Rezension zu Unterwegs in der vaterlosen Gesellschaft

Neue Zürcher Zeitung

Rezension von Ludker Lütkehaus

Kritischer Vater in vaterloser Gesellschaft
Vor hundert Jahren wurde Alexander Mitscherlich geboren

Im Titel der vier Werke, die Alexander Mitscherlich berühmt gemacht haben, stehen Negationen: »Medizin ohne Menschlichkeit« (1960), »Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft« (1963), »Die Unwirtlichkeit unserer Städte« (1965), »Die Unfähigkeit zu trauern« (1967; zusammen mit Margarete Mitscherlich). Das deutet auf den engagiert kritischen Geist des Mannes, der zur Leitfigur der deutschen Nachkriegspsychoanalyse wurde, ja, mit seinen Mentoren und Weggefährten von der »Kritischen Theorie« zu einer Zentralgestalt der intellektuellen Gründung der Bundesrepublik Deutschland überhaupt. Doch hinter diesen scheinbar so eindeutigen Negationen stehen Ambivalenzen.

Korrekturen

Rezeptionsgeschichtlich betrachtet führen sie auf Paradoxien, von denen die augenfälligste diese ist: In der »vaterlosen Gesellschaft« ist der selber in gewissem Sinn »vaterlose« Mitscherlich für die nachwachsenden Generationen noch einmal zu einer Art von Vaterfigur geworden. Die Studentenbewegung, die sonst gerne ihre Vatermorde beging, entdeckte in ihm und seiner dritten Frau und Koautorin Margarete Mitscherlich-Nielsen sogar so etwas wie ein intellektuelles und politisches Elternpaar.

Doch eben damit mag es zusammenhängen, dass an Alexander Mitscherlichs hundertstem Geburtstag, am 20. September, insgesamt drei (in den letzten anderthalb Jahren erschienene) Bücher von Autoren der Enkelgeneration vorliegen, die das biografische, geistige und politische Bild des Jubilars zum Teil gravierend korrigieren. Martin Dehli und Tobias Freimüller konzentrieren sich, einander ergänzend, auf Mitscherlichs »Prägung vor 1945« beziehungsweise seinen politischen Lebensweg nach Hitler. Timo Hoyers umfassendes Porträt will »an der Grenze zur intellektuellen Biografie« ein Porträt im gesellschaftlichen Spannungsfeld der Epoche entwerfen, das Mitscherlichs komplexe Persönlichkeit und die Vielgestaltigkeit seiner Aktivitäten im Ganzen in den Blick nimmt. Alle drei Autoren betreiben keinen Denkmalsturz, am wenigsten Hoyer, der Mitscherlich mehr Gerechtigkeit als seine beiden Vorgänger widerfahren lässt.

Die Korrektur betrifft auch Mitscherlichs Leben vor 1945, der angeblichen «Stunde null«. Das von Mitscherlich selber in seiner Autobiografie «Ein Leben für die Psychoanalyse« wie von der Öffentlichkeit gerne gepflegte Bild einer linearen Lebenskurve, die bruchlos von der Opposition gegen das »Dritte Reich« zum radikaldemokratischen Engagement in der Bundesrepublik geführt hatte, wird teilweise revidiert. Das heißt keineswegs, dass Mitscherlich nun als Sympathisant des NS-Regimes dastünde. Er war Gegner des Regimes und wurde von der Gestapo wiederholt inhaftiert.

Aber er war den Exponenten der national orientierten »Konservativen Revolution« nahe, die zwar das NS-Regime verachteten, zugleich jedoch zu den Feinden der Weimarer Republik zählten und mit Teilen der NS-Ideologie übereinstimmten. Zeitweise geriet Mitscherlich über seinen Lehrer Victor von Weizsäcker sogar in eine fatale Nähe zur eugenischen Medizin. Mitscherlich erschrak dann zwar selber über das auch von ihm »damals Gedachte« – aber dieses Erschrecken datiert erst auf die geistig entnazifizierte Nachkriegszeit, kurz bevor Mitscherlich als Beobachter des Nürnberger Ärzteprozesses zum engagiertesten Kritiker der »Medizin ohne Menschlichkeit« wurde.

Dieses Buch Mitscherlichs, das bei seinem ersten Erscheinen 1949 unter dem Titel »Wissenschaft ohne Menschlichkeit« zum Gegenstand kollektiven Beschweigens wurde, bevor die Neuausgabe von 1960 zum Klassiker der Anklage und Selbstanklage eines diskreditierten Berufsstandes avancierte, markiert nach wie vor die entscheidende Wende, die »Kehre« in Mitscherlichs Biografie. Als prominenter »Nestbeschmutzer« riskiert er nun Ruf wie Karriere. Der neue, der kritische, der sozialpsychologische und sozialkritische Analytiker, der 1952 nach Heidelberg, 1965 auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Psychologie mit den Schwerpunkten Psychoanalyse und Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt berufen wurde, nahm öffentliche Konturen an.

Gleichwohl sieht nun die Enkelgeneration der Mitscherlich-Biografen, die die enorme Suggestionskraft, die Aura der Mitscherlichschen Schlagwort-Titel nur vom Hörensagen kennt, irritierende Ambivalenzen, die aus dem andauernden Spannungsverhältnis zwischen elitären kulturkritischen Tendenzen und radikalem republikanischem Engagement resultieren. Die Widersprüche zwischen Gesellschaftskritik und Kulturpessimismus, Distanz zur »Massengesellschaft« und Demokratisierung gehen in der Tat mitten durch Mitscherlichs Person und Werk. Auch die These von der völligen Neugründung der deutschen Psychoanalyse nach 1945 durch Mitscherlich bedarf der Relativierung.

Eine moralische Parole

Die Kritik an der funktionalistischen »Unwirtlichkeit unserer Städte« mit ihren »Stadtwüsten« im Zentrum und ihren »Einfamilienhausweiden« vaterloser Eigenheimfetischisten an der Peripherie stammt sichtlich von einem bürgerlich geprägten Anti-Bürger. Sie hat freilich dennoch nichts von ihrer Aktualität verloren. Die jetzt vorgelegte Sonderausgabe des erklärten Pamphlets, das sich unverhohlen als »Anstiftung zum Unfrieden« verstand, macht das wieder eindrucksvoll sichtbar.

In »die Unfähigkeit zu trauern« schließlich, »eine moralisch unterfütterte Parole, die sich in den Mantel einer klinischen Diagnose hüllte« (Christian Schneider), zwischen Schuldbekenntnis, Anklage und Gutachten schwankte und mehr der Verdrängung der Bindung an das verlorene kollektive Ich-Ideal des »Führers« als der Trauer um die Opfer galt, mag wohl auch etwas von der eigenen Unfähigkeit zu trauern eingegangen sein. Zu seinem hundertsten Geburtstag ist Alexander Mitscherlich neu zu lesen. Und der Kritiker der Verweigerer der »Trauerarbeit« lebt, stimuliert von den Biografen der Enkelgeneration, gerade dank ihrer Kritik wieder auf.


Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Zürcher Zeitung.


http://www.nzz.ch

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