Rezension zu Der »Märchenprinz«

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Rezension von Werner Renz

Sammelrezension:

SS-Standortarzt Dr. Eduard Wirths: Weder Märchenprinz noch Judenretter

Ulrich Völklein: »
Der »Märchenprinz«. Eduard Wirths: Vom Mitläufer zum Widerstand. Als SS-Arzt im Vernichtungslager Auschwitz«. Gießen: Haland & Wirth im Psychosozial-Verlag, 2006, 281 S., E 24,90
Ulrich Völklein: »Dr. med. Eduard Wirths: Ein Arzt in Auschwitz. Eine Quellenedition.« Norderstedt: Books on Demand, 2005, 204 S., E 22,-

Dr. Eduard Wirths (1909-1945) war von September 1942 bis Januar 1945 SS-Standortarzt in Auschwitz. Der Mediziner passte sich seit 1933, Ausbildung und Beruf im Karriereblick, den gesellschaftlichen Gegebenheiten an, beantragte seine Aufnahme in die NSDAP und die SA, später auch in die SS und wurde nach seinem Studienabschluss Landarzt im Badischen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs eingezogen und in unterschiedlichen Funktionen eingesetzt, kam Wirths 1941/1942 als Truppenarzt an die Ostfront. Erkrankungen machten ihn frontdienstuntauglich, und der fähige und fleißige Mediziner wurde zum KZ Dachau und wenige Wochen darauf zum KZ Neuengamme kommandiert. Wirths Bemühungen um verbesserte Existenzbedingungen der KZ-Häftlinge wurden ihm zum Verhängnis. Den unstrittig im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten ums Wohl der KZ-Insassen besorgten SS-Arzt versetzte das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt (WVHA) im September 1942 in das durch Epidemien gefährdete Lager Auschwitz-Birkenau. Oranienburg und die Auschwitzer Lagerleitung warenbestrebt, die SS-Besatzung vor den Seuchen zu schützen, die im Lager grassierten und nicht nur Häftlinge, sondern auch SS-Angehörige dahinrafften. Mit Tatkraft und Fleiß machte sich Wirths ans Werk und erkannte sehr schnell, dass allein die Verbesserung der Lebensverhältnisse der KZ-Häftlinge eine Eindämmung der Krankheiten ermöglichte.

Unzweifelhaft: Dem obersten SS-Arzt im Konzentrations- und Vernichtungslager war – so unglaubhaft es scheinen mag – Heilen und Helfen ein Anliegen. Wirths kümmerte sich, von Funktionshäftlingen unterstützt, um die Kranken im Lager, setzte sich dafür ein, dass die Versorgung in den Häftlingskrankenbauten sich verbesserte. Auch auf die Hebung der allgemeinen Lagerverhältnisse versuchte Wirths Einfluss zu nehmen, die mörderischen Bedingungen im Todeslager abzustellen, die hohe Sterblichkeit zu senken. Doch alles, was Wirths im Lager nach dem glaubhaften Zeugnis von Auschwitz Überlebenden wie Hermann Langbein und Karl Lill tat, sein ärztliches Tun wurde von der Massenmordpraxis, an der der SS-Standortarzt seit Frühjahr 1943 einen erheblichen Anteil hatte, überschattet. Die Absicht des WVHA, die Lager zu ökonomisieren, die Arbeitskraft der Häftlinge effektiv zu nutzen, wies den SS-Ärzten in Auschwitz eine nichtärztliche Funktion zu. Die Mediziner hatten fortan die Selektion der mit Transporten der Deutschen Reichsbahn nach Auschwitz verbrachten Juden durchzuführen. Per Augenschein sollten die Ärzte über Tod oder Lagerhaft, über Vergasung oder Zwangsarbeit entscheiden. Der Beteiligung an der Massenvernichtung, dem gemeinschaftlichen Massenmord, folgte das meist vergebliche Bemühen, den als arbeitsfähig aussortierten Juden im Interesse der Erhaltung ihrer Arbeitskraft die Aufenthaltsdauer im Lager zu verlängern. Mörderische Willkürmaßnamen innerhalb des Lagers, insbesondere von der Politischen Abteilung (Lagergestapo) durchgeführt, bekämpfte Wirths nach Kräften mehr oder weniger erfolgreich. Von den dem Lagerwiderstand angehörigen Häftlingen über die Mordpraxis der Lagergestapo informiert, wandte sich Wirths an die Lagerleitung und an das WVHA und drang darauf, im Interesse der Konservierung und Effektivierung des Arbeitseinsatzes, das Leben der Lagerinsassen zu erhalten.

Ulrich Völklein, viele Jahre lang Journalist bei der Wochenzeitung Die Zeit und bei der Illustrierten Stern, hat auf der Grundlage aller verfügbaren Quellen, unter Hinzuziehung von Briefen und Aufzeichnungen, die ihm die Familie Wirths zur Auswertung überließ, das Wagnis unternommen, über den SS-Standortarzt von Auschwitz eine Biografie zu schreiben. Völkleins Versuch, aus dem Mitläufer Wirths einen Widerständler und Judenretter zu machen, ist misslungen. Wirths war fürwahr eine komplexe Figur, in ihrem Zwiespalt, in ihrer Zerrissenheit, am Ende (Herbst 1945) in ihrer offenbaren Schizophrenie, schwer zu fassen. Völklein hat seine Lebensbeschreibung des SS-Arztes allzu sehr aus der Perspektive seines Objekts, Wirths Familie und auch der Häftlinge geschrieben, die wie Langbein und Lill täglich mit dem Mediziner Umgang hatten und sozusagen seine »menschliche Seite« kennenlernten. Im legitimen Bemühen, die »innere Tatseite« (S. 7) aufzuklären, nach Einstellungen und Absichten zu fragen, neben dem objektiven Tatgeschehen, dem arbeitsteiligen Massenmord, das subjektive Bild eines Tatbeteiligten in all seinen Facetten zu erhellen, ist Völklein risikoreich und mutig, durchaus redlich und integer, gescheitert. Die selbst gestellte Aufgabe war nicht zu bewältigen.

Fraglos: Wirths war kein Mörder aus freien Stücken wie Mengele, kein gnaden- und seelenloser Exekutor der Vernichtungsbefehle wie Höß und andere. Wirths bewahrte sich – so paradox es klingen mag – im Todeslager, umgeben von eifrigen Massenmördern, einen Rest von ärztlichem Ethos und praktizierter Menschlichkeit. Das Zeugnis von Überlebenden ist keinem Zweifel ausgesetzt. Sein Bemühen um die Lagerhäftlinge speiste sich aus seinem tief verwurzelten, selbst an einer Mordstätte wie Auschwitz bewahrten Selbstverständnis als Arzt. Völklein verzeichnet aber das Bild des Mediziners, wenn er Wirths Tun und Lassen in Auschwitz als Widerstands- und Überlebenskampf darstellt. Im Vergleich mit Wirths Mitschuld am Massenmord war sein medizinisches Wirken für die KZ-Insassen im Hinblick auf das Gesamtgeschehen, nicht im Hinblick auf das Schicksal einzelner Häftlinge, nebensächlich. In seiner sogenannten Verteidigungsschrift von 1945 schrieb Wirths: »Es ist sicher nicht überheblich, wenn ich heute ausspreche, dass es wohl mein Verdienst ist, wenn in Europa heute Juden überhaupt noch am Leben sind. Ich habe getan, was in meiner Kraft stand, um sie vor der Vernichtung zu bewahren.« (1) In ihrer Hybris mutet Wirths Selbsteinschätzung geradezu wahnsinnig an. Von britischen Stellen inhaftiert und vernommen, entzog er sich in seiner Verzweiflung und Schuld der Verantwortung. Sein Suizid war eine aus Selbstmitleid und Feigheit resultierende Flucht. Wirths, wohl kein Nazi, aber auch kein Widerständler, hätte in den anstehenden Prozessen der Alliierten gegen NS-Verbrecher die Wahrheit über den Mord an den europäischen Juden in Auschwitz bezeugen können. Mit Hingabe und Mut hat er in Auschwitz unlösbar scheinende Aufgaben zu bewältigen versucht. Zur Zeugenschaft, zum Bekenntnis, zur Anklage gegen die Massenmörder hat er sich, die Aussichtslosigkeit seines verirrten Lebens vor Augen, nicht durchringen können.

Der Fall Eduard Wirths ist schwierig und gleichsam ungelöst. Die Quellenedition und die Biografie von Völklein und das (gleichfalls unzureichende) Buch von Konrad Beischl (2) sind erste Anfänge, sich dem Phänomen zu nähern. Sperrig ist der Gegenstand nicht nur, weil Wirths widersprüchlich und zwiespältig war, diffizil ist die Sache außerdem, weil mit der Darstellung von Wirths Tätigkeit eine Bewertung der Zeugnisse von Langbein, Lill und anderen einhergehen muss, eine quellenkritische Herausforderung, der die Autoren nicht gewachsen waren.

(1) Ulrich Völklein, »Dr. med. Eduard Wirths: Ein Arzt in Auschwitz.
Eine Quellenedition«. Norderstedt: Books on Demand, 2005, S. 48.

(2) Konrad Beischl, »Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als
SS-Standortarzt im KL Auschwitz«. Würzburg: Verlag Königshausen
und Neumann, 2005, 266 S.

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