Rezension zu Sozialisation und Behinderung

Soziale Arbeit 5-2018

Rezension von Christian Gedschold

Vor dem Hintergrund einer Sonder- und Heilpädagogik, welche die Bildungsfähigkeit »Schwerstbehinderter« infrage stellte, beschäftigt sich dieses erstmals im Jahr 1974 erschienene und hier als Reprint vorliegende Buch aus der Perspektive der vom Autor selbst mitentwickelten Materialistischen Behindertenpädagogik mit der Sozialisation der Betroffenen. Der Ansatz, wonach der Begriff der »Behinderung« als eine soziale Konstruktion anzusehen ist und nicht ausschließlich mit den körperlichen oder psychischen Einschränkungen der Betroffenen begründet werden kann, war seinerzeit nachgerade revolutionär und hat die gesellschaftliche Sicht auf Behinderungen nachhaltig verändert. Ausgehend von kritischen Anmerkungen zur Behindertenpädagogik wird zunächst eine begriffliche Klärung der zugrunde gelegten Konzepte vorgenommen. Im Weiteren folgen einige vorwiegend auf die westliche Welt bezogene historische Beobachtungen zum gesellschaftlichen Umgang mit den durch ein Handicap eingeschränkten Personen, um dann unter besonderer Berücksichtigung der Sonderschülerinnen und Sonderschüler die Herkunft und soziale Lage behinderter Menschen in der Bundesrepublik zu untersuchen. Abschließend werden mit Blick auf die marxistische Theorie Vorurteile mit empirischen Studien belegt und in den Kontext der kapitalistischen Warenproduktion eingeordnet. Der Nachdruck dieses seinerzeit für die Behindertenpädagogik bahnbrechenden Buches macht deutlich, dass aus damaliger Sicht scheinbar unüberwindliche Grenzen überschritten werden konnten und Veränderungen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung und Behandlung von Randgruppen möglich sind.

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