Rezension zu Schopenhauers Stachelschweine

Frauen beraten Frauen

Rezension von Traude Ebermann

Ein äußerst spannendes (Lehr-)Buch über Psychotherapie – bestens geeignet sowohl für Interessierte als auch für PsychotherapeutInnen.
Die Autorin – Deborah A. Luepnitz Ph.D. – ist eine im deutschen Sprachraum leider noch kaum bekannte amerikanische Psychoanalytikerin, die sich der Gruppe der Relational Psychoanalysis zuordnet (Nancy Chodorow, Susie Orbach, Luise Eichenbaum und Jessica Benjamin, die dem Kreis auch angehören, sind in Europa weitaus bekanntere feministische Psychoanalytikerinnen. Im Deutschen wird das, was sie vertreten mit Intersubjektivität bezeichnet. J. Greenberg, St.A. Mitchell, G.Atwood, R.Stolorow und D. Orange sind weitere, international berühmte Vertreter dieser Intersubjektivitätstheorie.

Luepnitz lehrt an der klinischen Fakultät im Bereich Psychiatrie der University of Pennsylania School of Medicin und ist Mitglied des Womens Therapy Centre Institute, New York. Bisher veröffentlichte sie »The Family Interpreted« und war am »Cambrigde Companion to Lacan« beteiligt. In Philadelphia betreibt sie eine eigene Praxis und gründete dort vor kurzem eine Initative für die ehrenamtliche psychoanalytische Betreuung ehemals Obdachloser. Allein diese biographische Vielfalt erweckt Vertrauen in eine, auch für gesellschaftspolitsche Ebenen offene Person und macht neugierig, was sie wohl dieses Mal zum Besten gibt.

In dem vorliegenden Buch veranschaulicht die Autorin anhand von fünf Fallgeschichten in sehr persönlicher und unpretensiöser Weise- verbunden mit viel Humor-, was in einer Psychotherapie geschehen kann. Wobei nicht die Klientin oder der Klient im Vordergrund stehen sondern das gesamte Beziehungsgeschehen zwischen Therapeutin und Klient/in.
Gemäß der Intersubjektivitätstheorie gibt sie uns Einblick in die Bezogenheit, die Wechselwirkung, die sich zwischen Therapeutin und Klient/in als zwei Subjekte im therapeutischen Prozess entwickelt. Auf die grundsätzliche Frage. »Wie kann Reden helfen?« bekommen wir unterschiedliche spannende und offensichtlich hilfreiche Antworten in den Fallvignetten dargeboten.

Die Vorgänge innerhalb des therapeutischen Prozesses werden in einfacher Sprache beschrieben – was ihre Professionalität keineswegs schmälert – und werden dadurch auch für Laien gut verständlich. Darin sehe ich einen besonderen Verdienst dieses Buches.
Eine Einladung, Psychotherapie bzw psychotherapeutisches Geschehen auch Laien, SkeptikerInnen oder AnfängerInnen schmackhaft zu machen, Angst vor dem ungewissen Prozess abzubauen, der sich vor und zu Beginn einer Psychotherapie oft auftut. Soweit dies durch Nachlesen überhaupt möglich sein kann, gelingt es der Autorin jedenfalls meiner Meinung nach vortrefflich. Die 5 Fallgeschichten, übertitelt wie. »Geteiltes Bett, getrennte Träume«, »Weihnachten im Juli«, Don Juan in Trenton«, »Ein Darwinfink« und »Der Sündenschlucker« behandeln Panikattacken, psychosomatische Erkrankungen, Probleme in der Partnerschaft, sexuellen Leichtsinn u.v.m.. Wie ein roter Faden geleitet die Lesenden eine, jede Fallgeschichte abschließende Bemerkung über das jeweilige Nähe- Distanzverhalten, wie es die Stachelschweine in der Fabel von Schopenhauer praktizieren.


Diese Fabel – frei nacherzählt von Leupnitz (S.8) – geht folgendermassen.
»Eine Horde Stachelschweine läuft an einem kalten Wintertag umher. Damit sie nicht erfrieren, rücken sie näher zusammen. Wenn sie sich jedoch so nah sind, dass sie sich aneinanderschmiegen können, pieksen sie sich gegenseitig mit ihren Stacheln. Um dem Schmerz zu entkommen, gehen sie auseinander, fangen aber wieder an zu frieren. Also kommen sie sich wieder näher und der Kreislauf beginnt von vorne, in ihrem Kampf um einen erträglichen Platz zwischen Nestwärme und Erfrieren.«

Unaufdringlich eingewoben in die Schilderung ihrer Fallvignetten erklärt die Autorin die grundlegenden Unterschiede zwischen Gesprächstherapie und einer psychoanalytischen Psychotherapie. Nämlich. die Aufmerksamkeit auf die unbewussten Prozesse zu legen und im besonderen auf das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen und auf die Widerstands-phänomene, wie sie sich zeigen. Das alles bringt sie anschaulich ins Bild. Abstrakte theoretische Begriffe, wie sie sich im realen Beziehungsverhalten zeigen, werden dadurch fassbar. Fantastisch finde ich, wie sie den hochkomplexen Vorgang der »projektiven Identifizierung« einfach verständlich macht (S.29). Theoretisch nimmt sie neben Freud Bezug vor allem auf Lacan, Winnicott, Chodorow und weiteren PsychoanalytikerInnen, die sich auf die Objektbeziehungstheorien und im besonderen auf die Intersubjektivität beziehen.
In selbstverständlicher Weise nimmt sie den Zusammenhang von Außenwelt und Innenwelt ernst. Indem sie die jeweils äußere gesellschaftspolitische Realität und Wertigkeiten ihrer KlientInnen anführt und auf den Zusammenhang mit deren inneren subjektiven Konflikten eingeht.
Besonders angetan war ich von der Fallvignette »Don Juan in Trento«. In faszinierender Weise gelingt es ihr, die Lesenden in den Bann des interaktionellen Therapieverlaufs zwischen Patient und Therapeutin zu ziehen. Die Verzahnung von äußeren Lebensereignissen, gesellschaftlicher Realität und innerer Verarbeitung wird spannend, geistreich und humorvollst beschrieben. Wir können uns den Patienten mit seinem Don Juanismus lebhaft vorstellen. Vielleicht auch deswegen, weil den meisten von uns so manches aus dem eigenen Leben bekannt vorkommt und dies folglich beim Lesen eigene persönliche Erfahrungen wieder belebt? Es ist einfach ein lustvolles Lernen am konkreten Menschen, wie bsplsw. ein Traum behutsam und langsam seine Deutung findet, wie sich eine projektive Identifikation in der therapeutischen Beziehung zeigen kann, ebenso wie eine Depression, infolge der »talking cure« (wie Berta Pappenheim die Psychoanalyse nannte) erst zu den verdrängten Gefühlen und a la longe zu der Vitalität des Klienten führt, oder wie verleugnete Homosexualität transgenerational doch zum Vorschein kommt.

Wir erfahren auch, wie unterschiedliche Weltanschauungen, konkrete Begegnungen der beiden – Klient und Therapeutin – am Beispiel Abtreibung – im Therapieprozess Gestalt annehmen kann, an welchen Stellen sich das zeigen kann und diese gesellschaftspolitischen Ebenen als Wirkfaktoren im therapeutischen Prozess als hilfreiches Material genützt wird.
Wie die Autorin die Abstinenz reflektiert – eine selbstverständliche Forderung in der tiefenpsychologischen Haltung – könnte gut als Diskussionsgrundlage unter KollegInnen dienen.

Interessant finde ich die Erwähnung einer Umfrage (Samuels 1993) (S.128), die grundsätzlich bestätigt, dass politische Themen im Behandlungsraum zur Sprache kommen, allerdings unterscheiden sich die Themen von Land zu Land. So neigen KlientInnen in Amerika dazu, Geschlechterfragen in den Sitzungen zu besprechen, Deutsche Umweltangelegenheiten, Israelis die Ereignisse im mittleren Osten etc. (Und in Österreich, was würde die Umfrage hier ergeben ?? Anm. T.E.)

Erfrischend Luepnitz Worte zum nichteinlösbaren Anspruch von Objektivität.
»(S.128)….es wäre naiv, darauf zu beharren, dass Psychoanalyse und Psychotherapie irgendwie Aktivitäten sind, die über der Welt und der Politik stehen. Tatsache ist, dass gerade unsere Theorien zur menschlichen Entwicklung und therapeutischer Veränderung selbst politisch sind. Sobald wir anfangen, Verhaltensweisen auszusondern, die »pathologisch«, »verrückt« oder »unreif« sind, enthüllten wir Teile unseres Weltbilds. Der Ödipuskomplex wird in der Form, wie er von Freud und Rank in Hinblick auf Vater, Mutter und Kind diskutiert wird, von einigen als politisch problematisch betrachtet. Angesichts der Tatsache, dass wenn überhaupt nur die Hälfte der amerikanischen Familien diesem Modell entsprechen, dann könnte es eine Art Verleugnung der Tatsache des sozialen Wandels sein, auf dieser Form zu bestehen. In den vergangenen 50 Jahren haben viele TherapeutInnen dafür plädiert, den Ödipusmythos in der Psychoanalyse beizubehalten, ihn jedoch im weitesten Sinne zu interpretieren. Andere haben empfohlen, den Ödipuskomplex ganz abzuschaffen, denn sie sind überzeugt, dass er nur die gewalttätigen und von Rivalität geprägten Beziehungen reproduziert, die er beschreiben will. Sicherlich werden neue Theorien und ein neues Verständnis alter Theorien maßgeblich an der Schaffung einer neuen Art von Männlichkeit beteiligt sein – einer, die den Don-Juanismus weniger unausweichlich macht …..«(Und ich ergänze, ebenso steht es an, in der Theorie eine neue und zeitgemäße Weiblichkeit auszuhandeln. T.E.).
Ich möchte hiermit mit einem Satz von Leupnitz abschliessen.
»Die Psychotherapie kann uns nicht ganz machen, aber sie kann uns ermöglichen, das Leiden in Sprache umzusetzen und am Ende zu lernen, mit dem Begehren zu leben. Wie diese Fälle zeigen, kann sie dabei helfen, ungeheures neurotisches Elend in alltägliche Stachelschwein-Probleme zu verwandeln.
Oder, wie Dave, in der Abschlussphase seiner Therapie meint . »Das Reden hilft, weil es zu mehr Reden führt«.
Dem will ich nichts hinzufügen. Außer. dass ich mir noch viele solcher kluger und praktikabler Bücher wünsche – im Psychosozialverlag und anderswo.


www.frauenberatenfrauen.at

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