Rezension zu Perspektiven der Behinderungsverarbeitung und Identitätsentwicklung im Lichte einer tiefenpsychologischen und ressourcenorientierten Sichtweise - dargestellt am Beispiel Sehschädigung

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Rezension von Prof. Dr. Heinrich Zwicky


Entstehungshintergrund und Thema
Das Buch wurde als Dissertation am Institut für Rehabilitationswissenschaften der Humbold-Universität zu Berlin angenommen und untersucht die Bedeutung einer Behinderung für die Identität und die Lebensentwürfe der Betroffenen am Beispiel von Sehbehinderungen. Dabei wird explizit der Versuch unternommen, eine Integration von traditionell individueller und neuerer soziologischer Perspektive zu erreichen. Auf diesem Hintergrund werden verschiedene Bewältigungsformen stigmatisierender Erfahrungen und Identitätsperspektiven für Menschen mit Sehbehinderungen aufgezeigt und mit vielen praktischen Erfahrungen und gesellschaftspolitischem Engagement hinterlegt: »So betrachtet bin ich als Mensch mit Behinderung Teil einer Ganzheit, die ohne mich weniger vollständig und damit ärmer wäre.« (S. 305).


Autorin
Eva-Maria Glofke-Schulz ist Diplompsychologin, Transaktionsanalytikerin und Verhaltenstherapeutin. Nach langjähriger Kliniktätigkeit ist sie seit 1994 als Psychotherapeutin und Supervisorin in eigener Praxis in Rosenheim niedergelassen. Einer ihrer Praxisschwerpunkte als selbst seit vielen Jahren erblindete Frau ist die Arbeit mit behinderten Menschen sowie die engagierte publizistische Tätigkeit im Behindertenwesen. In früheren Publikationen hat sie sich auch schon mit der Situation von sehbehinderten Menschen auseinandergesetzt.


Aufbau und Inhalt
Das Buch gliedert sich in 13 unterschiedlich lange Kapitel.
In einem ersten Kapitel wird in das Thema eingeführt und es werden grundlegende Begriffsbestimmungen vorgenommen. Behinderung wird dabei als umstrittener Begriff bezeichnet, die Herleitung der eigenen Position in diesem Diskurs (Festhalten am kritisierten Begriff Behinderung) wird meiner Meinung nach wenig stringent begründet, es fehlt auch der explizite Bezug zur ICF-Konzeption der WHO. Die Autorin weist in diesem Einleitungskapitel sodann darauf hin, dass sich die nachfolgende Analyse schwerpunktmäßig auf Menschen bezieht, die erst im Verlaufe ihres Lebens erblinden.

Das umfangreiche zweite Kapitel (Der soziale und historische Kontext: Sehschädigung als Stigma) geht von der These aus, dass der Stigma-Ansatz nach Erving Goffman auch bei Sinnesbehinderungen (leider) nichts an Aktualität verloren hat (S. 30). Es folgen interessante Detailanalysen von historischen Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Blinden sowie des entsprechenden aktuellen Forschungsstandes (S. 32 ff.). Hier zeigt sich erstmals der Gewinn einer konsequenten Fokussierung auf eine spezifische Form der Behinderung. Bei der nachfolgenden Detailanalyse von Stigmatisierungsprozessen und ihren Folgen (54 ff.) wird auf der anderen Seite zu wenig konsequent zwischen Stigmatisierung gegenüber Menschen mit Behinderungen generell und Menschen mit Sehbehinderungen im Speziellen unterschieden. Eingebaut in dieses Kapitel sind Exkurse zur Situation vom Menschen mit Behinderung im Nationalsozialismus und zur »Psychodynamik des Mitleid«.

Ein drittes Kapitel (Stigma und Identität: Der behinderte Mensch zwischen Konformität und Freiheit) beschäftigt sich mit den Handlungs- und Identitätsmöglichkeiten behinderter Menschen jenseits eine Anpassung an stigmatisierende Rollenerwartungen, welche durch die Autorin mit dem Sinnbild der Freiheit verknüpft werden. Dabei wird wiederum auf soziologische Grundkonzepte wie beispielsweise den Anomiebegriff nach Robert K. Merton Bezug genommen (S. 81, 82), wobei dieses Konzept unvollständig rezipiert wird, weil die Anpassungsform der Innovation, die am ehesten der Vision eines Handlungsspielraums trotz Stigmatisierungen entsprechen würde, gar nicht erwähnt wird, sondern lediglich die Anpassungsformen des »Ritualismus« und des »Rückzug«. Man kann der Autorin leicht in ihrer Grundthese folgen, dass »die Konformitätsthese in ihrem Absolutheitsanspruch in Frage zu stellen ist« (S. 83), weniger in der dahinterliegenden Annahme, dass die (soziologische) Bezugsliteratur von einem solchen Absolutheitsanspruch ausgeht. Ebenso sind die Grundsatzbetrachtungen zu den Einseitigkeiten des Integrationsbegriffs (S.89) und – im Rahmen eines weiteren Exkurses – zum Thema »Menschenwürde« (S. 91ff.) nachvollziehbar und mit der modernen Behinderungsforschung kompatibel, es fehlen hier aber Bezüge zum aktuellen Diskussionsstand, beispielsweise zum Vorschlag, den Integrations- durch den Inklusionsbegriff abzulösen.

Im vierten Kapitel (Das stigmatisierte Individuum als Subjekt) wird auf die veränderten Paradigmata in der Behindertenforschung (S. 96, 97) und in der Psychologie, insbesondere in der Entwicklungspsychologie (S. 105 – 107) und der Tiefenpsychologie (S. 108 – 13) eingegangen. Dabei wird argumentiert, dass die »intersubjektive« oder »relationale Wende« in der Psychologie die Möglichkeit eröffnet, den individuellen Handlungsspielraum von Menschen mit Behinderungen zu analysieren, ohne soziale Einflussfaktoren zu vernachlässigen.

Kapitel 5 ( Noch einmal zum Thema Menschenbild: Selbstverwirklichungstendenz und Individuation) greift die Grundidee des vorangegangenen Kapitels im Lichte psychologischer Klassiker wie C.G. Jung oder Carl Rogers nochmals auf und illustriert das Konzept der Individuation auch an einem Beispiel der Verarbeitung von »Blindheit«.

Kapitel 6 (Einflüsse auf den Umgang mit einer Sehbehinderung) gibt einen Überblick über Faktoren, die die Verarbeitung einer Behinderung beeinflussen. Dabei wird auf das Alter, das Geschlecht, die Schichtzugehörigkeit, den Beruf sowie die Art und das Ausmaß der Sehschädigung, die Erblindungsursache, den sonstigen Gesundheitszustand, die Persönlichkeit und den Zeitpunkt des Rehabilitationsbeginns eingegangen.

Kapitel 7 (Die Auseinandersetzung mit einer Sehschädigung als Prozess der Krisenverarbeitung) behandelt die Verarbeitung einer im Lauf des Lebens eintretenden Erblindung bzw. Sehbehinderung. Ausgehend von den psychologischen Grundbegriffen Trauma und Krise wird aufgezeigt, dass eine Erblindung vielfältige Verluste beinhaltet, von der Beeinträchtigung von Kommunikationsmöglichkeiten bis zur Infragestellung der Persönlichkeit (S. 155 sowie S. 156, 57). Anschließend wird ein »Phasenmodell der Krisenverarbeitung« nach E. Schuchardt mit acht Verarbeitungsphasen (Ungewissheit, Gewissheit, Aggression, Verhandlung, Depression, Annahme, Aktivität, Solidarität) beschrieben. Zu diesem Modell formuliert die Autorin dann Verbesserungsvorschläge, nämlich auf der einen Seite in der Depressionsphase präziser zwischen (lebendiger) Trauer und (gelähmter) Depression zu unterscheiden (S.176 – 81), auf der anderen Seite den Akzeptanzbegriff noch stärker von der Vorstellung einer einseitigen Anpassung zu lösen (S. 182 – 85).

In Kapitel 8 (Was hilft: Schutzfaktoren und Ressourcen) geht es darum, aufzuzeigen, wie innere Kraftquellen (Ressourcen für den Krisenverarbeitungsprozess genutzt werden können. Nach einem Plädoyer für eine salutogenetische Betrachtungsweise (S.193) bzw. eine Beschäftigung mit Resilienz und Schutzfaktoren werden konkrete Beispiele für »individuelle Kraftquellen« wie Sport, Musik, freiwilliges Engagement in der Freizeit oder auch eine »liebevolle Beziehung zu einem Tier« beschrieben (S. 200 – 202).

Kapitel 9 (Zur unbewussten Seite von Coping-Prozessen) weist darauf hin, dass das Unbewusste gerade auch für Menschen mit Sehbehinderung einen Freiraum für Entwicklungsperspektiven jenseits normativer Zwänge darstellt (S. 205). Anhand von Beispielen aus der Literatur und der eigenen Praxis der Autorin werden sodann auch die Unterschiede zwischen Geburtsblinden und Späterblindeten herausgearbeitet. Während bei ersteren in Träumen offensichtlich eigentliche Formvorstellungen fehlen (S.213), zeigt sich bei letzteren ein zunehmendes Verblassen von visuellen Traumbildern (S. 212).

In Kapitel 10 (Reorganisation der Wahrnehmung) wird zunächst ausführlich auf die so genannte Kompensationsthese eingegangen, nach der ein Verlust von Sehfähigkeiten zu einer Schärfung bzw. einer effizienteren Nutzung anderer Sinne führt (S. 243). In einem abschließenden Unterkapitel (S. 262 ff.) werden sodann interessante Erkenntnisse von P. Trevor-Roper zum Zusammenhang zwischen Sehbehinderungen und verschiedenen Formen des künstlerischen Ausdrucks referiert.

Im Anschluss daran zeigt ein kurzes Kapitel 11 (Reorganisation von Einstellungen und Werten), wie die bewusste Auseinandersetzung mit einer Sehbehinderung zu einer Reorganisation des Einstellungs- und Wertesystems genutzt werden kann. Auf der Basis eines intensiven Austausches der Autorin mit Betroffenen formuliert dabei 11 Wertorientierungen wie beispielsweise eine »Konzentration auf das Wesentliche« (S. 276) oder »das Leben selbst als Wert begreifen« (S. 278).

Kapitel 12 (Coping – und dann? Fragen zur Identitätsentwicklung) wendet sich abschließend der zentralen Frage und Entwicklungsaufgabe der Neugestaltung der Identität von Menschen mit einer (Seh-) Behinderung zu. Dabei wird unter Bezug auf Arbeiten von Heiner Keupp von einem »dekonstruierten« und der individuellen Gestaltung zugänglichen Identitätsverständnis ausgegangen (S. 286 ff.), in der die Orientierung an »Polaritäten« eine besondere Rolle spielt. Als behinderungsrelevante Polaritäten bezeichnet die Autorin dann (S. 297 ff.): krank – gesund, nicht-behindert – behindert, Defizit – Verschiedenheit, Ohnmacht – Selbstwirksamkeit, Kränkbarkeit – Selbstbewusstsein, Andersartigkeit – Gemeinsamkeit, Abhängigkeit – Autonomie, Anpassung – Individualität, Belastung – Bereicherung der Gesellschaft, Aufregung – Gelassenheit, Rückzug – Engagement, Einengung – Erweiterung der Lebensperspektive sowie Stillstand – Entwicklung.

Kapitel 13 (Zusammenfassung und Ausblick) versucht, die Arbeit nach einer Zusammenfassung mit »Blick auf mögliche Zukunftsperspektiven abzurunden« (S. 307) und formuliert als wesentliches Ziel der Arbeit, Mut zu machen sowie unbequeme und provozierende Fragen zu stellen (S. 324),


Zielgruppen
Das Buch richtet sich an alle Leserinnen und Leser, die bereit sind, sich auf eine theoriegeleitete Auseinandersetzung mit der Situation von Menschen mit Behinderungen einzulassen. Praktikern aus dem Behindertenwesen eröffnet das Buch Bezüge zur sozialwissenschaftlichen Literatur sowie eine Vielzahl von Hinweisen zu den Besonderheiten von Sehbehinderungen, Leserinnen und Leser aus dem sozialwissenschaftlichen Kontext werden auf der Basis bekannter theoretischer Konzepte an das soziale Problem Behinderung und seine individuelle Verarbeitung herangeführt.


Fazit
Das Buch beeindruckt durch die Breite der verarbeitenden Literatur aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und den Einbezug von Beispielen und Praxiserfahrungen. Aus dieser Breite heraus kommt auch die Gefahr, dass die Literatur teilweise zu oberflächlich rezipiert und kaum durch eigenständige Überlegungen weiterentwickelt wird. So bleiben die Folgerungen aus dem Buch zwar nachvollziehbar und plausibel, beinhalten aber kaum neue, eigenständige Erkenntnisse. Zudem gelingt es der Autorin mit zunehmendem Fortschreiten des Buches immer weniger, die angestrebte Integration von soziologischer und psychologischer Perspektive umzusetzen, der soziale Kontext von Bewältigungs- und Identitätsprozessen wird zunehmend ausgeklammert. Damit wird auch immer deutlicher, dass die Praxis der Autorin jene der psychologischen Beratung und der eigenen privilegierten Behinderungserfahrung ist, der soziale und institutionelle Kontext, der Lebensalltag von weniger privilegierten Menschen mit Behinderung, der für die Soziale Arbeit von besonderem Interesse wäre, bleibt weitgehend ausgespart.
Das Buch enthält wie erwähnt wichtige Beiträge zur Auseinandersetzung mit der Situation von Menschen mit Behinderung. Diese leiden aber darunter, dass zu wenig systematisch zwischen Behinderung generell, Sehbehinderung und allenfalls sogar Späterblindung speziell unterschieden wird.


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