Rezension zu »Liebe auf Abwegen«

Freie Assoziation 3/2008

Rezension von Theo Piegler

Als der bekannte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki im Februar 2007 die Ehrendoktorwürde der Berliner Humboldt- Universität verliehen bekam, wurde in der Laudatio eine Äußerung des Geehrten zitiert, nämlich dass das Fundament aller großen Dichtung ein einziges Themenpaar sei: die Liebe und der Tod. Damit war von höchster literarischer Autorität die dualistische Trieblehre Freuds (»Eros« und »Thanatos«) aufs Schönste beglaubigt. Und da Kinofilme oft genug die Umsetzung literarischer Vorlagen sind, darf dasselbe mit Fug und Recht auch für sie in Anspruch genommen werden. In seinem im Herbst dieses Jahres erschienen Buch untersucht Mathias Hirsch dieses zentrale Movens der Menschheit, auf die Liebe fokussierend. Der Autor ist ein sehr renommierter, in Düsseldorf in Lehre und eigener Praxis tätiger Psychoanalytiker, der mehr als 150 Publikationen vorzuweisen hat. Ihm kommt im deutschsprachigen Raum das Verdienst zu, unseren Blick für Traumatisierungen, transgenerationale Aspekte derselben und die unbewusste Verwendung des Körpers als Objekt geschärft zu haben. In seinem Buch vermeidet er das unmögliche Unterfangen »Liebe« zu definieren und geht statt dessen auf die intersubjektiven Aspekte von Liebesbeziehungen ein, wie sie sich im Film eindrucksvoll widerspiegeln, ohne freilich intrapsychische Aspekte zu vernachlässigen. Er führt aus, dass zwischenmenschliche Beziehungen, und erst recht natürlich Liebesbeziehungen, grundsätzlich den Grundkonflikt eines jeden Menschen enthalten: »das Begehren, den Drang nach Vereinigung und Verschmelzung, bei gleichzeitiger Angst vor der Fusion, der verschmelzenden Nähe und damit vor dem Verlust der Freiheit« (S. 10). Letzterer Aspekt, der zur Zerstörung oder zumindest Störung von Liebesbeziehungen führt, lässt sich zwanglos mit Freuds Konzeptualisierung von »Thanatos« in Verbindung bringen. Alle im Buch besprochenen Filme sind vom Autor im Rahmen der Reihe »Psychoanalyse & Film« der Akademie für Psychoanalyse und Psychosomatik Düsseldorf in einem ortsansässigen Kino im Lauf der zurückliegenden Jahren vorgestellt, interpretiert und diskutiert worden. Hirsch geht in systematischer Weise zu Werk: Mutterliebe untersucht er anhand der Filme »Dancer in the Dark« und »Herbstsonate«, Vaterliebe analysiert er im Film »Die Rückkehr«, Hitchcocks »Die Vögel« steht für Sohnesliebe, Bruderliebe ist das Thema in »Farinelli – Il Castrato«, Liebesunfähigkeit das des Filmes »Ein Herz im Winter«, pathologische Eifersucht das von Buñuels »Er (El)«, als Beispiele für perverse Liebe analysiert er »Belle de jour« und »Der Nachtportier«, Selbstliebe ist das Thema von Herzogs »Aguirre, der Zorn Gottes«, inzestuöse Liebe ist zentrales Thema von »Das Fest« und »La fleur du mal – Die Blume des Bösen«. Beispiele für Liebe in der Therapie sind »Spellbound – Ich kämpfe um dich« und »Intime Feinde«. Den Abschluss bildet eine Abhandlung über die eheliche Liebe, dem Thema des Filmes »Lemming«. Insgesamt analysiert Hirsch so 11 Varianten von Liebesbeziehungen, wobei er jeder Filmanalyse eine Inhaltsangabe voranstellt, so dass auch der Leser, der einen Film noch nicht angesehen hat, Hirschs Rückschlüsse und Interpretationen mühelos nachvollziehen kann. Seine Ausführungen künden nicht nur von seiner enormen Erfahrung und Kenntnis seelischer Abläufe, sondern ebenso von seinem Wissen um Gesellschaft, Kultur und Film. Immer ist er darum bemüht, den Leser einzubeziehen und auf seine feinsinnigen analytischen Erkundungen mitzunehmen. Ein Beispiel: In der Analyse von Buñuels »Er (El)« macht er das verrückte Verhalten der Protagonisten psychodynamisch nachvollziehbar und schlägt hinsichtlich perverser Akzentuierungen den Bogen zu einem Versprecher Buñuels in einem Interview: »Marquis de Sade has influenced me psychologically. He was my real moral discovery in my wife ..., sorry, in my life, a fundamental aspect in my ideology« (S. 95). Nicht bloßstellend, sondern gleichsam schmunzelnd verweist er darauf, dass die Ehe Buñuels – vielleicht gerade deshalb (d. Verf.) – ein Leben lang gehalten habe. Und weiter führt er aus, dass solche paranoiden, sadistischen und masochistischen Elemente, wenn auch in diesem Film bis ins Komische gesteigert, uns wohl allen bekannt seien: »Wenn der Film auch in keiner Weise als Satire oder Komödie konzipiert ist, hat er doch sehr komische Momente, die wohl dadurch ihre Wirkung beziehen, dass die extreme Rollenverteilung von eifersüchtigem Macho, der dann aber auch wieder seine ganze Schwäche zeigt, und leidender, duldender, letztlich identifizierter Frau eine alltägliche Beziehungs- bzw. Ehedynamik, wenn auch ins Extreme gesteigert, wiedergibt, in der wir uns alle erkennen« (S. 95).

Auch wenn schwere Beziehungspathologien Erwachsener (»Pathologische Eifersucht«, »Perverse Liebe«, »Inzestuöse Liebe« etc.) in der kindlichen Entwicklung (»Vaterliebe «, »Mutterliebe«) wurzeln, vermag es doch auch die optimalste kindliche Sozialisation nicht unser urmenschliches Abhängigkeits-/Autonomiedilemma ganz zu lösen, so dass Hirsch In Anbetracht all der daraus erwachsenden Schwierigkeiten – immerhin ist in 2/3 aller längerfristigen Partnerschaften die Lust aneinander mehr oder weniger erloschen (Welter-Enderlin, 2008; S. 183f.) – konstatiert er in sehr persönlicher Weise: »Für mich ist das Ideal der Liebe, dass sie wie die Musik eine Integration oder Synthese von Verschmelzungssehnsucht und Struktur, von Beziehung und Attraktion, von Bindung und Freiheit erreicht, eine Aufgabe, die ganz zu erfüllen das Schwerste sein dürfte, sodass wir alle, jedenfalls auf Dauer, mit einem mittleren Maß zufrieden sein müssen« (S. 79). Feinsinniger vermag wohl niemand diesen Sachverhalt in Worte zu fassen.

Die zitierten Beispiele zeigen, wie anrührend dieses Buch geschrieben ist und den besprochenen Filmen gleich – die Auswahl ist sehr bedacht! – den Leser unmittelbar erreicht. Hat man dieses Buch einmal in Händen, dann fällt es schwer diese Lektüre wieder aus der Hand zu legen. Das liegt einmal an Hirschs ansprechender Art psychodynamische Sachverhalte nahe zu bringen und zum anderen am Thema selbst, der Liebe und ihren vielfältigen Abwegen, die keinem der Leser unbekannt sind. Die im Buch besprochenen Filme bewegen natürlich auch ohne Kenntnis der psychodynamischen Zusammenhänge sehr. Ich denke dabei z.B. an Hitchcocks »Die Vögel«, aber welche Dimensionen eröffnet uns Hirsch! Oder wissen Sie um die Bedeutung der Vögel? Ein von der ersten bis zur letzten Seite sehr zu empfehlendes, lesenswertes Buch, dem man eine weite Verbreitung wünscht bei Menschen, die mit dem Psycho-Bereich verbunden sind ebenso wie bei Filmfans und Psychoanalyse-interessierten Laien.

Literatur
Welter-Enderlin, R. (1994): »Glut unter der Asche«. Leidenschaft und lange Weile bei Paaren in Therapie. Sonderheft – 33 Jahre Familiendynamik (2008): S. 183-201.

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