Rezension zu Film und Psychoanalyse

Psychoanalyse im Widerspruch 01/2009

Rezension von Ludwig Janus

Der Titel des Buches setzt Film und Psychoanalyse paradigmatisch miteinander in Beziehung, der Untertitel formuliert die Zielsetzung konkret. Mit dieser Vorgabe gibt das Buch den Autoren einen Rahmen vor. Bezugspunkt dafür ist die Betrachtungsweise Siegfried Kracauers, der Filme als »Spiegelbilder« jener »Kollektivgesinnung, die mehr oder minder unterhalb der Bewußtseinsschwelle liegen«, verstand. In diesem Sinne sollen Gegenwartsfilme als » Oberflächenphänomene soziokultureller Befindlichkeiten der sich globalisierenden spätkapitalistischen Welt« aufgefaßt werden. Aber es geht nicht nur um die soziokulturellen Befindlichkeiten, sondern darüber hinaus um Fragen, wie sich Identität in einer medialisierten Welt konstituiert. Für diese anspruchsvolle Thematik sind die beiden Herausgeber in besonderer Weise qualifiziert: Parfen Laszig, Psychoanalytiker in Heidelberg, hat seit Jahren der »Körper(wirk)lichkeit in virtuellen Räumen« nachgeforscht (siehe z.B. Psychoanalyse im Widerspruch, 10) und Gerhard Schneider ist durch zahlreiche kluge psychoanalytische Filminterpretationen bekannt, wobei er unter anderem aus seiner reichen Erfahrung bei der von ihm inaugurierten Mannheimer Reihe Film und Psychoanalyse und den jährlichen Seminaren Psychoanalyse und Filmtheorie im Cinema Quadrat schöpft.

Im Eingangsbeitrag formulieren die Herausgeber die Zielsetzung des Buches, »mittels der psychoanalytischen Betrachtung von Filmen ein Stück Kultur-Psychoanalyse zu leisten«, das die Autoren an Filmen aus den letzten 15 Jahren in unterschiedlicher Weise umsetzen. Den Voraussetzungen der psychoanalytischen Filminterpretation ist der Aufsatz von Gerhard Schneider mit dem Titel Filmpsychoanalyse – Zugangswege zur psychoanalytischen Interpretation von Filmen gewidmet. Dabei unterscheidet Schneider im Anschluß an Schönaus Literaturpsychoanalyse zwischen dem künstlerorientierten (Regisseur), dem werkorientierten und dem rezeptionsorientierten Ansatz. Möglicherweise könnte ja überhaupt die Filmpsychoanalyse von der Literaturpsychoanalyse, wie sie in den letzten Jahrzehnten besonders im Rahmen der Literaturpsychologischen Gespräche in Freiburg entwickelt und gepflegt wurde, noch einige Anregungen beziehen.

Den Hauptteil des Buches bilden dann die Filmbesprechungen von Parfen Laszig »Strange Days«, Isolde Böhme »Der Geschmack der Kirsche“, Manfred Riepe »Matrix«, Gerhard Schneider »Lola rennt«, Joachim Danckwardt »Mullholland Drive« und »Inland Empire«, Helmut Däuker »Dogville«, Claudia Frank »Das Meer in mir«, Edeltrad Tilch-Bauschke »Cache«, Ralf Zwiebel »Der letzte Traum« und Matthias Hirsch »Requiem«. Die Aufzählung der Filme verdeutlicht ein Problem bei der Zugänglichkeit des Buches: dem jeweiligen Leser sind nur einige und meist eher wenige der besprochenen Filme bekannt. Die Autoren schreiben aber aus der Unmittelbarkeit ihres Erlebens des Films heraus und machen den Inhalt unterschiedlich klar. Dies wäre bei einem zukünftigen filmanalytischen Buch, das sich an einen weiteren Leserkreis wenden will, durch klare Inhaltsangaben des jeweiligen Films zu berücksichtigen. Als Leser wendet man sich zunächst den Beiträgen zu Filmen zu, die man kennt. Insgesamt imponiert das hohe Niveau der Beiträge und der Leser profitiert durch die Lektüre von der vielschichtigen Reflektiertheit der Autoren. Die Beiträge sind in sich zu komplex, als daß es möglich wäre, durch kurze Zusammenfassungen eine Orientierung zu bieten. Darum will ich nur an drei Beispielen andeutende Hinweise geben.

Der von Parfen Laszig interpretierte Film »Strange Days«, eine filmische Verarbeitung der gewalttätigen Unruhen in Los Angeles, den Los Angeles Riots, im Jahre 2002, ist wohl ein exemplarisches Beispiel für die Wirkmächtigkeit der heutigen Medien, die Bewußtseinsinhalte und die Art unseres Sehens mitprägen. Damals war die Ausstrahlung der Tötung eines Farbigen durch Polizisten auf verschiedenen Fernsehkanälen eine wesentliche Ursache für die Unruhen. Der Film zeigt die Wahrnehmungs- und Rollenüberschneidungen und Verwirrungen in einer von Gewalttätigkeit und Sexualisierung geprägten Welt, aber auch Lösungsansätze aus der Identitätsverwirrung pubertärer Reifungsnöte, die in einer durch chaotische soziale Spannungen gekennzeichneten Situation doch möglich sind.

In einem ganz anderen Rahmen geht es auch in dem von Gerhard Schneider besprochenen Film Lola rennt um eine Adoleszenzproblematik und den Kampf um eine eigene Identität in einer postmodernen Gesellschaftssituation, in der alle Möglichkeiten offen scheinen und damit auch die Gefahr einer »potentialisierenden Virtualisierung der Differenz zwischen Realität und medial vermittelter Realität« gegeben ist.
In dem von Edeltraud Tilch-Bauschke besprochenen Film Cache geht es um eine Integritätsproblematik der Lebensmitte, und zwar die lebensgeschichtliche Entfremdung und Identitätsverzerrung durch eine Verleugnung individueller Schuld in Überschneidung mit kollektiver Schuld im Zusammenhang mit einem an 200 Algeriern durch französische Polizisten begangenen Massaker im Jahre 1961, das aus dem öffentlichen Bewußtsein vollständig verdrängt wurde. Auch hier spielt die mediale Verfremdung eine wichtige und von der Autorin differenziert reflektierte Rolle.

Diese drei Beispiele sollen die Klärungspotentiale einer analytischen Reflexion andeuten. Es ergeben sich Parallelen zur Literaturpsychoanalyse: was die Schriftsteller und Künstler ahnungshaft erfassen und zugänglich machen, kann durch analytische Reflexion entschlüsselt werden und damit den gesellschaftlichen Reflexions‑ und Bewußtwerdungsprozeß bereichern. Hier ist vielleicht der Untertitel »Kinofilme als kulturelle Symptome« mißverständlich. Die Filme sind ja nicht die Symptome, sondern sie spiegeln »Symptome« der Gesellschaft. Indem die Herausgeber die Verzerrungen und Relativierungen der Realität durch mediale Inszenierungen und Selbstinszenierungen als eine wesentliche Thematik unserer Zeit, wie sie sich in den Filmen spiegelt, mit Recht hervorheben, hätten sie meines Erachtens durchaus eine Brücke zu den so unklaren Hintergründen der aktuellen Finanzkrise schlagen können: Realitätsverkennung und irreale Selbstinszenierungen oder in den Worten von Gerhard Schneider »potentialisierende Virtualisierung der Differenz zwischen Realität und medial vermittelter Realität« scheinen durch aus ein wichtiger Hintergrund der Krise zu sein.

Ich schätze das kultur-psychoanalytische Potential von Filmanalysen im Sinne dieses Buches sehr hoch ein. Wichtig scheint es, die Schlußfolgerungen noch mehr zu konkretisieren, um ihre Bedeutung auch dem Laien zu vermitteln. Hilfreich könnte dabei auch der Bezug auf andere Gruppen sein, die ähnliche Ziele verfolgen, so insbesondere die von Henry Lawton initiierte amerikanische Group for the Psychhistorical Study of Film, die auf eine langjährige Arbeit zurückblicken kann.


zurück zum Titel