Aktuelles

»Der Mutter-Embryo-Dialog« – Ute Auhagen-Stephanos im Gespräch

Psychosozial-Autorin Ute Auhagen-Stephanos entwickelte einen sprachlichen Therapieansatz, der schon vor und in der Schwangerschaft die Bindung zwischen Mutter und Kind stärkt. Der »Mutter-Embryo-Dialog« schafft somit günstige Voraussetzungen für eine gesunde prä- und postnatale Entwicklung. Im Interview mit Frank Fornaçon für HEBAMMENinfo spricht die Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie sowie für Psychosomatische Medizin, Psychotherapie/Psychoanalyse über die Ursachen ungewollter Kinderlosigkeit, das Trauma der technischen Zeugung und die psychotherapeutische Begleitung von Frauen mit Kinderwunsch.

Lesen Sie hier das vollständige Interview, unter dem Titel »Im Gespräch mit dem künftigen Kind – Mutter und Kind die Angst nehmen« erschienen in HEBAMMENinfo, 22. Jahrgang, Ausgabe 02/2017:



Dr. Ute Auhagen-Stephanos aus Neu-Ulm wurde durch ihre Anleitung zum Gespräch mit dem künftigen Kind bekannt. Das HEBAMMENinfo fragte nach den Hintergründen und Besonderheiten.

HEBAMMENinfo: Adenauer meinte, »Kinder kriegen die Leute immer«. Das ist jedoch längst nicht mehr so. Zahlreiche Frauen warten vergeblich auf ein Kind. Was sind die Ursachen?

Auhagen-Stephanos: Zu seiner Zeit hatte er absolut Recht, da 70% der Kinder damals ungewollt oder zu diesem Zeitpunkt nicht gewollt waren. Unsere Welt ist heutzutage im Ganzen gesehen nicht sehr kinderfreundlich. Hierzu gehören die erheblichen Umweltverschmutzungen, die Beeinträchtigung der Trinkwasserqualität sowie mehrere biopsychosoziale Faktoren. Zuerst zu den körperlichen Faktoren: Die Männer: Die Spermienzahl der Männer ist seit 1960 um die Hälfte gesunken. Bei ihnen ist der Stress ein Störfaktor, der die Zahl der Spermien deutlich vermindert. Zudem sind inzwischen viele moderne Gefahrenquellen bekannt, die die Spermienqualität und damit die Fruchtbarkeit herabsetzen. Wie epigenetische Muster bei Männern belegen, bewirkt Übergewicht Störungen des Erbgutes. Für die Spermien schädlich sind ferner: Fahrradsattel, Sauna, Alkohol, Zigaretten, schlechter Schlaf und die WLAN-Strahlung der Handys in der Hosentasche.

Außerdem gibt es für fortpflanzungsbereite Paare bei unserem modernen Lebensstil weniger Fertilitätsfenster, da beide Partner oft an unterschiedlichen Orten und in unterschiedliche Arbeitskontexte eingebunden sind. Gemeinsame Entscheidungsprozesse, ob und wann der Nachwuchs geplant werden soll, verbrauchen wegen der ständigen Ambivalenz und der aktiven Entscheidung, zunächst die oft langjährig eingenommenen Verhütungsmittel abzusetzen, viel psychische Energie. Aufgrund der längeren Ausbildungszeiten, der ständigen Weiterbildung, der teils ungesicherten Arbeitsplätze und der Lust, in ungebundener Freiheit noch viel zu erleben, schiebt sich das Alter für das Kinderkriegen von Mann und Frau nach oben.

Bei den Frauen wird durch die Verschiebung der Altersgrenze nach oben die optimale Fruchtbarkeitszeit von 18 bis 32 meistens verpasst. Das Durchschnittsalter bei der Reproduktionsmedizin ist inzwischen auf 33 Jahre gestiegen. Das endokrine System wird viele Jahre hindurch gegen eine Schwangerschaft geschützt. Es soll sich dann ganz rasch umstellen. Der Bauchraum von Frauen wird ebenfalls belastet durch Tubeninfektionen nach wechselnden Geschlechtspartnern und durch operative Eingriffe wie zum Beispiel Abtreibungen oder Aborte. Da das Kinderkriegen nicht mehr zu den unbedingten, weiblichen gesellschaftlichen Aufgaben der Frau gehört, werden die Mädchen nicht mehr von Anfang an auf die Mutterrolle vorbereitet. Später ist durch Kinder oft die soziale Sicherheit der Frauen gefährdet. Der entscheidende affektive Zustand bei der Planung des Nachwuchses ist der Stress im weitesten Sinne. Inzwischen konnte wissenschaftlich festgestellt werden, dass gestresste Frauen 22% weniger fruchtbar sind als nicht gestresste. Eigene Traumatisierungen sowie die ihrer Vorfahren – wie Erlebnisse von Krieg, Flucht, Heimatverlust, Hunger oder Gewalt – spielen dabei eine wichtige Rolle. Wurden die zukünftigen Mütter ungewollt geboren und/oder haben deswegen eine schwierige vorgeburtliche Zeit erlebt, kann ihre Fruchtbarkeit auch durch erhebliche Ängste und depressive Zustände beeinträchtigt sein.

HEBAMMENinfo: Aber es gibt ja technische Möglichkeiten, dem Kinderwunsch nachzuhelfen. Was hat sich verändert?

Auhagen-Stephanos: Hier gibt es etliche Möglichkeiten. Die erste ist die hormonelle Unterstützung oder Stimulation. Mit ihr können gegebenenfalls die Chancen auf eine Schwangerschaft erhöht werden. Als nächstes ist die Insemination zu nennen, die im homologen System, aber bei mangelnder Spermienqualität auch mithilfe eines Samenspenders erfolgen kann. Danach ist die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes, die extrakorporale Befruchtung, zu nennen. Hier sind zwei technische Verfahren üblich, die IVF (In-Vitro-Fertilisation) und die ICSI (IntraCelluläre Spermien Injektion). Ein noch eingreifenderes Schwangerschaftsereignis ist die Eizellspende. Neuerdings ist auch eine Embryonenspende möglich.

HEBAMMENinfo: Wie wirkt sich die Machbarkeit des Kinderkriegens auf die psychische Situation der Frauen aus und wie beeinflusst das ihre körperliche Befindlichkeit?

Auhagen-Stephanos: Unsere Kinder nicht mehr spontan, in einem Liebesakt zu zeugen, wie alle Generationen vor uns, hat eine große Auswirkung auf unseren Körper und unsere Psyche. Diese uns und unserer Biologie fremde Zeugungsart kann bei etlichen Frauen psychosomatische Beschwerden hervorrufen, die ihrerseits eine Zeugung erschweren können. Hier sind unter anderem ethische Gründe zu nennen. Einige Frauen zweifeln, ob ihre Kinderlosigkeit gottgewollt ist, und ob man Gott »einfach ins Handwerk« pfuschen darf. Oder das Schicksal habe eben Kinder für sie nicht vorgesehen. Die junge Generation scheint sich eher mit der technischen Befruchtung anzufreunden. Sie sind häufiger dazu geneigt, der Technik Zutritt zu ihrem Körper zu gewähren, sogar im Intimbereich. Möglicherweise kennen sie nicht die historischen und von unseren Großeltern und Eltern noch erlebten Dramen ums Kinderkriegen oder dessen Versagen. Eine große Rolle spielt die tiefe narzisstische, schambesetzte Kränkung, einen defekten Körper zu haben und die Nachkommenschaft nur auf diese unnatürliche Weise empfangen zu können.

Mit jeder fehlgeschlagenen »künstlichen« Befruchtung steigt die seelische Verletzbarkeit, häufig mit depressiven Selbstwertzweifeln, »nicht das zu können, was jede Kuh kann!« Mit der Anzahl der negativen IVF-Versuche steigt die Angst und sinkt das Selbstwertgefühl. Denn das Kinderkriegen ist eines unserer genetischen Grundprogramme und für viele Sinn des Lebens ›und‹ einer Partnerschaft. Außerdem wird oft Frausein noch mit Muttersein gleichgesetzt.

Sollte der Partner Ursache der Fruchtbarkeitsstörung sein, was in fast 50% der Fall ist, kann dies in der Beziehung zu erheblichen psychischen Spannungen führen. Auch schaffen viele Frauen nicht den rechtzeitigen Absprung von den Behandlungen im Kinderwunschzentrum. Bei jedem Zyklus könnte man ja mehr Glück haben – wie bei der Lotterie. Außerdem kann man dadurch das Ende der Fruchtbarkeitszeit noch ein wenig heraus schieben. Der endgültige Abschied vom Kinderwunsch benötigt oft eine längere Trauerphase, die auch therapeutisch begleitet werden kann. Studien zeigen aber, dass die Partnerschaften ungewollt kinderloser Paare im Alter nicht schlechter sind als die Partnerschaften derer, die Kinder haben. Jedoch ist das Fehlen von Großelternschaft manchmal ebenfalls eine bittere Pille.

HEBAMMENinfo: Als eine Ursache ungewollter Kinderlosigkeit gelten seit langem psychische Probleme. Es leuchtet ein, dass Psychotherapie hier helfen kann. Aber inwieweit kann Psychotherapie im Falle einer künstlichen Befruchtung eine Schwangerschaft begünstigen?

Auhagen-Stephanos: Laut der Statistik beträgt die ausschließliche psychische Ursache des unerfüllten Kinderwunsches lediglich 5%.

Damit sind explizit psychische Krankheiten oder eine erhebliche Psychopathologie gemeint. Die psychosomatische Grauzone ist sehr groß. Viele Fruchtbarkeitsstörungen beim Mann und bei der Frau sind nicht eindeutig zuzuordnen. Hier spielen Ängste und Stress die größte Rolle, gefolgt von depressiven Verstimmungen und Zwängen. Unter Stress versteht man einerseits innerseelische Spannungszustände nach posttraumatischen Zuständen, wie z.B. kindlichem Missbrauch, frühen oder aktuellen familiären Konflikten, schwere durchlebte Krankheiten, Abtreibungen sowie Tod- oder Frühgeburten. Andererseits sind hier auch äußere Stressfaktoren, wie Beruf, Partnerschaften, schwierige Lebensumstände oder akute Notzustände zu nennen. Wie oben beschrieben, ist die technische Befruchtung als solche schon eine häufige Auslösesituation für Erregungs- und Spannungszustände. (Das volkstümliche Wort »künstliche Befruchtung« ist irreführend, denn eine Befruchtung im Sinne einer Zellvereinigung kann niemals künstlich erzeugt werden.)

Immer häufiger kommen Frauen, die sich einer technischen Reproduktion unterziehen, ohne ärztlichen Rat von selbst in psychotherapeutische Behandlung, weil sie sich nicht in der Lage fühlen, ohne seelische Unterstützung diese Prozeduren durchzustehen. Nach mehreren fehlgeschlagenen Schwangerschaftsversuchen sind inzwischen auch die Frauenärzte bereit, eine psychotherapeutische Begleitung zu empfehlen. Die Psychotherapie bietet den schwanger werden wollenden Frauen ein breites Feld seelischer Unterstützung. Zuerst ist eine verständnisvolle, vertrauensvolle und geduldige Beziehung vonnöten, die ein Gegengewicht gegen die fantasierte Allmacht der Kinderwunschzentren bietet. Schuld- und Schamgefühle können verstanden und aufgelöst, Ängste vor nochmaligem Scheitern bearbeitet und die seelische Kraft, die anstrengende und unnatürliche Zeugungsart durchzustehen, gestärkt werden. Dadurch kann die betreffende Frau wieder zur Expertin ihres eigenen Körpers werden und muss nicht mehr dem Reproduktionsarzt die Herrschaft über ihn überlassen.

Mithilfe des von mir erarbeiteten Mutter-Embryo-Dialogs gelingt es der werden wollenden Mutter, von Anfang an – möglichst schon vor der Zeugung – eine Beziehung zu ihrem zukünftigen Kind herzustellen und aufrechtzuerhalten. Ein intensives Begehren, dieses Kind in ihrem Leib aufzunehmen und auszutragen, reduziert die negativen Gefühle wie Ängste und Stress und stärkt die Fähigkeit der Gebärmutterschleimhaut, einem Embryo die Möglichkeit zu geben, sich einzunisten. Dies ist besonders wichtig während einer IVF, da der draußen entstandene Embryo – körperlich entfernt von der Mutter im Brutschrank des Labors – auf eine »gastfreundlich vorbereitete« Mutter stoßen sollte. Eine Betroffene, die an ihrer eigenen Fähigkeit, ein Kind zur Welt zu bringen, zweifelt, kann diese Art von therapeutischer »mütterlicher« Unterstützung als eine beruhigende, kompetenzsteigernde Hilfe benutzen.

HEBAMMENinfo: Bei einem Vortrag im Jahr 2015 warnten Sie davor, dass eine künstliche Befruchtung negative Auswirkungen auf die Psyche des Kindes haben könne. Warum?

Auhagen-Stephanos: Bei einer Befruchtung außerhalb des Mutterleibes wird der sanfte kontinuierliche biologische Prozess von Sexualität, Zeugung und Einnistung zerrissen und in verschiedene Teilabschnitte aufgesplittert. Die Sexualität wird ausgeschaltet, das Kind kann nicht in Liebe gezeugt werden, die Mutter kann nicht die Erinnerung an einen Liebesakt mit diesem Kind verbinden. Bereits vor der Konzeption erhält die Mutter chemische Substanzen, viele Hormone, die ihr Immunsystem beeinflussen. Die Zeugung wird dem Mutterleib entrissen und findet im Labor statt. Bei der manipulierten Befruchtung der ICSI wird das Spermium durch eine Laserpipette in die Eizelle hineingespritzt. Die ersten Tage verbringt der Embryo fern von der Mutter im Brutschrank, der sozusagen als erste Leihmutter fungiert. Der Embryo wird dann mit einer weiteren Manipulation in die Gebärmutter transferiert.

Kindertherapeuten können bei technisch gezeugten Kindern körperliche Traumaspuren diagnostizieren und behandeln. Eine psychologische Studie von Margarete Berger zeigt, dass sich sowohl IVF-Mütter als auch IVF-Kinder von einer Vergleichsgruppe spontaner Schwangerschaften unterscheiden. Die IVF-Kinder zeigen vermehrte psychopathologische Symptome, wie Schlafstörungen, Essstörungen, Hyperaktivität, Unselbstständigkeit, generelle Ängstlichkeit und Trennungsangst. Ihre psychische Verfassung scheint instabil zu sein. Die IVF-EItern sind weniger feinfühlig und reagieren überwiegend sachlich mit hochsignifikant weniger emotionaler Spiegelung. Es besteht ein wechselseitiges Einfühlungsdefizit, das sich wohl in der gemeinsamen Beziehungskonstellation zeigt.

HEBAMMENinfo: Sie weisen darauf hin, dass bei der Geburt technisch gezeugter Babys häufiger Probleme entstünden als bei solchen, die spontan gezeugt wurden. Woran liegt das?

Auhagen-Stephanos: Wie schon erwähnt, gilt die technische Zeugung im Konsens der Pränataltherapeuten als ein Trauma des ersten Schwangerschaftsdrittels. Der Kindertherapeut Rien Verdult erkennt sie an spezifischen Haltungen, Bewegungsabläufen oder Verhaltensweisen des Neugeborenen. Technisch gezeugte Babys erleiden vermehrt Fehlgeburten, Frühgeburten und Kaiserschnitte. Nach der Geburt treten häufiger Stillprobleme auf, einerseits bedingt durch die verängstigten und überbesorgten IVF-Mütter, andererseits als Folge einer gestörten Verbindung des Kindes zu seinem Körper.

HEBAMMENinfo: Wem hilft Psychotherapie in der Schwangerschaft? Der Mutter, dem Kind oder beiden?

Auhagen-Stephanos: Meine Art der Psychotherapie unter Einbeziehung des Mutter-Embryo-Dialogs ermöglicht manchmal erst das Leben des zukünftigen Kindes. Solche Mütter können sich durch die Arbeit mit mir auf ihr Kind vorbereiten und ihre Gene bezüglich einer Schwangerschaft entsprechend epigenetisch positiv modellieren. Das bedeutet, dass sie durch eine liebevolle Aufnahme ihres Kindes von Anfang an die Stresshormone und die Killerzellen verringern, damit ein günstiges Körperklima in der Gebärmutter schaffen und dadurch die Chancen einer Einnistung erhöhen. Auch während der gesamten Schwangerschaft sollte die werdende Mutter in liebevoller seelischer Verbindung mit ihrem Kind sein und so den Grundstein für seine gesunde körperliche und seelische Entwicklung schaffen. Der erlernte Abbau der vielfältigen Ängste nutzt nicht nur der Mutter, sondern auch dem wachsenden Kind. Man kann beide während der pränatalen Zeit nicht voneinander trennen, da sie eine biologische Einheit bilden.

HEBAMMENinfo: Was ist das Besondere Ihrer Begleitung von Frauen mit Kinderwunsch?

Auhagen-Stephanos: Das Besondere meiner Begleitung von Frauen mit Kinderwunsch ist Folgendes: Mein Hauptaugenmerk liegt auf der Bindung. Ein Kind kann von Anfang an nicht ohne seine Mutter gedacht werden. Die Traumatherapeutin und Psychoanalytikerin Renate Hochauf sagt: »Jeder Embryo ist Bindung. Sie ist ganzheitlich wahrnehmbar von Anfang an. Es gibt keine Nicht-Bindung!« Gleichzeitig hat der Embryo ab der Zeugung ein implizites Gedächtnis von Körpersensationen, die man in einer Therapie abrufen kann. Günstigenfalls kann die werden wollende Mutter schon vor der Zeugung eine Bindung zu ihrem Embryo imaginieren. Wie der amerikanische Zellbiologe Bruce Lipton darlegt, sind die Eltern bereits einige Wochen vor der Zeugung als Gentechniker ihrer Kinder unterwegs, auch wenn sie auf die Mithilfe des Reproduktionsarztes angewiesen sein sollten. Bei entsprechender psychotherapeutischer Anleitung kann es ihnen gelingen, mit ihrer Empathie und Kreativität ihre Schwangerschaft selbstbewusst und erfüllend zu gestalten.

HEBAMMENinfo: Worauf kommt es an, wenn die Mutter mit dem Baby kommuniziert?

Auhagen-Stephanos: Babys im Mutterleib brauchen Kontakt, Bestätigung ihres Daseins und Anregung. Die wichtigste seelische Aufgabe der Mutter ist es, mit ihrem ungeborenen Kind in einer konstanten liebevollen Beziehung zu sein. Nicht vermeidbare schlimme Zwischenfälle oder Auseinandersetzungen sollten mit dem Kind erklärend kommuniziert werden, um dieses nicht in emotionale Erregungen und Ängste zu versetzen, die es dann schuldhaft verarbeiten würde. Eine wichtige Mitteilung der Mutter an ihr ungeborenes Kind ist die Feststellung, dass Mutter und Kind zwei unterschiedliche Individuen sind. Trotz ihrer biologischen Einheit und dem körperlichen und seelischen Einfluss der Mutter auf das Ungeborene darf es zu keiner Verwirrung oder Fusion zwischen beiden kommen.

HEBAMMENinfo: Wie reagieren Frauen auf das Angebot einer speziellen Therapie?

Auhagen-Stephanos: Nicht alle Frauen, denen ein solches Angebot gemacht wird, erscheinen in meiner Praxis. Sie haben möglicherweise Angst vor Kränkung, Scham, Hilflosigkeit, vor schlechten Gefühlen oder dem Zusammenbrechen eines mühsamen Gleichgewichts. Von meinen Patientinnen kommen manche aus Neugier, manche aus tiefen Nöten heraus. Natürlich gibt es Frauen, die diese Offenlegung ihrer Motive oder ihrer eingeschränkten emotionalen Fähigkeiten nicht möchten und die dann fernbleiben. Viele sind dankbar für den emotionalen Zugewinn an Kontaktfähigkeit, Freude, Erfahrung, Bindung und Entängstigung. Sie fühlen sich bereichert um eine wichtige Erfahrung in ihrem Leben. Dies gilt ebenfalls für Frauen, denen es nicht gelingt, ein Kind auf die Welt zu bringen, die aber nun mit ihrer Trauer anders umzugehen verstehen.

HEBAMMENinfo: Sie unterstützen Frauen auch darin, das Risiko von Fehlgeburten zu vermeiden? Wie geht das?

Auhagen-Stephanos: Natürlich gibt es somatische Ursachen für eine Fehlgeburt, wie zum Beispiel genetische Defekte des Embryos, mangelnde Versorgung des Föten im Uterus, genetische Auffälligkeiten der Eltern oder eine Muttermundsschwäche. Bei vielen Fehlgeburten findet man jedoch keine biologische Ursache. Nach meiner Erfahrung liegen hier oft unbewusste seelische Konflikte der werdenden Mutter vor. Eine Studie konnte zeigen, dass Psychotherapie die Häufigkeit von Fehlgeburten deutlich verringert. In dieser erhielten Frauen mit vorangegangenen Fehlgeburten zehnmonatliche psychotherapeutische Gespräche, die entsprechende Vergleichsgruppe erhielt keine. Während die Frauen der Psychotherapiegruppe keine weitere Fehlgeburt erlitten, stieß dies der Hälfte der Frauen der Vergleichsgruppe zu. Die Kurztherapie erlebten die Frauen als wichtige Anerkennung ihrer emotionalen Belastung, als Minderung ihrer ambivalenten Gefühle aufgrund innerer negativer Mutterfiguren und als Abbau teils unbewusster, teils bewusster Ängste.

Als gesichert gilt, dass bereits starke Angstzustände, unter anderem durch Uteruskontraktionen und Ausschüttung von Stresshormonen, eine Fehlgeburt verursachen können. Eine große Rolle spielt dabei das Immunsystem. Emotionale Zustände können – wie vielfach bewiesen – den pränatalen Raum beeinflussen. Die im Thymus gebildeten spezifischen T-Lymphozyten, die sogenannten Killerzellen, wirken während der gesamten Schwangerschaft auf den Embryo und den Föten ein, der zur Hälfte aus fremdem Gewebe besteht. Alle positiven Empfindungen sind eine wirksame Waffe gegen diese Zellen. Die Mutter muss durch ihre innere bejahende, liebende Haltung die Ammen- oder Helferzellen aktivieren, die den Killerzellen entgegentreten. Freude anstelle von Ängsten verändert die Physiologie des gesamten Organismus. In der Schwangerschaft können vielfältige Ängste auftreten: Ängste, das Kind zu verlieren, etwas Fremdes im eigenen Körper zu haben, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren, Ängste vor Abhängigkeit und der Zukunft, vor der Unfähigkeit, eine gute Mutter zu sein, vor der Geburt und vor Schwangerschaftskomplikationen. Hier spielen besonders die Erfahrungen bei der eigenen Geburt eine große Rolle. Haben Frauen eine schwere eigene Geburt oder eine perinatale Nahtoderfahrung erlebt, fürchten sie unbewusst, dass die Geburt ihres Kindes, mit dem sie identifiziert sind, ebenfalls eine Todesbedrohung für dieses oder für sie selbst bedeutet.

HEBAMMENinfo: Hebammen haben ein besonderes Vertrauensverhältnis zu den Frauen, die bereits schwanger sind. Welche ihrer Erkenntnisse sind für Hebammen besonders bedeutend?

Auhagen-Stephanos: Die Hebammen, die ich bisher kennengelernt habe, sind sehr einfühlsam, unterstützend und bieten den Schwangeren eine große emotionale Sicherheit. Mein Hauptanliegen an die Hebammen: Sie sollten den Schwangeren immer wieder die Wichtigkeit der Bindung zwischen ihnen und dem vorgeburtlichen Kind bewusst machen und ihnen Möglichkeiten aufzeigen, wie man diese Bindung stärken und lustvoll ausbauen kann. Vielleicht können sie die Schwangeren dazu motivieren, mit ihren Babys im Bauch laut zu sprechen und zu spielen. Ganz wichtig ist auch die Einbeziehung des Vaters in die Welt von Mutter und Kind von Anfang an, sodass schon vorgeburtlich eine fördernde Dreierbeziehung hergestellt werden kann.

Eine tragfähige Beziehung zwischen Mutter und Kind ist gleichermaßen wichtig für Frauen, die erstmals oder wieder schwanger werden möchten. Hierfür ist meine Doppel-CD »Mutter-Embryo-Dialog«, die im Handel erhältlich ist, eine gute Hilfe. Diese Anleitung zur Kommunikation mit dem vorgeburtlichen Kind ist in der gesamten Schwangerschaft unterstützend begleitend. Frauen, die keine psychotherapeutische Hilfe benötigen, sind bereits nach dem Hören meiner CD und dem Einüben des Inhalts spontan schwanger geworden, wovon einige Dankesbriefe an mich zeugen.

Die Hebammen sollten jedoch die Macht von Ängsten während der Schwangerschaft nicht unterschätzen, die Belastung bei diesen hilfesuchenden Frauen spüren und sie in diesem Fall auf die Notwendigkeit psychotherapeutischer Unterstützung hinweisen.

Das Buch im Psychosozial-Verlag:

Der Mutter-Embryo-DialogUte Auhagen-Stephanos
Der Mutter-Embryo-Dialog
Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit im Spiegel der Psychotherapie
EUR 19,90

Ein Dialog zwischen werdender Mutter und zukünftigem Kind kann die Chancen des Entstehens und der Aufrechterhaltung einer Schwangerschaft erhöhen. Der von Ute Auhagen-Stephanos entwickelte sprachliche Therapieansatz des Mutter-Embryo-Dialogs stärkt schon vor und in der Schwangerschaft die Bindung zwischen Mutter und Kind und schafft somit Voraussetzungen für eine gesunde prä- und postnatale Entwicklung. [ mehr ]

Sofort lieferbar.
Lieferzeit (D): 2-3 Werktage

Zurück