Rezension zu Liebesaffären

Der Tagesspiegel

Rezension von Kerstin Decker

Konkubinen und Geliebte, Huren und Mätressen: Für diese Damen setzen Männer vieles aufs Spiel. Bei Madame Pompadour und Ludwig XV. mag das noch romantisch gewesen sein. Heute reden Psychologen mit den Begriffen der Ökonomie darüber. Eine große Inspektion.

Es ist mit den Menschen genau wie mit den Autos. Man will öfter mal ein neues. Das haben wir doch akzeptiert. Davon lebt diese Gesellschaft. Wenn wir nicht immerzu ein neues Auto wollten, wäre dieses Land längst untergegangen. Es ist das Strukturgesetz unseres Überlebens. Worüber regen wir uns also auf? Warum reden jetzt alle über VW-Joselia und VW-Adriana? Für alle, denen das alles etwas zu schnell ging: Joselia ist die von Peter Hartz, und Adriana ist die vom Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert.

Den alten Käfer hätte VW immer weiter bauen können, der ging und ging und ging, aber das machten sie nicht. Wahrscheinlich hatten sie Angst, mit dem Auto von vorgestern den Anschluss an die Zukunft zu verpassen. Jeder versteht das. Aber dass man immer die Frau von vorgestern behält, ist wohl normal? Der Mensch ist von Natur aus polygam, das gilt auch für VW-Betriebsräte und erst recht für Personalchefs. Die Araber haben das schon immer gewusst: Der Harem ist die Verkörperung dieser Einsicht. Die Sache hat nur einen Haken. Harems sind teuer. Klaus Volkert, der Ex-Oberbetriebsrat, soll quartalsweise 23008 Euro für Adriana nach Brasilien überwiesen haben. So etwas konnte sich ein einfacher Arbeiter bisher nicht leisten, und Volkert war ja gewissermaßen die Verkörperung des ideellen VW-Gesamtarbeiters. Deshalb hatte normalerweise nur der Sultan und nicht der letzte Eseltreiber einen Harem. Da sind wir schon beim Modell VW, das jetzt allen so missfällt.

Das Modell VW steht für die Aufhebung des sozialen Abstandes zwischen Sultan und Eseltreiber. Es steht, sinngemäß, für die Losung: Harems für alle! Und das muss uns doch ganz klar sein: Peter Hartz ist zwar das Synonym für besondere Härte gegenüber denen geworden, die sowieso schon übel dran sind. Aber ursprünglich meinte er das Gegenteil, gewissermaßen die ganzheitliche Förderung der Werktätigen, und da man nie gleich alle auf einmal fördern kann, hat er eben mit den Betriebsräten angefangen.

Was also stört uns? Vielleicht der Organisationsgrad? Diese Versozialdemokratisierung des Bordellwesens und des Mätressentums? Die Versozialdemokratisierung des Bordellwesens tritt dann ein, wenn der Mensch sich den Menschen, mit dem er eine Affäre haben will, nicht mehr selbst aussucht. Nehmen wir einmal die berühmteste Geliebte aller Zeiten, Madame de Pompadour. Ludwig XV. hat sich die verheiratete Tochter eines Heereslieferanten noch eigenhändig ausgesucht. Auf einem Maskenball 1745. Auch beachtete man eine gewisse Ordnung, die die Gewerkschaftsmitglieder Hartz und Volkert vermissen lassen. Noch im selben Jahr wurde Madame de Pompadour von ihrem Ehemann geschieden. Andererseits ist Volkert eine konsequente Weiterentwicklung des Modells Pompadour. Volkert ist der vielleicht erste Edel-Arbeiter mit einer schweineteuren Geliebten. Auch Madame de Pompadour war zu ihrer Zeit ein Novum, denn sie war die erste bürgerliche Geliebte am französischen Hof, allerdings machte der König sie umgehend zur Marquise de Pompadour. Hier stoßen wir jedoch auf einen Unterschied zwischen den Avantgarden. Der König beschenkte seine Geliebte ungefähr so reich wie Volkert, aber es war sein Gold, und es waren seine Schlösser, die er da verschenkte, auch wenn das französische Volk das am Ende etwas anders sah, weshalb Ludwigs Nachfolger seinen Kopf verlor.

Eigenbelege hin, 700000 Euro Betriebsrats-Spesen her. Letztere soll Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer genehmigt haben, der hat Hartz mit Joselia zusammengebracht. Viermal sollen sie sich getroffen haben, zweimal ließ er sie einfliegen. Bezahlt hat er sie wohl selber. Trotzdem ist die organisierte betriebliche Förderung ehelicher Untreue natürlich ein Problem. Warum können die nicht einfach zu Hause bleiben bei ihren Frauen?

Eben ist im Psychosozialverlag ein neues Buch erschienen, es heißt »Liebesaffären. Zur Psychologie leidenschaftlicher Beziehungen«. Ein Paartherapeut hat es geschrieben, weshalb es voll ist von Worten wie »Konfliktlösungskompetenzen« oder »Austauschtheorie« oder »Investment-Modell«. Investment-Modell heißt zum Beispiel: Wenn einer viel in eine Beziehung investiert hat, gibt er sie nicht so schnell auf.

23008 Euro sind schon eine ganze Menge. Hat Frau Volkert da überhaupt noch eine Chance oder muss Adriana als Fehlinvestition gelten? – Am interessantesten an dem Buch von Wolfgang Hantel-Quitmann ist, dass auch die Psychologie menschliche Beziehungen heute vorzugsweise mit den Worten der Ökonomie beschreibt. Es gibt keinen verbindlichen Begriff von Treue mehr, sie ist »Verhandlungssache« in jedem Leben zu zweit. Und um modernes Leben zu zweit verstehen zu können, darf man nicht moralisieren. Die Sprachen der Ökonomie und des Rechts sind solche moralfreien Sprachen. Und es gibt ein Wort, das keiner dieser Sprachen angehört und doch völlig neutral ist. Es ist das Schlüsselwort für moderne Zweisamkeit überhaupt: Stress, in Alltag, Beruf und Beziehung.

Nun hat das Leben von Menschen in Stressberufen noch schärfere Kontraste. Die Total-Aufmerksamkeit, die von ihnen gefordert wird, braucht Kompensation. Niemand wird behaupten, dass die Ehe Erholung ist. Denn sie besteht zu 90 Prozent aus Alltag. Verheiratetsein ist nicht selten Stress mit anderen Mitteln. Hochleistungsarbeiter sind meistens Egoisten und damit gleichzeitig beziehungsunfähig. Und deshalb sind sie für »Beziehungsarbeit« vollkommen untauglich.

Wer dagegen in Parallelwelten lebt, kann den Komfort beider genießen. In Parallel-Welten leben, bedeutet Stress-Reduktion, vorausgesetzt, ihre Parallelität – eine weiß nichts von der anderen – bleibt unangetastet. Die Parallelwelt von Peter Hartz heißt – oder hieß? – also Joselia, und wir müssen an dieser Stelle die Forderung, dass jeder sich den Menschen, mit dem er eine Affäre haben will, selbst aussuchen sollte, sehr relativieren. Denn diese Joselia ist so schön, da hätte er lange suchen können.

Man kann möglicherweise vieles gegen Gebauer sagen, aber auch er hatte Geschmack. Wenn die so den VW Phaeton gebaut hätten! Gebauers offizieller Titel bei VW war »Leiter Personalprojekte« – ein guter Mann für einen Posten, der so heißt. Und neu ist ja nun wirklich nicht, was er machte. Vielleicht ist dieser Gebauer auch eine tief tragische Existenz? – Es gibt einen sehr schönen, sehr traurigen alten Film mit Jack Lemmon, »Days of Wine and Roses«. Da ist Lemmon auch so ein »Leiter Personalprojekte«, also gehobener Partyservice, und muss die Mädchen gleich dutzendweise beschaffen. Meist für einen Scheich mit Jacht, wahrscheinlich wegen der 60er-Jahre-Moral, und die Araber sind schließlich nie beleidigt, wenn man ihnen viele Frauen anhängt. Als der Mädchen-Beschaffer sich weigert, fliegt er, und dann wird »Days of Wine and Roses« ein Trinker-Film, einer der besten Trinker-Filme überhaupt. Gebauer flog auch, nur aus entgegengesetzten Gründen.

Manager haben Huren. Das gehört, lernen wir, zum Berufsbild. In Asien soll der Bordellbesuch ohnehin fester Bestandteil gehobener Dienstreisen sein. Und wenn die Herren nachher so eigentümlich gelöst am Konferenztisch sitzen, stimmt das Geschäftsklima. Jetzt verstehen wir auch schon viel besser, warum es so wenig Managerinnen gibt. Aber die Worte Bordell und Hure sind irreführend. Hartz und Volkert waren ihren Brasilianerinnen schließlich bemerkenswert treu. Es handelte sich demnach schon um Mätressen, bezahlte und unbezahlte Dauer-Geliebte also.

Mätressen waren immer auch geistige Begleiter der Männer, die nicht ihre Männer waren. Madame Pompadour etwa riet dem König im Siebenjährigen Krieg zum Bündnis mit Österreich gegen Preußen und fiel als Kunstmäzenin auf. Genau wie Gräfin Cosel. Es ist anzunehmen, dass Joselia einer solchen Rolle noch nicht ganz gewachsen ist. Die »Bild«-Zeitung hat das Mädchen in Lissabon entdeckt und sie überredet, ihrem Geliebten einen Brief zu schreiben. Sie schrieb: »Hi Petter Im very happy becose you did not forgot me!!! I like when you came back to Lisbon I hope see you again!!! Same Kisses Joselia«. Joselia muss noch üben.

Camilla Parker Bowles darf vielleicht als das wichtigste, obgleich äußerlich ziemlich untypische Beispiel zeitgenössischen Mätressentums gelten. Dass sie heute verheiratet ist, macht nichts. Denn die Beziehung endete genauso, wie schon das 19. Jahrhundert wusste: Man wird eine Geliebte nur los, indem man sie heiratet. Andererseits kommt es vielleicht darauf an, das Berufsbild der Mätresse wiederzuentdecken. Es passt so gut in unsere Zeit. Eine Mätresse ist die klassische Ich-AG, sozial völlig unabgesichert, man bekommt im Notfall nicht mal Hartz IV, aber kann unter Umständen recht gut leben. Bloß nicht ganz bis zur Rente. Joselia ist auch schon 35.

Eben noch haben wir geglaubt, die Zeit der Sexskandale sei vorbei – bis Immendorf, der Maler, und Friedman, der Talker, kamen. In Friedmans Fall haben wir uns aufgeregt, weil »Vorsicht Friedman« als Morality-Show funktionierte. Friedman hatte die moralische Oberaufsicht über die Nation, und plötzlich war er einer von den beiden Menschen auf der Welt, die nicht ins Bordell dürfen oder sich mit eingeschmuggelten osteuropäischen Mädchen vergnügen. Der Papst darf das auch nicht.

Leider ist es noch immer so, dass eine Zweierbeziehung den Einbruch eines Dritten nur schwer übersteht. Und schon gar nicht den Wiederholungsfall. Der Mensch ist von Natur aus polygam und doch ist er ein Paarwesen.

Unsere Lage ist aussichtslos.


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