Rezension zu Bewaffneter Widerstand

Radio Darmstadt

Rezension von Walter Kuhl

Jüdische Partisanen

Lange Jahrzehnte so gut wie gar nicht bekannt war der bewaffnete Widerstand jüdischer Partisaninnen und Partisanen. In Deutschland änderte sich dies erst Ende der 80er Jahre. Zuvor war das Klischee vorherrschend, die Jüdinnen und Juden hätten sich in ihr Schicksal ergeben und abschlachten lassen. Inzwischen gibt es doch eine Fülle an Literatur, welche dieses Bild eindrucksvoll widerlegt. Wenn auch angesichts mehrerer Millionen Ermordeter die Zahl derjenigen, die sich den Nazis widersetzt, vor ihnen geflüchtet oder versteckt hatten, vergleichsweise gering ist, so ist der damit verbundene Mut sicherlich besonders zu würdigen.

Bis vor wenigen Tagen war im Darmstädter Cinemaxx der Film »Defiance – Unbeugsam« von Edward Zwick zu sehen. Bemerkenswert fand ich hierbei, dass zumindest die Vorführung, die ich gesehen habe, von gerade einmal fünfzehn Personen besucht wurde. Obwohl es sich um einen kleinen Kinosaal handelte, war die gähnende Leere nicht zu übersehen. Offensichtlich scheint auch das Deutschland des 21. Jahrhunderts immer noch ein Problem damit zu haben, dass die üblicherweise als wehrlose Opfer dargestellten Jüdinnen und Juden auf einmal als selbstbewusst handelnde Akteure erscheinen.

Nicht, dass ich den Film besonders gelungen fand. Ein nach kommerziellen Gesichtspunkten gedrehter Film muss, um das Geld auch wieder hereinzuspielen, Abstriche an den Realitätsgehalt machen und gleichzeitig einer bestimmten formalen Ästhetik genügen. Ein Film, welcher der Vorlage des Buchs von Nechama Tec hätte gerecht werden wollen, hätte differenzierter und nuancierter auf die Lebensrealität im Weißrussland der Jahre 1941 bis 1944 eingehen müssen. Ein Film ist eben ein Film, und insofern er kein Dokumentarfilm ist, erhalten wir bestenfalls eine Ahnung vom gnadenlosen Kampf ums Überleben gegen Naziterror, Wehrmachtsverbrechen und polnische, russische und weißrussische Kollaborateure.

Andererseits ist dem Film zuzugestehen, eine Facette jüdischen Lebens und Widerstandes massenwirksam hervorgehoben zu haben, die so gar nicht ins abgeklärte Weltbild der Spaßgesellschaft passt. Dies ist seine Stärke.

Der Film hatte mich neugierig gemacht auf das zugrunde liegende Buch von Nechama Tec. Nechama Tec ist eine jüdische Überlebende, die während der Naziokkupation Polens bei einer christlichen polnischen Familie Unterschlupf hatte finden können. 1952 emigrierte sie in die USA und wurde später Soziologie-Professorin an einer renommierten Universität. 1986 traten ehemalige Partisanen und Untergrundkämpferinnen an sie heran, die Geschichte der Bielski-Partisanen zu schreiben. Unter der Führung von Tuvia Bielski gelang es dieser Partisaneneinheit, rund 1.200 Jüdinnen und Juden vor der Vernichtung durch die Nazis zu retten.

Ihr Buch »Defiance« erschien 1993 in den USA und drei Jahre später als deutsche Übersetzung unter dem Titel »Bewaffneter Widerstand« im Bleicher Verlag. Nachdem der Psychosozial-Verlag 2003 das dem Judentum verpflichtete Programm des Bleicher Verlages übernommen hatte, gab er in seiner Reihe Haland und Wirth ein Jahr später eine Neuauflage des Buchs von Nechama Tec heraus. Wie ich finde, eine gute Wahl.

»Bewaffneter Widerstand« ist weder ein Roman noch eine historische Abhandlung. Das Buch entzieht sich einer eindeutigen Zuschreibung und es ist zugleich präzise und differenziert. Nechama Tec hat kein Heldenepos geschrieben; dazu sind ihre Ausführungen zu den Stärken und Schwächen Tuvia Bielskis und seiner Partisaneneinheit zu nuanciert. Ihre Quelle sind die Berichte und biografischen Informationen der Mitglieder der Bielski-Partisanen, angereichert durch Hintergrundmaterial aus Archiven und Veröffentlichungen. Wesentliche Grundlage ihres Buchs sind jedoch die Interviews, die sie mit den damals noch lebenden Mitgliedern der Partisanengruppe geführt hat.

Es sind die Ausschnitte dieser Gespräche, die manch eher nüchternen Ausführungen ein ganz eigenes Flair geben. So entsteht ein Bild von Tuvia Bielski und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern, das einen Menschen vorstellt, der im richtigen Moment die richtige Entscheidung trifft, der wie wohl kaum ein zweiter in der Lage war, eine bestimmte humanistische Grundidee vorzugeben, und der mit Kriegsende in ein tiefes Loch fiel, weil seine überlebenswichtigen Fähigkeiten in Friedenszeiten nicht mehr gefragt waren. Die Tragik des Tuvia Bielski mag darin liegen, weder in Israel noch in den USA Anerkennung für sein Handeln gefunden zu haben. Er starb 1987, kurz nachdem Nachama Tec ein erstes Interview mit ihm hatte führen können.

Nechama Tec macht in ihrem Buch deutlich, dass kaum eine oder einer derjenigen, die als Partisanen in die undurchdringlichen Wälder Polens und Weißrusslands flüchteten, einen genauen Plan zur Bekämpfung der deutschen Besatzungstruppen besaß. Es ging zunächst und vor allem um das eigene Überleben. Die Größe Tuvia Bielskis liegt darin, erkannt zu haben, dass kleinere Gruppen leichter entdeckt und getötet werden konnten, eine große Gruppe hingegen mehr Menschen eine Überlebenschance bot. Daher nahm er alle flüchtigen Jüdinnen und Juden auf, egal ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, bewaffnet oder nicht. Andere nichtjüdische Partisanengruppen nahmen in der Regel nur bewaffnete Männer auf, um beweglich sein zu können. Tuvia Bielskis Handeln war nicht unumstritten, nicht einmal in der eigenen Partisanengruppe. Das Gerede vom unnötigen Ballast, der nicht kampffähig ankam und mitgeschleppt werden musste, durchzieht das gesamte Buch.

Wir müssen uns ohnehin von der Illusion verabschieden, dass im bewaffneten Kampf unter Partisanen die besseren Menschen zu finden sind. Auch hier finden sich Hierarchien, auch hier gibt es Menschen, die auf Kosten Anderer leben und überleben wollen. Wenn wir den Ausführungen Nechama Tecs folgen, dann scheint es eine Art Zweiklassengesellschaft gegeben zu haben, nämlich diejenigen mit Waffe und die anderen. Wer eine Waffe besaß, besaß auch besondere Privilegien. Ein eher beklemmendes Kapitel ist die Situation der Frauen im Partisanenlager. In gewisser Weise galten sie als Freiwild und sie mussten, um Zugang zu besseren Lebensbedingungen im Lager zu finden, sich einen »Beschützer« suchen. Diese erzwungene Freiwilligkeit soll jedoch dazu beigetragen haben, dass es keine Vergewaltigung gegeben hat.

Dies ist, auch das sollte deutlich herausgestellt werden, keine Selbstverständlichkeit. Nachdem Wehrmacht und SS im Sommer 1941 die Sowjetunion überfallen hatten, bildeten sich im besetzten Hinterland nicht nur jüdische Partisanengruppen. In der Regel handelte es sich um undisziplinierte bewaffnete Banden mit einem eindeutig männlichen Ehrenkodex. Man nahm sich, was man haben wollte, und nahm dabei weder Rücksicht auf die Zivilbevölkerung noch auf andere Partisanengruppen.

Gerade jüdische Flüchtlinge, die auf der Flucht vor deutschen Nachstellungen waren, wurden Opfer dieser Partisanengruppen. Wenn sie Glück hatten, wurden sie nur ihrer wenigen Habe beraubt. Meist besaßen sie dieses Glück nicht. Schon deshalb war eine große jüdische Partisanengruppe eine Art Lebensversicherung. Erst im Verlauf des Krieges gelang es dem sowjetischen Oberkommando, diese Banden zu disziplinieren und einem russischen Militärbefehl zu unterstellen. Doch die Animositäten zwischen den verschiedenen Partisanengruppen gingen weiter und entluden sich 1943 bzw. 1944 in Kämpfen zwischen sowjetischen und polnischen Einheiten.

Zu den dunklen Kapiteln um Tuvia Bielski gehört sicherlich, dass er als Kommandant für Disziplin sorgen musste und dabei auch vor der Erschießung von Dissidenten in den eigenen Reihen nicht Halt machte. Allerdings ist dies im Kontext des Krieges und des Kampfes ums Überleben zu sehen. In anderen Partisanengruppen war das Erschießen tatsächlicher oder eingebildeter Feinde, Versager oder mitunter auch nur zufällig in die Schusslinie Geratener an der Tagesordnung. Dem gegenüber waren die Bielski-Partisanen eine geradezu zivile Gruppe, was sicherlich damit zusammenhängt, dass es Tuvia Bielski vornehmlich darum ging, jüdisches Leben zu retten und zu bewahren. Der bewaffnete Kampf gegen die Nazis kam erst an zweiter Stelle.

Nach der Lektüre des Buchs fällt es natürlich leichter, die Szenen des Films von Edward Zwick genauer einzuordnen. Der Regisseur hat sich einige künstlerische Freiheiten herausgenommen, ohne die im Buch geschilderten Ereignisse unzulässig zu verfälschen. Natürlich ist nicht alles so vorgefallen, wie es uns der Film zeigt. Die Panzerszene gegen Ende des Films ist eine actiongeladene Erfindung. Aber sie zeigt uns, dass Widerstand auch gegen Besatzer möglich ist, die mit besseren Waffen und ausgefeilter Logistik als unbezwingbar gelten. Insofern kann ich die Autorin des Buches verstehen, dass sie der filmischen Bearbeitung ihres Werkes positiv gegenübersteht, denn es ist zweifelsohne schwierig zu verfilmen.

Ich finde, dieses 324 Seiten starke Buch gehört auf jeden Fall zur Lektüre einer allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit, wobei ich mit diesem Begriff nicht den eingegrenzten Horizont der Bildungspolitik der DDR meine.


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