Rezension zu Filme auf der Couch

Psyche

Rezension von Helmut Däuker

Ende der fünfziger Jahre des zurückliegenden Jahrhunderts Film und Psychoanalyse sind zu diesem Zeitpunkt beide etwa 65 Jahre alt bereiteten John Huston und der als Drehbuchautor engagierte Jean Paul Sartre das Projekt eines Freud Films vor. Beide überwarfen sich jedoch, und Sartre wird später schreiben: »Einmal, als er [Huston] in bezug auf Freud von seinem Unbewußten sprach, hat er etwas Komisches gesagt: In meinem ist nichts« (Pontalis, J. B. [1984]: Drehbuch Freud, Drehbuch Sartre. In: Sartre, J. P.: Freud. Das Drehbuch. Reinbek 1995, S. 12). Wir wissen nicht genau, woran Huston dachte, als er von seinem Unbewußten sprach. Immerhin wurde ihm diese Aussage von Sartre in den Mund gelegt, der ja selbst die Existenz des Unbewußten anzweifelte. Unter diesen Voraussetzungen einen Film über Freud zu drehen konnte wohl nicht gut gehen. Was sich indessen zu einem erfolgreichen und auch für Nichtanalytiker attraktiven Anwendungsbereich der Psychoanalyse entwickelt hat, ist die auf dem Wege psychoanalytischer Interpretationen in den Blick genommene unbewußte Botschaft von Filmen. In vielen Städten mit psychoanalytischen Instituten haben sich inzwischen Veranstaltungsreihen und Tagungen etabliert, die ein breites Spektrum psychoanalytischer Filmanalyse präsentieren.

Den beiden zu besprechenden Büchern merkt man die reichhaltige Erfahrung der Herausgeber und Autoren mit Filminterpretationen an, was auch den theoretischen Beiträgen zur aktuellen Diskussion der Filmpsychoanalyse gut bekommt. Der von Lutz Wohlrab herausgegebene Band »Filme auf der Couch« kommt gleich zur Sache, auf theoretische Erläuterungen außerhalb der Besprechungen wird bewußt verzichtet. Insgesamt sechzehn Filme werden vorgestellt, von Bunuels Un chien andalon (Claus Löser) über Alien (Christine Gerstenfeld), Ich hieß Sabina Spielrein (Annette Simon) bis zu Mulholland Drive (Simon Brückner) findet sich eine große Bandbreite interpretativer Annäherungen, welche die heutige Perspektivenvielfalt psychoanalytischer Deutungsmuster widerspiegelt. Vorgestellt und gezeigt wurden alle Filme ursprünglich im Brotfabrik Kino, in dem an filmhistorisch bedeutender Stelle (Caligariplatz, Berlin Weißensee) seit 2002 eine »Psychoanalyse und Film« Reihe veranstaltet wird. Einleitend stellt Wohlrab auch eine direkte Verbindung zur klinischen Arbeit her, wenn er von der »Bereitschaft der Therapeutin, des Therapeuten« spricht, »sich einen für den Patienten wichtigen Film anzuschauen. Umgekehrt kann eine Filmempfehlung auch einmal durch die Therapeutin oder den Therapeuten erfolgen. Dazu geeignete Filme stellen wir vor« (S. 8).
In Ralf Zwiebels und Annegret Mahler Bungers Projektion und Wirklichkeit nimmt die klassische und aktuelle psychoanalytische Filmtheorie einen wesentlich breiteren Raum ein. Das beginnt im ersten Teil (»Theoretische Annäherungen«; Mahler Bungers u. Zwiebel) mit der Fragestellung »Was ist ein Film?«, geht weiter über »Wege einer psychoanalytischen Filminterpretation« bis hin zu einem Modell aufeinander verweisender triadischer Prozesse: Zunächst wird die Sequenz Künstler,Werk,Rezipient verfolgt, welche dann auf die filmspezifischen Begriffe Einstellung, Darstellung,Vorstellung übertragen wird. Die interpretative Annäherung verfährt schließlich umgekehrt: Der unmittelbaren Filmerfahrung (»Vorstellung«) folgt ein die Ebene der »Darstellung« (Form) einbeziehender Reflexionsprozeß, um zur »Einstellung« zu gelangen. Gerade die Form wird dabei als jene Dimension betrachtet, mittels deren die »Arbeit des Unbewußten« interpretativ erschlossen werden kann. Hervorgehoben wird, daß es nicht auf die »bloße Anwendung« der Psychoanalyse auf das Objekt »Film« oder »Regisseur« ankommt, sondern im Sinne einer »generativen Psychoanalyse« (Gerhard Schneider) »kann derFilm ein Lehrmeister in Sachen menschlicher Psyche genannt werden« (S.21). Die Perspektivenwechsel zwischen Einstellung (»Opus Phantasie« des Künstlers), Darstellung (Beziehung der Darstellung zum Dargestellten) und Vorstellung (Nicht Identität von Darstellung und Vorstellung auf Seiten des Zuschauers) konstituieren so ein Netz begrifflicher Knotenpunkte, das der »undenklichen Deutungsvielfalt« (S. 12) des Films Struktur abzugewinnen vermag. Was so gedrängt formuliert abstrakt wirken mag, ist am Text selbst gut zu verfolgen. Zur methodologischen Multiperspektivität paßt dann auch die Warnung: »Nicht wir legen den Film auf die Couch, sondern, wenn dieser Vergleich überhaupt sinnvoll ist, dann legt der Film uns auf die Couch« (S. 25).

Auch der Beitrag von Mechthild Zeul fokussiert vor allem die Vielfalt der durch den Film angestoßenen re gressiven Prozesse (etwa René Spitz Metapher des Kinosaals als »Urhöhle«), die bis zu einer »Regression auf die vorbildliche Phase in der Entwicklung« verweisen (S. 51). Dirk Blothner schließlich geht es um eine Analyse der Filmwirkung am Beispiel von American Beauty, in die auch Befragungen der Zuschauer einbezogen werden.

Im zweiten Teil des Bandes (»Subjekt und Geschichte Zur Beziehung von Innen und Außenwelt«) bewegen sich Timo Hoyer, Christel Eckart, Marianne Leuzinger Bohleber und Ralf Zwiebel am Beispiel von vier Filmen im Spannungsfeld von »Opus Phantasie des Künstlers (Filmemachers)« und »zentraler Deutungsphantasie« des Zuschauers bzw. »Film Psychoanalytikers« (S. 83). Innenperspektive, Intersubjektivität und Intertextualität bilden hier die theoretischen Achsen, die wiederum mit psychoanalytischer Theorie, der analytischen Situation und selbstreflexiven Prozessen verwoben werden.

Der abschließende dritte Teil (»Psychoanalytisch orientierte Filmbetrachtungen am Beispiel von Roman Polanskis »Der Mieter«) gestattet der Leserin schließlich einen direkten Vergleich dreier Deutungsphantasien bzw. perspektiven zu ein und demselben Film: Annegret Mahler-Bungers, Gerhard Bliersbach und Gerhard Schneider formulieren jeweils eigene interpretative Zugänge, und beim Lesen wird deutlich, daß dies keineswegs auf Beliebigkeit oder Gleichgültigkeit hinauslaufen muß.
Heterogenität der theoretischen und interpretativen Ansätze sowie Mangel an theoretischer und methodologischer Reflexion (Zwiebel u. Mahler- Bungers, S. 11) haben bisher eine gemeinsame Sprache der Film Psychoanalytiker nicht gerade leicht gemacht. Projektion und Wirklichkeit bietet hier auf anspruchsvollem, gleichzeitig aber gut verständlichem theoretischem Niveau begriffliche Orientierung – mit der Möglichkeit dies am konkreten Filmmaterial zu evaluieren. Wer sich vorrangig von interpretativem Einfallsreichtum anregen lassen will, dem seien auch die »Filme auf der Couch« empfohlen. In beiden Büchern kommen übrigens auch Nichtpsychoanalytiker zu Wort. Wer weiß, vielleicht hätte die Lektüre der beiden Bücher auch einen John Huston von der »unbewußten Botschaft des Films« zu überzeugen vermocht.

Helmut Däuker (Mannheim)

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