Rezension zu Traditionslinien des »Unbewußten«

Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung, Heft 9, 2001

Rezension von Wolfgang Hegener

Vor nunmehr über 100 Jahren stellte Freud in der »Traumdeutung« seine erste psychoanalytische Konzeption des »Unbewußten« vor. In der Folgezeit avancierte das Unbewußte zum Zentralbegriff der Psychoanalyse. Es war und ist allerdings alles andere als leicht, Freuds Konzeption des Unbewußten transparent zu machen, zumal er sie selbst gleich mehrfach abgewandelt hat. Als er in den 20er Jahren die Instanzentheorie von »Es«, »Ich« und »Über-Ich« einführte, wies er auf die »›vieldeutige Qualität‹« des Unbewußten hin. Dies gilt erst recht, wenn man sich dessen Bedeutungsvielfalt im Rahmen der verschiedenen tiefenpsychologischen Schulen vor Augen fuhrt. Es kommt noch etwas Weiteres hinzu: Während die Vorgeschichte der Psychoanalyse im Kontext der Entwicklung von Psychiatrie und Neurologie schon vielfältig untersucht worden ist, fehlt eine systematische Darstellung der »Philosophie des Unbewußten« bislang weitgehend. Sich auf diesem schwierigen Terrain zu orientieren, und den Spuren des Unbewußten in der Geschichte der Philosophie nachzugehen, ist das erklärte Ziel des Buches von Günter Gödde, das mit überragender Sachkenntnis und einer großen Fähigkeit zu übersichtlicher Darstellung geschrieben ist. In der »Philosophie des Unbewußten« unterscheidet Gödde in einem ersten Schritt drei große ›Traditionslinien‹, die hier kurz resümiert werden sollen:

Die ›erste‹ Traditionslinie, die Denktradition des ›kognitiven‹ Unbewußten, die aus der Ära des Rationalismus stammt, geht auf Leibniz zurück und wurde von Kant, Herbart, Fechner, Helmholtz, v. Hartmann u.v.a. weitergeführt. In seinen 1704 geschriebenen »Neuen Abhandlungen über den menschlichen Verstand« schrieb Leibniz, daß wir in jedem Augenblick unendlich viele solcher »unmerklichen Vorstellungen« besitzen, die uns nicht bewußt werden, weil sie »entweder zu schwach und zu zahlreich oder zu gleichförmig sind«. Nach dieser berühmten Lehre von den »petites perceptions« hat jede auch noch so unklare und dunkle Kognition vielfältige Wirkungen auf die Wahrnehmung. das Denken, den Geschmack, die Gewohnheiten u.a. Der kognitiven Traditionslinie liegt die Erfahrung eines schwer zu erklärenden Widerspruchs zwischen der hochgradigen Wirksamkeit und der fehlenden Erkennbarkeit unbewußter psychischer Prozesse zugrunde. Die ›zweite‹ Traditionslinie, die Konzeption eines »vitalen« Unbewußten, die der Romantik nahe steht, entwickelte sich aus der Befürchtung, daß die Aufklärung in einem flachen Rationalismus erstarren würde, wenn nicht das Gefühlsmäßige und Irrationale, das Naturhafte und Leibliche stärker zum Zuge kämen. Sie wurde von Hamann, Herder und vom jungen Goethe initiiert und im weiteren stark von Schellings Naturphilosophie geprägt. Als wesentlicher Vorläuferbegriff des romantisch-vitalen Unbewußten kamt das Konzept der »Lebenskraft« gelten. Für Hufeland ist die Lebenskraft »der Grundquell, aus dem alle übrigen Kräfte der physischen, wenigsten organischen Welt fließen. Sie ist/'s, die alles hervorbringt, erhält, erneuert... Sie ist/'s, die – verfeinert und durch eine vollkommene Organisation exaltiert –sogar die Denk- und Seelenkraft entflammt und dem vernünftigen Wesen zugleich mit dem Leben auch das Gefühl und das Glück des Lebens gibt«. Der Begriff des »Unbewußten« selbst taucht erstmals im Jahre 1800 in Schellings »System des transzendentalen Idealismus«/' auf. Die Schelling-Schule hat den Begriff des Unbewußten vornehmlich im Hinblick auf die »Nachtseite der Natur und der Seele« gebraucht, wozu die Geisteskrankheiten, speziell der Wahnsinn, die Träume, das Genie und parapsychologische Phänomene gehören. Bei Carus findet sich dann die erste Systematisierung einer Psychologie des Unbewußten. Er unterscheidet das »absolut« Unbewußte als zentrale Region des Seelenlebens, in die »kein Strahl des Bewußtseins« dringt, das »relativ« Unbewußte als das vorübergehend unbewußt Gewordene, das jederzeit wieder ins Bewußtsein zurückkehren kann, und das »Bewußtsein«, das gleichbedeutend mit Gefühl, Erkenntnis und Handlung ist. Das Unbewußte wird hier – im Unterschied zu Leibniz – als abgegrenzter, mit dem Leiblichen aufs engste verbundener Bereich betrachtet.

Die ›dritte‹ Traditionslinie, die Philosophie eines »triebhaft-irrationalen« Unbewußten, die ihre Wurzeln in der Metaphysik des »Willens« hat, ist aus einer Gegenposition sowohl zur idealistischen Vernunftmetaphysik als auch zur romantischen Naturphilosophie erwachsen. An Schellings Neubestimmung des »Willens« als Drang, Trieb und Begierde anknüpfend haben Schopenhauer und Nietzsche der Vorstellung von der gefährlichen ›Triebnatur‹ des Menschen zum Durchbruch verholten. Innerhalb dieser »Wende zur Wirklichkeit« verlor die Natur, wie Odo Marquard schreibt, »die Attribute der Harmonie, der Ichhaftigkeit, der Zweckmäßigkeit, des vernünftig-Geschichtlichen und organisch-Heilen ... Diesen Vorgang kann man die ›Entzauberung der Romantiknatur‹ nennen«. Egoismus, Aggression und Kampfbereitschaft – und damit auch das lange Zeit tabuisierte »Böse« – wurden nunmehr der menschlichen Triebnatur zugerechnet. Im Hinblick auf Schopenhauer und Nietzsche kann man im Anschluß an Gödde von der Denktradition eines »triebhaft-irrationalen« Unbewußten sprechen. Diese drei Traditionslinien lassen sich mit Freuds ursprünglicher Konzeption des Unbewußten und dessen Abwandlungen in der mittleren Schaffensperiode und im Spätwerk in Verbindung bringen – dies ist der nächste, jetzt zu skizzierende Darstellungsschritt in Göddes Buch.

In der ›Entstehungsphase‹ der Psychoanalyse war Freuds Aufmerksamkeit auf die Aspekte der Wirksamkeit und der Erkennbarkeit des psychisch Unbewußten zentriert. In diesem Kontext war für ihn die Traditionslinie des kognitiven Unbewußten wichtig, sein Hauptaugenmerk galt aber – und das war seine genuine Entdeckung – dem »dynamischen« oder Verdrängungs-Unbewußten. das ganz andere motivationale Hintergründe hat. Darum vertrat er in Abgrenzung von Leibniz die Auffassung, daß das Prinzip der Kontinuität nicht auf das eigentliche Unbewußte anwendbar sei. Bei einer bloß kognitiven Auffassung bleibt die Erhellung und Aufklärung auf der Stufe des Vorbewußtseins stehen und ist allzu sein dem Modell des Bewußtseins verhaftet.

In der ›mittleren Schaffensperiode‹ führte Freud den Trieb als Grenzbegriff zwischen dem Somatischen und dem Psychischen ein und berücksichtigte den genetischen Aspekt frühkindlicher »Triebschicksale«. Dadurch erfuhr das Unbewußte eine erste Abwandlung in Richtung eines »genetisch-triebhaften« Unbewußten. Hier kam es zu einer gewissen Annäherung an die Tradition des romantisch-vitalen Unbewußten. Freud erkannte aber die damit verbundene Gefahr einer »Ontologisierung« des Unbewußten, als er davon sprach, daß das Unbewußte für die (romantischen) Philosophen »etwas Mystisches, nicht Greifbares und nicht Aufzeigbares« gewesen sei. Zudem sah er die Macht des Unbewußten – im Anschluß an Darwin – in den grundlegenden Trieben der Selbst- und Arterhaltung. Daher ist Freuds triebpsychologische Konzeption in erster Linie materialistisch-evolutionär zu verstehen. Der Trieb ist sozusagen das materielle Substrat des Unbewußten. Punktuell räumte Freud aber bereits in dieser Periode Übereinstimmungen mit den Philosophen des triebhaft-irrationalen Unbewußten ein.

Im ›Spätwerk› Freuds tritt an die Stelle der Dialektik von Bewußtem und Unbewußtem nunmehr diejenige von Selbst- und Fremdbestimmung. Die Autonomie des »Ich« wird angesichts des »Es« als gefährlicher Triebnatur und des »Über-Ich« als Vermittler einer repressiven Kultur radikal in Frage gestellt. In diesem Kontext wird Freuds Affinität zum »Willen«, wie er in Schopenhauers und Nietzsches Lebensphilosophie vorgeprägt ist, immer deutlicher erkennbar.

Der komplizierten und nicht leicht zu rekonstruierenden Beziehung und dem Vergleich Freud - Schopenhauer sowie Freud - Nietzsche widmet Gödde in größeren Kapiteln seine besondere Aufmerksamkeit. Im Hinblick auf Arthur Schopenhauer konstatierte Freud eine Reihe wichtiger Übereinstimmungen. Schopenhauer habe »den Primat der Affektivität und die überragende Bedeutung der Sexualität vertreten«. Weiterhin finden sich in Schopenhauers Werk zahlreiche Anhaltspunkte dafür – die übrigens auf Erfahrungen mit Psychiatrie-Patienten aus der Charite beruhen – daß das, was Freud »Verdrängung« nennen sollte, dort vorformuliert ist. Mit besonderem Nachdruck wies Freud darauf hin, daß Schopenhauers »unbewußter ›Wille‹ den seelischen Trieben der Psychoanalyse gleichzusetzen« sei. Diese grundlegende Übereinstimmung hat besonders Max Horkheimer unterstrichen: »Freud selber hat es gewußt, daß er in mancher Hinsicht eigentlich Nachfolger Schopenhauers ist... Das Unbewußte ist bei Schopenhauer eigentlich ›die große Realität: der Wille‹; der Wille, den der Mensch im allgemeinen eigentlich nicht zu beschreiben wüßte. Aber beide sind insofern identisch, als man die Philosophie Schopenhauers, etwa seinen Schluß, wie er auf den Willen als das ›Wesen des Menschen‹ kommt, auch psychologisch deuten kann, und umgekehrt, wie man den Begriff des Unbewußten bei Freud auch im Sinne der Philosophie deuten kann«. In Friedrich Nietzsche sah Freud einen Philosophen, »dessen Ahnungen und Einsichten sich oft in der erstaunlichsten Weise mit den mühsamen Ergebnissen der Psychoanalyse decken«. Dennoch blieb Nietzsche innerhalb der Psychoanalyse bis in die jüngste Zeit hinein der Andere, der Fremde, der schwer zu Integrierende. An zwei im Jahre 1908 stattfindenden »Nietzsche-Abenden« der Wiener »Mittwoch-Gesellschaft«/' blieb er als Nicht-Wissenschaftler ausgegrenzt, und dies erwies sich als Weichenstellung mit Langzeitfolge, sein zum Nachteil für die Psychoanalyse selbst.

Entgegen den in der Psychoanalyse lange Zeit vorherrschenden Klischees kann man Nietzsche als antimetaphysischen Vordenker Freuds sehen, der vom Leibe als »irrationaler« (aber keineswegs negativ gewerteter) Triebkraft her denkt. Wie Freud wandte er sich zugleich gegen die aufklärerische Orientierung des Denkens allein am »Bewußtsein«, gegen die idealistische Überhöhung der »Vernunft« und gegen die christliche Ausrichtung am Heil der »Seele«. Bemerkenswert ist weiterhin, daß beide zeitweise in dieselben Diskurse involviert waren, z.B. über psychische Krankheiten wie Hysterie und Neurasthenie, über Aspekte einer physiologischen Psychologie, über das unbewußte Gedächtnis und seine Wirkungen sowie über Somato- und Psychotherapie des Einzelmenschen und der Kultur im Gesamten. Nicht zuletzt trug Nietzsche dazu bei, die Psychologie als »Herrin der Wissenschaften« und »Weg zu den Grundproblemen« aufzuwerten. Seine »entlarvende Psychologie« bietet tiefe Einblicke in dynamische Abwehrvorgänge (Verdrängung, Projektion. Rationalisierung. Verinnerlichung. Wendung gegen das eigene Selbst) und kann in vieler Hinsicht als Vorstufe von Freuds »Tiefenpsychologie« betrachtet werden.

Ein besonderes Verdienst des Buches von Gödde liegt nun darin, daß er sich nicht darauf beschränkt, in abstrakter Manier bloß einzelne Theoreme und Textpassagen der drei Autoren zu parallelisieren. Göddes Ansatz ist es vielmehr, den historischen Kontext des jeweiligen Werkes vergleichend herauszuarbeiten (besonders aufschlußreich sind dabei seine Ausführungen über die »Wiener Moderne«, in der sich die drei Denkwelten von Schopenhauer, Nietzsche und Freud gleichsam kurzschließen und berühren). Gödde läßt aber auch die leidigen Prioritätsstreitigkeiten hinter sich, die höchstens den »Narzißmus der kleinen Differenzen« zu befriedigen vermögen. Es geht ihm vielmehr um eine Öffnung der Psychoanalyse und eine Kommunikation mit der Philosophie (was im Falle Nietzsches besonders lohnend erscheint).

Damit kommen wir zu einem grundlegenden Anliegen des Buches. Gödde zeigt eindrücklich, daß durch die Vernachlässigung der »Philosophie(-geschichte) des Unbewußten«, die mehr als ein bloß »antiquarisches« Interesse (Nietzsche) verdient, die Psychoanalyse einen Substanzverlust und eine Verfluchung erleidet. Die Besinnung auf die befremdenden Einsichten Freuds kommt hier zu ihrem Recht, sie geschieht nicht entlang des so beliebt gewordenen Maßstabes positivistisch gefaßter Wissensschaftskriterien und operationalisierender Forschung, sondern im Eingedenken ihrer philosophischen und philosophiekritischen Gehalte, die sich eben nicht schlicht einzelwissenschaftlich erledigen lassen.

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