Rezension zu Zwischen den Zeilen

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Rezension von Thomas Müller

Der psychologische Blick auf die Weltliteratur
Ein interdisziplinärer Sammelband – herausgegeben von Eva Jaeggi und Hilde Kronberg-Gödde

Die Beitragenden zu diesem Buch, »das psychologische (und psychoanalytische) Analysen von literarischen Werken aus der klassischen und der modernen Literatur in sich versammelt«, stellen auf prägnante Art und Weise Texte von Goethe, Sartre, Musil sowie vielen zeitgenössischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern dar. Thematisch fokussieren die Beispiele in den Einzelbeiträgen der (neben den beiden Herausgeberinnen) vierzehn Autorinnen und acht Autoren auf Aspekte wie Kindererziehung, Partnerwahl, Liebe, Freundschaft, Religion und andere mehr.

Literatur als didaktisches Mittel in der psychologischen Ausbildung

Literarische Figuren, ihre Beziehungen, ihre Probleme und Lebensgeschichten erfahren durch den psychologischen Blick eine Prägnanz, die sie dabei nicht nur für literarisch Tätige, sondern vor allem auch für die interessierte Leserschaft neu erlebbar und bestimmbar machen. Gleichzeitig werden dadurch theoretische psychologische Konzepte klarer – ein didaktischer Gewinn, resultierend aus einem didaktischen Interesse, dem die Entstehung des vorliegenden Buches maßgeblich geschuldet ist: Verschiedene Konzepte der Kindererziehung zum Beispiel, in ihrer Entwicklung durchs 19. oder 20. Jahrhundert, finden in Form der romanhaften Schilderung in der Literatur ihren Niederschlag – »gerinnen« – und werden andererseits durch die literarischen Beispiele wiederum plastischer. Veränderungen der Lebensform, der geschlechtlichen Rollenverteilung sind weitere Beispiele, an denen Ähnliches gezeigt werden kann. Ein »Verstehen« des eigenen Lebens, oder das des Nächsten, stellt sich häufig anhand bzw. mithilfe von »Modellen« ein. Biografische Beispiele, literarisch verarbeitet, auch fiktionäre – sind solche Modelle: Wir verinnerlichen Episoden unseres Lebens mit den wichtigen Menschen, die darin eine Rolle spielen. Literarische Beispiele begleiten unser inneres Leben deshalb sehr viel eindringlicher als dürre Begriffe, Verordnungen und Regeln. Literatur als Instanz begleitet uns (im gelungenen Falle) auf ›verstehende‹ Art und Weise. In anderer Verkleidung eröffnet die Literatur Erlebnisbereiche, die vielen Menschen vertraut sind, und die sie daher im tiefsten Inneren ansprechen. Weshalb dies bei trivialer Literatur nur sehr viel schwerer gelingen könnte, erläutern die Herausgeberinnen recht überzeugend. Selbst auf die PISA-Studie wird hier Bezug genommen, auf das Problem des Fernsehkonsums und seiner Wirkung auf die Entwicklung des Kindes.

Altersspezifische Krankheitsbilder und Symptome: Die Adoleszenz

Ein erstes Kapitel des vorliegenden Sammelbandes bezieht sich auf den Themenkomplex »Jugend«: Die Suche nach der eigenen individuellen Persönlichkeit, die erwachende Sexualität, der Umgang mit Krisen der Adoleszenz sind hier zentrale Aspekte. Das Prozesshafte der Entwicklung eigener Individualität des Heranwachsenden wird in der Zusammenfassung des Kapitels eingangs gut verständlich beschrieben. Der Beitrag von Wolfgang Hegener zu Jean-Paul Sartres »Kindheit eines Chefs« beispielsweise, im Kapitel »Anpassung versus Emanzipation«: Er holt uns, sehr eingängig und gut geschrieben, den tragischen Werdegang eines Antisemiten in Erinnerung – ein Werk, das Symbol ist für die bleibende Bedeutung dieses gesellschaftlichen Phänomens, wenn auch die Forschung zur Genese dieses Phänomens fortwährend neue Erkenntnisse produziert. Ein zweites Beispiel ist Günter Göddes kurzes, äußerst ansprechendes Kapitel über die »Memoiren« Simone de Beauvoirs: Ein Bildungs- und Entwicklungsroman, der die Individuation einer »Tochter aus gutem Hause« behandelt. Recht schnell wird klar, dass wir es hinsichtlich der hier vorliegenden Einzelbeiträge nicht mit dem antiquierten Genre der (psychoanalytischen) Pathografie zu tun haben, einem Genre, dessen Korrelate (und Autoren) der Psychoanalyse und ihrer Verbreitung wohl mehr Schaden als Nutzen erbracht haben, und an das sich ganze Kulturen des Vorurteils gegenüber der Psychoanalyse knüpften. Ganz im Gegenteil zeichnen sich die Einzelbeiträge (fast) durchgängig durch eine emphatische Grundhaltung der Betrachtenden aus, die die Pathografien der frühen Psychoanalytiker-Generationen beispielsweise zu berühmten Philosophen und Künstlern, vermissen ließen.

Noch einmal: Die Hysterie

Das dritte Kapitel des Sammelbands widmet sich einem zeitlos faszinierenden Thema: Der »unerhörten Botschaft der Hysterie«, die als Diagnose nicht allein ein zentraler Gegenstand literarischer Verarbeitung seelischer Phänomene ist, sondern gleichzeitig auch die beliebteste und daher beststudierteste psychiatrische Diagnose der Medizinhistoriografie darstellt. In diesem Kapitel kommen erstmals die beiden Herausgeberinnen mit den von ihnen bearbeiteten Literatur-Beispielen zu Wort: Hilde Kronberg-Gödde widmet sich Gustave Flauberts »Madame Bovary« (Untertitel: »Ein Sittenbild aus der Provinz«), der klassischen literarischen Darstellung einer »Hysterika«, deren Symptome als »vegetative Dystonie« im herkömmlichen Sinne beschrieben wurden.

Zwang und »analer Charakter«

Ein anderes Kapitel ist einem der ältesten psychoanalytisch beschriebenen Symptomkreise gewidmet: Dem »Zwang als Gegenwehr«. Abseits bereits früh existierender Studien zu dieser »Typologie« liegt die Attraktivität dieses Kapitels darin begründet, dass man sich der Psychodynamik des zwanghaften Menschen widmet bzw. den zu verfolgenden Entwicklungslinien – einer weit weniger bearbeiteten Fragestellung. Eine zusätzliche historische Relevanz erlangt dieses Thema für die deutsche Leserschaft, da man für eine gewisse Zeit davon ausging, dass sich so etwas wie ein »nationaler Charakter« der Deutschen durch diese neurotische Ausgestaltung auszeichnet, eine Ansicht, die auch in der Forschung zur Entstehung des Faschismus zur Anwendung kam.

Der »writer’s block«

Die Schreibhemmung – alle kennen sie, keiner redet darüber. Schlimmer noch: Offenbar forscht hierzulande auch kaum jemand darüber – und so bleibt die hohe Relevanz dieses Problems auch der Öffentlichkeit verborgen. Ein erster Teufelskreis: Man ahnt, dass sich die Lektüre des vorliegenden Bands gerade für die ›schreibenden Zünfte‹ alleine bereits aufgrund dieses Kapitels empfiehlt. Und hat man noch Zweifel, ob man selbst gemeint sein soll, so lohnt hinsichtlich des zunächst noch sehr viel netter (integrierbarer) klingenden Begriffs des »Aufschiebeproblems« ein Blick in den Spiegel (ausgeschlafen, morgens – und allein im Badezimmer). Wie weit verbreitet diese überaus häufige Form der Arbeitsstörung nicht nur unter (bereits den werdenden) Akademikerinnen und Akademikern verbreitet ist, müssen die beiden Autoren dieses Kapitels (»Der circulus vitiosus von Schreibhemmungen«) ganz offensichtlich gut beurteilen können, denn beide sind seit Jahrzehnten in der psychologischen Beratung einer der größten Universitäten Deutschlands beschäftigt. Wie zum Beleg, dass es an Forschungen hierzulande mangelt, erfährt man, dass die angelsächsische und französische Fachwelt hierfür durchaus bereits einen Begriff kreiert hat (»procrastination«).

Der Teufelskreis der Schreibstörung (»writer’s block«) – Enttäuschung, Versagensangst, Vermeidung, Verweigerung – zu deren Innenansicht (wiederum künstlerisch-autobiografisch verarbeitet) kürzlich auch Monika Maron beitrug (was sympathischer daherkommt, als ihre Stellungnahmen zur so genannten »Walser-Debatte«), wird hier anhand Hans-Werner Rückerts mit prägnantem Stil versehenen Interpretation von Marcel Prousts Klassiker »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« psychoanalytisch dargestellt sowie anhand des zeitgenössischen Bestsellers »Perlmanns Schweigen« von Pascal Mercier, in einer Betrachtung von Edith Püschel. Im letztgenannten Werk steht der Aspekt der »Willensschwäche« (an sich ein nicht ganz unproblematischer Begriff) im Vordergrund, »der bei jeder Arbeits- und Schreibblockade eine wesentliche Rolle spielt«. Den Unterschied macht hier die einfühlsame Schilderung, die die Leserschaft an dieser Tragik Anteil nehmen lässt, anstatt dass unangebrachtes Witzeln und Ironisieren über »das weiße Blatt« zuviel Raum einnimmt, was ›im wahren Leben‹ ja mitunter geschieht.

Zu einer aktuellen Problematik: Der Narzissmus

Der Narzissmus wurde von Freud (1914) ursprünglich als Grundantrieb im Seelenleben verstanden, »der Phänomene wie den Größenwahn des Schizophrenen, die extreme Selbstverkleinerung des Melancholikers oder die ständige Körperbezogenheit des Hypochonders erklärbar macht«. Dieses Konzept wurde gerade in den 1970er Jahren deutlich erweitert und differenziert. Der Psychoanalytiker Heinz Kohut unterschied zwei Formen der »narzisstischen Kompensation«: das »grandiose Selbst« und die »idealisierte Elternimago«. Mit Ersterer verleugne das Kind tatsächliche oder vermeintliche Mängel der eigenen Person und gebe sich Größenfantasien hin. Durch die Errichtung der zweiten unbewussten Handlungsoption verlege es seinen Stolz auf die vermeintlich allwissenden Eltern, an deren Größe es identifikatorisch Anteil nehme. Beides Idealisierungen – geschaffen, um narzisstische Kränkungen zu kompensieren, also auszugleichen. Im Stereotyp wird nun diese Diagnose des Narzissmus, anders als diejenige der Hysterie, eher dem männlichen Geschlecht attribuiert. Erneut vertreten ist als Beitragende dieses Kapitels die Herausgeberin Hilde Kronberg: Sie porträtiert diesen Themenkomplex am Beispiel Henri Stendhals »Rot und Schwarz«, der Geschichte eines sozialen »Aufsteigers«, der sich hierfür der Frauen der Oberschicht geradezu bedient. Die Autorin argumentiert, dass das Schicksal des Protagonisten (und also auch das psychologische Studium seiner Erkrankung), das eng mit dem nach-napoleonischen Frankreich des 19. Jahrhunderts verbunden ist, dennoch seine Relevanz bewahrt habe – unausgesprochen allerdings bis in die Gegenwart hinein. Heidi Möller stellt den Entwicklungsroman »Der Sieger nimmt alles« von Dieter Wellershoff vor, dem vielfach ausgezeichneten Rheinländer und Begründer der »Kölner Schule des Neuen Realismus«, in dem wiederum Ehrgeiz und Überkompensation eine wesentliche Rolle spielen, ebenso übrigens die »Unterwerfung« einer Frau aus der Oberschicht – doch befinden wir uns nun im Wirtschaftswunder-Deutschland, was im Plot an riskanten Geldtransaktionen inhaltlich bildreich dargestellt wird. Verloren geht alles, für dieses Wirtschaftswunderkind, auch das eigene Leben. Sieglinde Eva Tömmel widmet sich Martin Walsers »Tod eines Kritikers«. Beschrieben wird der »maligne Narzissmus« des Protagonisten, des Schriftstellers Hans Lach, eher leidensbereit, und dessen Konflikt mit dem »Kritiker« namens Ehrl-König, ebenfalls ein prototypischer Narzisst. Letzterer mimt den gnadenlosen Kritiker – ein gut vorstellbares Stereotyp, in der ›freien Wildbahn‹ zuweilen ein role-model. Zentral in dieser Erzählung ist das »Herr-Knecht-Thema«, das das Verhältnis dieser beiden Figuren charakterisiert. Auf die Verbindungen zwischen Romaninhalt, Walsers Autobiografie und dem deutschen Nationalsozialismus wird von Tömmel zwar hingewiesen. Eine deutlichere Bezugnahme auf die Walser-Debatte wäre allerdings hilfreich und wünschenswert gewesen.

Nichts ist mehr sicher: Die Psychose

Auch das Erscheinungsbild der Psychose bzw. das »psychotische Erleben« hat die schriftstellernde Kunst von jeher fasziniert. Sofort denkt man an Dostojewski, doch die Liste berühmter Namen, die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigt haben, ist deutlich länger und umfasst bei Weitem nicht alleine Schriftsteller. »Die Realität wird fremd, die Grenzen der eigenen Person lösen sich auf, nichts ist mehr sicher«. Warum diese Erkrankung die Künste von jeher interessierte und zu bildlichen wie schriftlichen Darstellungen anregte, wird im Einführungstext zu diesem Kapitel, von kleinen medizinhistorischen Fehlern abgesehen, der Leserschaft erneut gut verständlich dargelegt und an zwei literarischen Beispielen behandelt.

Im Überblick

Im Rahmen einer Rezension können aus formalen Gründen und hinsichtlich eines solch umfangreichen Werkes nicht alle Kapitel ähnlich ›ausführlich‹ kommentiert werden. Für die interessierte Leserschaft seien jedoch zumindest noch einige sehr lesenswerte Kapitel bzw. Themenkomplexe genannt: Es findet sich ein Kapitel zum Thema »Unbewusste Partnerwahl«, auch dies ein psychoanalytisches ›Lieblingsthema‹, das – ob seiner tragischen Folgen – nicht nur die schriftstellernde Zunft, sondern auch Laien gleichermaßen und zu allen Zeiten fasziniert(e). Hier wird dargelegt, wie man aus Texten biografisch bedingte Bilder, Sehnsüchte, Konflikte und Wünsche »herauspräparieren« kann. Achim Würker beispielsweise analysiert ein Werk von (man hatte ihn bereits vermisst) Johann Wolfgang von Goethe und behandelt anhand der Figur des »Gretchens« den Aspekt der so genannten Objektwahl in diesem ›Fall‹ von unheilvoller Unbedingtheit der Liebe des kindlich-unschuldigen und genauso selbstsicheren Gretchens und seinem Weg vom Mutter-, Bruder- und Kindsmord bis in den Kerker. Mit Uwe Johnsons »Skizze eines Verunglückten« wurde ein Beitrag von Isabelle Nathalie Koch beigesteuert, in dem Symbiosewünsche der Romanfigur enttäuscht werden und das Schicksal seinen (ebenfalls tragischen) Verlauf nimmt.

Zum Kapitel »Liebesschicksale« trägt Karla Hoven-Buchholz mit psychoanalytischen Gedanken zu Giuseppe Verdis »La Traviata« bei, garniert mit dem aufsehenerregenden Untertitel »Warum wir so gerne edle Prostituierte auf der Bühne sterben sehen«, in der das Vordringen zu einer reiferen Liebesform thematisiert wird. Wir befinden uns also hier quasi im nächsten Lebensstadium, nach dem die Partnerwahl vorgenommen wurde, ob geglückt oder auch nicht: Achim Würker nimmt nun zu Bernhard Schlinks »Der Vorleser« Stellung. Wie andere Leser und Rezensenten dieses Werks zuvor, nimmt auch Würker durchaus kritisch, dabei aber vorsichtig Stellung zur Thematik des Nationalsozialismus in diesem Roman eines zuvor vor allem als Krimi-Autor bekannten Schriftstellers, die im Roman selbst eine zentrale Rolle spielt. Doch tut Würker dies fast ein wenig rechtfertigend und allein in einer einleitenden Fußnote, was nicht recht nachvollziehbar ist, nicht vollends überzeugt. Denn gar zu bedeutsam und zentral ist in diesem Buch von Schlink das hohe Maß an »Verständnis«, das Schlink für seine Protagonistin (und deren Rolle und Haltung als Aufseherin eines Lagers im Nationalsozialismus) von der Leserschaft kaum übersehbar (und dennoch unverständlich) einfordert. Das stellt zwar auch Würker fest (»Allianz mit dem Helden und Erzähler«), dennoch werden in der Folge, wenn auch assoziativ, einige unplausible Vergleiche angestellt. Im Kontext fällt auf, dass die harsche Kritik an diesem Werk zuerst von englischen Historikern geäußert werden musste, während in Deutschland allerorten gejubelt wird, wie hervorragend das Buch für den Geschichtsunterricht der Schulen geeignet sei. Auf diese Diskrepanzen noch deutlicher einzugehen, stünde einem psychoanalytischen Beitrag gut an.

»Auf der Suche nach dem Guten«, so können auch einige fiktionäre Personen der Weltliteratur und deren Biografien gut umschrieben werden – so zum Beispiel die Romane von Henry James, in denen Amerikaner (dem »alten«) Europa begegnen (noch ein aktuelles Thema!), zu den kulturellen Missverständnissen, die dies mit sich bringt und einiges mehr: So zum Beispiel in dem weltbekannten »Portrait of a Lady« einerseits (das Martyrium der Ehe, die endgültige Selbstaufgabe einer Ehefrau, ihre Erstarrung) sowie eine Interpretation von »Watch and Ward« andererseits, die von Peter Dettmering beigetragen wurden. Wolfram Frietsch bestritt das zweite Unterkapitel der »Suche« mit einem Beitrag zu Peter Handkes »Die linkshändige Frau«. Eva-Maria Alves schließt das Kapitel mit einem epochenerweiternden Beitrag zu der Barock-Lyrikerin Catharina Regina von Greiffenberg ab.

»Verlangen nach Freiheit« – das abschließende Kapitel dieses anregenden Bandes: Monika Englisch wählte den ›Menschenfresser‹ Elias Canetti und zieht einen seiner sehr bekannten Romane heran: »Die gerettete Zunge«, den ersten von drei autobiografischen Bänden Canettis. Die ›gerettete Zunge‹ (der das Sprechen in der Handlung noch im bulgarischen Ladino untersagt wird, einer ersten Muttersprache Canettis) ist ein klassisches Alterswerk, verfasst im achten Lebensjahrzehnt, in dem Canetti auf hohem Niveau den Gründungsmythos seiner Dichterexistenz erzählt. Ein Werk der Weltliteratur – ohne Zweifel. Dazupasst, was Susan Sontag schrieb: »[Canetti] ist ganz davon in Anspruch genommen, jemand zu sein, den er bewundern kann«, weshalb eher autobiografische Fragmente Canettis auch in einer anderen Rubrik des Bandes von Kronberg-Gödde und Jaeggi hätten behandelt werden können, als derjenigen, in der das ›Verlangen nach Freiheit‹ im Vordergrund steht. Ein zweiter Beitrag rundet dieses Kapitel ab, in dem Günter Gödde (der an der Erstellung dieses Sammelbandes mitarbeitete) seine Anschauungen zu Alfred Anderschs autobiografischen Erzählungen darlegt.

Zwischen den Zeilen

Insgesamt liegt hier ein äußerst inspirierendes Buch vor, dass viele Leserinnen und Leser ganz persönlich ansprechen dürfte. Dass die Literatur das Verständnis der Psychologie bzw. Psychodynamik erleichtere – eine These aus dem Vorwort – haben die Beitragenden zu diesem Band eindringlich unter Beweis gestellt. Unter Menschen, die in diesem Feld beruflich tätig sind, wird er sicher große Verbreitung finden. In den jeweiligen Literaturlisten finden sich, nicht überraschend, die highlights der psychoanalytischen Literatur-Interpretation. Vielleicht wird sich dennoch nicht jeder Literaturwissenschaftler mit den Deutungen der Autorinnen und Autoren dieses Bandes einverstanden erklären. Und mit der bleibenden Kritik der Medizinhistoriografie an der »sozialen Konstruiertheit« hier zur Anwendung kommender Diagnosen ist sicher zu rechnen. Und so manche(r) literarisch interessierte, klinisch-psychiatrisch Tätige(r), der sich einem psychodynamischen Verständnis der Entstehung psychischer Erkrankungen nicht mehr öffnen möchte, wird die »Brauchbarkeit« und »Evidenzbasiertheit« entsprechender Diagnosebegriffe in Frage stellen. Doch stellt diesen Widerspruch zu erregen eine weitere Stärke dieser Art der Annäherung an das Verständnis psychischer Erkrankung -, und damit der Beiträge dieser Autorinnen und Autoren – dar.


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