Rezension zu Blick zurück nach vorn - WegbereiterInnen der Inklusion

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Rezension von Jos Schnurer

Thema
Inklusion ist eine neue (alte) pädagogische und humane Forderung. Mit der UN-Konvention vom Dezember 2006 /Mai 2008 über die Rechte der Menschen mit Behinderung (Convention on the Rights of Persons with Disabilities) wird eine neue, lokale und globale Aufmerksamkeit auf das Menschenrecht gerichtet: »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren« (Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948), und: »Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich und haben … Anspruch auf gleichen Schutz gegen jede Diskriminierung …« (Art. 7). Die Vereinten Nationen fordern auf, in allen Staaten »inklusive Gesellschaften« aufzubauen und jede Form von Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen zu unterbinden. Eine inklusive Gesellschaft heißt, dass niemand innerhalb einer Völkergemeinschaft aus den in der jeweiligen Gesellschaft verfassten theoretischen und praktischen Werte-, Normenvorstellungen, Lebens- und Gerechtigkeitskonzepten ausgeschlossen werden darf. Dieses, in allzu vielen Ländern bisher nicht verwirklichte Menschenrecht erhält mit der Behindertenrechtskonvention einen neuen Anschub. Und im anthropologischen, pädagogischen, erziehungswissenschaftlichen, philosophischen und psychologischen Diskurs eine zusätzliche Beachtung.

Herausgeber
Der an der Universität in Bremen tätige Sonderpädagoge Frank J. Müller stellt fest, dass spätestens seit Ende der 1960er Jahre Fragen zu »Begabung und Lernen« (Heinrich Roth) gestellt und Forderungen nach einer »Schule für alle« erhoben werden. Diese in der Jetztzeit diskutierten, in der pädagogischen Theorie und Praxis entwickelten und realisierten Konzepte und Erfahrungen bedürfen angesichts der neuen, inklusiven Aufbruchstimmung einer Nachschau, Beachtung und Dokumentation. Denn viele der InitiatorInnen dieser Anfänge, TheoretikerInnen und PraktikerInnen, sind entweder noch beruflich tätig, oder befinden sich im Ruhestand. Ihre Erfahrungen müssen aufgezeichnet und in den aktuellen, inklusiven Diskurs eingebracht werden. Müller und sein Team haben deshalb vom August 2014 bis November 2015 insgesamt 18 WissenschaftlerInnen aus dem Bereich der Integrationspädagogik mit Leitfadeninterviews befragt. Herausgekommen sind dabei zwei Bände. Im ersten Band kommen Alfred Sander, Hans Eberwein, Helmut Reiser, Jutta Schöler, Rainer Maikowski, Reimer Kornmann, Ulf Preuss-Lausitz, Ulrike Schildmann und Wolfgang Jantzen zu Wort (siehe dazu: Frank J. Müller, Hg., Blick zurück nach vorn – Wegbereiter der Inklusion, Bd. 1, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/23830.php).

Aufbau
Im zweiten Band werden die Interviews mit den weiteren neun Inklusionspionieren abgedruckt. Sie vermitteln Einblicke in deren theoretischen und praktischen Arbeiten.

Überblick und ausgewählte Inhalte
Es ist die Rede von Wirklichkeiten und Visionen, von Hoffnungen und Enttäuschungen, von Versuch und Irrtum, von Forschungsergebnissen und Schulversuchen, und nicht zuletzt von den zahlreichen beruflichen und privaten Erfahrungen auf diesen steinigen Wegen von Schul-, Curriculum- und Gesellschaftsreformen. Die Berichte und Erinnerungen kommen nicht mit dem erhobenen pädagogischen Zeigefinger daher, sondern als Ratschläge und Bedenkenswertes, die in der aktuellen Inklusionsdiskussion und -auseinandersetzung wertvolle Anregungen bereitstellen.

Die Interviews vermitteln zum einen persönliche Erinnerungen, und zum anderen greifen sie in den wissenschaftlichen Diskurs ein, etwa,
- wenn die Potsdamer Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel mit den Beitrag »Pädagogik der Vielfalt. Inklusive Strömungen in der Sphäre spätmoderner Bildung« auf die lokalen und globalen Erfordernisse in der sich immer interdependenter, entgrenzender, globalen (Einen?) Welt verweist;
- wenn der Erziehungswissenschaftler Georg Feuser die »entwicklungslogische Didaktik« präsentiert und damit Denk- und Lernwege von der »Segregation durch Integration zur Inklusion« aufzeigt;
- wenn Hans Wocken seine Vorstellungen von einer »Grundschule für alle« zur Kenntnis bringt;
- wenn die Erziehungswissenschaftlerin Helga Deppe-Wolfinger das Konzept der »gesellschaftlichen Dimension der Integrationspädagogik« vorstellt;
- wenn Irmtraud Schnell über den aktuellen Stand (2006) gemeinsamen Lernens von Mädchen und Jungen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in der Bundesrepublik Deutschland referiert;
- wenn Nina Hömberg über »Ergebnisse aus dem Landesweiten Berliner Schulversuch zur Integration von Kindern und Jugendlichen mit schwerer Mehrfachbehinderung in der Grundschule« (2007) berichtet;
- wenn Volker Schönwiese das pädagogische Handlungsfeld »Disability Studies und integrative / inklusive Pädagogik« thematisiert;
- wenn Walter Dreher für »eine Gesellschaft für alle Menschen ohne besondere Bedürfnisse« eintritt;
- und wenn der Schulpsychologe Wolfgang Podlesch an seinen 2003 erschienenem Beitrag »Integrationspädagogische Lernprinzipien zum Förderschwerpunkt geistige Entwicklung« erinnert.
Es sind die ausführlichen Literaturhinweise und das zehnseitige Sachregister, die die Interviews und ergänzenden Fachbeiträge zu einer Fundstelle zum Inklusionsdiskurs machen.

Fazit
Das bereits im ersten Band vermisste, kurzgefasste Verzeichnis der Vitae der InterviewpartnerInnen fehlt auch im zweiten Band; das ist schade! Unabhängig davon kann der Versuch, zum aktuellen, nach wie vor kontroversen und in der öffentlichen Meinungsbildung umstrittenen Umsetzung der in der UN-Behindertenrechtskonvention geforderten Verbindlichkeiten einen Blick zurück zu richten, als gelungen bezeichnet werden. Die »Wegbereiter der Inklusion« können und sollten befragt und gehört werden, damit eine inklusive, gerechte und gleichberechtigte Gesellschaft möglich wird. Der Herausgeber adressiert die beiden Bände vor allem an Studierende der Lehrämter und Gesellschaftswissenschaften.

Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim

Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.12.2018 zu: Frank J. Müller (Hrsg.): Blick zurück nach vorn - WegbereiterInnen der Inklusion. Band 2., Annedore Prengel, Georg Feuser, Hans Wocken, Helga Deppe-Wolfinger, Irmtraud Schnell, Nina Hömberg, Volker Schönwiese, Walter Dreher und Wolfgang Podlesch. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2018. ISBN 978-3-8379-2773-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/25049.php, Datum des Zugriffs 31.01.2019.

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