Mahler, Fred Pine und Anni Bergman.[4] Die Arbeit wurde bei Mitscherlich im Sigmund-Freud-Institut Frankfurt eifrig studiert.

London, 1996 

Ich lernte Anni Bergman 1996 in London kennen, als ich zum ersten Mal an dem von Peter Fonagy ausgerichteten IPA Forschungsprogramm teilnehmen konnte. Dabei handelte es sich um das neu eingerichtete, zehntägige IPA Summer-School-Programm. Man hatte dort die Möglichkeit, versierten Kollegen die eigene Forschungsarbeit vorzustellen, sie bekanntzumachen und Rat zu erhalten. Die Verkehrssprache war natürlich Englisch, aber die Deutschsprachler waren gut vertreten. Unter diesen die Zweisprachler – Englisch und Deutsch – wie Otto Kernberg und eben Anni Bergman. Mit ihr kam ich gleich ins Gespräch, eine agile, sportliche 77-jährige. Neben anderem erzählte sie mir, dass sie mit ihrer Unterkunft nicht ganz glücklich sei. Man hatte sie in einem Studentenwohnheim einquartiert, mit WC und Dusche irgendwo auf dem Flur. Zwar, sagte sie, sie sei ja Sportlerin und nicht zimperlich, aber sie wäre doch über ein bisschen mehr Komfort glücklich. Ich nahm Anni nach dem Ende der Tagesarbeit gleich mit in mein kleines reizendes Londoner Hotel, wo es uns mit vereintem Charme gelang, dass der Hotelier für Anni ein Zimmerchen herbeizauberte. So machten wir uns jeden Morgen gemeinsam auf zur Tagesarbeit, und natürlich danach zum lockeren Beisammensein und meist auch gemeinsamen Abendessen mit den übrigen Teilnehmern. 

Bremen, 1997

Was lag näher, als Anni Bergman sogleich in mein Institut an der Universität Bremen zu einem Vortrag einzuladen? Sie hatte mir ja mitgeteilt, dass sie in diesem Jahr wieder nach Europa fliegen würde. Also bitte ich, daß sie einen kleinen Abstecher über Bremen macht. Das macht sie gern, nach ihrem Urlaub in der Schweiz. Am 2. Mai ist es dann soweit, sie hält im Rahmen meiner jährlichen Vortragsserie am DIALOG-Zentrum für angewandte Psychoanalyse einen Vortrag, basierend auf einer umfangreichen Studie, Titel: ›Autonomiewünsche und Abhängigkeitsbedürfnisse. Die Bedeutung des mütterlichen Objekts – Ergebnisse einer Langzeit-Untersuchung‹.[5]Als Grundlage dienten sowohl die Erfahrungen und Ergebnisse aus dieser über die Dauer von 35 Jahren durchgeführten empirischen Untersuchung von Mutter-Kind-Paaren. Dabei hat sie für ein ausgewähltes Paar gezeigt, wie die besondere Weise des Loslösungs-Individuations-Prozesses das Erleben der späteren Entwicklung und der Lebenskonflikte beeinflußt. Sie beschrieb, wie das betreffende Kind, David, seine autonomen Funktionen zu gebrauchen lernte und auf diese Weise auch lernte, den Mangel an der konsistenten emotionalen Verfügbarkeit der Mutter auszugleichen. Andererseits kam bei Anni Bergman aber auch der Forschungsansatz von Allan Schore nicht zu kurz, der sich parallel zu den Beobachtungsstudien der Fragen der neurobiologischen Entwicklung von Emotionalität gewidmet hat.[6] Sie berücksichtigte vor allem seine Studien zur Übungssubphase im Loslösungs-Individuations-Prozeß, die Schore vertieft untersucht hatte: Das heißt, sie war eine der frühen Vertreterinnen einer psychoanalytischen und neuropsychologischen Forschung.[7]

Ähnlich wie in London bei der Summer School gab es bei meiner Vortragsreihe immer auch einen geselligen Teil. Aus diesem Bereich erinnere ich mich noch an einen schönen Besuch im legendären ›Café im Rilke-Haus‹ im Künstlerdorf Fischerhude. Außen schönste Natur, innen beste Bewirtung mit Kuchen und vor allem: Überall hängen die Originalgemälde der Fischerhuder Künstler. Das Besondere daran: gemalt wurde in der freien Natur, das Motto war: Heraus aus dem Atelier, hinein ins Leben. Das hieß aber nicht: Natur abmalen! Die Farben waren berauschend. 

… und danach bis heute

… danach habe ich Anni Bergman zwar nicht wiedergesehen, jedoch nie aus den Augen verloren. So unter anderem auch 2012, als es ein schönes Interview mit ihr zu sehen gab: Sie war nach Wien gereist – nun also 93 Jahre alt – und sprach über ihre Forschungen. Interessant fand ich, dass dieses Interview auf Englisch geführt wurde, Anni Bergmann jedoch das Englische ganz ohne Wiener Akzent gesprochen hat. Dies im Gegensatz zu Otto Kernberg, Jahrgang 1928, ebenfalls 1939 aus Wien emigriert. Über dessen ›Englisch‹ hatte sich schon unser Gastgeber Peter Fonagy während der 1996er Summer-School in London mokiert und erklärt: Er spricht eigentlich nur Deutsch! Nun, Peter Fonagy hatte dazu seine eigene Geschichte, als Sohn eines aus Österreich-Ungarn stammenden Vaters, 1952 geboren, wurde er in die Obhut einer echt britischen Erziehung gegeben, als er 15 Jahre alt war. Er sprach, als wir ihn kennenlernten, einwandfrei ›the Queen´s English‹. Im Gegensatz eben zu Otto und Anni…

2013, wieder in Europa unterwegs, besuchte sie ihr ehemaliges Mädchengymnasium, wie es dann weiterging bis 2019, kann ich nur aus den Bildern von Ann Steiner erraten. Der Leser darf mitraten!

Annis Sofa

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Anni spielt noch Klavier

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(c) Ann Steiner

Was für eine wunderbare Frau!

ER, 15.10.2020



[1] Quelle: Ann Steiner, http://annsteiner.com/anni- Sie begann Anni zu fotografieren, als diese 96 Jahre alt war. 

[2] Verbürgen kann ich mich hier für die Korrektheit nicht, gefunden habe ich lediglich: Paul Rink, geb. 1901 in Wien, gestorben 1978 auf Madeira (Portugal), sowie: Arnold Rink („Noldi“), geb. 12. Januar 1922 in Wien, gestorben 23. Juni 2015 in Mailand. 

[4] Aus dem Amerikanischen von Hilde Weller, Frankfurt

[5] Veröffentlicht in dem von mir herausgegebenen psychosozial-Heft mit dem Schwerpunktthema ›Psychoanalyse und Familie‹, 22. Jg., Nr. 76, 1999, Heft II, S. 17-31

[6] Veröffentlicht: Allan Schore (1994): Affect Regulations and the Origin of the Self. The Neurobiology of Emotional Development. Hillsdale, NJ: Lawrence Erlebaum. Leider ist von diesem wichtigen Werk immer noch keine Übersetzung vorhanden!

[7] Die neurobiologischen Analoga bei der Entwicklung des Selbst. Allan Schore behielt ich seitdem im Auge, ebenso wie die Forschungen anderer Kollegen auf der Seite der Neurobiologie. Siehe u. a. Reinke, »›Augensprache‹ - Über die Entwicklung von Affekt- und Selbstkontrolle aus neuropsychoanalytischer Sicht. In: PSYCHOSOZIAL 24. Jg., Nr. 86, 2001, Heft IV S. 81-98

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