Rezension zu Sequentielle Traumatisierung bei Kindern

Kinderanalyse 4/2007

Rezension von Mathias Hirsch

Dieses wissenschaftliche Hauptwerk Hans Keilsons ist ein Klassiker der psychoanalytisch fundierten Literatur über Traumatisierung. Die Untersuchungen an jüdischen Waisenkindern in den Niederlanden, die von Eltern und Familien getrennt als »hidden children« versteckt überlebten, begannen 1967; mit dieser Arbeit promovierte Keilson als Siebzigjähriger zum Dr. med., 1979 erschien es in deutscher Sprache im medizinischen Verlag Ferdinand Enke, Stuttgart; 2005 wurde es unverändert erneut aufgelegt.

Hans Keilson, geboren 1909, stammt aus einer bürgerlich-liberalen deutsch-jüdischen Familie, seine Eltern hatten ein kleines Textilgeschäft. Er studierte Medizin und Sport in Berlin, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten konnte er das Medizinstudium noch abschließen, nicht aber als Arzt arbeiten, so dass er seinen Unterhalt als Sportlehrer bestreiten musste. Neben seinen vielseitigen, v.a. musikalischen Begabungen zeigte sich früh eine weitere: Sein erster Roman Das Leben geht weiter – eine Jugend in der Zwischenkriegszeit wurde noch 1933 im renommierten S. Fischer-Verlag veröffentlicht, »gerade noch rechtzeitig«, wie er selbst ironisch anmerkte, »um verboten zu werden« (Keilson, 1998, S. 127f.). Bis zu seiner Emigration in die Niederlande 1936 lebte Keilson im vom Nationalsozialismus geprägten Berlin, und seine zwischen Entsetzen und Faszination schwankende Haltung der nun faschistischen Gesellschaft gegenüber schlug sich in seinem bedeutendsten literarischen Werk nieder: Der Roman »Der Tod des Widersachers« erschien 1959 und rief sowohl Bewunderung wegen seiner literarischen Qualitäten und besonders seiner Anerkennung tiefer Ambiguität und Ambivalenz der menschlichen Psyche hervor als auch heftige, feindselige Kritik, besonders in Israel. In schonungsloser Selbstanalyse erkannte Keilson, wie verführbar der Mensch durch Macht und Gewalt sein kann, wie weit die Identifikation mit dem Aggressor (dieser Begriff war gerade 1933 durch Sandor Ferenczi und 1936 in anderer Bedeutung durch Anna Freud geprägt worden; vgl. Hirsch, 1996) gehen kann, wie es folgende, eines Kafka würdige Formulierung erkennen lässt: »Jedesmal wenn mich sein Schlag traf, dachte ich, dass es so sein müsse und dass es an mir liege. In allem, was er tat, schien mir ein Recht zu liegen und eine Berechtigung, die für mich ihre besondere Bedeutung beweisen konnte« (Keilson, 1959, S. 113). Die Identifikation kann auch noch weitergehen: »Es tat mir gut, mich selbst einen Schuft zu nennen, und zugleich litt ich darunter ... Ich hätte heulen können, und zugleich tat es mir gut, wie wenn ein Vater mit Tränen in den Augen sein Kind schlägt, die doppelte Lust genießend, dass er schlagen kann, und die Lust der Qual, dass er es schlägt« (S. 160). Aber Keilson kam diese Fähigkeit, Abgründe der Conditio humana stets doppelt und dialektisch zu sehen, nicht nur als Schriftsteller zugute, sondern auch als Wissenschaftler.

Nach der Besetzung der Niederlande durch das deutsche Militär mit der damit verbundenen Verfolgung der Juden muss Keilson untertauchen; im Widerstand hilft er bereits verfolgten und versteckten jüdischen Kindern. Nach der Befreiung der Niederlande von der deutschen Besatzung ist er Mitbegründer einer Organisation zur Betreuung jüdischer Waisen (»Le Ezrath Hajeled« – Zur Hilfe des Kindes) und beginnt wieder, Medizin zu studieren, da sein deutscher Abschluss nicht anerkannt wird. Als Facharzt für Kinderpsychiatrie arbeitet er mit schwer traumatisierten jüdischen Waisenkindern und wird als Gutachter herangezogen, um den Kindern eine bestmögliche Versorgung zu ermöglichen.

Wenn heutzutage das Trauma bzw. genauer die Traumatisierung als prozesshaft auf die Psyche einwirkendes destruktives Geschehen in den Sozialwissenschaften und der Psychoanalyse hochaktuell ist und in beinahe übertriebener Weise als Modeströmung imponiert, darf man nicht vergessen, dass in den 1960er und 1970er Jahren bereits aus Ich-psychologischer Sicht eine lebhafte Diskussion stattfand, so dass man heute eher von einer Renaissance der Traumadiskussion sprechen sollte. Das verdienstvolle Buch von S.S. Furst, »Psychic Trauma«, in dem namhafte psychoanalytische Autoren Aufsätze zur Traumatheorie beigetragen haben, war 1967 erschienen; es gab eine umfangreiche Diskussion der familiären Traumatisierung durch Greenacre, Bowlby, Margret Mahler; das Konzept der kumulativen Traumatisierung von Masud Khan schließlich stammt bereits aus dem Jahr 1963. Auch Extremtraumatisierungen wie Holocaust und Kriegseinwirkungen auf Kinder waren von psychoanalytischer und psychodynamischer Seite bereits konzeptualisiert worden, man denke an die Untersuchungen von Anna Freud und Burlingham (»War and Children«, 1949), Krystal und Niederland stehen für die Untersuchungen von Extremtraumatisierung bei KZ-Überlebenden, Kestenberg für die der Kinder von Überlebenden der Nazi-Verfolgung. In Deutschland beendeten von Baeyer, Häfner und Kisker (»Psychiatrie der Verfolgten«, 1964) eine unselige Ära psychiatrischer Begutachtung in Deutschland, die nicht müde wurde zu versuchen, die Symptomatik nicht als Folge der traumatischen Einwirkung, sondern einer prätraumatischen psychischen Störung zu verstehen. Auch Keilsons Untersuchung baut auf den Konzepten Baeyers auf.

Keilson setzt es sich in seiner Arbeit zum Ziel, die traumatischen Wirkungen auf Kinder in verschiedenen Lebensaltern zu erforschen; von den ungefähr 2000 »jüdischen Kriegswaisen in den Niederlanden« (die Kinder waren aber nicht eigentlich Opfer des Krieges, sondern des Völkermords durch die Nazi-Deutschen) untersuchte Keilson eine Gruppe von 204 Kindern und Jugendlichen. Alle Kinder hatten ihre Eltern und zum großen Teil ihre Familien verloren und überlebten die Verfolgung versteckt in fremden – christlichen – Familien; ein sehr kleiner Teil überlebte die Haft in Konzentrationslagern. Die eigentliche innovative und kreative Leistung Keilsons ist das Konzept der sequentiellen Traumatisierung: Als ein erstes Trauma für diese Kinder definiert Keilson die Trennung von der Mutter (in welchem Lebensalter auch immer), ein zweites Trauma stellt die ständige Verfolgung – und das heißt auch für ein Kind Todesbedrohung – im Versteck bei den fremden Familien dar. Die dritte Sequenz ist in den Schäden zu sehen, die die Kinder nach dem Krieg durch Trennung von den Pflegefamilien und mangelhafte Betreuung in den Institutionen erlitten. Keilson ist weit davon entfernt, den Umgang mit den Kindern durch Organisationen und Behörden nach Beendigung der Verfolgung zu idealisieren. Die verschiedenen Traumaformen bedingen einander, sie bauen aufeinander auf und potenzieren sich unter Umständen.

Seine Untersuchungen gliedert er in zwei Hauptteile: einen biografisch-deskriptiven Teil (mit immer sehr erschütternden Beispielen von Verfolgungsschicksalen) und einen statistischen Teil, indem er auf vorsichtige und gerade dadurch überzeugende Weise im methodischen Vorgehen die vielfältigen Details aus Untersuchungen, Interviews und nicht zuletzt den Dokumentationen auf allgemeine Begriffe bringt, die vergleichbar und operabel, also statistisch auswertbar sind, um Korrelationen zwischen den verschiedenen charakteristischen Wirkungen verschiedener Traumatisierungen in bestimmten Lebensaltern nachzuweisen. Dadurch, dass der Autor vor allem Kriegswaisen auswählte, die ihm von seiner langjährigen Tätigkeit als Berater bekannt waren, konnte er die meisten Kinder bis ins Erwachsenenalter begleiten, so dass die Studie auch als Follow-up-Untersuchung angelegt werden konnte; die Jugendlichen und Erwachsenen wurden teils in den Niederlanden, teils in Israel (ein Viertel der Gesamtgruppe) nachuntersucht. Von allen zur Nachuntersuchung Aufgeforderten verweigerten nur drei (1,5 Prozent) jeden Kontakt, alle anderen kooperierten bereitwillig.

Natürlich lässt sich psychisches Leid nicht objektiv erfassen, daher werden dokumentierte Fakten wie Trennungen, Dauer des Verstecks, Wechsel von Pflegefamilien und Institutionen, erneute Trennungen nach der Verfolgung beschrieben, interpretiert und schließlich in operable Begriffe verwandelt. Auch die Rehabilitationsvorgänge können nicht quantitativ erfasst werden, auch hier dienen äußere Fakten als Korrelate für festgestellte Traumafolgen. Dabei wurden die Daten bei Kriegsende mit denen 25 Jahre danach korreliert. »Es wird eine der Hauptaufgaben der vorliegenden Untersuchung sein, die vielfältigen traumatischen Ansatzpunkte in den jeweiligen Altersgruppen deutlich herauszustellen, ihrem kumulativen Charakter nachzugehen und die Wirkung der massiven, d.h. über eine längere Zeitspanne andauernden, wiederholten schweren traumatischen Erfahrungen in ihrer biografischen Repräsentanz aufzuspüren« (S. 53). Es gibt zwei Haupthypothesen: 1. »Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Traumatisierung in der Entwicklung eines Kindes oder Jugendlichen und den Traumatisierungseffekten«. 2. »Der Ernst des Traumatisierungsvorgangs entspricht dem Ernst der Störung« (S. 50). Die drei Sequenzen, die Keilson entwickelt und die in ihrem Aufeinanderfolgen eine »massive kumulative Traumatisierung« (S. 52) hervorrufen, sind folgende: Erstens die Beginn-Phase, die bereits mit der Besetzung der Niederlande durch das deutsche Militär beginnt, gefolgt von der Trennung von der Mutter, der Familie und von der vertrauten sozialen Umgebung. Die zweite Phase: Aufenthalt im Konzentrationslager oder im Versteck; in beiden Situationen richtet sich die Bedrohung direkt gegen das Leben des Kindes, in seiner Extremform besteht es im Miterleben des grauenhaften KZ-Terrors. Die dritte traumatische Sequenz besteht in neuen schwerwiegenden Eingriffen in das Leben der Kinder nach dem Krieg; auch wenn ihr Leben nicht mehr direkt bedroht ist, folgen wieder Trennungen aus sozialen Beziehungen, und die Hilfe bei der Überwindung der Traumatisierung kann ganz unterschiedlich sein. Entsprechend dem Anliegen, auch eine deskriptive Evaluation der Traumaschicksale zu geben, werden viele Details zur Charakterisierung der traumatischen Potenz der verschiedenen Sequenzen (die Sequenzen beschreiben das Ereignis, nicht etwa den gesamten Traumaprozess) aus den Dokumenten und zum Teil den Erinnerungen der Kinder wiedergegeben. Keilson zögert nicht, auf Paradoxa hinzuweisen wie: Die Schutzsituation (Pflegefamilie) als Belastungsmoment, Identifikation mit dem Aggressor (untergetauchte Kinder konnten sich mit antisemitischen Gedanken völlig identifizieren). Auch das Problem der Wiedervereinigung mit den Eltern oder mit entfernteren Verwandten war nicht ohne paradoxe Problematik; zum Teil richteten besonders kleine Kinder ihre Aggression gegen die Eltern, die sie ja verlassen hatten, wie in folgendem erschütternden Beispiel: Ein fünfjähriger Junge wollte der zurückgekehrten Mutter nicht folgen und sagte »Die Juden hätten nicht zurückkehren dürfen. Gott soll sich an diesen Heiden rächen.« Der Junge fand es richtig, dass man den Vater vergast hatte: »Das hätte mit allen Juden geschehen müssen« (S.68).

Naturgemäß ist die dritte Sequenz besonders gut dokumentiert, da die ständige Verfolgung weggefallen war und Organisationen und Behörden, zum Teil Psychiater und Gerichte minutiöse Aufzeichnungen machten. Die Tragik von erneuten Trennungen aus wichtigen Beziehungen kulminierte in dem Problem der »Streitfälle«: Pflegefamilien, entfernte jüdische Verwandte und insbesondere auch jüdische Organisationen und Heime (S. 71) stritten sich um den Verbleib der Kinder, keineswegs immer zu deren Bestem. Folgerichtig sieht Keilson die »Wiedereingliederung als Belastungsmoment« (S. 72) und findet psychodynamische Vorgänge wie Survivor-guilt bei den Kindern, Verschiebung der traumatisierenden Vorgänge der ersten Sequenzen auf die dritte, Idealisierung der ersten Sequenzen. Keilson sieht ein »Zusammenspiel zwischen der soziokulturellen Nachkriegssituation und der persönlichen Verfassung, in der die jüdischen Kinder und die Erwachsenen die beiden ersten Sequenzen der Verfolgung überstanden hatten« (S. 78). Die Verleugnung der traumatischen Relevanz der dritten Sequenz wird in der Abwehr übermäßiger Trauer, dem Schuldgefühl der Überlebenden (der Erwachsenen) und dem Gefühl der nichtjüdischen Pflegefamilien, nicht genügend Schutz geboten zu haben, psychodynamisch erklärt.

Ein Problem ist die psychiatrisch-psychoanalytische Diagnostik der Kinder, die Keilson für eine statistische Vergleichbarkeit benötigt. Keilson hütet sich aber vor einem kategorialen diagnostischen Verständnis, sondern verwendet eine durchweg dynamische Terminologie, so dass er der individuellen Reaktion auf Traumatisierungen besser gerecht werden kann. Eine erste Altersgruppe wird definiert als »Trennung von der Mutter im Alter von 0 bis 18 Monaten« (S. 89). In dieser Gruppe ist die Vernachlässigung der »basic needs« naturgemäß besonders relevant; die unbekannten Eltern nehmen einen beträchtlichen Raum in der Phantasiewelt ein. Diagnostisch fällt ein hoher Prozentsatz von »charakterneurotischen Entwicklungen« in dieser Altersgruppe auf, heute sagt man Borderline-Persönlichkeitsstörungen. Trotz des frühen Alters der Trennung von der jüdischen Umgebung gibt es in mehreren Fällen in der ausführlichen kasuistischen Darstellung (auf die im Einzelnen wegen der Fülle des Materials hier nicht eingegangen werden kann) ein »Verlangen nach der jüdischen Sphäre« (S. 103): »Seine Aktivität (...) entfaltete er auf kulturell-jüdischem Gebiet« (S. 99) oder: »Ich war in meinem Tun und Lassen mehr Jude, als ich selbst wusste« (S. 104). In dieser Altersgruppe findet sich auch das Beispiel einer »normalen Entwicklung« (S. 111): eine einfühlsame, adäquate Pflegefamilie ermöglichte dem Kind eine gelingende Trauerarbeit – aber dieser Fall ist eher eine Ausnahme. Tragisch demgegenüber ist ein anderer Fall, in dem ein Waisenkind von einer jüdischen Familie aufgenommen wurde, die im Konzentrationslager ihr einziges Kind verloren hatten – ein Ersatzkindschicksal.

In der zweiten Altersgruppe erfolgt die Trennung von der Mutter im Alter von 18 Monaten bis 4 Jahren, und hier ist der Prozentsatz der charakterneurotischen Entwicklungen der höchste von allen Altersgruppen – der Zusammenhang zwischen Traumata in der Wiederannäherungsphase und Borderlin-Persönlichkeitsstörungen wird hier bestätigt. Hier finden sich eher Aussagen der Kinder wie: »Sie haben mich im Stich gelassen – sie haben sich nicht um mich gekümmert (...)« (S. 151). In den Nachuntersuchungen findet sich jetzt häufiger der Versuch, durch frühe Heirat und Auswanderung nach Israel »Wurzeln zu finden«, auch neue Dimensionen des Verfolgungsgeschehens, nämlich die »Konsequenzen für die Kinder der ehemals verfolgten Kinder« (S. 156).

In der dritten Altersgruppe – Trennung von der Mutter im Alter von 4 bis 6 Jahren. Ödipale Phase – sind Erlebnis der eigenen sexuellen Identität sowie Aufbau der Über-Ich und Ideal-Ich-Instanzen beeinträchtigt. In dieser Altersgruppe sind naturgemäß eigene persönliche Erinnerungen eher möglich, zum Teil auch in Form traumatischer Hyperamnesie. Die vorherrschende Symptomatik ist eher angstneurotischer Art, andererseits ist der Anteil der »normalen Entwicklungen« in dieser Altersgruppe am höchsten. Das »Bewusstsein der eigenen Historizität« (S. 178) ermöglichte ihnen ein angepasstes Verhalten in der Kindheit; in der Adoleszenz hingegen tauchten Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte, emotionaler Rückzug und der Versuch, Anschluss an die jüdische Kultur zu finden, auf.

Wenn auch in der vierten Altersgruppe (Trennung von der Mutter im Alter von 6 bis 10 Jahren) die Fähigkeit, Beziehungen außerhalb der Familie einzugehen, entwickelt ist, stellen die Trennungen zusammen mit den negativen Erfahrungen der dritten traumatischen Sequenz den gleichen massiven Belastungsfaktor dar (S. 199). In dieser Altersgruppe überwiegen, diagnostisch gesehen, die chronisch reaktiven Depressionen. In dem Falle einer scheinbar völlig »normalen Entwicklung« und gelingenden Anpassung wurde erst durch die Nachuntersuchung eine reaktive Depression ausgelöst und eine weitgehende Trauerarbeit möglich.

In der Gruppe, in der die Trennung von der Mutter im Alter von 10 bis 13 Jahren stattfand, also dem Alter der Präpubertät und der psychosexuellen Neuorientierung, überwiegen diagnostisch bei weitem die angstneurotischen Fälle.

Die Altersgruppe der Adoleszenten (Trennung von der Mutter im Alter von 13 bis 18 Jahren) fokussiert das Wiederaufleben der Ödipalität, die Integration des sexuellen Körpers, Konzepte der Identität – hier wirkt sich das Fehlen von identitätsstiftenden Peergroups besonders aus. Es finden sich schwere Loyalitätskonflikte den Eltern gegenüber, Probleme der Identifikation und De-Identifikation mit den Eltern, auch die Entwicklung heftiger Schuldgefühle, ihnen nicht geholfen zu haben.

Der Anspruch, sowohl die Hypothesen als auch die klinische Erfahrung statistisch-quantifizierend zu belegen, führt zu Problemen, die Keilson eingehend diskutiert. Beschränkt man sich auf die klinische Erfahrung, gewinnt der Begriff der Traumatisierung eine lebensgeschichtliche Relevanz, die im Gesamtzusammenhang des Lebenslaufs gewürdigt werden kann, allerdings verzichtet man auf eine Allgemeingültigkeit traumatisierender Einflüsse, die man in verschiedenen Fällen gehäuft charakteristisch finden würde. Es handelt sich also um ein »Spannungsverhältnis zwischen Relevanz und Objektivität« (S. 271). Die statistische Bearbeitung hat den Vorteil, die Frage nach dem altersspezifischen Faktor deutlicher stellen und präziser beantworten zu können. Ein Nachteil liegt darin, dass das Ausbleiben eines statistisch nachweisbaren Zusammenhangs nicht ausschließt, dass dieser Zusammenhang im Einzelfall evtl. doch besteht (S. 272). Es können nur die äußeren, dokumentierten Ereignisse (die allerdings zu interpretieren sind) gemessen werden, »der Begriff ›massives, kumulatives Trauma‹ umfasst jedoch außer der Anhäufung exogener traumatischer Ereignisse vor allem die Erlebnisqualität und die Verarbeitung der traumatischen Prozesse« (S. 273). In die Statistik wird also subjektives Erleben, weil es nicht quantifizierbar ist, schlecht einfließen können. Ziel der statistischen Untersuchung ist die Überprüfung der beiden zentralen Thesen: Zusammenhang zwischen dem Entwicklungsalter zum Zeitpunkt der Traumatisierung und den Traumatisierungseffekten, zweitens die Korrelation der Schwere der Traumatisierung mit der Schwere ihrer Folgen. Als Hauptbefund fand sich eine Übereinstimmung mit dem klinischen Eindruck: Der Zusammenhang der Traumatisierung in der jüngsten Altersgruppe mit der häufigsten Entwicklung von charakterneurotischen Persönlichkeitsmerkmalen wurde bestätigt. Die zweite Hypothese sollte den Zusammenhang des Grades der kumulativen Traumatisierung (durch die aufeinanderfolgenden Sequenzen) mit dem Schweregrad des Befundes der Nachuntersuchung nachweisen. Hier nun wurde erkannt, dass das Wesen der zweiten traumatischen Sequenz (direkte Verfolgung) mit dem der dritten (Schäden durch inadäquate Rehabilitation) nicht vergleichbar war und nicht gemeinsam (kumulativ) auf die Befunde der Nachuntersuchung bezogen werden konnten. Deshalb trennte man die Auswertung so, dass man die Schwere der direkten Verfolgung und die Schäden durch ungenügende Rehabilitation getrennt auf die Nachuntersuchung bezog. Zur Konvergenz der Ergebnisse des deskriptiv-klinischen und des quantifizierend-statistischen Teils zieht Keilson die Schlussfolgerung: Das Konzept der traumatischen Sequenzen wurde durch die statistische Untersuchung bestätigt. Die zweite und dritte traumatische Sequenz sind deutlich unterschieden und können mit den Skalen »Sicherheit« bzw. »Antwort des Pflegemilieus« definiert werden. Interessanterweise korreliert der Verlauf der dritten traumatischen Sequenz in viel höherem Maße mit den bei der Nachuntersuchung gefundenen psychosozialen Defizienzerscheinungen (S. 325). Die »Antwort des Pflegemilieus« beeinflusst entscheidend die Traumatisierungen der früheren Sequenzen. Der klinische Eindruck wird bestätigt, dass mit der dritten Altersstufe (Adoleszenz) eine neue Form der Traumatisierung beginnt. »Je älter die Kinder waren, desto ungünstiger ihr Gesamtscore der zweiten traumatischen Sequenz. Dies bedeutet zugleich, dass die beiden jüngsten Altersgruppen es in ihren Kriegspflegefamilien besser getroffen hatten« (S. 325). Ebenso konnte statistisch unterstützt werden, dass die pädagogische Eignung des Kriegspflegemilieus (zweite traumatische Sequenz) nicht mit der Antwort des Pflegemilieus in der dritten traumatischen Sequenz korrelierte: Die innere und äußere Konfliktlage des Waisenkindes kam erst nach dem Kriege zur Entfaltung, Identitäts-, Loyalitäts- und Trauerproblematik entwickelten sich erst jetzt. Keilson schlussfolgert: »Sowohl in der deskriptiv-klinischen als auch in der quantifizierend-statistischen Untersuchung wird eine Tendenz gefunden, die die Hypothese der altersspezifischen Traumatisierung unterstützt« (S. 327).

Können wir profitieren von Keilsons monumentalem und damals innovativem Werk, heute, sechzig Jahre nach Kriegsende? Zum einen kann man sagen, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen Keilsons bewusst dazu beitragen sollten, sich zu vergegenwärtigen und nicht etwa zu vergessen, wozu Menschen in der Lage sind, nämlich die Würde, die Identität und das Leben bewusst und systematisch auszulöschen. Über das Buch setzt Keilson knapp den Satz: »An Stelle eines Kaddisch«. Jorge Semprun war der Meinung, das Grauen der KZ-Verfolgung könne man nicht etwa durch Dokumentation objektiv oder wahrheitsgetreu vermitteln, es sei ausschließlich künstlerisch, literarisch darstellbar, d.h. nur so könne ein Anschluss an die Affekte des Empfängers der Botschaft gefunden werden. Keilson, der Arzt und Dichter, findet hier aber die Sprache einer zutiefst human geprägten Wissenschaft. Die vielen ausführlichen Falldarstellungen zwingen den Leser zur affektiven Identifikation mit den Schicksalen der Kinder. Zum zweiten kann man sagen, dass die Entwicklung der menschlichen Individuen in unserer und wohl den meisten Kulturen glücklich zu nennen ist, wenn sie nicht derart beeinträchtigt sind, dass man von Traumatisierung sprechen muss. Keilson behandelt zwar von Extremtraumatisierung beherrschte Kinderschicksale, lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Traumatisierungen nicht zu lösen sind von den soziokulturellen und gruppendynamischen Verhältnissen und auch nicht von der Qualität der individuellen Beziehungen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass auch Bereiche, in denen das Kind zuerst Schutz vor Verfolgung und dann Unterstützung und Rehabilitation erfahren sollte (»Schutzraum«), erhebliche traumatische Potenz enthielten. Und so ist der Begriff Traumatisierung nicht nur extremen Situationen, die uns heute zumeist nicht direkt betreffen, vorbehalten, sondern kann potentiell auf jeden Menschen in jedem Lebensalter einwirken, in der Kindheit, der Adoleszenz, im Erwachsenenalter. Insofern gibt es eine »sequentielle Traumatisierung« auch im Familienleben, das »unwillkommene Kind« (Ferenczi 1929) ist prädestiniert, Opfer familiären Missbrauchs und familiärer Misshandlung zu werden, im Wiederholungszwang findet es immer wieder Situationen, in denen die ursprünglich traumatische Situation wiederhergestellt wird. Keilson versteht dementsprechend die Traumatisierungen der sich entwickelnden Kinder nicht als »Einbrüche der bedrohenden Außenwelt in die psychophysische Existenz des Erwachsenen als Erschütterungs- und Zermürbungsvorgänge..., sondern als traumatisch gestörte Entwicklungs- und Adaptionsvorgänge ..., als Prozesse des Regulierens und Steuerns...« (S. 295). Hier wird deutlich, dass er auch die Extremtraumatisierung als Entwicklungstrauma, d.h. als komplexes Beziehungstrauma begreift, da Entwicklung sich immer im Kontext von Beziehungen vollzieht. Lesenswert und unbedingt empfehlenswert ist das Buch auch heute noch, weil wir in den psychoanalytisch-psychotherapeutischen Praxen immer wieder Kinder der Verfolgten in der zweiten und nun dritten Generation finden, deren individuelles Schicksal durch das Werk von Keilson in einen größeren Rahmen gestellt wird. Der Rezensent selbst führte eine langjährige psychoanalytische Therapie mit der Tochter eines holländisch-jüdischen Waisenkindes durch, in deren Zentrum die Aufdeckung und Enträtselung des Verfolgungsschicksals der Mutter stand, die nie mit ihren Kindern darüber gesprochen hatte. Auch wenn manche von uns es vielleicht vorziehen würden, nicht mit derartigen traumatisierenden Schicksalen zu tun zu haben, trifft man auch heute auf vielfältige Verfolgungstraumata durch Kriege und Vertreibungen, die nicht aufhören; Opfer von politischer Verfolgung bitten in vielen Ländern um Asyl und sind auch heute noch, ebenso wie ihre Kinder, unsere Patienten.


Literatur:
Baeyer, W., Häfner, H., & Kisker, K.-P. (1961):. Psychiatrie der Verfolgten. Berlin: Springer.

Ferenczi, S. (1929; 1964): Das unwillkommene Kind und sein Todestrieb. Bausteine der Psychoanalyse III. 2. Aufl. Bern-Stuttgart-Wien: Huber 1964.

Ferenczi, S. (1933; 1964): Sprachverwirrung zwischen den Erwachsenen und dem Kind. Bausteine der Psychoanalyse III, 2. Aufl. Bern-Stuttgart-Wien: Huber.

Furst, S.S. (Hrsg.) (1967): Psychic Trauma. New York-London: Basic Books.

Freud, A., & Burlingham, D. (1949). War and Children. London: Imago Publishing. Auf Deutsch erschienen als (1971). Kriegskinder. Indies., Heimatlose Kinder. Zur Anwendung psychoanalytischen Wissens auf die Kindererziehung. Frankfurt a.M.: Fischer.

Freud, A. (1936; 1980). Das Ich und die Abwehrmechanismen. In dies., Die Schriften der Anna Freud. Bd. I. München: Kindler.

Hirsch, M. (1996). Zwei Arten der Identifikation mit dem Aggressor – nach Ferenczi und nach Anna Freud. Praxis Kinderpsychologische Kinderpsychiatrie, 45, 198-205.

Keilson, H. (1959). Der Tod des Widersachers. Fischer: Frankfurt a.M.

Keilson, H. (1998). Wohin die Sprache nicht reicht. Essays. Vortrage. Aufsätze 1936-1996. Gießen: Rickersche Universitätsbuchhandlung.

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