Rezension zu Der Haß auf die Liebe (PDF-E-Book)

Psychoanalytische Familientherapie

Rezension von Renate Franke

Catulls »Odi ei Arno« – Hassen und Lieben zugleich -, Hass als die andere Seite von Liebe, gleiche emotionale Intensität mit verschiedenen Vorzeichen in dieser Relation kennen wir die beiden Gefühlskategorien.

Der Hass auf die Liebe (oder auch: die Liebe zum Hass) ist weniger bekannt, aber gleichwohl existent. Die Liebe zu hassen ist die Logik der perversen Paarbeziehung- so jedenfalls beschreiben und systematisieren dasTherapeuten- und Autorenpaar Hurni/Stoll eine pathologische Beziehungsdynamik. Pathologie ist nie leichte Kost. Doch diese hier ist besonders schwer zu verdauen. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Perversion in der Paarbeziehung bisher wenig beachtung gefunden hat, »denn (sie) ruft Entsetzen und sogar Abscheu hervor«.

Hochachtung verdienen die Autoren, die Therapeuten und wirklich Heilungssuchenden in einem Dreierschritt Phänomen, Analyse und BehandIungsmöglichkeit mit Beispielen, die auch die Auswirkungen auf die Umwelt andeuten, das Wesen der perversen Paarbeziehung nahebringen.

Die Psychiater, Psychoanalytiker und Sexologen mussten Mut aufbringen, um einer klinischen Realität nicht auszuweichen, die Widerstreben und Entsetzen hervorruft. »Jedenfalls ist es verblüffend, festzustellen, dass wir – auch wir Psychoanalytiker – gezwungen sind, dem Bösen im weitesten Sinne des Wortes ins Auge zu blicken, wenn wir etwas von Perversion verstehen wollen.«

Das Bild, das sich diesen beiden Paartherapeuten, die als Therapeuten-Paar gut daran tun, zusammen sich dieser schwierigen Symptomatik zu stellen, in der Praxis immer wieder bot, war das einer perversen Dynamik, dass zwei sich zusammen tun, die sich in der Verfolgung allein destruktiver Ziele einig sind. Gewalt erleiden und begehen ist, was in der Beziehung, früher in der Kindheit und fortsetzend mit eigenen Kindern geschieht und geschah. Schwerste physische und psychische Begleitstörungen (psychosomatische Krankheiten, Essstörungen, Unfallneigung, Suizid, obskure Todesfälle ... ) treten im perversen Netzwerk auf. Kern und Ursprung dieser symptomatischen Pathologie sind fast ausschließlich realer Inzest und narzisstischer Missbrauch. Für klinische Therapeuten sind die genaue Beschreibung verschiedener Charakteristika sowie anschauliche Fallvignetten für Diagnose und Behandlung in der eigenen Praxis sehr erhellend.

Zum »Phänomen Perversion« gehören u. a. Hass auf Strukturen und Grenzen, Diskrepanz zwischen Alter und körperlicher Erscheinung, dissonante Details in der Kleidung, die Manipulation des Rahmens, Größenwahn und Verachtung; Risikosucht zeigt eine Gleichgültigkeit dem Leben wie dem Tod gegenüber, »eine vorsprachliche Neuinszenierung eines nicht symbolisierbaren traumatischen Erlebnisses«, begleitet von einer physischen und affektiven Anästhesie – Schutz vor Erregungsüberflutung in früher Zeit?

Auch die Kommunikation ist pervers: Mit eigenartiger Stimme und Betonung eines gespielten oder tatsächlichen Sprachfehlers erschweren die Patienten »die Herstellung einer Empathiebeziehung».

Diese Tendenz des Unverständlichmachens wird als »Technik zur Verunsicherung eines Gesprächspartners» erfahren – Kommunikation zum Zwecke von Missverständnissen. Redewendungen, die die Verhältnisse verkehren, sind Gang und Gäbe, etwa bei der Anmeldung zur Therapie die Frage: »Was wollen Sie mir zeigen? « Es geht darum, die Macht über den Partner wie über den Therapeuten zu gewinnen. Eine zerstörerische Macht.

Pervers ist auch die nicht zufällige Objektwahl, oft Inzestäquivalente. »Solche Persönlichkeiten provozieren soziale oder finanzielle Stürme«, womit sie ihr »Opfer« in eine Ohnmacht stürzen, die »zu jener perversen sozialen Dynamik« gehört. Abhängigkeit, Angst, Trennungsdrohung, Gewalt, Verfälschung der Realität, sado-masochistische Interaktionen ... bestimmen die Beziehungsdynamik. Für die Therapeuten ist es sehr wichtig, diese Gewalt wahrzunehmen. Verharmlosung macht sie zu Komplizen, das Ziel der perversen Manipulation der Patienten wäre erreicht.

»Man darf gleichwohl nicht übersehen, dass diese Destruktivität für den Perversen einer Überlebensmaßnahme gleichkommt, weil in seinen Augen alles, was sich seinen Absichten entgegenstellt, darauf zielt, ihn zu zerstören. Eine derartig terroristische Gleichung wirkt nach allen Seiten, gegenüber der Verwandtschaft ebenso wie gegenüber der beruflichen Umwelt oder den Therapeuten.«

Das Buch ist mit sehr viel Redundanz geschrieben, was hilfreich, nicht störend ist. Sie ergibt sich aus der unterschiedlichen Akzentuierung ein und derselben, allerdings sehr vielschichtigen Thematik. Dass die Phänomenologie sich durchzieht, versteht sich von selbst: Die Empirie ist die Essenz von Theorie und Methode. Immer wieder kristallisieren sich die verschiedensten Symptome – auch in der verschlüsselten Form ‑ heraus, wobei die Hauptsvmptomatik mit vielen Variationen in der Trias Psychosomatik ‑ Psychose Perversion gefasst werden kann.

Kern ist und bleibt der Inzest, der physische und psychische Missbrauch, der oft im multigenerationalen Zyklus beobachtet wird.

Das Coping dieser schweren Traumata ist pervers – verkehrt – statt Leben wird Tod angestrebt, statt Heilsein Zerstörung, statt Liebe Hass. Diese Verkehrung zieht sich durch alle Bereiche des menschlichen Lebens, von Identität: Sexualität, Beziehungen, soziales Umfeld, Weltanschauungen.

Phänomen und Dynamik der Perversion enthüllen sich in Mechanismen und typischen Interaktionen: Paradoxie, Double- bzw. »Quadruple-binds«, Zerstörung des Begehrens und der Verbindungen, Fetisch, manipulatives Denken und Kommunizieren, Wecken von Schuldgefühlen, Leere, Narzissmus, Zerstörung des Kindes; schließlich auch im »missbrauchten Ödipus. (Der Ödipus-Mythos wird hier als Paradigma des Kampfes zwischen Neurose und Perversion innerhalb der Familie gesehen. Hier verdichtet sich noch einmal die Darstellung der Psychodynamik der Perversion. Ödipus liebt seine Eltern, geht ihnen aber in ihre perverse Falle. Als Opfer wird er zum Täter, seine Tochter Antigone opfert ihm ihr Leben. Die Moral: Man kann sich nicht binnen einer Generation einer perversen Herkunft entziehen.)

»Kann man diesen Hass auf die Liebe, auf die libidinöse und schöpferische Bindung als Identifikation mit dem Aggressor, als ein destruktives Neidgefühl oder als Rachsucht begreifen?«

Diese Frage scheint die Antwort der Autoren zu sein. Die sich anschließende Frage, ob perverse Paare überhaupt therapierbar sind, kann in jedem Falle mit »nur sehr schwer« beantwortet werden.

»Wenn solche Paare einen Psychologen aufsuchen, hegen sie Hass auf die Psyche, haben Angst davor, zu denken, über sich selbst nachzudenken und sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Ihr Behandlungswunsch ist von vornherein völlig ambivalent: es soll kein konkreter, magischer Rat sein, der der Schwere der Störung unangemessen wäre; aber auch keine tiefer schürfende psychologische Annäherung, die wiederum eine verhasste Psyche ins Spiel brächte. Man könnte ihr Behandlungsersuchen auf die Formel bringen: »Hilf mir, ohne irgendetwas zu verstehen oder gar zu ändern.» Nur, wenn die Verabeitung oder tiefergreifende psychopathologische Erscheinungen werden müssen. Vielmehr können unter der Bedingung einer ungewöhnlichen Begabung gerade jene Einflüsse und Erlebnisse, die beim neurotischen oder psychotischen Menschen im Nachhinein als pathogenetisch belangvoll gewertet werden, durch ihre kreative Umsetzung zur Quelle seelischen Reichtums werden, welche die Notwendigkeit für die Entwicklung einer individuellen psychischen Erkrankung weitgehend aufhebt.« (Marc Richartz, Psychodynamische Überlegungen über Kreativität. Ein pathographischer Versuch über Pablo Picasso – ein Latenzzeitloser?, in: Kunst & Psychiatrie, 1988, S. 12)

Die Autoren räumen ein, dass ein einziges biographisches Werk über Picasso nicht ausreiche, ein Urteil auszusprechen. Aber sie tun es!

»Die Logik der perversen Paarbeziehung« ist auf 276 Seiten differenziert und brauchbar abgehandelt worden. Die nächsten 50 Seiten reichen nicht für die angeschnittene Thematik des Makrosozialen und sind überflüssig für die Zentrale dieses Buches.

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