Rezension zu ADHS

Radio Darmstadt

Rezension von Walter Kuhl

Kinderqualen

Das deutsche Schulsystem ist in die Kritik geraten. Die PISA-Studien zeigen eine mangelnde Effizienz im internationalen Vergleich. Gleichzeitig läßt sich der Selektionsmechanismus der Schulen nicht mehr leugnen. Wer hat, dem oder der wird gegeben. Und so schwirren als Allheilmittel viele Modelle im Raum: Tagesschulen, G8, alternative Schulmodelle, Vorschulunterricht und jetzt als neuer Einfall das gemeinsame Lernen aller Schülerinnen und Schüler bis hin zur 9. Klasse in einer Ganztagsschule, um – wie argumentiert wird – mehr Raum für die individuelle Förderung zu öffnen. So jedenfalls klingen die Vorstellungen der hessischen SPD und der Grünen, sollten sie die Landesregierung stellen.

Und die Kinder? Die werden erst gar nicht gefragt. Statt dessen wird über ihre Köpfe und Fähigkeiten hinweg darüber verhandelt, welches Modell sich am besten dafür eignet, das zukünftige Humankapital effizient, leistungsorientiert und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Wirtschaft angepaßt zu dressieren. Das kann natürlich nicht gut gehen. Kinder sind keine Rohmaterialien, die auf ein Bildungsfließband gelegt werden können. Und so ist es kaum verwunderlich, daß an deutschen Kindergärten und Schulen über eine zunehmende Zahl von Kindern, meist Jungen, gestöhnt wird, die sich dem pädagogischen Drill lautstark, aggressiv und mittels unsozialen Handelns verweigern.

Das Problem hat einen Namen: ADHS – Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Es wird als eine Krankheit betrachtet. Kinder, die in diese Schublade fallen, werden mit Medikamenten vollgepumpt, deren bekanntester Vertreter Ritalin ist. Es geht also um das Ruhigstellen von Kindern und Jugendlichen. Die Frage, weshalb sie so geworden sind, bleibt weitgehend ungestellt. Und das hat Gründe. Gründe, auf die ich in meiner heutigen Sendung zu sprechen kommen möchte. Denn ich empfinde diesen Umgang mit Kindern und Jugendlichen als Kinderquälerei.

Am Mikrofon für die Redaktion Alltag und Geschichte ist Walter Kuhl von der Dissent-Medienwerkstatt Darmstadt.

Bildung ist ein solch hohes Gut, daß wir seit einiger Zeit den lebenslangen Lernknast verordnet bekommen haben. Das Stichwort des lebenslangen Lernens ist jetzt schon etwas älter und verweist auf die veränderten Bedürfnisse der Industrie am Ende der fordistischen Ära in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Plötzlich wurde festgestellt, das einmal erworbene Wissen reiche nicht mehr aus.

Der hiermit eingeleitete Paradigmenwechsel besagt, daß wir uns den sich immer schneller wechselnden Anforderungen nur dadurch anpassen könnten, daß wir früher erworbenes Wissen immer wieder auffrischen oder durch neues Wissen ersetzen sollen. Davon lebt inzwischen eine ganze Industrie der Schulungskurse, Bildungsträger und Coaches, wobei nicht zu verkennen ist, daß wie im richtigen Leben eine kleine Schicht den Rahm abschöpft und die vielen, meist freiberuflichen Trainerinnen und Trainer sich schlecht bezahlt durchschlagen müssen.

Was ist überhaupt Bildung? Wenn wir den Propheten des Bürgertums Glauben schenken, dann ist Bildung ein hohes Gut, das möglichst viele Menschen erreichen sollte. Statt dessen erleben wir jedoch, daß viele Menschen von dieser Bildung ausgeschlossen werden. Wer sich kein Hochschulstudium leisten kann, hat eben Pech mit seiner Bildungschance gehabt. Wer als Migrantin oder Migrant der 2., 3. oder gar schon 4. Generation durch die Maschen der Integration gefallen ist, landet sehr bald in den Warteschleifen von Trainingsmaßnahmen oder Berufsvorbereitungsjahren. Statt Lehrstellen erwartet sie Stumpfsinn und Perspektivlosigkeit. Offensichtlich ist mit Bildung etwas ganz Spezifisches gemeint, das im öffentlichen Diskurs nicht offen so genannt werden darf: Selektion, Auslese, Nutzbarmachung, Ausgrenzung der Überflüssigen und
Nichtbrauchbaren.

Das im 18. Jahrhundert entstandene Bildungsideal galt zunächst nur für die männlichen Sprößlinge der herrschenden oder zur Herrschaft drängenden Klassen – also für den Adel und das Bürgertum. Die Kinder der Arbeiterklasse waren hiervon zunächst ausgeschlossen. In Zeiten, in denen Kinderarbeit die Norm war, war selbst die einfachste Schulbildung Luxus. Doch bald bemerkte die aufstrebende Bourgeoisie, daß sie in gewissem Umfang brauchbare Arbeitskräfte benötigte. Zum einen mußten diese fleißig und ordentlich sein, zum anderen gewisse Strukturen verinnerlicht haben, etwa Pünktlichkeit. Minimale Fähigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen waren ebenso erforderlich. Wie sonst sollte eine Arbeitsarmee funktionieren, wenn man immer daneben stehen und den Arbeiterinnen und Arbeitern alles immer wieder erklären muß?

Somit wurde eine rudimentäre Volksschulbildung eingeführt, in der das Nötigste vermittelt wurde. Doch der technische Fortschritt und damit einhergehend der bürokratische Verwaltungsapparat erforderte eine immer größer werdende Anzahl von ausreichend gebildeten Fachkräften, die alleine aus der Jugend des Adels und des Bürgertums nicht zu rekrutieren waren. Daher mußte man wohl oder übel auch Kindern aus der Arbeiterklasse mehr Bildung zugestehen. Jahrzehntelang galten sie in den Schulen und Universitäten als Außenseiter. Sie konnten sich anzupassen versuchen, wie sie wollten, so richtig akzeptiert wurden sie nie.

Wir ersehen daraus, daß alle Bildungsfragen Fragen der ökonomischen Nutzbarmachung des Humankapitals sind. In der Regel geht es nicht darum, uns Bildung um der Bildung willen zu vermitteln. Die Ressourcen werden bewußt knapp gehalten, um nur diejenigen durchsickern zu lassen, die mit diesen Bedingungen am besten klarkommen. Nicht für die Schule lernen wir, sondern für das entfremdete Leben da draußen.

Allerdings geht es bei diesem Lernen nicht nur um das Rechnen und Schreiben, sondern auch darum, sozialadäquate Verhaltensnormen zu erwerben. Das ist der sogenannte heimliche Lehrplan. In früheren Zeiten waren daher die sogenannten »Kopfnoten« von entscheidender Bedeutung. Da ging es beispielsweise um »Führung« und »Ordnung«, um die »Beteiligung am Unterricht« und um den »häuslichen Fleiß«. Auch die Handschrift wurde benotet. Schließlich mußte man oder frau ja später, also noch vor der Verbreitung der computerisierten Textverarbeitung, einmal alles handschriftlich niederlegen; und Dritte sollten das ja lesen können.

Die Maschen waren also fein gestrickt, so daß sich die bürgerliche Gesellschaft den Rahm aus der durchaus vorhandenen Intelligenz der Arbeiterklasse abschöpfen konnte. Nach dem 2. Weltkrieg geriet das deutsche Ausbildungssytem zunächst einmal nicht in eine allzu große Schieflage. Die Wirtschaft florierte und die benötigten ausgebildeten Arbeitskräfte wurden ja freundlicherweise in der DDR hervorragend ausgebildet, bevor sie in den Westen abwanderten. In der DDR waren die Klassenschranken der Bildung aufgehoben worden. Damit war 1961 Schluß. Es wurde der Bildungsnotstand verkündet. Die westdeutschen Wirtschaftseliten mußten sich neue Wege ausdenken, wie sie an brauchbares und passend ausgebildeten Humankapital herankamen.

Die Studentenbewegung der 60er Jahre brachte hier zusätzlich frischen Wind in die bildungspolitische Debatte. Der Begriff des »Bildungsnotstands« wurde übernommen, aber mit neuem Inhalt gefüllt. Zumindest der kritische Teil der damals Studierenden war sich im Klaren darüber, daß die Ausbildung in Schule und Universität nicht das Wohlergehen der Schülerinnen und Studenten zum Ziel hatte. Hier ging es um den nackten Profit. Schulen galten zurecht als Sozialisationsanstalten, in denen die autoritären Normen der bürgerlichen Gesellschaft eingeprägt werden sollten. Die Universitäten füllten sich mit immer mehr jungen Menschen und waren sowohl von ihren Kapazitäten her als auch gedanklich (heute würde man oder frau sagen: mental) vollkommen überfordert. Die althergebrachte Ordinarienuniversität trug noch den Muff von tausend Jahren in sich und gehörte somit zerschlagen.

Ob und inwieweit die Studentenbewegung sich hier als ausführendes Organ des stummen Zwangs der Verhältnisse betätigte, soll hier nicht weiter vertieft werden. Es zeigte sich jedoch, daß nicht wenige Forderungen der Studentenbewegung kompatibel waren mit den Erfordernissen des Kapitals nach einer Öffnung der Hochschulen und einer Demokratisierung des Bildungssystems ingesamt.

[...]

Das Turbo-Abitur enthält durchaus Anklänge zur angeblich gesundheitsfördernden Bedeutung des Sports. Immer schneller, immer höher, immer weiter sollen wir laufen, schwimmen oder radeln, am besten beim Joggen noch den Walkman aufsetzen, um schnell noch ein paar Vokabeln zu lernen oder den nächsten Geschäftstermin vorzubereiten. Eine Welt, in der alles schneller, lauter, bunter und fordernder daherkommt, wird zwangsläufig Menschen hervorbringen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mithalten können oder es auch nicht wollen. Sie werden durch permanente Reize überfordert, ausgesiebt und weggeschmissen. Dennoch sind sie da, und sie stören.

Bei Kindern äußert sich dieses Stören nicht selten als Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS. Nun besuchen diese Kinder auch Schulen. Es ist sicher kein Zufall, daß sie hier nicht mithalten können, daß sie den dortigen permanenten Leistungsanforderungen nicht genügen. Doch anstatt diese Leistungsanforderungen auszusetzen, anstatt zu fragen, was wir unseren Kindern eigentlich noch zumuten wollen, wird weiter durchgeknallt. Kein Wunder, daß Kids ausrasten, sich zurückziehen, Leistung verweigern oder Macken entwickeln, die nicht den gesellschaftlichen Normen entsprechen. Diese Kinder erhalten einen Stempel: ADHS.

Nun ist die staatliche Regelschule kein Zuckerschlecken. Das war sie auch früher nicht, aber manchmal beschleicht mich der Verdacht, daß es zwar äußerlich lockerer zugeht als zu meiner Schulzeit, aber dann, wenn es ums Eingemachte geht, der Druck subtiler, wenn nicht gar krasser daherkommt. Was wir zu unserer Zeit in 13 Jahren lernen mußten, soll heute in 12 gehen. Und dabei hatten wir noch die Samstage im Schulprogramm.

Das heißt: der Tagesablauf wird gedrängter, kompakter und enthält weniger Möglichkeiten, sich den Anforderungen zu entziehen. So präpariert gelangt ein Großteil derer, die das durchgehalten haben, an die Hochschule, um dort mit weiteren Stundenplänen, Klausuren, Hausarbeiten und Praktika von Prüfung zu Prüfung gescheucht zu werden. Der Sinn ergibt sich aus dem Vorgehen: besinnungslose und freiwillige Unterordnung unter jeden Schwachsinn, den das Geschäftsleben oder eine Bürokratie uns abverlangt. Auf Deutsch: Zombies. Zum Glück funktionieren Menschen nicht so. Sonst wäre der Wahnsinn total.

Manche Eltern befürchten jedoch genau das und entziehen ihre Kinder der staatlichen Regelschule. Wie praktisch, daß verschiedene Arten Reformpädagogik unterschiedliche Schultypen hervorgebracht haben, die angeblich kindgerechter sind. Was schon bei der Waldorfschule auf der Grundlage des Gedankenguts des in seiner Zeit durchaus rassistisch argumentierenden Rudolf Steiner problematisch erscheint, erschließt sich bei genauerer Betrachtung bei allen Schultypen. Egal wie reformorientiert auch immer: Schule bleibt Schule.

Das bedeutet: es muß gelernt werden, der heimliche Lehrplan, der dem jeweiligen Schultyp angepaßt ist, muß verinnerlicht werden. Sofern diese Reformschulen alternative Geldquellen haben, können sie tatsächlich bessere Lernbedingungen bieten. Allerdings stellt sich hier die Frage, welche Eltern hier zur Kasse gebeten werden und auch gebeten werden können. Der ganze Ansatz scheitert am Geld. Und wer das nicht hat, kann weiter die staatliche Regelschule besuchen. Die Bildungsexpertin Susanne Schwalgin sagt nicht zu Unrecht, daß Privatschulen gerade für Eltern aus der Mittel- und Oberschicht attraktiv sind. Es handele sich hierbei auch um die zunehmende Bedeutung des Marktes im Bildungswesen. Was die Schulleistung angeht, so bestehe kein Unterschied zu staatlichen Schulen, aber die Kinder seien zufriedener.

Ob das auch daran liegt, daß der Anteil von Migrantinnen und Migranten geringer ist, will ich hier offen lassen, weil ich Kindern nicht unterstelle, rassistisch zu sein. Das ist eher etwas für Eltern. Bemerkenswert fand ich jedoch eine vor einigen Jahren im Darmstädter Echo nachzulesende Selbsteinschätzung des Schulzentrums auf der Marienhöhe. Man fördere dort, so hieß es, die Legasthenie. Was auch immer man uns damit sagen wollte.

Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht, einige ganz allgemeine evolutionsbiologische Tatsachen zu rekapitulieren. Als die Evolution in ihrer unendlichen Weisheit beschloß, daß nach einigen Milliarden Jahren aus Amöben Menschen werden – nein, Quatsch: die Evolution beschließt nichts und sie führt auch nirgendwo mit Absicht hin. Was geschieht, geschieht eben. Also nochmal: als die Evolution den Menschen hervorbrachte, dachte sie nicht daran, das menschliche Gehirn mit Mathematikaufgaben und Wortungetümen zu vernebeln. Deshalb war der Mensch auch nicht darauf vorbereitet, plötzlich zum Rechenkünstler zu werden oder Buchstaben sinnvoll aneinanderreihen zu können. Worauf ich hinauswill: Die sogenannte Lese- und Rechtschreibschwäche (zu Deutsch: Legasthenie) ist ein kulturelles Artefakt, genauso wie die Dyskalkulie, also die mangelnde Fähigkeit zu abstraktem, mathematischen Denken.

Als die Menschen Jägerinnen und Sammler waren, mußten sie weder schreiben noch lesen können und auch das Rechnen war nicht so wichtig. Hier waren andere Fähigkeiten gefordert. Erst als der Mensch begann, sich seßhaft zu machen, Städte zu gründen, Götter anzubeten und Eigentum anzuhäufen, wurden dem Gehirn, das gar nicht darauf vorbereitet war, andere Zumutungen abverlangt.

Jahrtausende später sind kleine Kinder mit demselben Problem konfrontiert. Ihr Gehirn weiß noch nichts von Buchstaben und Zahlen. Vielleicht kann mir einmal einer dieser Hirnforscher erklären, weshalb die Neuronen daran schuld sind, daß wir nicht rechnen können, wo es doch ganz offensichtlich eine Frage der gesellschaftlichen Organisation ist, ob diese Fähigkeit überhaupt entwickelt werden muß. Der ganze biologistische Unsinn mit Genen und Hirnen dient nur dazu, eine gesellschaftliche Fehlentwicklung zum individuellen Problem umzustricken.

Mag sein, daß diese Erkenntnis weder den Kindern noch ihren Eltern weiterhilft. Aber vielleicht sollten wir aufhören, unsere Kinder mit Erwartungshaltungen zu quälen, die nur aufgrund ganz bestimmter gesellschaftlicher Dispositionen gefordert werden. Oder vereinfacht gesagt: Eine Gesellschaft, in der nicht der Profit regiert, sondern das Bedürfnis nach sozialer, solidarischer Kommunikation und Praxis, wird weder Legasthenie noch Dyskalkulie noch ADHS kennen.

Ich denke nicht, daß diese Behauptung allzu gewagt ist. Allerdings werden sich alle diejenigen daran stoßen, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung dieser als Fehlentwicklung begriffenen Syndrome haben. Das können Eltern sein, aber auch Lehrerinnen, Bildungsinstitute oder die Pharmaindustrie.

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Besprechung von: Terje Neraal, Matthias Wildermuth (Hg.) – ADHS, Psychosozial Verlag

Unterbelichtet bleiben in der Diagnostik von ADHS die gesellschaftlichen Ursachen. Was als gesund und was als krank gilt, ist gerade im Bereich der Psyche eine Frage der Konvention. Kinder lernen schon sehr früh die Widersprüche des geselligen Zusammenlebens kennen. Ohne zu wissen, was sie tun, sind schon Säuglinge in der Lage, ihre Mütter bis zu einem bestimmten Grad zu manipulieren. Sie haben keine andere Wahl, denn sie sind existenziell abhängig von äußerer Nahrungszufuhr, aber auch von Liebe und Geborgenheit. Erhalten sie dies nicht oder in nicht ausreichendem Maße, treten Störungen in der Realitätswahrnehmung und -verarbeitung auf. In der Psychotherapie wird hierbei von Bindungsängsten gesprochen.

Es wäre jedoch grundfalsch, die hieraus resultierenden Fehlfunktionen den Eltern anzulasten. Auch Eltern sind Teil einer gesellschaftlichen Matrix, sie unterliegen inneren und äußeren Zwängen, die sie nur zu einem geringen Teil sinnvoll verarbeiten können. Die Zumutungen einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft können nicht individuell bewältigt werden; zu groß ist der Druck, der Streß und auch die Notwendigkeit, sich mit großen und kleinen Lügen durchs Leben zu stehlen.

Kinder merken das. Sie sind recht früh in der Lage zu erkennen, daß auch Mütter und Väter nicht das tun, was sie dem kleinen Kind abverlangen. So lernen die Kleinen die Grundlagen von Verlogenheit und Heuchelei recht bald kennen. Selbstverständlich wird eine auf Effizienz und Profit abgerichtete Gesellschaft hier keine ausreichenden Hilfen anbieten. Eltern sind also auf sich alleine gestellt und geben den Druck an ihre Kinder weiter. Mit verheerenden Folgen. Wenn dann noch die Selektionsmaschine Schule ins Spiel kommt, sind Katastrophen vorprogrammiert. Und wenn die Bildungspolitik hier – angeblich ausgleichend – schon die Kindergärten in die Bildungspflicht nimmt, dann ist es kein Wunder, wenn Kinder tillen.

Und nur ganz nebenbei bemerkt: Weshalb wird Kindern eigentlich ein unterentwickelter Realitätssinn unterstellt und ein unangemessener Umgang mit sich und anderen, wenn wir tagtäglich erleben, wie uns Luftblasen und Illusionen verkauft werden – und wir geradezu ein manisches Bedürfnis entwickeln, diesen Träumereien einer verlogen-kapitalistischen Verwertungsmaschine auch noch Glauben zu schenken. Der tägliche Börsenbericht ist ja genauso verlogen wie die Werbung im Fernsehen oder die Begründungen für Kriegseinsätze.

Was tun? Die Misere verschwindet ja nicht mit der Erkenntnis. In dem von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegebenen Band zu ADHS geht es darum, die Symptome zu verstehen und die zugrunde liegenden Beziehungen zu verändern. Zwar werden hier insbesondere familiäre Strukturen beleuchtet, doch müssen wir immer im Hinterkopf behalten, daß auch diese Familienstrukturen einen gesellschaftlichen Hintergrund haben.

Eine sich als politisch verstehende Psychoanalyse müßte sich demnach nicht nur mit der Psychodynamik des Eltern-Kind-Verhältnisses befassen, sondern auch damit, welche gesellschaftlichen Zwänge und Vorgaben Eltern und Kinder dazu veranlaßt haben, nicht mehr mit sich selbst klarzukommen. Insbesondere ist hier darauf zu verweisen, daß Männer und Frauen bestimmte Rollen auszufüllen haben und vor allem Frauen (und damit auch Mütter) es eigentlich immer nur falsch machen können. Ich betone das deshalb, weil dieser Aspekt in dem ansonsten anregenden und wichtigen Buch so gut wie nicht vorkommt, als habe es in den vergangenen vierzig Jahren keine feministische Theorie und Praxis gegeben.

Die Autorinnen und Autoren dieses in sich geschlossenen Bandes kommen kaum überraschend zu dem Schluß, daß es sich bei ADHS um eine Oberflächendiagnose handelt, »hinter der sich unterschiedliche Störungsaspekte rund um die Kernsymptomatik ergeben« (S. 287).

Also das, was ich als Container recht verschiedener Auffälligkeiten bezeichnet habe. Wichtig ist es zu begreifen, daß jede als störend empfundene Regung eines Kindes einen Sinn enthält. Die Motorik eines Hyperaktiven ist genauso ein Versuch, mit einer nicht bewältigbaren kindlichen Realität klarzukommen und sich mitzuteilen, wie Verweigerungshaltungen, Träumereien oder fehlende Aufmerksamkeit. Es handelt sich daher nicht um Fehler, die beseitigt werden können, sondern um Äußerungen eines gequälten Selbst.

»Ein von außen betrachtet sinnloses ›Herumhampeln‹ kann innerpsychisch eine spannungsreduzierende Funktion haben und somit subjektiv entlastend und sinnvoll erlebt werden‹ (S. 25).

Der in diesem Buch verfolgte Ansatz versucht, die familiäre Dimension zu analysieren und deshalb Kinder und Eltern in die Therapie mit einzubeziehen. Anhand von elf ausführlichen Fallbeispielen werden nicht nur Hintergründe der als ADHS diagnostizierten Symptomatik aufgezeigt, sondern auch die therapeutischen Schritte dargelegt und nachvollziehbar gemacht.

Manchmal müssen wir uns dann auch fragen, warum uns ein bestimmtes kindliches Handeln stört und weshalb wir es therapieren wollen. Was stört uns – daß Kinder Kinder sind und sich entsprechend unangepaßt benehmen? So wird durchaus zutreffend festgestellt, daß die Gefahr bestehe, »dass bei einer bestimmten Anzahl von Symptomen normale Temperamentsvariationen pathologisiert werden oder für verschiedene Kontexte nicht passende, in sich jedoch positiv bewertbare Eigenschaften wie Lebendigkeit und Beweglichkeit psychiatrisiert werden« (S. 239).

Auffällig ist der Unterschied in der Diagnose bei Jungen und Mädchen. Leider gehen die Autorinnen und Autoren dieses Bandes kaum näher auf dieses Phänomen ein, obwohl es uns möglicherweise einen Hinweis auf grundlegende gesellschaftliche Defizite gibt. Nur an einer Stelle wird von einer nicht aufgelösten Verklebung zwischen Mutter und Sohn gesprochen, als ob dies als Erklärung ausreichen würde. Ich glaube nicht, daß sich die Geschichte des Patriarchats auf einen unzureichenden Abnabelungsprozeß des männlichen Geschlechts reduzieren läßt. Dies würde der Gender-Forschung fundamental widersprechen.

Halten wir fest: Nicht alles, was als ADHS klassifiziert wird, ist eine Störung. Vieles ist der Variationsbreite der gesellschaftlichen Normalität zuzurechnen, und die ist ja oft wahnsinnig genug. Die im Buch dargelegten Fälle legen den Verdacht nahe, daß sich familiäre Dramen hinter der Diagnose verbergen, die mit dem ADHS-Artefakt nichts zu tun haben. Eine Therapie ist hier sinnvoll und, wie das Buch zeigt, in Grenzen auch erfolgreich. Ein ganz wichtiger Aspekt der Darstellung ist es, daß auf Medikamente weitgehend verzichtet werden kann, es allenfalls Ausnahmesituationen gibt, bei denen sie kurzzeitig zum Einsatz kommen sollten.

Wichtig ist es auch hervorzuheben, daß es hier grundsätzlich nicht um die Frage von Schuld und Versagen geht. Schuldzuweisungen helfen nicht nur nicht, sie sind auch unangebracht. Eine Gesellschaft, die noch ganz andere Monster hervorbringt, darf sich nicht wundern, wenn Kinder und ihre Eltern mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn nicht klarkommen. Dies – und damit komme ich kurz noch einmal auf den von Meike Sophia Baader herausgegebenen Band über die Pädagogik der 68er zurück – ist eine Erkenntnis, die dazu anregen sollte, vollkommen andere, solidarisch-kollektive Erziehungsmodelle zu suchen anstatt allein erziehende Mütter mit den alltäglichen Problemen und Zumutungen alleine im Regen stehen zu lassen.

Das von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegebene Buch heißt ADHS. Symptome verstehen – Beziehungen verändern. Es umfaßt 294 Seiten, kostet 24 Euro 90 und ist im Psychosozial Verlag erschienen.

In der vergangenen Stunde hörtet ihr eine Sendung zum Thema Kinderqualen. Hierbei ging es um alternative pädagogische Vorstellungen der 68er Bewegung, um die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, kurz ADHS, sowie um psychodynamische Lösungsansätze, die Kindern, aber auch Familienstrukturen helfen können, mit unbewältigten Anforderungen, Ängsten und Defiziten umzugehen.

Ich denke, ich habe meine Position zur genüge deutlich gemacht: ADHS ist der Sammelbegriff für alle kindlichen Defizite, die in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft psychisch nicht normgerecht verarbeitet werden. Nur wer die gesellschaftlichen Grundbedingungen kritisch hinterfragt, kann Lösungsansätze herausfinden, die derartige Defizite entweder nicht zu solchen werden läßt oder sie schon im Entstehen verhindert.

Hilfreich fand ich bei dieser Fragestellung drei Bücher:

Zum einen den von Meike Sophia Baader herausgegebenen Sammelband »Seid realistisch, verlangt das Unmögliche!« Wenn es noch eines Belegs bedürfte, auf welche Weise die 68er positiv in die Gesellschaft hineingewirkt haben, dann finden wir ihn hier vor. Die Aufdeckung des Politischen im Privaten ist eine emanzipatorische Errungenschaft, hinter die keine soziale Bewegung zurückfallen darf. Das Buch ist im Beltz Verlag erschienen, umfaßt 279 Seiten und kostet 16 Euro 90.

Dann das sehr theoretische Buch von Matthias Wenke, der der Frage nachgeht, wie eine Krankheit gemacht wird. Er fragt daher im Buchtitel: ADHS: Diagnose statt Verständnis? Auch wenn ich seine erkenntnistheoretischen Grundlagen nicht teile, so stecken hierin doch wichtige Fragestellungen zum eigenen Körperverständnis und zur Problematik dessen, was eigentlich als »normal« zu bezeichnen ist. Wenn er feststellt, daß aus pragmatischen Erwägungen heraus nicht beherrschbare und systemdysfunktionale Konflikte möglichst effizient durch Ruhigstellen beseitigt werden sollen, dann sind zwei seiner Aussagen zentral: Erstens, es gibt kein ADHS, und zweitens, die Verabreichung von Medikamenten ist abzulehnen. Dieses Buch ist schon 2006 im Verlag Brandes & Apsel erschienen. Die rund 150 Seiten kosten 14 Euro 90.

Schließlich der psychotherapeutisch argumentierende Band ADHS: Symptome verstehen – Beziehungen verändern, der von Terje Neraal und Matthias Wildermuth herausgegeben wurde. Dieser Band wendet sich zunächst einmal an alle Berufsgruppen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, aber auch an betroffene Eltern und Jugendliche. Auch wenn hier der Eindruck bestätigt wird, daß ADHS ein schwammiger Begriff für alles ist, was Kinder, Jugendliche und ihre Familienverbände nicht ausreichend verarbeiten können, so liegt das Schwergewicht darin, die psychodynamischen Grundlagen des als ADHS bezeichneten Syndroms verständlich zu machen. Anhand mehrerer Fallbeispiele werden überzeugend Lösungsmöglichkeiten aufgezeigt. Besonders hervorzuheben ist, daß der Band auch für Laien verständlich geschrieben ist, ohne die mit der Thematik schon eher vertrauten Personen zu unterfordern. Dieser Band aus dem Psychosozial-Verlag umfaßt 294 Seiten und kostet 24 Euro 90.

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