Rezension zu Die Rainbow Family (PDF-E-Book)

Werkblatt – Psychoanalyse & Gesellschaftskritik, Nr. 80, 1/2018, 35. Jahrgang

Rezension von Jerome Seeburger

Seit 1972 finden jährlich in den USA Rainbow Gatherings statt, große Zeltlager möglichst weit entfernt vom urbanen Leben, die aus der Hippie- und Friedensbewegung hervorgegangen sind. Elf Jahre später wurde das Gathering in Europa etabliert, wo die Rainbow Family seitdem jedes Jahr in einem anderen Land zusammenkommt. Während die Zusammenkunft in den USA immer nur eine Woche dauert, erstreckt sich das große europäische Gathering über vier Wochen im Juli/August. Im Vergleich nehmen sich die europäischen mit bisher maximal 8.000 Teilnehmern gegenüber den amerikanischen Treffen klein aus, wo sich 2004 in Kalifornien 40.000 Rainbower zusammengefunden haben (S. 82). Neben diesen großen Treffen finden über das ganze Jahr verteilt auch außerhalb der USA und Europas kleinere, regionale Treffen statt.

Brigitte Veiz hat mit ihrer umfangreichen Dissertation die erste sozialpsychologische Studie über die Rainbow Family vorgelegt. Nach ihrem ersten Besuch des Gatherings 1987 in North Carolina während ihrer Studienzeit, besuchte sie zwischen 2004 und 2013 fünf europäische und drei US-amerikanische Gatherings, um diese für ihr Dissertationsprojekt zu untersuchen. Sie hat mit insgesamt 32 Teilnehmern problemzentrierte Interviews geführt, von denen sie sechs in Form von Falldarstellungen ausführlich analysiert. Kurze Zusammenfassungen zu allen Interviews befinden sich im Anhang, die einen guten Eindruck von der Heterogenität des Rainbowpublikums vermitteln. Auf der Basis dieser Feldforschung stellt sie alle für die Durchführung eines Gatherings notwendigen Schritte dar, von der Suche eines geeigneten Grundstücks bis hin zu den Aufräumarbeiten. Systematisch schildert sie den inneren Aufbau der Gatherings (3.2.) oder besser, wie diese trotz eines ideologisch begründeten Fehlens eines durch feste Hierarchien und Verantwortungsbereiche bestimmten Aulbaus organisiert werden. Denn zwei wesentliche Inhalte der Rainbowideologie sind keine Regeln, keine Hierarchien (S. 94). Tatsächlich gibt es aber über die Regel der Regellosigkeit hinaus einige Regeln, an denen sich die Teilnehmer der Gatherings orientieren. So fungieren beispielsweise »Walk your talk« und »When you see a job, it/'s yours« als Handlungsmaximen. Diejenigen, die Aufgaben übernehmen, werden Focalizer genannt, sie dürfen aber niemandem Befehle geben, sondern lediglich »Vorschläge« machen. Entscheidungsfindung, besonders in Bezug auf die allgemeinen Belange, erfolgt nicht mittels Diskussionen und Abstimmungen, sondern in Talking Circles, wo ein Talking Stick herumgegeben wird und alle der Reihe nach ihre Meinung sagen (3.2.3). Bemerkenswert sind auch die Verbote von Kommerz, Drogenkonsum und technischen Geräten, an die sich nie alle halten, die aber immer wieder für Konflikte und Talking Circles sorgen. Der Drogenkonsum scheint vor allem deshalb problematisch zu sein, weil mit ihm der Drogenhandel auf den Gatherings einhergeht, der der Regel, dass dort kein Handel betrieben, sondern alles geteilt werden soll, entgegensteht. Mit diesen Regeln und Organisationsweisen wollen die Rainbow Gatherings zeigen, dass eine andere Welt möglich wäre, eine Welt, in der keine Regeln die Einzelnen einschränkten, sondern diese sich frei entfalten und verwirklichen könnten, in der friedlich und im Konsens über alles entschieden würde, in der Mensch und Natur sich im Einklang befänden, in der niemand ausgeschlossen, sondern jedem »We love you« zugerufen würde. Es soll schon im Hier und Jetzt ein Gegenentwurf zum von Konsum, Kommerz, Umweltverschmutzung und emotionaler Kälte bestimmten Außen gelebt werden, das im Rainbow-Jargon »Babylon« genannt wird.

So vielfältig wie die Farben des Regenbogens sind auch die spirituellen und religiösen Überzeugungen, die man auf den Gatherings finden kann. Der kleinste gemeinsame Nenner dürfte wohl die Vorstellung des »All One« (9.2.3.) sein, die täglich in unterschiedlichen Kreisritualen verkörpert und symbolisch zum Ausdruck gebracht werden. Dabei wird gesungen und das »Om« wiederholt. Auf die Bedeutung der Kreisrituale für die Herstellung und Festigung der kollektiven Identität der Rainbow Family legt Veiz in ihrer Untersuchung besonderes Augenmerk. In einem der Interviews (10.3) wird deutlich, dass die Rituale selbst auf eine Teilnehmerin, die gerne die Rainbowhippies provoziert und sich von deren Ideologie distanziert, eine starke Wirkung ausüben und sie integrieren.

Veiz betont, wie schwer es ihr selber gefallen ist, nicht vollkommen im Rainbow aufzugehen: »Im Prozess der Auswertung und des Schreibens kam ich immer wieder an einen Punkt, an dem mir scheinbar Material oder Argumente fehlten, um das Phänomen Rainbow kritisch zu hinterfragen. [...] Alles erschien positiv, harmonisch und friedlich und negative Seiten an der Rainbow Family waren in den Interviews und meinem Forschungsmaterial anscheinend nicht auszumachen« (S. 32; s. dazu auch S. 286). Trotz ihrer Bemühungen, eine kritische Distanz zu ihrem Gegenstand einzunehmen, verhält sie sich der Rainbowideologie gegenüber affirmativ und apologetisch. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass sie stark von einer der Quellen der Rainbowideologie beeinflusst ist: der humanistischen Therapie. Nachdem sie deren Grundgedanken skizziert hat, denen zufolge »der Mensch« nach Autonomie und sozialer Interdependenz, Selbstverwirklichung, Ziel- und Sinnorientierung und Ganzheit strebte, affirmiert sie diese willkürlichen Bestimmungen: »Diese Grundgedanken der Humanistischen Therapie entsprechen den Grundbedürfnissen des Individuums« (S. 68). Letztere nennt sie an einer anderen Stelle (S. 178), und da diese ebenfalls aus der Humanistischen Therapie entstammen oder von dieser beeinflusst sind, stimmen sie selbstverständlich mit deren Grundgedanken überein. Wie die Rainbower ist Veiz der Überzeugung, es gäbe ein eigentliches Selbst mit authentischen Bedürfnissen, das man suchen und finden könnte. Und zwar wo? »In der Natur auf den Gatherings finden viele Teilnehmer zu sich selbst, zu ihren natürlichen Tagesrhythmen und ursprünglichen Bedürfnissen zurück« (S. 54). Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Veiz nicht selber an die Phantasmen der Natürlichkeit, Ursprünglichkeit und Authentizität (S. 338) glaubt, so wie sie auch durch die Verwendung des Indikativs keine Distanz im Verhältnis zu den in der Rainbowfamily verbreiteten tiefenökologischen Vorstellungen erkennen lässt: »Nur das sich Einordnen in die Kreisläufe der Natur erzeugt beim Menschen die Ehrfurcht und die Demut, das Werden und Vergehen auf der Welt zu verstehen und achtsam mit der Schöpfung umzugehen« (S. 356). Dieser Satz ist ein Musterbeispiel einer ideologischen Phrase, die so auch in der esoterischen Erbauungsliteratur stehen könnte. Wer Unterwerfung unter die natürliche Ordnung fordert, will vielleicht »verstehen« im Sinne von »identifizieren«, aber nichts erkennen, wofür die Überhöhung über den Gegenstand notwendig ist, der Demut und Ehrfurcht als Schranken der Erkenntnis entgegenstehen. Angesichts dieser Übereinstimmung mit wesentlichen Inhalten der Rainbowideologie überrascht es nicht, dass Veiz Probleme hat, »negative Seiten« an der Rainbow-Family zu finden. An Material mangelte es ihr jedenfalls nicht, denn trotz ihrer positiven Beziehung zum Gegenstand bietet ihre Studie genug, um die Rainbowideologie zu kritisieren. Sogar manche der von Veiz interviewten Teilnehmer machen sich keine Illusionen über die vorgebliche Regellosigkeit. Veiz verschweigt auch nicht, dass die Rainbower kriminelle Teilnehmer an die Polizei übergeben (S. 140). Trotzdem affirmiert sie an anderer Stelle das Selbstmissverständnis, dass es sich bei den Gatherings um eine »Gemeinschaft ohne feste Regeln« (S. 193) handele. Dass diese Regellosigkeit auf die Unterwerfung des Einzelnen unter die Willkür des Kollektivs hinausläuft, an deren Charakter sich auch nichts ändert, wenn die Entscheidung mit Tee und Talking Stick getroffen wird, will sie nicht wahrhaben. Den Fall des Teilnehmers Kent, der seinen Aussagen zu Folge wegen Streitigkeiten mit anderen Teilnehmern um Kochgeschirr im Schnellverfahren vom Gathering ausgeschlossen wurde, indem man ihn mit Klebeband fesselte und ohne sein Gepäck in einem Dorf aussetzte, schildert sie in einem »Exkurs« (134f). Es gibt in Veiz/' Buch nur zwei weitere Exkurse. In dem einen berichtet sie über die staatlichen Unterdrückung des Gatherings 1998 in Russland (S. 144), in dem anderen erzählt sie von ihrer Begegnung mit Rainbowern auf dem Münchener Oktoberfest und macht die Verbindung dieser zwei scheinbar so verschiedenen Welten in deren dionysischem Charakter aus (S. 231). Darüber, warum sie den Fall Kent in einem Exkurs ausschließt, obwohl er für das Verständnis des Inneren des Gatherings aufschlussreich sein könnte, gibt Veiz keine Rechenschaft und anders als beim Oktoberfest überlegt sie auch nicht, was für eine Art Verbindung das Klebeband zwischen der positiven, harmonischen und friedlichen Rainbow-Family und Kent herstellt.


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