Rezension zu Traditionslinien des »Unbewußten«

Journal für Psychologie, 9. Jahrgang, Heft 3, 2001

Rezension von Tim Darmstädter

Ist die Freudsche Metapsychologie eine Philosophie? Diese Frage ist nicht neu, allerdings erscheint sie in Zeiten, in denen alles empirisch nicht Überprüfbare den Bannspruch des Unwissenschaftlichen angeheftet bekommt, provokant. Freilich sind so neu auch diese Zeiten nicht, befand sich doch bereits Freud selbst im Zwiespalt zwischen spekulativer und erfahrungsgesättigter Theorie und ist die Infragestellung der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse so alt wie die Freudsche Theorie selber. Wird angesichts der Kritik an der Metapsychologie oft nur reflexhaft die unveränderte oder gar gesteigerte Aktualität der Freudschen Theoreme behauptet, so mag ein Ausweg, dem Gegenstand den Schein unmittelbarer Aktualität zu nehmen, ohne seine prinzipielle Berechtigung zu bestreiten, im Versuch seiner Historisierung liegen. Historisierung erweckt immer auch Widerstand, relativiert sie doch das Originäre einer Theorie, indem sie sie zu einem wissenschaftsgeschichtlich Erwachsenen macht.

Einen solchen Weg schlägt Günter Gödde in seinem Buch »Traditionslinien des ›Unbewussten‹« ein, einem großangelegten Unternehmen, die Psychologie des Unbewussten als Kernstück der psychoanalytischen Theorie in ihren philosophisch-historischen Entstehungskontext einzubetten. Gödde entwirft drei Traditionslinien der Konzeptualisierung des Unbewussten in der Geschichte der Philosophie, die er das »kognitiv Unbewusste«, das »vitale Unbewusste« und das »triebhaft-irrationale Unbewusste« nennt.

Als Vater der Psychologie des Unbewussten kann demnach Leibniz gelten mit seiner Annahme unmerklicher Vorstellungen, die wir zwar nicht wahrnehmen, die dennoch für unser Denken und Handeln wirksam sind und Spuren im Gedächtnis hinterlassen. Dieses »kognitiv Unbewusste« ist allerdings Teil eines Bewusstseinskontinuums verschiedener Grade von Klarheit und verbleibt damit im Rahmen einer rationalistischen Bewusstseinsphilosophie. Von unterschwelligen, dunklen Vorstellungen und Empfindungen gehen in der Folge von Leibniz auch Herbart, Fechner und Eduard v. Hartmann aus. Als »vitales Unbewusstes« bezeichnet Gödde Vorstellungen, die dem Aufbegehren gegen die Vernunftphilosophie der Aufklärung in Sturm und Drang sowie der Romantik entstammen. Entscheidend wird die Wende zur Natur als der Schattenseite der Vernunft und die Bedeutung der im Organischen wurzelnden »Lebenskraft« als »Quelle aller Bewegungen« zunächst bei Herder, später bei Schelling, in dessen Werk erstmals auch der Begriff des Unbewussten auftaucht, bis dann Carus eine Systematisierung der Psychologie des Unbewussten vornimmt, in der das »absolut Unbewusste« mit dem Leiblichen aufs Engste verbunden ist. Als dritte Traditionslinie fasst Gödde schließlich das »triebhaft-irrationale Unbewusste«, das vor allem an Schelling anknüpfende Vorstellungen Schopenhauers und Nietzsches von der gefährlichen Triebnatur des Menschen, die die Herrschaft des Bewusstseins in Frage stellt, enthält. Leidenschaften, Begierden, Aggression und Egoismus bezeugen die Macht der Natürlichkeit des Menschen und zugleich die Ohnmacht der Vernunft.

Freuds Konzeption des Unbewussten steht der letzten Traditionslinie am nächsten, und es gab vielfältige Debatten, inwieweit ihm die Philosophie Schopenhauers und vor allem Nietzsches bekannt war, welche bis hin zu Plagiatsvorwürfen reichten. Gödde rekonstruiert nicht nur Freuds generell zwiespältige Haltung der Philosophie gegenüber, sondern auch seine frühe, wenn auch vermutlich indirekte Rezeption. Eine solche fand offenbar in erster Linie während der Teilnahme am »Leseverein der deutschen Studenten Wiens« statt, wo es zu einer ersten Berührung mit den Auffassungen Schopenhauers und Nietzsches kam. In der Entstehungsphase der Psychoanalyse scheint die Philosophie Nietzsches und Schopenhauers dann allenfalls über Vermittler (Jerusalem, Fechner, Lipps) Eingang in Freuds Denken gefunden zu haben, während zu Zeiten der so genannten »Mittwochs-Gesellschaft« der sich ausbreitenden psychoanalytischen Bewegung eine kurze offene Auseinandersetzung mit den Werken der beiden Philosophen stattgefunden hat, die jedoch jäh abbrach. Aus diesem letzteren Zusammenhang stammen die bekannten Äußerungen Freuds, sich mit den Werken Nietzsches auf Grund zu großer Ähnlichkeit mit den eigenen Erkenntnissen nie wirklich eingehend beschäftigt zu haben.

Entscheidend ist nun weniger die Frage, was Freud wann gelesen hat, als vielmehr, dass er es vermochte, verschiedene Zeitströmungen und Traditionslinien in seinem Werk aufzunehmen. So enthält die Konzeption des Unbewussten sowohl Anteile der »kognitiven Tradition« – nämlich in der Unterscheidung von Vorbewusstem und Bewusstem, die dem Leibnizschen Kontinuitätsprinzip verpflichtet ist, und der frühen Konzentration auf ein Verdrängungs-Unbewusstes, die um die Erkennbarkeit von Unbewusstem kreist – als auch der »vitalen« und »triebhaft-irrationalen Traditionslinie« – in dem für die Metapsychologie zentralen Begriff des »dynamischen Unbewussten« und der Triebtheorie.

Nach seinem frühen Versuch einer physiologisch-physikalischen Begründung der Psychologie wendet sich Freud der Triebnatur des Menschen als einem leiblich Unbewussten und Hort gegensätzlicher Strebungen zu, die Anleihen der romantischen Naturphilosophie enthält, jedoch in der Grundhaltung eher dem Schopenhauerschen Pessimismus folgt. Augenfällig sind die Parallelen in Freuds Konzeption des »Es« mit dem »Willen« in Schopenhauers Philosophie: als »unermüdliches Triebwerk«, eigengesetzlich, nicht der Logik unterworfen, vom »Lustprinzip« regiert und »Herr« über das Ich. Sein antimetaphysischer Standpunkt rückt Freud jedoch eher in die Nähe von Nietzsches Denken. Dessen »Entlarvungspsychologie« nimmt einiges vorweg, was Freud in seinem Konflikt-Abwehr-Modell, seiner Kulturtheorie, aber auch in der Instanzentheorie über Herkunft und Funktion des Über-Ich sagt: den Prozess von Affektunterdrückung, Wendung gegen das eigene Selbst, schlechtem Gewissen und Idealbildung beschrieb bereits Nietzsche. Vor allem die lange tabuisierte, inzwischen aber begonnene Beschäftigung mit dessen Philosophie hält Gödde für die Psychoanalyse als fruchtbar.

Lässt sich Freud einerseits inhaltlich als Schnittpunkt verschiedener Traditionslinien der ›Konzeption‹ des Unbewussten verorten, so spiegelt sich auf der anderen Seite in seinem Werk auch eine doppelte Orientierung wider: ›Die‹ Metapsychologie ist zunächst ganz dem Modell naturwissenschaftlicher Erklärung verpflichtet; Freud operiert hier mit Begriffen wie Kraft, Energie, Besetzung, Funktion, Mechanismus, die das Seelenleben wie die komplizierte Mechanik einer Maschine erscheinen lässt. Dieser Theoriestrang bleibt auch nach der biogenetischen Wende, mit der dann Auffassungen aus der – philosophisch-geisteswissenschaftlichen – Tradition des »triebhaft-irrationalen Unbewussten« überwiegen, erhalten. Ist die Metapsychologie schon in sich äußerst heterogen, so steht ihr auch noch eine Klinische Theorie gegenüber, die dem verstehend-interpretierenden Zugang zum Subjekt verpflichtet ist. Freud befindet sich im Spannungsfeld zwischen Lebensphilosophie und Positivismus, zwischen naturwissenschaftlichem Ideal und Hermeneutik. Doch wäre es falsch, nur ein Schwanken zwischen den Positionen hier zu erkennen, besitzt doch gerade auch der Versuch einer naturwissenschaftlichen Fundierung der Psychologie ein hoch spekulatives Moment, womit diese selbst sich dem philosophischen Denken verwandt zeigt.

Bis zum heutigen Tag ist die Kluft zwischen Metapsychologie und Klinischer Psychologie zusehends gewachsen. Dies hat zu Forderungen geführt, die Metapsychologie ganz aufzugeben. Gödde stellt fest, dass mit der Nachzeichnung der historischen Bedingtheit psychoanalytischer Konzepte die Frage nach der erkenntnistheoretischen und therapeutischen Gültigkeit der Psychoanalyse noch nicht beantwortet sei, dass aber ein Verzicht auf die Metapsychologie einen Substanzverlust der Psychoanalyse insgesamt bedeutete. Sich der philosophischen Grundierung der Psychoanalyse bewusst zu werden, an ihr festzuhalten und sie weiterzuentwickeln, könnte der Tendenz entgegenwirken, die Psychoanalyse – wie es schon Max Horkheimer befürchtete – als bloße klinische Anpassungstechnik zu begreifen. Die vielseits gerühmte Selbstreflexivität der Theorie und Methode der Psychoanalyse ginge ohne eine auch philosophisch verstandene Metapsychologie verloren.

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