Rezension zu Die Soldatenmatrix (PDF-E-Book)

Soziologie heute – Juni 2018

Rezension von Bernhard Hofer

Zugegeben: als Milizoffizier im Zweitberuf hat diese Bezeichnung sofort mein Interesse geweckt. Doch für Robi Friedman, den ehemaligen Präsidenten der Group Analytic Society, Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender des Israel Institute of Group Analysis, betrifft die Soldatenmatrix nicht nur Uniformträger, sondern alle Rollen in der Gesellschaft, welche den Krieg möglich machen.

Aus der Mathematik kennen wir die Matrix als eine Anordnung von Zahlenwerten oder anderen mathematischen Objekten in Tabellenform, die Psychologie verwendet diese Bezeichnung u.a. für durchlaufene Erfahrungsmuster und für S. H. Foulkes, einen während des Nationalsozialismus aus Deutschland emigrierten Psychoanalytikers und Begründer der Gruppenanalyse, ist die Matrix ein Interaktionsnetz in einer gegebenen Gruppe, in welches alle Angehörigen eingeschlossen sind. Für den Widerstandskämpfer Morpheus aus dem Film »Matrix« ist diese eine Scheinwelt, die einem vorgegaukelt wird, um einen von der Wahrheit abzulenken, eine Art Gefängnis, das um unseren Verstand herum errichtet wurde.
Für Friedman färbt die Teilnahme an Aggression oder das Leiden an deren Folgen emotional und kognitiv die ganze Gesellschaft. Teil der Soldatenmatrix sind all jene, die mit ihrer Rolle den Krieg möglich machen, also auch Alte, Frauen, Kinder usf. – über die Kriegsgeneration für Generationen hinaus.

In seinem jüngst im Psychosozial-Verlag erschienenen Buch »Die Soldatenmatrix und andere psychoanalytische Zugänge zur Beziehung von Individuum und Gruppe« diskutiert Friedman Fragen der Gewalt in der Gesellschaft und der Beziehung zwischen der Masse und dem Individuum mit Beispielen aus Irak und Israel oder Deutschland Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg. Er stellt die Frage nach den Ursachen der Soldatenmatrix, behandelt Beziehungsstörungen, die mit Gewalt zu tun haben und diskutiert schließlich die Vorteile der Großgruppe als Rahmen und Raum für eine mögliche Auseinandersetzung mit der sozialen Gewalt.

Bezugnehmend auf den Soziologen S. D. Reicherl sieht Friedman das Verhalten und die Einstellungen des Einzelnen in der Großgruppe als eine Art Identitätswechsel. Der Angst, von der Matrix und der Gruppe ausgestoßen zu werden, wird durch das Einssein mit der Großgruppe entgegengewirkt. Solche Anpassungen an die Großgruppenmatrix können Folgen sowohl von Siegen, Erfolgen, Niederlagen, Nöten oder Traumata sein.

Friedman geht mit seinem Begriff der Soldatenmatrix über Foulkes Ansatz hinaus und erschließt makrosoziale Zusammenhänge, indem er die Verbundenheit erfasst, wie sie sich aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer Armee oder stark militarisierten Gesellschaft ergibt. Die Vorstellung eines isolierten Menschen, der vorwiegend seinen eigenen inneren Antrieben und Motiven gehorcht, erweist sich insbesondere im Krieg und bei den daran beteiligten Organisationen und Gruppen als Illusion. Separation wird in der Soldatenmatrix kaum toleriert, Distanzierung kann real oder auch symbolisch den Tod bedeuten. Dieses existenziell aufeinander angewiesen sein führt zu einer Vereinheitlichung der Gefühle und Standpunkte. Während Emotionen, die die Verbundenheit mit der eigenen Gruppe zum Ausdruck bringen, erlaubt sind, werden Hass- und Racheimpulse hinsichtlich der feindlichen Gruppe nicht nur toleriert, sondern sogar gefördert.

Friedman wendet sich gegen die Auffassung, Gewalttätigkeit bloß als Ausdruck einer individuellen Psychopathologie oder als kriminelle Handlung Einzelner zu sehen. Für ihn ist dies eine Folge des Effizienzdrucks, mit welchem die tiefen Vernichtungs- und Ausschlussängste abgewehrt werden können.

Die Soldatenmatrix bezieht auch alle Menschen außerhalb der Armee ein und auch dort spielen Gruppenzugehörigkeiten eine wichtige Rolle für Identität, das Denken und die Handlungsorientierungen der Individuen. Kriegerische Konflikte betreffen immer das Schicksal von Großgruppen, und durch die jeweiligen Erfahrungen der Gruppenmitglieder prägen diese auch die kollektive Erinnerung und intergenerationelle Weitergabe. Die Erinnerungen der jeweiligen Gruppen stehen dabei in ihrer Feindlichkeit und gegenseitig ausschließenden Art den ursprünglichen Konfliktgruppen nicht nach. Das Leiden und Opfer der jeweils anderen wird ausgeblendet, verharmlost; eigene Opfer und Leiden dienen der Rechtfertigung für Hass und Rachegelüste.

Bezugnehmend auf die traumatisierende Wirkung von Kriegen meint Friedman, dass die Traumabewältigung für die zivilen Kriegsopfer und auch jene Soldaten, welche durch ihre Verwundungen gezwungen sind, die Armee zu verlassen, ungleich schwieriger ist als für jene Soldaten, die nach einem Trauma in der Gruppe bleiben oder zu ihr zurückkehren.

Für Friedman hat die Soldaten- oder auch Kriegsmatrix die deutsche Erinnerungskultur wesentlich geprägt. Sie zeigte sich in der Aggression, in destruktiven Emotionen, aber auch durch das Fehlen von Schuld und Scham in der Psyche ehemaliger Soldaten. Erst Ende der 1960er Jahre änderte sich diese Soldatenmatrix; Erinnerungsarbeit fand statt. Distanzierung und das Ablegen der ehemaligen Identifikation mit dem sozialen Selbst führten zur Herausbildung einer »mitfühlenderen Matrix«. Sie erlaubte, sich mit traumatischen Erinnerungen auseinanderzusetzen; sie erlaubte auch Trauer.
Erinnerungsarbeit kann durchaus befreiend wirken. Statt Hass und Ablehnung Nähe und Friedfertigkeit zu erleben, verändert die soziale Matrix. Damit wird an alten Einstellungen gerüttelt, diese hinterfragt, neu bewertet.

Friedmans Werk zeichnet sich durch eine gut lesbare Form mit zahlreichen Verweisen auf klassische und aktuelle Vertreter der Psychoanalyse, -therapie oder Soziologie aus. Er versteht es, den Leser mit Fallbeispielen und Erzählungen in den Bann zu ziehen und trägt somit auch zur kritischen Reflexion mit der eigenen Rolle in der sozialen Matrix und zur persönlichen Erinnerungsarbeit bei. Manchmal im Werk auftauchende Wiederholungen aus vorigen Kapiteln wirken keineswegs störend, sondern tragen dazu bei, den roten Faden zu behalten.

Die Darlegung der Soldatenmatrix in dieser Form erscheint gerade heutzutage als eine besondere Aufforderung für Politik, Wissenschaft, Medien und Gesellschaft, bestehende Konfliktfelder samt den dahinterstehenden Rollenbildern besser zu durchleuchten und Rahmenbedingungen zu schaffen, welche einen Ausbruch aus der Soldatenmatrix ermöglichen. Dabei denke ich an Länder und Regionen wie z.B. Syrien, Afghanistan, Nigeria, Mali, Kosovo, Irak, Nord-/Südkorea u.v.m. – von Palästina ganz zu schweigen.

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