Rezension zu Die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs

Musik & Kirche 4-2008

Rezension von Walter Meinrad

Die Passion als »Objektverlust«

Vor allem die großen Kunstwerke sind offen für immer neue Deutungen. Heutige Fragestellungen etwa an »Alte Musik« dürfen weiter reichen als nur bis zum Horizont des Komponisten in seiner Zeit. Und bei Kirchenmusik wie geistlicher Musik können die gewohnten, bisweilen ausgetretenen musikalisch-theologischen Pfade durchaus verlassen werden. Freilich sind alle Deutungen, gleich welcher Provenienz, immer wieder kritisch auf ihre innere Stimmigkeit und den Ertrag im gesamten »Interpretations-Konzert« zu befragen.

Mathias Hirsch ist Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin. Sein »psychoanalytischer Musikführer« zu Bachs Matthäus-Passion stellt das Werk in ungewohnte Horizonte wie »Beziehungsdrama« oder »Objektverlust und Trauerarbeit«, mit Einzelaspekten wie »Eltern-Kind-Beziehung«, »Scham, Schuld, Reue, Vergebung« sowie »Versöhnung und Wiedervereinigung« (S. 17). Der Cantus firmus heißt: Die Matthäus-Passion ist ein Angebot zur hörenden Identifikation mit einzelnen Facetten der so gedeuteten Passionsthematik, etwa mit dem »Ich-starken, empörten Kind«, das die Passion verhindern will (»Lasst ihn, haltet, bindet nicht!«, mit Jesus als dem Leidenden, aber auch mit dem »Aggressor« etwa in manchen Chorälen (»... das Elend, das dich schläget«).

Zentrum des Büchleins ist ein geraffter Durchgang durch das Werk. Die musikalischen Interpretationen stammen aus einschlägiger älterer und neuer Literatur (Schweitzer, Eggebrecht, Platen, Schalz usw.). Die Paraphrase der Handlung aber liest sich bisweilen wie eine schülerhafte Nacherzählung, die der Passion den letzten Rest von Theologie ausgetrieben hat: »Der anschließende Choral fragt wieder erstaunt, wer Jesus denn so geschlagen habe, da er doch nicht der Sünder sei, ›wie wir und unsere Kinder‹, womit auf die transgenerationale Weitergabe von Schuld (bis ins dritte und vierte Glied) angespielt wird« (S. 69). Zum Schlusschor der Johannes-Passion ist zu lesen: »Denn wenn der König zwar tot ist, ein neuer jedoch gleich wieder lebt (Auferstehung), bleibt die Trauer kurz« (S. 50).

Seine Ergriffenheit von der Matthäus-Passion Bachs kann man dem Autor nicht absprechen. Auch ist ihm zuzustimmen, wenn er schreibt, dass »christlicher Glaube« eben »keine Voraussetzung« ist, »um von diesem herausragenden musikalischen Drama überwältigt zu werden« (S. 11). Eine brauchbare Darstellung dieser Möglichkeit von Rezeption, gar im Sinne eines »Musikführers«, steht jedoch immer noch aus.

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