Rezension zu Liebe im Kapitalismus

Zeitschrift für Sexualforschung

Rezension von Imke Schmincke

In seinem »Ehesong« schreibt Bertolt Brecht: »Denn wir sagen uns: In diesem traurigen Leben/Ist die Liebe immer das Sicherste doch/ Und wir wissen ja: Es wird sie nicht immer geben/Aber jetzt scheint der Mond über Soho« (Frankfurt/Main 1984, S. 81). Verspricht die Liebe also einerseits Halt und Sicherheit, gibt es gleichzeitig ein Wissen um ihre Vergänglichkeit. Allein die Illusion verleiht der Liebe ihren besonderen Glanz. Gerade die romantische Liebe ist ebenso sehr ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft wie ihr ein diese überschreitendes utopisches Moment innewohnt. Dieser Doppelcharakter der Liebe ist im Ehesong auf eine ironisch-pragmatische Art aufgehoben. Mit ihrem Sammelband »Liebe im Kapitalismus« versuchen die beiden Herausgeberlnnen Hans-Joachim Busch und Angelika Ebrecht, das Verhältnis von Liebe und Kapitalismus genauer auszuloten. Ein widersprüchliches Band halte die unmittelbare spontane Liebe und den durch Geld vermittelnden, berechnenden Kapitalismus zusammen. Zum einen sei die Liebe Einspruch gegen das »traurige Leben«, zum anderen verschlinge der Kapitalismus sie, mache sie zur Ware und beraube sie ihres romantischen Kleides. Letztlich müsse man jedoch davon ausgehen, dass sich Liebe und Kapitalismus wechselseitig durchdringen und stabilisieren. Und so resümieren die Herausgeberinnen in ihrer Einleitung, die Liebe habe im Laufe der Zeit in ihren Veränderungen Verluste erlebt, aber auch an Differenziertheit hinzugewonnen (S. 10). Diese nicht wirklich originelle These bildet den Ausgangspunkt und zugleich das verbindende Moment der insgesamt recht heterogenen Beiträge des Buches. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte der (romantischen) Liebe, von Sexualität, Begehren und Geschlechterdifferenz in Kunst und Literatur über Paarbeziehungen und Familie bis zur Lebensform Wohngemeinschaft.

Den Anfang macht Hans-Jürgen Döpp mit einem Text zum Wandel der Liebe und der Geschlechterbeziehungen um die Jahrhundertwende (19./20.Jahrhundert) und vor allem zu deren Ausdrucksformen in der Kunst. Seine Ausführungen zum Verhältnis von Psychoanalyse, Ästhetik und Geschlechterverhältnis bleiben jedoch ein wenig nebulös. Angelika Ebrecht wendet sich der Darstellung von Liebe und Geschlechterverhältnis im Roman »Professor Unrat« und dessen populärer Verfilmung »Der blaue Engel« zu. Mit dem Fokus auf die Rolle des Hutes als Symbol für transgressive Konflikte im Geschlechterverhältnis und einer Kombination aus Psychoanalyse und Gender-Theorie legt sie eine fesselnde Interpretation der literarisch und filmisch verarbeiteten Begehrensstrukturen und Geschlechterdynamiken der bürgerlichen Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts vor. Die Bedeutung der Körper für die Vorstellungen und Praktiken der Liebe stehen im Zentrum des Textes von Volker Caysa. Ihm geht es um eine Bestimmung der Körperverhältnisse in der Moderne. In Abgrenzung zu kulturkonservativen Bewertungen veränderter Körpernormen und -praktiken, die die Instrumentalisierung und Verdinglichung der Körper beklagen, versucht Caysa seine kritische Perspektive im »Versklavungstheorem« (S. 1O2ff.) zu begründen. Problematisch werden Körperverhältnisse nach seiner Auffassung erst da, wo die Körper nur noch als bloße Rohstoffe behandelt und verwertet werden. Mit psychoanalytischen Theorien zum Thema Liebe und Bindung befasst sich Emilio Modena. Er kritisiert, dass die Bindungstheorie John Bowlbys im Wissensbetrieb die Freudsche Triebtheorie abzulösen beginne, obwohl sie weit hinter die komplexen Einsichten letzterer in den Zusammenhang von Liebe/ Bindung und Ich-Entwicklung zurückfalle. Abschließend interpretiert er den »Wunsch« nach Bindungstheorie als Kompensation einer im fortgeschrittenen Kapitalismus um sich greifenden Beziehungs- und Bindungsunfähigkeit der Menschen.

Einen stärker differenzierenden Blick auf aktuelle Beziehungsformen weisen dagegen eine ganze Reihe von Aufsätzen auf, die sich explizit mit unterschiedlichen Aspekten der Paar-Beziehung beschäftigen: Silja Matthiesen berichtet von den Ergebnissen einer Studie zum sozialen Wandel von Liebesbeziehung und Sexualität, in welcher die Beziehungs- und Sexualbiografien dreier Generation erfasst und miteinander verglichen.
chen wurden. Deutlich wird dabei, dass sich der Umgang mit Sexualität sowie die Bedeutung und Ausgestaltung von Beziehungswünschen stark verändert haben. So hat die Sexualität sowohl für die Verhältnisse zu anderen wie für die Selbstverhältnisse eine größere Relevanz. Die Pluralisierung von Sex-Praktiken und die Veränderungen im Geschlechterverhältnis markieren für die Individuen einen größeren Freiheitsgrad, gleichzeitig aber sind auch die Erwartungen und Leistungsanforderungen gestiegen, auf dem Markt der Möglichkeiten eine gute Performance hinzulegen. Die Konsequenzen dieses Wandels zu Individualisierung und Selbstbestimmung innerhalb der Paarbeziehung nimmt Katharina Liebsch am Beispiel des weiblichen Liebeswunsches ins Visier. Mit Verweis auf Ergebnisse unterschiedlicher empirischer Studien zum Verhältnis von Wunsch und Wirklichkeit aus der Perspektive junger Frauen arbeitet Liebsch heraus, dass sich heute vor allem ein individualisierendes Deutungsmuster von Liebe durchsetzt. Dieses birgt für junge Frauen einerseits mehr Freiheit, zum anderen aber die Gefahr, die strukturellen Bedingungen sowie die normativen Implikationen von Liebesbeziehungen aus dem Blick zu verlieren. Dieter Larcher berichtet von einer Studie zu bikulturellen Paarbeziehungen. Aufgrund interner Differenzen (unterschiedliche Herkunftskulturen) sowie äußerer Zwänge (Globalisierung, Rassismus und Nationalismus) können diese Beziehungen dem Autor zufolge weniger leicht auf einem romantischen Liebesideal aufbauen. Dafür böten sie den Beteiligten jedoch viel eher die Chance, ein partnerschaftliches Problemlösungsmodell zu entwickeln und die in der Herkunftskultur wurzelnden Rollenverständnisse zu überwinden. Bei allen Schwierigkeiten liege in ihnen gar ein emanzipatorisches Ideal.

Eine weitere Gruppe von Aufsätzen befasst sich mit der erweiterten Zweierbeziehung: der Familie. Karola Brede versucht die der Familie zugrundeliegende ambivalente Liebes‑ und Konfliktlogik zu beschreiben, ohne dabei einer konservativen Familiensoziologie Vorschub zu leisten. ihre Referenzfolie sind daher die Thesen von Beck/BeckGernsheim (Frankfurt/Main 1990), mit denen diese die (romantische) Liebe aus einer individualisierungstheoretischen
Perspektive neu zu begründen versuchen. Brede legt plausibel dar, dass die AutorInnen dabei die Mikrologik familialer Lebensformen, d. h. die Prägungen durch die familiale Sozialisation, nicht hinreichend in ihr Konzept einbeziehen. Insofern stehe die Formulierung einer nicht konservativ gewendeten Soziologie der privaten Lebensformen noch aus. Mit der Analyse der elterlichen Arbeitsteilung setzt Anke Kerschgens einen etwas anderen familiensoziologischen Akzent. Sie berichtet recht detailliert von einem Fallbeispiel und den Deutungs- und Beziehungsmustern des interviewten Elternpaars. Dabei zeigt sich, dass Paare ihre Rollen als Ehepartner und Mutter resp. Vater immer wieder inszenieren und aktualisieren und sich dabei (hinsichtlich der Geschlechterrollen) sowohl alter wie auch neuer Deutungsmuster bedienen. Die Wohngemeinschaft als eine alternative Familienform ist schließlich das Thema des Textes von Johann August SchWein. Er führt hier die diversen externen wie internen Konfliktlogiken auf, denen Kommunen und Wohngemeinschaften unterliegen. Die Entwicklung von Wohngemeinschaften erklärt Schülein aus einer Absetzung gegenüber familialen und der durch diese vermittelten gesellschaftlichen Werte in einem historischen Kontext. Letztlich interpretiert er diese kollektive Wohnform als Durchgangsstadium, bzw. »Schrittmacher« (5.195) für eine radikale Individualisierung der Wohn- und Lebensweise – »vom Zwangskollektiv Familie zum Single-Dasein« (ebd.).

Während einzelne Aufsätze interessante und originelle Thesen zu ihrem jeweiligen Sujet präsentieren, bleibt nach der Gesamtlektüre die Frage nach dem Verhältnis von Liebe und Kapitalismus offen. Leider bearbeitet keiner der Aufsätze diese Fragestellung explizit. In allen geht es zwar irgendwie um Liebe, aber der Kapitalismus als Rahmenbedingung wird immer schon vorausgesetzt. Er taucht in allen Beiträgen nur als sozialer Wandel hin zur Individualisierung von Liebesbeziehungen auf. Das ist jedoch nur ein Aspekt zeitgenössischer kapitalistischer Vergesellschaftung. Letztlich aber ist es nicht den Autorinnen des Bandes, sondern den Herausgeberlnnen vorzuwerfen, dass die im Buchtitel vorgegebene Ausrichtung nicht befriedigend bearbeitet wird. Der Band zerfällt in Einzelaufnahmen ‑ aber
vielleicht ist das ja auch die implizit zentrale Aussage zum Thema: Liebe im Kapitalismus existiert vor allem als fragmentierte.

zurück zum Titel