Rezension zu Eine Couch auf Reisen

Spuren

Rezension von Ulfried Geuter

COUCH GESCHICHTEN

Was ist eigentlich aus Fall X geworden? Zwei Therapeuten blicken zurück und erzählen mitreissende Geschichten.

Zwei machen sich auf, um eine Bilanz ihres Lebens als Psychotherapeuten zu ziehen.
Der eine in New York, der andere in San Francisco. Der Westküstler sucht sich selbst, indem er Jahrzehnte darauf ehemalige Patienten aufsucht. Der Ostküstler erfindet als Antwort ein schönes Drehbuch.

Robert Akeret fuhr weite Strecken, traf fünf Patienten und erzählt in »Eine Couch auf Reisen« frühere Leidensgeschichten, die Therapie, und er schildert Eindrücke, welche die einstigen Patienten heute auf ihn machten. Irvin Yalom lässt in seinem neuen Roman den Psychotherapeuten Julius einem ehemaligen Patienten begegnen. Akeret und Julius, der reale und der fiktive Therapeut, sind beide gequält vom Zweifel, ob sie sinnvoll zum Wohl ihrer Patienten gearbeitet haben. Beide wollen das Ende von Lebensgeschichten erfahren, an denen sie vorübergehend teilhatten.

Akerets Bilanz lautet: drei zu zwei. Drei Geschichten sind gut weitergegangen. Zum Beispiel die von Isabella, die heute einen Pudelsalon führt, vorher eine Tanzschule leitete und lange Jahre in Sevilla als Flamenco Tänzerin arbeitete. Als junge Studentin sollte Akeret sie behan¬deln, weil sie als störend auffiel. Sie sagte Akeret, sie sei eine spanische Contessa und wolle tanzen. Er fragte sich, ob sie an einem Wahn leide. Jahrzehnte später kann er ihr glauben, dass sie es herrlich findet, viele verschiedene Leben in einem einzigen unterzubringen. Als er den Schriftsteller Sasha wieder trifft, muss Akeret hingegen erkennen, dass dessen Leidensgeschichte ohne Veränderung weitergegangen ist.

Akerets Geschichten sind mit einer Freude geschrieben, dass man glauben könnte, ihn interessiere sein Beruf als Quelle literarischer Inspiration. Und sie zeigen das Vermächtnis eines älteren Psychoanalytikers, der sich in seinen Behandlungen wenig an klassische Regeln hielt, der unkonventionell und kreativ arbeitete.

Diese Motive leiten auch Yalom. In seinem Roman Die Schopenhauer Kur zeigt er lebendig, wie er sich eine gelungene Gruppentherapie vorstellt. Julius, der Protagonist, hat aufgrund eines Melanoms den Tod vor Augen. Er macht seinen früheren Patienten Philipp ausfindig, für ihn Symbol eines therapeutischen Misserfolges.


Von Sexsucht und Unfähigkeit zu Nähe hatte er ihn nicht heilen können. Philipp aber hat sich mit Hilfe der Gedanken von Arthur Schopenhauer selbst geheilt. Der deutsche Philosoph hatte gelehrt, der Mensch werde von unbewussten Mächten, vom irrationalen (<Willen)> gesteuert und könne nur erlöst werden, wenn er diesen verneint. Philipp lässt Julius an Schopenhauers Philosophie teilhaben und Julius zieht Philipp in seine Therapiegruppe. Dabei wandeln sich beide.

Yaloms Botschaft aber lautet: Therapeutische Entwicklung ist nur möglich, wenn ein Mensch lernt, sich auf andere zu beziehen. Wie Julius Philipp dazu bringt, daran zeigt Yalom die Kunst seiner Arbeit als Gruppentherapeut. Im Roman kreiert er die lebendige Wirklichkeit einer Therapiegruppe, und der Leser ist live bei den heftigen Prozessen zwischen den Teilnehmern dabei, deren Sprache allerdings «typical american» klingt.

In die Geschichte der Gruppe komponiert Yalom zwei weitere Erzählstränge: das Leben Schopenhauers und die Geschichte von Pam, die bei einem indischen Guru versucht, ihren von Obsessionen beherrschten Geist zu beruhigen. Yalom verwirft die Vorstellung, dass wir durch eine Negierung des Wollens und der Leidenschaften zu innerer Einheit als denkende und fühlende Wesen finden können. Philipp und Pam haben sich in der Kontemplation vom Leben entfernt und kehren durch die Erforschung ihrer Gefühle in der Begegnung mit anderen ins Leben zurück. Philipp wird zu einem fühlenden Wesen.

Während es Akeret verwehrt ist, in das Leben seiner Patienten noch einmal einzugreifen, kann Yalom dies mit einem dramaturgischen Kunstgriff tun. Der beschriebene Prozess wirkt so realistisch, dass man sich nach der Lektüre beider Bücher fragt, ob die Fiktion oder die Fallgeschichte der Wirklichkeit näher kommt. Aus Yaloms gut erfundener Geschichte lässt sich genauso viel lernen wie aus Akerets Spurensuche im realen Leben.

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