Rezension zu »Ich will Dir erzählen ...«

psychosozial 3/1999

Rezension von Wolfgang Jantzen

Bücher zur Deinstitutionalisierung sind wichtig. Immer noch leben in Deutschland fast 150.000 behinderte Menschen in Wohnheimen und Anstalten, der größere Teil davon in Großeinrichtungen. Und immer noch werden ihre Absonderlichkeiten und Sogenannten kulturellen Rückstände vorrangig bestimmten, medizinisch ausmachbaren Syndromen zugeschrieben, deren zwangsläufige Folge sie seien. Dabei ist hinreichend bekannt, daß totale Institutionen all jene Muster hervorzubringen vermögen, die landläufig dem Defekt als Ausgangsbedingung zugeschrieben werden. Insofern hat der Bericht über die Deinstitutionalisierung von 23 »geistig behinderten« Frauen meine volle Sympathie.

Diese wurden bis dahin unter menschenunwürdigen Bedingungen in einer Landesnervenheilanstalt aufbewahrt: In zwei Aufenthaltsräumen, mit Sicherheitsglas abgeschirmt, ohne wohnliche Gegenstände, Vorhänge und Privates – und entsprechend diesen Umständen desolat, z. T. in Dauerfixierung. Autorin und Autor begleiteten die ersten beiden Jahre (1987 bis 1989) der Deinstitutionalisierung im Rahmen von Beobachtung und Supervision.

Dabei orientieren sie sich theoretisch an Identitätssoziologie und Psychoanalyse. Aus einem kurzen Textabschnitt hierzu ist zu erfahren, daß sie geistige Behinderung als sinnhafte Identitätskonstruktion in der Darstellung des Selbst begreifen, eine Konstruktion unter bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen und normativen Anforderungen. Insofern beziehen sie sich auf die Subjektposition der behinderten Frauen, versuchen diese sichtbar zu machen und soziale Räume für eine andere Bestimmung von Identität zu schaffen. Von der psychoanalytischen Orientierung ist leider außer kurzen Literaturhinweisen (z. B. auf Mannoni und Aichhorn) nichts weiteres ausgeführt.

In praktischer Hinsicht umfaßte das »neue« Konzept die Bildung von drei Teilgruppen durch Umgestaltung der Räume im gleichen Haus (verbunden mit zunehmender Öffnung der Gruppen nach außen), Aufteilung der Betreuerinnen auf diese Gruppen, fachliche Reflexion durch Supervision und fokussierte Teambesprechungen (pro Team eineinhalb Stunden pro Woche) sowie heilpädagogische Maßnahmen. Vor der Darstellung der Veränderungsprozesse erfolgt die Vorstellung der 23 Frauen. Und hier setzt ein erster Aspekt meiner Kritik ein: obwohl subjektorientiert geplant, erfolgt die Vorstellung oft gänzlich auf der plakativen Erscheinungsebene des Alltags. In der einen Geschichte verwendete Kriterien (Sprachverständnis, aktive Sprache) spielen in der nächsten keine Rolle; oft ist nur durch vielfältiges Hin- und Zurückblättern zwischen dem Vorstellungsteil und jenem, der den Veränderungen gewidmet ist, ein Bild von der jeweiligen Person zu gewinnen. Manche Zuordnungen im Vorstellungsteil zu Beginn und nach zwei Jahren sind willkürlich (grüngraue Augen hat Frau Beckstein doch wohl schon zu Beginn) oder widersprüchlich (Frau Garbe »spricht leise und verhalten«, aber acht Zeilen weiter spricht sie nicht. Aber wir wissen nicht, ob sie organisch dafür ausgestattet ist, oder ob die Aktivität zum Sprechen jenseits ihres Vorstellungsvermögens ist 29). Außerdem bleibt unklar, aus welcher Perspektive die Vorstellungen geschrieben sind. Die Autoren sprechen von »wir« und benutzen größtenteils den Anstaltsjargon oder wörtliche Äußerungen von Betreuerinnen in Anführungsstrichen (,»doof« oder »fit«), andererseits sprechen sie selbst von ausflippen (36) oder von einer mongoloide(n) Frau (47) ohne jede Hervorhebung.

Der dann folgende Teil ,»Veränderungsprozesse« nimmt mich deutlich für die Autoren und das Thema ein. Entdeckungen werden beschrieben: von dinglicher Umwelt, von Zeichen und Sprache, von Körperlichkeit und Körper-Ich und von Beziehungen, verbunden mit einem Abbau repressiver Verwahrung und einem Rückgang aggressiver Reaktionen. Wie sich Hygiene in Körperpflege verwandelt, wie die »heiligen Dinge« Telefon und Schlüssel erobert werden u. a. m., dies macht Mut für die praktische Arbeit und kann sicherlich für Fachkräfte, die sich auf Deinstitutionalisierung einlassen wollen, eine wichtige und anregende Lektüre sein. Daß dabei auch heikle Themen wie der Abbau von Fixierungen nicht ausgespart bleiben, finde ich verdienstvoll.

Bei aller Sympathie wünschte ich mir an einigen Stellen mehr kritische Beobachtung:
So wenn (86) bei Frau Reinhold von Intelligenzabbau gesprochen wird, obwohl bei dieser Frau, die nach wie vor Lesen und Schreiben kann (!), alles für einen regressiven Rückzug unter Bedingungen der totalen Institution (zu Hause schon eingeleitet durch größere Verletzbarkeit) spricht.

Und ebenso ging es mir damit, daß eine Betreuerin nach wie vor Frau Konik füttert (die unterdessen selbständig ißt), da sie zu viel Angst hat, diese würde ersticken. Die Autoren: »Solche unterschiedlichen Handlungen müssen und dürfen möglich sein, da die Betreuerinnen in ihrer Arbeit, um diese gut zu machen,
auf ein relativ angstfreies und entspanntes Arbeiten angewiesen sind, soweit dies überhaupt möglich ist« (107). Wo bleibt bei allem notwendigen Respekt vor den Mitarbeitern die Solidarität mit den solcher (paternalistischen) Behandlung Unterworfenen?

Trotzdem, der Teil »Veränderungen« ist die Lektüre wert; unbedingt!

Ein rückblickendes Kapitel »Verschiedene Facetten« beschließt das Buch. Einem kurzen Rückblick der Betreuerinnen (wer hat ihn geschrieben, wie und wann ist er entstanden?) folgen ein Kapitel zum Umgang mit Angehörigen sowie ein kurzer Bericht über die Evaluierung mit dem PAC. Für die Gesamtgruppe ergab sich in allen Dimensionen eine größere Kompetenz nach den zwei Jahren.

Insgesamt bleibt eine widersprüchliche Leseerfahrung: Einerseits deutlicher Ärger darüber, daß die Darstellung Standards von Problemerörterung und Methodologie in keiner Weise entspricht, zum anderen ein höchst erfreulicher Einblick in die Praxis von Deinstitutionalisierung, eine Praxis die allein schon dadurch nutzt, daß man sie beginnt, und in der sich jede theoretische Reflexion als Gewinn für sie widerspiegelt.

Meine Leseempfehlung ist, zunächst das Kapitel »Vorstellung der geistig behinderten Frauen« zu überspringen und bei dem Kapitel über Veränderungen bei jeder Person, welche die Bühne betritt, kurz zur Beschreibung im vorhergehenden Kapitel zurückzuschlagen. Für Teams, die im praktischen Prozeß von Deinstitutionalisierung sind, ist dies sicherlich ein wertvoller Spiegel ihrer eigenen Arbeit.

Warum aber – so meine abschließende Frage an diese und ähnliche Arbeiten – wird hier nur von den Internierten (den »geistig behinderten« Frauen) geredet, ohne die Ausgangsposition und Selbstveränderung der Mitarbeiterinnen und der Supervisoren mit ins Spiel zu bringen? Haben diese nicht auch ihre Verhaltensauffälligkeiten abgebaut und den Mythos der »geistigen Behinderung« von dem anfangs die Rede war, ein Stück entmythologisiert?


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