Rezension zu Sprachspiele des Erinnerns

Archiv für Sozialgeschichte 48, 2008

Rezension von Malte Thießen

Gedächtnisgeschichte
Neue Forschungen zur Entstehung und Tradierung von Erinnerungen

I. FORMEN UND FOLGEN DES ERINNERUNGSBOOMS

Historiker können sich vor Paradigmenwechseln kaum noch retten. Umso erstaunlicher ist es, dass Erinnerung und Gedächtnis seit den späten Achtzigerjahren als Leitbegriffe der Geschichtswissenschaft fest etabliert scheinen. Die Omnipräsenz des memory boom (1) – deren Kritiker wohl eher von einer permanenten Penetranz sprechen würden – beruht nicht zuletzt auf der Anpassung von Erinnerungs- und Gedächtnis-Konzepten an aktuelle Forschungstrends. Die Bedeutung von Erinnerungen für die Konzeptualisierung von Generationen braucht in diesem Zusammenhang wohl nicht erst hervorgehoben zu werden (2), aber auch für Konzepte zu einer »Bild-« und »Geräusch-Geschichte« oder zur historischen Traumaforschung ist die Weitergabe von Erinnerungen von erheblicher Bedeutung. (3)

Darüber hinaus bildet das Thema »Erinnerung« seit den Achtzigerjahren die »Schnittstelle von Wissenschaft und Lebenswelt« (4), was die Attraktivität von Erinnerungs-Forschungen ebenfalls erhöht haben dürfte. In Debatten um das (meist lückenhafte) Gedächtnis von Zeitzeugen wie zuletzt bei Günter Grass, um den Stellenwert des »Dritten Reichs« oder der DDR im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik und natürlich an Jahrestagen sind Erinnerungen ein medialer Dauerbrenner. Auf dem Gebiet der Erinnerungskultur sind Historiker gern gesehene Kommentatoren, gelegentlich sogar Korrektiv kollektiver Erinnerungen an Holocaust, Vertreibung oder Bombenkrieg. Der public turn (5) der Zeitgeschichte ist also eng verknüpft mit dem Erinnerungsboom.

Von dieser innerdisziplinären Attraktivität abgesehen, sind Erinnerungen und Gedächtnis aber auch interdisziplinäre Zauberworte, mit denen sich gemeinsame Forschungsvorhaben begründen lassen. Das Gedächtnis, so haben Hans J. Markowitsch und Harald Welzer festgestellt, bildet eine »Konvergenzzone zwischen Disziplinen« (6), in der zentrale Forschungsfragen der Neuro- und Kulturwissenschaften zusammentreffen. Von der Theologie und Philosophie zur Rechtswissenschaft, von der Neurobiologie über die Psychoanalyse bis zur Medien-, Kommunikations- und Geschichtswissenschaft: dem weiten Feld der Erinnerungen nähert man sich seit längerem aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. (7) Umso sinnvoller erscheinen daher interdisziplinäre joint ventures. Insbesondere die erfolgreichen Kooperationen zwischen neuro- und sozialwissenschaftlichen Projekten haben in letzter Zeit gezeigt, dass die Geschichtswissenschaft hier auf einem ihrer zentralen Gebiete herausgefordert ist, so dass der Mediävist Johannes Fried bereits die Entwicklung »einer neurokulturellen Geschichtswissenschaft« (8) auf die Agenda der Historiker gesetzt hat. (9)

Die gängige Warnung »ohne Erinnerung keine Geschichte« (10) kann von der Geschichtswissenschaft also durchaus wörtlich genommen werden: Eine intensivierte Beschäftigung mit neuen Gedächtniskonzepten und Untersuchungen zur Weitergabe von Erinnerungen ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt ebenso sinnvoll wie drängend. Für diese Auseinandersetzung soll der folgende Beitrag Einblick in neue Forschungsprojekte sowie Orientierung in der Begriffsvielfalt der verschiedenen »Gedächtnisse« geben. Dieser Überblick ist insofern ein interdisziplinärer, als Arbeiten aus der Neurobiologie, aus der Entwicklungs- bzw. Pädagogischen Psychologie, der Biografieforschung sowie aus den Sozial-, den Medien-, Literatur- und Geschichtswissenschaften herangezogen werden. Dass dabei Berührungspunkte zwischen Neuro-, Sozial- und Geschichtswissenschaft besondere Berücksichtigung finden sollen, ist nicht allein dieser interdisziplinären Perspektive geschuldet. Zugleich hat die Sozial- und Kulturgeschichte großes Potenzial, die gegenwärtige Gedächtnisforschung mit neuen Impulsen, etwa zur soziokulturellen Rahmung von Erinnerungen, zu bereichern. Die interdisziplinären Schnittstellen können daher neue Perspektiven einer geschichtswissenschaftlichen Erinnerungsforschung konturieren.

In diesem Sinne gliedert sich der Beitrag in drei Abschnitte, die der Gedächtnisforschung in immer weiteren Kreisen folgen und damit vom individuellen über das Familien- bis zum kollektiven Gedächtnis reichen, wobei das erste Unterkapitel über Gedächtniskonzepte (II.) von einem Exkurs zur Narrativität von Erinnerungen ergänzt wird (III.). Darauf aufbauend werden aktuelle Studien zum Familiengedächtnis diskutiert, die v. a. mit Überlegungen zur transgenerationellen Tradierung verbunden sind, sich also mit der Weitergabe von Erinnerungen zwischen den Generationen beschäftigen (IV.). Im letzten Abschnitt schließlich finden neuere Studien zum kollektiven Gedächtnis Berücksichtigung, wie sie Historikern vor allem aus der Erinnerungskulturen-Forschung vertraut sind (V.). Zwischen allen drei Bereichen, so viel lässt sich hier bereits vorwegnehmen, sind die Grenzen fließend, gründen Erinnerungen auf individuellen, familiären und gesellschaftlichen Wechselwirkungen, was die Gedächtnisforschung komplex, aber auch anschlussf ähig an zahlreiche Disziplinen macht. Aber damit befinden wir uns schon mitten in der Diskussion um Konzepte zur individuellen Erinnerung, wie sie im Folgenden präsentiert werden.

[...]

III. ERINNERUNGEN ODER ERZÄHLUNGEN?

Gleichwohl bleibt bei diesen Gedächtnis-Konzepten eine grundsätzliche Frage ausgeklammert, die erhebliche Bedeutung für die Analyse von Erinnerungsprozessen hat: Wie begegnen uns eigentlich Erinnerungen, wie ›materialisieren‹ sich Gedächtnisspuren zu Untersuchungsgegenständen? Da in den Geisteswissenschaften auf absehbare Zeit nicht mit bildgebenden Verfahren gearbeitet werden dürfte, bleibt also nicht nur die Frage von Bedeutung, wie Erinnerungen entstehen und sich verändern, sondern auch, wie Erinnerungen überhaupt zu Quellen avancieren.

In diese Richtung zielen auch die Arbeiten der Psychologin Karoline Tschuggnall. Die langjährige Mitarbeiterin in Welzers Projekten zur Tradierungsforschung erkundet in ihrer Dissertation das autobiografische Gedächtnis am »Erzählen der eigenen Lebensgeschichte« (30), genau genommen an Forschungsinterviews, die sie mit drei Angehörigen einer Familie geführt hat. Obgleich das Ausmaß ihrer Theoriebildung in einem gewissen Missverhältnis zu deren Anwendung auf das empirische Material steht, ist Tschuggnalls Methodenmix aus Kultur-, Diskurs- und narrativer Psychologie ungemein aufschlussreich. Mit Bezug u. a. auf Lev Wygotski und Katherine Nelsons Forschungen zum memory talk sieht sie in der Sprache das Medium für Erinnerungen, da Sprache nicht allein als Ausdruck oder Abbild von Bedeutungen zu verstehen sei, sondern Bedeutung generiere. Wegen dieser Narrativität von Erinnerungen hebt Tschuggnall konsequenterweise jegliche »Trennung zwischen Sprache und Kognition, zwischen Kommunikation und Gedächtnis« auf: »Erst durch die soziale Praxis des Redens«, so stellt sie fest, würden aus »Ereignissen dauerhafte Erinnerungen«. (31) Nicht zuletzt die childhood amnesia, das Unvermögen von Kleinkindern, sich an persönliche Erlebnisse zu erinnern, sei für diese untrennbare Symbiose aus Erinnerung und Sprachentwicklung ein schlagender Beweis.

In dieser narratologischen Perspektive kommt Tschuggnall zu einer zweiten, nicht minder wichtigen Erkenntnis: Wenn Erinnerungen rein sprachlich determiniert sind, muss der Dialog erhebliche Bedeutung für die Konstruktion eines autobiografischen Gedächtnisses haben. (32) In den von Tschuggnall untersuchten Lebensgeschichten misst sie folglich dem Zuhörer ebenso große Bedeutung für die Erinnerungsarbeit zu wie dem Erzähler, ja mehr als das: Nicht nur der reale Interviewer habe entscheidenden Anteil an der Konstruktion einer Lebensgeschichte, wenn er mit Einwänden, Fragen, Zustimmung das Gespräch strukturiert. Darüber hinaus richten sich Lebensgeschichten immer auch an einen »impliziten Adressaten« (33), gehen Mutmaßungen und Vorerwartungen des Erzählers in seine Lebensgeschichte ein und beeinflussen die autobiografische Erinnerung sozusagen in vorauseilendem Gehorsam.

Für die Geschichtswissenschaft sind diese Ergebnisse zur gemeinsamen Verfertigung von Erinnerungen insofern von Bedeutung, weil damit der Forscher ebenfalls zum Gegenstand seiner Forschung wird. Wurden lebensgeschichtliche Interviews bislang meist als Quelle für Sinn- und Identitätsstiftungsversuche des Erzählers interpretiert, käme demnach die Aufgabe hinzu, eine wechselseitige Konstruktion von Lebensgeschichten – und damit die Vorannahmen und Sehgewohnheiten des Forschers – in die Analyse einzubeziehen. Ein treffendes Beispiel bieten hierfür auch die »Erinnerungsgespräche mit Tätern, Opfern und Mitläufern des Nationalsozialismus«, die der österreichische Historiker Gerhard Botz in einem Sammelband veröffentlicht hat. (34) Sowohl Gedächtnisforscher als auch oral historians dürften nach einem flüchtigen Blick in die Beiträge zunächst enttäuscht sein: In den 14 Essays sind ausführliche Interviewausschnitte eine seltene Ausnahme, einige Beiträge verzichten sogar ganz auf Zitate aus den Gesprächen. Stattdessen berichten die Autoren, Studierende eines zeitgeschichtlichen Seminars der Universität Wien, ausführlich über ihre Erfahrungen und Probleme während der Interviews, über ihre Erwartungen und Enttäuschungen – unter »Erinnerungsgesprächen« würde man etwas anderes verstehen. Und doch sind diese Beiträge für die Gedächtnisforschung ein Glücksfall, wenn man die narratologischen Erkenntnisse zur dialogischen Verfertigung von Erinnerungen konsequent zu Ende denkt. Denn in den Erfahrungsberichten spiegeln sich zwar kaum Erinnerungen der befragten Zeitzeugen wider, wohl aber das Geschichtsbewusstsein der Interviewer sowie deren Sinnstiftungsbedürfnisse, wie sich am Beispiel des Beitrags von Léa Todrov deutlich machen lässt.

Todrovs Interview mit einer Französin, die von Widerstandstätigkeit und anschließender KZ-Haft in Ravensbrück berichtet, ist von einem inneren plot der Interviewerin strukturiert. So beschreibt die Interviewerin nicht nur ihre »Angst« vor detaillierten Schilderungen des Lager-Alltags, ihre Zurückhaltung gegenüber bedrohlichen Themen oder ihr Bedürfnis nach einer ›guten‹ Geschichte, die »Beweise für ein moralisch und geistig integres Leben im Konzentrationslager« (35) liefert. Darüber hinaus benennt sie auch persönliche Identifikationsprozesse, war beispielsweise die Zeitzeugin bei ihrer Ankunft im KZ Ravensbrück genauso alt wie die Interviewerin zum Zeitpunkt des Interviews, was Todrov zu einer außergewöhnlich offenen Feststellung verleitet: »Und da wird mir bewusst, dass ich fast wünsche, ein so aufregendes Leben geführt, solche Geschichten erlebt zu haben. Mein eigenes Leben kommt mir plötzlich so schal vor, langweilig.« (36) Regina Fritz berichtet in ihrem Beitrag über das Interview mit einer ehemaligen KZ-Gefangenen aus Ravensbrück sogar von ihrem »Stolz«-Empfinden, dass sie »in die Geschichte« der Zeitzeugin »eingeweiht worden« (37) sei.

Für den hier aufscheinenden Zusammenhang von Identifikationsprozessen, Erzählstrategien und autobiografischen Erinnerungen lässt sich auf Ulrike Jureits Dissertation zu »Erinnerungsmustern« zurückgreifen, in der das Erzählen von Lebensgeschichten als »Entwurf einer Figur« im Dienste einer gegenwärtigen Sinn- und Identitätsstiftung verstanden wird: »Indem das Individuum sein Leben Revue passieren lässt, wird das Erinnerte in eine subjektive Bedeutungs- und Sinnproduktion eingebunden, die eine textimmanente Trennung zwischen Ereignis, Erfahrung und Deutung nicht mehr ermöglicht.« (38) Erinnerungen, so wäre eine Folgerung aus diesen Überlegungen, sind dem Historiker also allein als Erzählung, als Text präsent, der bewusst oder unbewusst einem inneren plot folgt, der wiederum vom gegenwärtigen Kontext, von kulturellen Deutungsmustern oder geschichtspolitischen Debatten abhängig ist. Wegen dieser Beobachtung sind oral historians vermehrt dazu übergegangen, bei Aussagen von Zeitzeugen nicht mehr von Erinnerungen, sondern von erzählten Erinnerungen oder gleich von Erzählungen zu sprechen, die »Einblick in einen hochaffektiv besetzten Verarbeitungs-, Konstruktions- und Sinnbildungsprozess [...] geben, wir können auch sagen: in die Subjektivität der Erzähler.« (39) »Erinnerungsmuster« beeinflussen allerdings nicht nur die Erzählungen des Zeitzeugen, sondern ebenso den Zuhörer, der an der sinnstiftenden Konstruktion von Erinnerungen mitarbeitet. (40) Daher schlagen sich in Gesprächen zwischen Zeitzeugen und Interviewern »geschlechterspezifische Rollenvorstellungen« und die Folgen der »Generationenlagerung« (41) nieder, wie sie Gerhard Botz in seiner Einleitung zu den »Erinnerungsgesprächen« beschrieben hat. Ganz gleich, wie hoch man den Erkenntniswert dieser »Erinnerungsgespräche« für Erinnerungen der Zeitzeugen einschätzt, geben sie einen ungemein starken Eindruck in das Geschichtsbewusstsein der sogenannten zweiten und dritten Generation, der Kinder und Enkel der Erlebnisgeneration.

Mit der Narrativität von Erinnerungen ist also die Frage zur methodischen Einordnung des Untersuchungsgegenstandes aufgeworfen: Sozial-, Geschichtswissenschaftler und Psychologen scheinen einem narratologischen Verständnis von Erinnerungen insofern zuzuneigen, da dieses ihrem Quellenverständnis am ehesten entspricht. Sie arbeiten mit Interviews meist als Transkript und analysieren dieses – ob inhaltsanalytisch nach Philipp Mayring, nach der Objektiven Hermeneutik, biografietheoretisch oder psychoanalytisch (42) – als Text. Untersuchungsgegenstand ist daher die kommunizierte Erinnerung bzw. die transkribierte Erzählung, an der sich identitätsstiftende Lebens- und konsensstiftende Familiengeschichten untersuchen lassen. Allerdings, und darauf weisen vor allem psychotherapeutische und biografietheoretische Beiträge hin, scheinen sich Erinnerungen keineswegs in solchen Erzählungen zu erschöpfen. »Bei aller Zustimmung« für neuere Forschungen zum »sozialen« oder »autobiographischen Gedächtnis«, so fassen Margret Dörr und Winfried Marotzki u. a. entsprechende Vorbehalte zusammen, »schaut vor allem die Psychoanalytische Pädagogik skeptisch auf die Behauptung, bei Erinnerungen handle es sich um eine ›passgenaue Umschreibung von Vergangenheiten‹. Denn das Wissen um das Unbewusste und seine Abkömmlinge, um Prozesse von Verdrängung, Spaltung und projektiver Identifizierung sowie von Traumatisierungen stehen dieser Vorstellung eher entgegen.« (43) Das gilt sowohl für individuelle Erzählungen, die in hohem Maße von Emotionen und Unbewusstem geprägt sind, was sich nach Rolf Haubl in »quellenkritisch [...] ›falschen‹«, »emotional jedoch ›echten‹« (44) Deutungen ausdrücken kann. Und auch bei familiären Erinnerungen sollte das Unbewusste und Emotionale stärker Berücksichtigung finden, wie die Pädagoginnen Hildgard Macha und Monika Witzke anmerken. Familiengeschichten sind demnach nicht nur das Ergebnis von »Ko-Konstruktionsprozessen«, von wechselseitigen Aushandlungsprozessen über gemeinsame Werte zwischen den Generationen. Darüber hinaus haben Rituale, Wohnatmosphäre oder materielle Ressourcen, die von Macha und Witzke mittels »photogestützter Interviews« erfasst werden, erheblichen Einfluss auf familiäre Transmissionsprozesse und das Erzählen einer »Familienbiographie«. (45)

Nun ist Historikern die Bedeutung materieller, sozialer und kultureller Ressourcen für das Erzählen einer Lebensgeschichte durchaus bewusst. Und doch besteht bei der Analyse von Erinnerungen ein fundamentaler Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Psychoanalyse bzw. -therapie, da Un- oder Vorbewusstes für Historiker schwer in Interviewquellen nachweisbar ist. (46) Zwar ist auch die oral history bei einer lebensgeschichtlichen Erzählung weniger an einer historischen als an einer subjektiven bzw. emotionalen Wahrheit interessiert. Und ebenso wie Psychologen interpretieren oral historians widersprüchliche oder false memories als plausible Topoi einer Lebensgeschichte, die für ein kohärentes Selbstbild Bedeutung haben. Bei der Frage nach körperlichen, somatischen oder beziehungsdynamischen Faktoren für die individuelle Erinnerung müssen sie jedoch meist passen. Dabei sind belastende Erlebnisse, die als »Nachträglichkeit«, als »Spätwirkung pathogener Erfahrungen« (47), untersucht werden, für die Weitergabe von Erinnerungen zweifellos von ebenso großer Bedeutung wie die Familiendynamik, so dass sich Historiker von psychoanalytischen Forschungen inspirieren lassen könnten. Bei der Arbeit mit Erinnerungszeugnissen wäre es demnach sinnvoll, den gegenwärtigen Erinnerungskontext sowohl zum Zeitpunkt der Erhebung als auch im Rahmen der Auswertung des Interviews zu berücksichtigen, was sich mit der Methode lebensgeschichtlicher Interviews hervorragend in Einklang bringen lässt. »Nachträglichkeit«, so hebt der Psychoanalytiker Friedrich-Wilhelm Eickhoff in diesem Zusammenhang hervor, »verleiht der Erinnerung, nicht dem Ereignis traumatische Bedeutung«. (48)

Aus dieser Macht der Retrospektive folgt zum einen, dass Erlebnissen im gegenwärtigen Kontext eine teleologische Kausalität zugeschrieben wird, dass das autobiografische Gedächtnis also neben der sozialen auch eine zeitliche bzw. eine lebensgeschichtliche Relais-Funktion aufweist. Und zweitens kann Nachträglichkeit auch ein Hinweis sein, dass der Forscher, zum Beispiel im Falle eines Zeitzeugeninterviews, sowohl aktiv als Interaktionspartner als auch passiv als »Modell-Zuhörer« (49) Einfluss auf die Lebensgeschichte nimmt. Erinnerungen aus Interviews, so ließen sich diese Überlegungen mit Karoline Tschuggnall abschließen, wären demnach interaktive Verfertigungen von Erzählungen, die in eine sinnvolle (Lebens-)Geschichte mit kausalen Vergangenheitsbezügen münden.

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1) Jay Winter, Die Generation der Erinnerung. Reflexionen über den »Memory-Boom« in der zeithistorischen Forschung, in: WerkstattGeschichte 30, 2001, S. 5-16.
2) Dass Generationalität v. a. durch Erinnerungskonstrukte, als retrospektive Selbst- und Fremdverortung wirksam wird, haben Jürgen Reulecke und Bernd Weisbrod hervorgehoben. Vgl. Jürgen Reulecke, Lebensgeschichte des 20. Jahrhunderts – im »Generationencontainer«?, in: ders. (Hrsg.), Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert, München 2003, S. VII- XVI, bes. S. VIII; Bernd Weisbrod, Generation und Generationalität in der Neueren Geschichte, in: APuZ 8 / 2005 (21.02.2005), S. 3-9, insb. S. 8.
3) Zum neuesten »approach« einer Geräusch-Geschichte und zur Erforschung eines »akustischen Gedächtnisses« vgl. die Ankündigung des Panels »Akustisches Gedächtnis und Zweiter Weltkrieg« des Georg-Eckert-Instituts zur Tagung »Schlacht um Stalingrad. Rückblick nach 65 Jahren« in Wolgograd Ende Januar 2008. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=8251> [11. Februar 2008]. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Trauma-Begriff in geschichtswissenschaftlicher Perspektive bietet Wulf Kansteiner, Menschheitstrauma, Holocausttrauma, kulturelles Trauma. Eine kritische Genealogie der philosophischen, psychologischen und kulturwissenschaftlichen Traumaforschung seit 1945, in: Friedrich Jaeger / Jörn Rüsen (Hrsg.), Handbuch der Kulturwissenschaften. Bd. 3: Themen und Tendenzen, Stuttgart / Weimar 2004, S. 109- 138.
4) Clemens Wischermann, Vorwort, in: ders. (Hrsg.), Die Legitimität der Erinnerung und die Geschichtswissenschaft, Stuttgart 1996, S. 7.
5) Martin Sabrow / Ralph Jessen / Klaus Große Kracht, Einleitung: Zeitgeschichte als Streitgeschichte, in: dies. (Hrsg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003, S. 9-18, hier: S. 15.
6) Harald Welzer / Hans J. Markowitsch, Reichweiten und Grenzen interdisziplinärer Gedächtnisforschung, in: Harald Welzer / Hans J. Markowitsch (Hrsg.), Warum Menschen sich erinnern können. Fortschritte in der interdisziplinären Gedächtnisforschung, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2006, 348 S., geb., 36,00 Ä, S. 7-15, S. 9.
7) Vgl. hierzu den Überblick bei Alexander Kraus / Birte Kohtz, Hirnwindungen – Quelle einer historiografischen Wende? Zur Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für die Geschichtswissenschaft, in: ZfG 55, 2007, S. 842-857.
8) Johannes Fried, Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik, München 2004, S. 393.
9) Vgl. hierzu auch Achatz von Müller, Wirklichkeit oder Wahrnehmung? Zu Johannes Frieds Studie ›Der Schleier der Erinnerung‹, in: GG 32, 2006, S. 213-219.
10) So z. B. das Credo von Alphons Silbermann / Manfred Stoffers, Auschwitz: nie davon gehört? Erinnern und Vergessen in Deutschland, Berlin 2000, S. 5.

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30) Karoline Tschuggnall, Sprachspiele des Erinnerns. Lebensgeschichte, Gedächtnis und Kultur, Psychosozial-Verlag, Gießen 2004, kart., 171 S., 19,90 Ä, hier: S. 10.
31) Ebd., S. 57, 46.
32) Die Bedeutung des Zuhörers bzw. Interviewers für die Verfertigung von Erinnerungen ist als Untersuchungsgegenstand der hermeneutischen Dialoganalyse bereits in »Opa war kein Nazi« benannt und problematisiert worden, Tschuggnall ergänzt diese Überlegungen noch um Überlegungen aus der narrativen Psychologie. Vgl. Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall, »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt / Main 2002, S. 27; Harald Welzer, Hermeneutische Dialoganalyse. Psychoanalytische Epistemologie in sozialwissenschaftlichen Fallanalysen, in: Gerd Kimmerle (Hrsg.), Zur Theorie der psychoanalytischen Fallgeschichte, Tübingen 1998, S. 111-138.
33) Tschuggnall, Sprachspiele, S. 139.
34) Gerhard Botz (Hrsg.), Schweigen und Reden einer Generation. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus, Mandelbaum Verlag, 2. erw. Aufl. Wien 2007, brosch., 168 S., 17,80 Ä.
35) Léa Todrov, »Die Rückkehr war für viele von uns das Schwerste«, in: Botz, S. 21-32, hier: S. 29.
36) Ebd., S. 26.
37) Regina Fritz, »Ö und die kommt und reißt mir das Kind aus der Hand!«, in: Botz, S. 66-71, hier: S. 71.
38) Ulrike Jureit, Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, Hamburg 1999, S. 376.
39) Dorothee Wierling, Oral History, in: Michael Maurer (Hrsg.), Aufriss der Historischen Wissenschaften. Bd. 7: Neue Themen und Methoden der Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2003, S. 81-151, hier: S. 97.
40) Für die vier in Botzí Sammelband veröffentlichten Interviews mit ehemaligen Häftlingen des KZ Ravensbrück ist beispielsweise die Studie von Linde Apel zu Ravensbrück und den späteren Diskursen um die KZ-Haft aufschlussreich. Vgl. Linde Apel, Erinnerungsgeschichten – Jü- dische und nichtjüdische Häftlinge im Konzentrationslager Ravensbrück, in: Matthias Brosch / Michael Elm / Norman Geißler u. a. (Hrsg.), Exklusive Solidarität. Linker Antisemitismus in Deutschland – vom Idealismus zur Antiglobalisierungsbewegung, Berlin 2007, S. 103-114.
41) Gerhard Botz, Einleitung, in: ders., S. 14, 18.
42) Vgl. Olaf Jensen, Zur Methode der vergleichenden Tradierungsforschung, in: Harald Welzer (Hrsg.), Der Krieg der Erinnerung. Holocaust, Kollaboration und Widerstand im europäischen Gedächtnis, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt / Main 2007, kart., 292 S., 10,95 Ä, S. 260- 274, insb. S. 266-270; Wierling, Oral History, S. 136-141.
43) Margret Dörr / Heide von Felden / Regina Klein u. a., Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Erinnerung – Reflexion – Geschichte. Erinnerung aus psychoanalytischer und biographietheoretischer Perspektive, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2008, 279 S., brosch., 49,90 Ä, S. 7- 17, hier: S. 8.
44) Rolf Haubl, Die allmähliche Verfertigung von Lebensgeschichten im soziokulturellen Erinnerungsprozess, in: Dörr, S. 197-212, hier: S. 208.
45) Hildegard Macha / Monika Witzke, Familienbiographien: Ko-Konstruktionsprozesse im Kontext von Werten, Normen und Regeln, in: Dörr, S. 243-261, hier: S. 245, 258.
46) Vgl. dazu auch den Forschungsüberblick bei Alexander von Plato, Geschichte und Psychologie – Oral History und Psychoanalyse. Problemaufriss und Literaturüberblick, in: BIOS 11, 1998, S. 171-200 sowie die aktualisierte Fassung im Forum Qualitative Sozialforschung 5, 2004, unter <http://www.qualitative-research.net/fqs-texte/1-04/1-04plato-d.htm> [05. Januar 2008].
47) Jürgen Körner, Erinnern oder »Zurückphantasieren«? Über »Nachträglichkeit« in der Psychoanalyse, in: Dörr, S. 65-71, hier: S. 65.
48) Friedrich-Wilhelm Eickhoff, Über Nachträglichkeit. Die Modernität eines alten Konzepts, in: Jahrbuch der Psychoanalyse 51, 2005, S. 139-163; vgl. auch ders., On Nachträglichkeit. The modernity of an old concept, in: International Journal of Psychoanalysis 87, 2006, S. 1453- 1469. Eickhoff beschäftigt sich in diesem Beitrag auch mit der interdisziplinären Rezeption des Nachträglichkeits-Begriffs, insbesondere in den Kulturwissenschaften.
49) Welzer, »Opa war kein Nazi«, S. 197.

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