Rezension zu Phänomen geistige Behinderung

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Rezension von Kirstin Wittchow

Das vorliegende Buch hat mir, obwohl ich auf einen umfangreichen Erfahrungsschatz in Bezug auf die Thematik zurückgreifen kann, nochmals sehr deutlich vor Augen geführt, wie profit- und leistungsorientiert unsere Gesellschaft ist und wie wenig der einzelne Mensch zählt.

In den einzelnen Beiträgen wird immer deutlicher, wie sehr das menschliche Leben durch den Staat und seine Gesetze auf die Frage des Geldes, d.h. der »Unterhaltungskosten«, reduziert wird. Dieses Buch sollte sich nicht nur an die Menschen wenden, die in ihrer täglichen Arbeit mit beeinträchtigten Personen zu tun haben, sondern an alle Studenten und Auszubildenden, die in ihrem späteren Berufsleben etwas mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, um ihnen zu zeigen, was eine Stigmatisierung durch den eingeschränkten Begriff der »geistigen Behinderung« einem Menschen antun kann.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, das gilt vom Grundgesetz her für jeden Bundesbürger, allerdings wird mit fortschreitendem Lesen des Buches klar, dass dem doch nicht so ist, und dass diejenigen, die etwas gegen diesen Zustand tun wollen, so gut wie nichts ausrichten können, außer sich mit Herz und Seele dieser Aufgabe zu widmen und keinen Mitmenschen mit einer per Gesetz definierten »geistigen Behinderung« aufzugeben – auch wenn das Geld hinten und vorn nicht reicht.

Des Weiteren zeigen die Beiträge, dass man an den in der Öffentlichkeit vorherrschenden Vorurteilen arbeiten muss. Erschreckend war, diesbezüglich, das Kapitel »Wenn Menschen mit einer geistigen Behinderung Eltern werden« und den darin aufgeführten Mythen über Eltern mit geistiger Behinderung. Menschen mit einem Handicap werden nach wie vor ausgegrenzt, und die Gesellschaft empfindet es als Erleichterung, wenn sie mit diesen Mitmenschen nur das Nötigste zu tun hat.

Es stellt sich nach der Lektüre des Buches die Frage, wie in einer angeblich so aufgeklärten, fortschrittlichen und toleranten Gesellschaft wie der unseren an solch haarsträubenden und veralteten Methoden im Umgang mit behinderten Menschen festgehalten werden kann. Es wird klar, dass sich die Betreuungsstruktur in Deutschland drastisch ändern muss (erfolgreiche Beispiele gibt es im Ausland genügend), um nicht in einem Kollaps zu enden. Es wird aber auch deutlich, dass man jeden Menschen nach ethischen Gesichtspunkten beurteilen muss und nicht nach Zahlen auf einem Stück Papier.

Dieses Buch sollte als Appell für Psychologen und Pädagogen verstanden werden, aus den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln das Beste herauszuholen und niemanden aufzugeben, auch wenn dies einfacher und billiger wäre. Es sollte aber auch als Appell an diejenigen gerichtet sein, die über finanzielle Mittel und damit über die Zukunft von in Abhängigkeit befindlichen Menschen entscheiden.

Am Ende des Buches stehen zwei große Aspekte über die man nachdenken sollte:
1. Die Würde und Autonomie des Menschen muss unangetastet bleiben.
2. Man ist nicht behindert, man wird behindert.


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