Rezension zu Fed with Tears - Poisoned with Milk

Tribüne (Heft 192, 4.2009)

Rezension von Dr. Roland Kaufhold


Schwierige Begegnungen

Eine Begegnung zwischen Deutschen und Israelis, in der man sich um eine »Aufarbeitung« unseres traumatischen Erbes bemüht, bleibt schwierig. Knapp 100 deutsche und israelische Psychoanalytiker haben, nach langjähriger Vorarbeit, in den Jahren 1994 – 2000 drei jeweils einwöchige Gruppentreffen organisiert, mittels derer die traumatischen Folgewirkungen der Shoah »aufgearbeitet« werden sollten. Erst hierdurch werde eine wirkliche Begegnung zwischen Israelis und Deutschen möglich. 24 Teilnehmer haben sehr persönliche Erinnerungen und Interpretationen verfasst. Diese sind von den Herausgebern in einem lesbaren Buch zusammengefasst und mittels Interpretationen miteinander verbunden worden. Der Buchtitel »Gestillt mit Tränen – Vergiftet mit Milch« gibt die Schwere dieser aufrührenden Erfahrungen wieder.


Zu den Herausgebern: H. Shmuel Erlich wurde 1937 in Frankfurt am Main geboren und emigrierte 1939 mit seinen Eltern nach Palästina. Dort war er Inhaber des Sigmund-Freud-Lehrstuhls der hebräischen Universität Jerusalem; seine Ehefrau Mira Erlich-Ginor wurde 1944 in Israel geboren; Hermann Beland wurde 1933 in Wittenberge geboren und hat über den Antisemitismus publiziert.

Vorangestellt wird dem Buch ein kenntnisreicher Beitrag des südafrikanischen Erzbischofs Desmond M. Tutu, in dem er diese Verstehensbemühungen mit den wegweisenden südafrikanischen Erfahrungen mit »Wahrheitskommissionen« in Beziehung setzt. Diese Begegnungen seien ein exemplarischer Versuch der Konfliktlösung, der Bewusstmachung allzu verständlicher zerstörerischer Impulse: »Jede uns bekannte Methode, diese bösen Geister ein für alle Mal zur Ruhe zu bringen, verdient es, weithin bekannt gemacht zu werden.« (S. 14)

In einführenden Beiträgen zeichnet Shmuel Erlich die Geschichte der Psychoanalyse in Israel – diese wurde Mitte der 1930er Jahren von deutsch-jüdischen Emigranten gegründet (s. TRIBÜNE 177, S. 158-170; 185, S. 178-188) – nach, Beland beschreibt den Weg der deutschen Psychoanalytiker zur ersten »Nazarethkonferenz«. Die deutschen Psychoanalytiker hatten viele Jahrzehnte lang den Nationalsozialismus, die Vertreibung, Ermordung ihrer jüdischen Kollegen verleugnet. 1987 hatten israelische Psychoanalytiker unter der Schirmherrschaft des Jerusalemer Freud Center erstmals deutsche Kollegen offiziell eingeladen, an einer Konferenz zur »Bedeutung des Holocaust für nicht direkt Betroffene« teilzunehmen. Diese Gespräche mit Deutschen waren für die meisten israelischen Nachfahren der ersten und zweiten Generation »eine neue und bestürzende Erfahrung.« (S. 34) Wie labil die wechselseitige Beziehung, das Bemühen um Verständnis trotz mehrfacher Treffen blieb wird in den Selbstaussagen deutlich. Einige deutsche Analytiker fürchteten sich vor dem – all zu berechtigten – Hass ihrer Kollegen in Israel; andererseits waren sie auf diese Begegnungen angewiesen, um mit der Durcharbeitung dieser traumatischen Themen, die in Behandlungen häufig bedeutsam waren, überhaupt zu beginnen. Für die israelischen Kollegen waren diese Treffen noch erschütternder. Das Gefühl, die eigenen, z.T. ermordeten Eltern und Großeltern zu verraten, stellte sich immer wieder ein.

Das Buch wurde sorgfältig bearbeitet, ist flüssig lesbar, setzt jedoch ein Grundverständnis für psychoanalytische Interpretationen voraus.

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