Rezension zu Fed with Tears - Poisoned with Milk

Metapsychology Online Review

Rezension von James Liebermann

Dieses kleine Buch hat es in sich und berichtet von Verlauf und Ausgang der Gruppenkonferenzen deutscher und israelischer Psychoanalytiker und Psychotherapeuten, die sich trafen, um sich Themen zu stellen, die sowohl die Nachfahren der Opfer des Holocaust wie auch die der Täter gleichermaßen betreffen. Zwischen 1994 und 2000 fanden vier größtenteils englischsprachige Konferenzen der Arbeitsgruppen statt. Seither wurde darüber auf Tagungen in den USA und Deutschland berichtet, vor allem auf dem Internationalen Psychoanalytischen Kongress 2007 in Berlin, der drei Tage mit Gruppenveranstaltungen zum Erfahrungsaustausch umfasste, an denen Hunderte teilnahmen. Das Buch ist in einer deutsch- und einer englischsprachigen Ausgabe erschienen.

Die Struktur der Gruppenkonferenzen orientiert sich am bekannten Tavistock-Modell der Gruppenbeziehungen und verbindet psychoanalytische Konzepte mit der Systemtheorie. In seinem Vorwort bezeichnet Desmond Tutu diesen Ansatz als ähnlich dem der Wahrheits- und Versöhnungskommission in Südafrika, deren Vorsitzender er war. Beide Gruppen versuchen »die irrationalen Gefühle hinter den Vorurteilen positiv zu nutzen«. Geschriebene Geschichte, so hebt er hervor, »kann nicht annähernd einen Eindruck von der fast mit Händen zu greifenden emotionalen Wut vermitteln, die diese Ereignisse entfalten, und ich glaube, es ist die Bereitschaft eines Menschen, sich rückhaltlos auf eine Situation einzulassen, die das Potential der Heilung in sich trägt«.(S. 13f.)

Die Autoren sind Lehr- und Kontrollanalytiker, die beiden erstgenannten aus Israel, der dritte aus Deutschland. H. S. Erlich war Präsident der Israelischen Psychoanalytischen Gesellschaft; H. Beland war Präsident der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV), die dieses Buch gemeinsam mit der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG) finanziell förderte. M. Erlich-Ginor ist Mitbegründerin und ehemalige Vorsitzende der OFEK, einer israelischen Organisation, die über das Tavistock-Modell Tagungen zu Autorität und Führungsverhalten veranstaltet.
Gemeinsam mit dem verstorbenen Eric. J. Miller, Leiter von Tavistock/London, besetzten sie die Konferenzen. Viele Teilnehmer, darunter 18 der 65 deutschen und sechs der 32 israelischen, haben zu diesem Buch beigetragen. Sie äußern sich anschaulich in verschiedenen Phasen der Arbeitsgruppe in einer »Collage«. Den Beiträgern war ein positives Erlebnis gemeinsam, wenn auch mit einigen Kritikpunkten und Enttäuschungen.

Das Buch trotzt dem Hier-und-Jetzt-Geist dieser Arbeitsgruppen. Die Idee dazu setzte sich einige Zeit nach den ersten Treffen (1994) durch. Die Collage enthält einige Gedichte, die den manchmal schweren Text aufheitern.
»...ist Schreiben ein kleiner Sieg über das, was dort geschah. Zerstörung siegt nicht dort, wo Leute kämpfen, um im anderen den Menschen zu finden, und wer kann mehr ›anderer‹ sein als Deutsche und Juden?« (Yoram Hazan, S. 59).
»Das Wissen um diese Ungewissheit ist es, was eine deutsche psychoanalytische Identität heute ausmachen könnte, die die Schuld der Eltern und die eigene potenzielle Entwicklung weder verleugnet noch sich mit ihr identifiziert.« (Thea Wittmann, S 64).

»Etwas ist mir besonders aufgefallen, der Eindruck, dass die israelischen Teilnehmer der Gruppe einen klar definierten und starken Sinn ihrer Identität hatten, dessen, wer sie sind, was und wie stark ihre Loyalität gegenüber ihren Eltern, Großeltern und Familien ist. Dieses Gefühl der Identität verlieh Ihnen eine Vitalität in der Kommunikation[, die den Deutschen in der Gruppe mangelte. Die Mehrheit der Deutschen hatte anscheinend keines oder war unfähig, ein kohärentes Bild ihrer Lebensgeschichte hervorzubringen, von sich zu erzählen, wer ihre Eltern sind, wie sie in der Vergangenheit gelebt, was sie gefühlt oder gedacht haben, was sie für Erfahrungen gemacht haben. Dies ist ein Gefühl, das auch mir äußerst vertraut ist: das ist ein typisches Gefühl mit dem ich als Deutsche im Ausland konfrontiert bin, wenn ich mich in internationalen Gruppen und Gemeinschaften befinde.« (Hella Ehlers, S. 67).

Eine deutsch-jüdische Teilnehmerin störte sich daran, dass in der Überschrift des Programms »Juden« oder »jüdisch« fehlte; nach der ersten Konferenz entschied sie sich, an den weiteren nicht teilzunehmen. H. S. Erlich, der als Kind von Deutschland nach Palästina auswanderte, verweist auf eine komplizierte jüdische Identität bei den Israelis, »die wir doch versucht hatten, zugunsten der neu entstandenen, freien israelischen zu verleugnen« , diese Belastung, sowohl das eine als auch das andere zu sein »grenzt unangenehm dicht an die Erfahrung, verrückt zu sein«(S. 74). Irene Melnick fand, dass »der mächtigste Widerstand von meinem Wunsch kam, meinen Hass am Leben zu erhalten, unveränderlich und entschieden auf meinen Feind gerichtet. Dies war eine der Weisen, mich an den Holocaust zu erinnern und mich nicht als Verräterin am eigenen Volk und an meiner Familie zu fühlen.« Sie erkannte, dass ihr Hassen »in gewissen Weise ein Kraftgefühl gab, das ich nicht so leicht aufgeben wollte« (S. 78). Ein deutscher Teilnehmer empfand den Austausch als größtenteils oberflächlich und musste sich »sehr über die Unkenntnis der Realgeschichte auf beiden Seiten wundern« (S. 82). Einige deutsche und israelische Eltern wollten nicht wissen, worum es bei den Konferenzen ging: Als eine deutsche Teilnehmerin ihre Eltern zum ersten Mal fragte, was sie während des Kriegs taten, erklärten sie, »fortan keine Tochter mehr zu haben« (S. 83).

Die Gruppenkonferenzen werden durch zeitliche Beschränkungen und die Anwesenheit unterstützender, erfahrener Mitarbeiter strukturiert. Wie in Therapiesitzungen gibt es innerhalb der Struktur ein großes Maß an Freiheit einschließlich der Gelegenheit für Überraschungen bei einzelnen und zwischen den Teilnehmern. Die Konferenzen − zwei in Israel, die dritte in Deutschland, eine vierte auf Zypern − dauerten eine Woche. »In den Konferenzen lässt sich der »andere« gebrauchen um eigene Projektionen zu entdecken – verfolgende, idealisierende und weitere – und um sie in Beziehungen zu verwandeln. Es ist diese Arbeit, die die Stärke der Konferenzen ausmacht. Sie geschieht an der Grenze zwischen innerer und äußerer Realität.« (S. 91).

Die Entscheidung zur Teilnahme war für viele ein großes Problem; einige widersetzten sich der Familie, Freunden und Kollegen, um sich dem umstrittenen Experiment anzuschließen. Trotz des ergreifenden Vorworts von Erzbischof Tutu betrachten die Organisatoren die Gruppenkonferenzen nicht als Brücke zu »understanding, reconciliation and forgiveness«. Die primäre Aufgabe ist »das Explorieren der Fantasien, Gefühle und emotionalen Erfahrungen« (S. 199). In diesem Gruppenprojekt gab es natürlich Differenzen innerhalb der Gruppen und auch zwischen ihnen. Anders als in einer Therapie stellte die Gruppe einen »anderen«, der nicht neutral ist sondern »im Gegensatz dazu ist der andere in der Konferenz der Mitbeteiligte an eigenem Leid und Schmerz und an der eigenen Schuld und Scham«. Das Durcharbeiten geschieht nicht »mit« dem anderen, sondern »in der Gegenwart des anderen« und im Hier-und-Jetzt (S. 195f.). Ein problematischer Teil der deutschen Identität ist der des schuldigen Täters; für den Israeli ist es der des außenstehenden Opfers. Im Verlauf der Identitätsumwandlung erwiesen sich diese Erblasten als schwer aufzugeben. Therapeuten wissen, dass Wandel bedeutet, Risiken einzugehen; z. B. von zwei Übeln wählt man besser ... was man schon kennt.

Es gibt Widerstand gegen jegliches Lernen, das Veränderung mit sich bringt, und gerade dieser Widerstand kann eine Pforte zum Unbewussten sein. Hier spielte die Angst vor Verrat eine große Rolle. Die Verbindungen zu Familie und Kultur zu riskieren, ist gefährlich. Die Konferenzen öffnen den von anhaltender Feindseligkeit zwischen den Gruppen versperrten Weg zum konstruktiven Dialog. Der Dialog kann nicht hinreichend sein und trivialisiert vielleicht den tatsächlichen Konflikt. Das Ziel in diesem Experiment war es nicht, »eine offene Aussprache zu führen«, sondern in der Anwesenheit des anderen zu handeln und zu erleben. »Dialog setzt die Anerkennung der Andersartigkeit des anderen voraus und auch sein Recht, so zu sein, wie er ist« und kann zur Verleugnung von Aggression und einer »falschen und unterwürfigen Haltung« führen (S. 201).

Wie starke Medizin nimmt man dieses Buchkonzentrat am besten in kleinen Dosen zu sich, was die Collage leichter verdaubar macht. Einige Problematiken: Die Namen der Beiträger werden bei jedem Abschnitt oder Eintrag genannt, aber ohne Index ist es für den Leser nicht einfach, die Einträge eines bestimmten Autoren oder zu einem bestimmten Thema zu finden. Es gibt einige Wiederholungen, gelegentlich fehlerhaftes Englisch und einige Druckfehler, die in der nächsten Auflage – von der ich hoffe, dass sie kommen wird − korrigiert werden könnten.
Das Buch komprimiert eine sich über mehr als ein Jahrzehnt erstreckende Arbeit in verschiedenen Ländern mit Gruppenkonferenzmitgliedern verschiedener beruflicher Niveaus und Anstellungen. Man muss den Organisatoren und Mitarbeitern in hohem Maß zugutehalten, dass sie diese Herausforderung gemeistert haben: Die Gruppen hatten – mit einigen Veränderungen bei den Mitgliedern − Bestand und es entwickelte sich eine lebendige Erfahrung, hier eingefangen in einer Publikation, die in der Gruppendynamik, der angewandten Psychoanalyse und der Holocaustforschung vermutlich einzigartig ist.

Dieses Buch behandelt nicht die Geschichte des Holocaust, für die ein kürzlich erschienener Sammelband empfohlen sei: Dwork, Deborah (Hg.): Voices and Views. A History of the Holocaus. New York, 2002.

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