Rezension zu Hauptsache Fußball (PDF-E-Book)

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Rezension von Prof. Dr. Klaus Hansen

Eine Anthologie
12 Wissenschaftler, Sozialwissenschaftler in der Hauptsache, »untersuchen aus verschiedenen Perspektiven das Phänomen Fußball.« Dabei wird Fußball »als Sport und zugleich als Folie übergreifender Sinn- und Bedeutungskonstruktion aufgegriffen«: Werbeprosa von der letzten Umschlagseite.

Herausgeber
Die drei Herausgeber sind Professoren für Psychologie (Brandes), Soziologie (Christa) und Theologie (Evers) an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden. Der Psychologe bekennt sich zum SV Werder Bremen, der Soziologe zum 1. FC Nürnberg und der Theologe hält sich diesbezüglich bedeckt.

Entstehungshintergrund
Entstanden ist das Buch aus einer gemeinsamen Lehrveranstaltung der Herausgeber zum Thema »Fußball als Feld sozialer Arbeit« an der gemeinsamen Hochschule.

Checkliste
Wo kommt das Fußballspiel her? Natürlich aus dem England der frühen Neuzeit, 14. Jahrhundert, und nicht aus dem China des 3. vorchristlichen Jahrtausends, wie einige Irrlehren behaupten. – Warum heißt es »Fußballspiel«? Weil es zu Fuß und nicht zu Pferde gespielt wurde, was ursprünglich bedeutete, dass auch die Hand benutzt werden durfte. – Wohin führt der Weg des Fußballspiels, wie es heute gespielt wird? Vom edlen sportlichen Kräftemessen hin zum professionellen Amüsement, zur Show- und Unterhaltungsindustrie. – Ist es dann noch ein »Spiel«? Ökonomisch: nein, denn dann ist es Broterwerb der Spieler; spieltheoretisch, mit Huizinga und Caillois gesprochen, ebenfalls nein; doch da kann der Rezensent nicht ganz folgen, denn »Agon« und »Alea«, Wettkampf und Zufall, bestimmen auch das vollständig kommerzialisierte Spiel des Profibetriebs unserer Premiumligen; »durchkommerzialisiert« heißt ja nicht »abgekartet«. – Ist Fußball eine Religion? Genuin: nein; funktional: ja; in der Liturgie seiner Zelebration auf dem grünen Altar der Groß-Arenen: erst echt!
So könnte man fortfahren, das Buch durchzuchecken. Es hat auf vieles eine Antwort, wenn auch nicht immer eine einleuchtende.

Kommerzialisierung, Professionalisierung
Wie sich das Fußballspiel mit seiner Professionalisierung und Kommerzialisierung verändert hat, damit befassen sich viele Beiträge des Buchs. Gunter A. Pilz macht auf interessante Interdependenzen aufmerksam, denn das veränderte Spiel, das nicht mehr von »Vereinen«, sondern von »GmbH & Co. KGs« vorgetragen wird, bringt auch neue Akteurstypen hervor: Aus dem volksnahen Spieler, mit dem man nach Spielschluss noch ein Bier trinken konnte, ist der abgeschottete Star geworden; aus naiven Vereinsanhängern sind fordernde »Ultras«, aus begeisterten »Schlachtenbummlern« aggressive »Hooligans« geworden.(vgl. S. 52ff) In diesem Zusammenhang sind zwei weitere Beiträge erwähnenswert, die sich der sozialhygienischen Arbeit der »Fan-Projekte« widmen, die es seit Anfang der 1980er-Jahre bei uns gibt. Deren Fokussierung auf die »Gewaltprävention« und die Zielgruppe der »Hooligans« wird kritisiert und statt dessen eine Hinwendung zu »stadtteilbezogener Jugendsozialarbeit« empfohlen. (vgl. S. 235ff)

Geheimnis Faszination
Der Psychoanalytiker Volker Tschuschke holt groß aus, um die »Weltformel« der Fußballfaszination zu finden, muss aber bald gestehen, dass die Unerklärlichkeit der über den gesamten Erdball verbreiteten Fußballbegeisterung einen Teil ihrer Faszination ausmacht. »Fußball ist so schwer zu erklären wie ›Liebe‹.« (S. 131)
Immerhin erhalten wir einen psychoanalytisch plausiblen Hinweis: Als Zuschauer eines Spiels erleben wir eine »passagere Regression«, das heißt man wird für 90 Minuten wieder zum Kind, und die Welt vereinfacht sich: hier sind »wir«, da ist der »Gegner«. Es geht um Sieg oder Niederlage, alles andere zählt nicht. Und es ist wohltuend regressiv, sich verantwortungslos in der Stadionmasse treiben zu lassen. – Aber ist das bei anderen Sportarten mit Massenzuspruch nicht auch so? Wo bleibt die differentia specifica des Fußballspiels? Interessant der Hinweis von Eric Dunning (S. 36f): Etwa zur gleichen Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, als man in England daran ging, die Hand aus dem Spiel zu verbannen und allein den ungelenken Füßen den Umgang mit dem Ball zu erlauben, wurde es in besseren Kreisen bei Tische zur Sitte, die Erbsen auf der Rückseite der Gabel zum Mund zu führen. Beides Herausforderungen, die Menschen an die Grenzen ihrer Fähigkeiten bringen. Weder lassen sich elastische Kugeln komplett von Füßen noch lassen sich runde Erbsen auf der konvexen Seite der Gabel absturzfrei beherrschen. Hier liegt vermutlich die ursprüngliche Faszinationsquelle des Spiels: Menschen versuchen beim Fußballspiel etwas zu tun, was sie nicht können, wodurch die Seltenheit des unvorhersehbaren Gelingens ein ganz besonderes Glücksgefühl hervorruft.

Doing gender
Lothar Bönisch und Holger Brandes glauben im modernen global player des Profifußballs die Verkörperung eines Typus von Männlichkeit zu finden, den sie mit Robert Connwell »transnational business masculinity« nennen. (S. 134) Dieser Männertypus zeichnet sich durch drei Eigenschaften vor allem aus: gesteigerter Egozentrismus; begrenzte Loyalität (auch dem eigenen Verein gegenüber); sinkendes Verantwortungsgefühl gegenüber anderen. – Wäre es so, müsste man für den Mannschaftssport Fußball schwarzsehen.
Mädchen haben nachweislich eine größere »Angst vor dem Ball« als Jungen (vgl. S. 154), schreibt Gabriele Sobiech, neben 11 männlichen Autoren die einzige Autorin des Buches. Dennoch hat der in Deutschland lange Zeit verpönte Frauenfußball inzwischen den Männern den Rang abgelaufen. Die Frauen des DFB sind Weltmeisterinnen und stellen mit dem FFC Frankfurt die beste Vereinsmannschaft Europas. Deutsche Spitzenfußballerinnen, befragt, wie sie zu ihrem Sport gekommen sind, geben zu Protokoll, dass sie sich in Kindheit und Jugend als untypische, »wilde Mädchen« empfunden haben, die lieber Jungen hätten sein wollen. Die Jungen, mit denen man zusammen Fußball gespielt habe, hätten »eher Kumpels« in ihnen gesehen, mit »denen man Pferde stehlen kann« und sie »nie als mögliche Freundin« in Betracht gezogen. (vgl. S. 165) Heißt das, im deutschen Damenfußball spielen Männer in den Körpern von Frauen? – Die Emanzipation der Frauenfußballerin und das »doing gender« im deutschen Frauenfußball scheinen noch lange nicht abgeschlossen zu sein.

Talentförderung ohne Tunnelblick
Cirka 400 junge Männer in Deutschland haben es geschafft. Sie gehören zum Kader einer der 18 Bundesligamannschaften. Hunderttausende von Jugendfußballern streben danach, unter die ersten 400 zu kommen. Uwe Harttgen und Dietrich Milles schildern die Nöte und Ängste der jungen Ehrgeizigen. »Wenn ich es nicht schaffe, bringt mich mein Vater um«, sagt ein Junge in einer Umfrage. (S. 174) Die Autoren empfehlen für die Nachwuchsarbeit die »Abkehr vom Tunnelblick auf die bloße Bundesliga-Orientierung«, weil diese die Entfaltung von jungen Fußballtalenten mehr hemme als fördere. (vgl. S. 186) Auch im Fußballinternat sollte die Bildung der Persönlichkeit Vorrang vor der Schulung der Ballbeherrschung haben.

Fazit
Die Anthologie von 13 »sozialwissenschaftlichen Einwürfen« zum Fußballspiel spannt ein weites Spektrum: Fußball zwischen »englischer Krankheit« (S. 7) und »Tor zur Welt« (S. 9); zwischen »schönster Nebensache« (S. 157) und »Hauptsache« (S. 132).
Das Fußballspiel mit den Regeln, wie wir sie heute kennen, gibt es seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. »Groß« geworden und zum »Millionenspiel« wurde der Fußball allerdings erst mit dem Fernsehen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Bedauerlicherweise geht das Buch auf die Medialisierung des Sports nur indirekt ein.


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