Rezension zu Psycho-News

Jahrbuch psycho-logik Band 1 im Jahr 2006

Rezension von Karl Heinz Witte

Die elektronischen Briefe, die Michael Buchholz monatlich als Lesefrüchte zusammenstellt, haben in der psychoanalytisch orientierten Fachwelt schon Aufmerksamkeit und Bewunderung gefunden, bevor sie in Buchform veröffentlicht wurden. Buchholz berichtet darin über Studien und wissenschaftliche Fragestellungen aus Büchern und Fachzeitschriften, die nicht selbst psychoanalytisch sind, aber psychoanalytische Konzepte gleichsam von außen kommentieren, anregen oder bereichern können. Von den berufspolitischen Interessen der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie und Tiefenpsychologie initiiert und befeuert vom wissenschaftspolitischen Gegenwind der Gesundheits- und Sozial- und Wissenschafts-Lobby analysiert hier ein sozialwissenschaftlich ausgewiesener Psychoanalytiker Strategien und Erzeugnisse, Fallstricke und Kollateral-Evidenzen der empiristischen Zunft, soweit sie für die psychoanalytisch orientierte Psychotherapie Relevanz haben. Für die habituellen Selbstbezweifler unter den Psychoanalytikern überraschend und ein wenig gegen den Strich eines depressiven Vorurteils klingt sein Fazit: »Es ist keineswegs so, daß die Psychoanalyse wissenschaftlich in der Defensive ist« (9). Vielmehr werde das zentrale Konzept der Psychoanalyse, das Unbewusste, gegenwärtig in zahlreichen Wissenschaften thematisiert, zum Beispiel in den Neurowissenschaften, bei Sprachforschern, Wissenschaftstheoretikern, in Untersuchungen zu Mimik und Gestik, bei der Erforschung der Zusammenhänge von Gewalt und Religion. Allerdings stehe die Revolution des Weltbildes, die durch diese Wissenschaften zusammen mit der Quantentheorie eingeläutet sei, noch aus (10). Der Psychoanalyse auf der anderen Seite kreidet Buchholz an, dass sie für die neuen Fragestellungen zu wenig aufgeschlossen sei. Aus den empirischen Forschungen zeichne sich für die psychoanalytische Theorie ein Bezugsrahmen ab, den er im Dreieck der folgenden Konzepte und Forschungsthemen aufgespannt sieht:
1. Psychoanalytisch verstandene, konversationsanalytisch beschriebene Interaktion. 2. Kognition einschließlich dem Erleben und der Emotion. 3. Mentalisierung, die das eigene Denken bedenkt (11 f.). Ein erster Strang der Berichterstattung betrifft empirische Untersuchungen. Eine interessante Feststellung lautet: Objektivierende Forschungen erweisen, dass der »subjektive Faktor« in Therapien nicht nur eine beiläufige, sondern eine entscheidende Rolle spielt. Dass man das sowieso schon gewusst habe, müsste diese Erkenntnis nicht bagatellisieren. Sie könnte aufs Subjektive orientierte Therapeuten aus ihrer Defensivhaltung befreien und den Empirikern eine methodische Redlichkeit abverlangen –, so dass sich in Zukunft vielleicht auch mit dem Subjektiven rechnen lässt? Natürlich werden die Probleme hier nicht systematisch erörtert. Wer keine Freude am Chaos, an Sprüngen, Assoziationen und Kombinationen hat, wird wenig Gewinn aus diesem Buch ziehen. Aber wenn man sich für Überraschungen offenhält, wenn man mit dem Autor neugierig ist – denn »wißbegierig prüfend« mag eine passende Charakterisierung der Sammelfreude des Autors sein –, wenn man also nicht nur den Wegweisungen der Theorien und der eigenen Überzeugungen anhängt, sondern mit den Themen und Meinungen in einen munteren Lesedialog tritt, dann gewinnt man Anregung und Einblicke in unvertraute Forschungsfelder. Das Überraschende für den Praktiker sind Berichte über die Erforschung
der intersubjektiven Bedingungen therapeutischer Interaktionen. Da wird zum Beispiel ein globales Konzept und Arbeitsmittel des Psychonalaytikers wie »Gegenübertragung« erforscht und »klein« gearbeitet (23– 34) und es werden die Probleme herausgearbeitet, welche das Arbeitsbündnis brechen lassen, bzw. werden Bedingungen formuliert, die ein Funktionieren des Arbeitsbündnisses ermöglichen. Mehrere Studien, die empirisch die kleinformatigen Strukturen der psychischen Organisation (Reaktionsmuster, Beziehungskonfliktthemen) untersuchen (35– 44), zeigen, dass Themen, die in der Profession hermeneutisch, induktiv oder spekulativ bearbeitet wurden, etwa 20 Jahre später von der Wissenschaft empirisch bestätigt, aber auch differenziert werden. Ja sogar die Erweiterung von Freiheitsspielräumen und die Einheit des Psychischen in verschiedenen Lebensfeldern sowie in der psychischen Einzelerscheinung
und dem ganzen Lebenszuschnitt könnten sich von seiten der Empirie bestätigt finden.

Von der Fülle der Funde, Beobachtungen und Reflexionen lässt sich hier nur eine zufallsgesteuerte Auswahl bieten: Da sind wesentliche Hinweise auf Innovationen, die in der Psychoanalyse vonstatten gehen, zum Beispiel auf das Thema der Deutung und Bedeutung, des Interaktiven und auf die implizite, biologisch fundierte Abstimmung zwischen Interaktionspartnern, auf die Ethikdiskussion und die Mythenanalyse, und immer der Hinweis auf die in der Psychoanalyse weithin unrezipiert gebliebene Vorarbeit anderer Disziplinen (45–66).
Drei wichtige Kapitel dieses Buches sind der Auseinandersetzung mit der Neuropsychologie gewidmet. Das Problem der Willensfreiheit wird diskutiert (67– 73), eine ausführliche referierende und kommentierende Besprechung des Buches ›Gehirn und Geist‹ von Edelman und Tononi (73–94) verdient Aufmerksamkeit. Ferner wird ein erstaunlicher Überblicksartikel referiert, der zeigt, dass Psychotherapie bedeutsame Effekte für die Neurobiologie eines Patienten hat, und zwar teilweise stärkere als pharmakologische Medikation, ferner dass rein psychotherapeutische Behandlungen, z. B. bei Depressionen, effektiver seien als Psychotherapien, die gleichzeitig Psychopharmaka einsetzen (133– 139). Gegen die trendige »Verneurowissenschaftlichung« werden Studien über die Tragfähigkeit des Mikroreduktionismus
(235–242), quantentheoretische Bewusstseinsmodelle und über evolutionstheoretische Anthropologie (243–256) besprochen. Weitere Themen: Wissenschaftstheorie und Forschungsstrategie der Psychoanalyse, der Einfluss vorbewussten Wissens auf Diagnose und Therapie, Sprache und Sprechen, Anthropologie der Musik, Gewalt und Religion usw. Schließlich sei auf vier eigene Aufsätze des Autors verwiesen, die er der Sammlung seiner News-Letters beigegeben hat. Sie beeindrucken ebenfalls durch die Frische der Argumentation und die unkonventionellen Thesen zur Diagnose als Beziehungsgeschehen, zu Depression und Compliance und zum Alleinvertretungsanspruch der Verhaltenstherapie.
Die Veröffentlichung weiterer News-Letters ist für 2006 angekündigt.


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