Rezension zu Die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs

Rheinische Post

Rezension von Wolfram Goertz

Bachs Passion auf Freuds Couch

Johann Sebastian Bachs »Matthäus-Passion« hat der Düsseldorfer Psychoanalytiker Mathias Hirsch in einem spannenden Buch als beeindruckendes »Beziehungsdrama« gewertet. Die Musik könne helfen, das entsetzliche Geschehen zu ertragen und zu mildern.
Als Johann Sebastian Bach in Leipzig seine »Matthäus-Passion« schrieb, lebten weder Sigmund Freud noch Melanie Klein noch Sándor Ferenczi, geschweige
denn Jacques Lacan oder Margaret Mahler. Mit der Psychoanalyse, ihren
Säulenheiligen und Repräsentationen hatte der fromme Thomaskantor noch nichts im Sinn – er betrachtete einzig den lieben Gott und sich selbst als verehrungswürdige und analytische Instanzen.

Trotzdem ist sein großes Passionswerk so universell, dass es Einblicke von allen möglichen Seiten erlaubt – und einfordert. Die »Matthäus-Passion« Bachs wurde vertanzt, verfilmt, gemalt, veropert, literarisch verwertet, und fraglos musste der Tag kommen, da sie auch von der Psychoanalyse entdeckt wurde.
Diesen Tag durfte man ebenso ersehnen wie fürchten, denn von der Couch
aus hört man zwar bequem, doch vielleicht nicht wach genug.
Der Düsseldorfer Psychoanalytiker Mathias Hirsch hat Bachs hohem Opus nun ein recht kleines, jedoch überaus kluges Buch gewidmet: »Die Matthäus-
Passion Johann Sebastian Bachs – ein psychoanalytischer Musikführer«. Das klingt fast gefährlich schlicht, indes weiß man von Hirsch, dass er eine musische
Ader hat, die dank starker geistiger Pumpleistung auch den barocken Zweig bestens versorgt. Der Autor hat in einem früheren Aufsatz bereits eingestanden, dass ihn das Werk beim Hören oft zu Tränen rühre. Aber den scharfen Blick aufs autonome Kunstwerk haben diese Tränen nicht verschleiert. Es ist die Summe der Details und die Sicht aufs Ganze, die den Leser beeindruckt. Gewiss dringen einige sehr heutige Begriffe in die Denkwelt des Buchs, und bei manchem zuckt man mit den Achseln: Jesus ein »Mobbingopfer«? Ja, gewiss war er das. Aber mehr noch würdigt der Autor die Passion Christi sehr einleuchtend als Beziehungsdrama, in dem Liebe und all ihre Ausdrucksformen
in ein multiples dramatisches und emotionales Geflecht geraten: die Mutter und das Kind, Gottvater und sein Sohn, die Jünger und ihr Anführer, Pilatus, das Volk und ihr Sündenbock, die Gemeinde – also auch wir Heutigen – und ihr
am Kreuz geopfertes Liebesobjekt. An dieser gewaltigen Kreuzung von Leid, Tod, Verlassen-Werden, Schuld, Hoffnung, Reue und Versöhnung leiste die Musik, so meint Hirsch, echte, wahrhaftige Trauerarbeit.
Sie berge »in verträglicher Milderung« Ausdrucksformen für jene Affekte, die »der Text und der Hörer nicht aushalten können«. So könne sie ein »Vorbild« sein, und es ist kein Zufall, dass Hirsch ausgerechnet Hans Werner Henze zitiert:
»Im Weinen und Greinen der Oboe d’amore und der Schalmeien erkennen
wir unser eigenes Weinen und Greinen wieder.« Hirsch ist sicher, dass »Musik eine übergangsobjektartige Verbindung auch zu wichtigen Bezugspersonen sein« und »Verluste wichtiger Objekte mildern und überwinden helfen kann«. Erkenntnis geht hier über den dornigen, steinigen, schmerzlichen, doch am Ende tröstenden Weg der Identifikation. Jesu Tod am Kreuz war bei Bach mehr als das späte Drama eines begabten Kindes, sondern erregender Ausdruck eines Lebenswerks, das in der Annahme eines Opfers gipfelt.
Nicht grundlos ist die Passion nach Matthäus diejenige, die am stärksten den Aspekt des personal und kollektiv erfahrenen Leidens betont – im Gegensatz zur
»Johannes-Passion«, die schon mit dem Chorsatz »Herr unser Herrscher« beginnt. Deshalb ist die Identifikation mit der Leidensfigur stärker als diejenige
mit der Königs- und Majestätsfigur. Aber der Leidende ist als Liebesobjekt dermaßen nah, dass er psychoanalytisch die Rolle der verlassenden Mutter einnehmen kann.

Dies zu beweisen, schreitet Hirsch Satz für Satz durch die gesamte Passion, beginnend mit dem Eingangschor, dessen Dur-Moll-Ambivalenz er genau zu deuten weiß, bis zum Schlusschor »Wir setzen uns mit Tränen nieder« – und
immer wieder kommt er zu faszinierenden Erkenntnissen, die er als Musikkenner genau mit Notenbeispielen umgibt und damit jedweden Verdacht beseitigt, ein Fachfremder nähere sich der Materie.
Kurzum: Wer sich mit Bach beschäftigt, wird um Hirschs Buch nicht herumkommen. Wie man auch ums Kreuz nie herumkommt.

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