Rezension zu Traditionslinien des »Unbewußten«

Wissenschaftlicher Literaturanzeiger, Ausgabe 1/2000

Rezension von Klaus-Jürgen Grün

Philosophie und Wissenschaftstheorie
Vom Unterleib zum Überich

Günter Gödde faßt in seinem Werk die verschiedenen Ansätze zur Bestimmung des Unbewußten in der Philosophie vor Freud zusammen. Dabei kann er auch die eigenen Forschungsarbeiten des vergangenen Jahrzehnts zugrunde legen. Das mit einigen Portraits, umfassenden Literaturangaben und zwei Registern versehene Buch wird sich bald als Standardwerk etabliert haben.

Der Autor skizziert zunächst die aus der deutschen Philosophie des 18. Jahrhunderts stammenden Konzeptionen des Unbewußten. Dabei läßt sich grob eine romantisch-vitale und eine triebhaft-irrationale Traditionslinie verfolgen. Erstere findet ihre Vertreter in Hamann. Herder, Goethe und Caius, letztere wird eingeführt durch Schelling und von Schopenhauer sowie Nietzsche radikalisiert.

Gödde versteht es meisterhaft, den schwierigen Übergang des Unbewußten von der Philosophie zur Psychologie zu verfolgen. Freud, von Hause aus kaum an Philosophie interessiert, setzt jedoch in entscheidendem Maße die aus der Philosophie stammende Traditionslinie des Unbewußten fort. Nähe und gleichzeitige Distanz zur Philosophie bestimmen die Verwandlung des Unbewußten aus der Hülle der idealistischen Philosophie in die Form der Physiologie.

Maßgeblichen Anteil am Zustandekommen der Vorstellung vom Unbewußten als eines Mittleren zwischen Leib und Seele hatte Schopenhauer. Aber nicht durch ein akademisches Studium seiner Werke erhält seine Willensmetaphysik Eingang in die Psychoanalyse Freuds, sondern durch die aus der Krise des Liberalismus hervorgegangene kulturelle Neuorientierung der Intellektuellen Wiens um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert. Schopenhauer galt als der einflußreichste »Neukantianer« (S. 210.237) Wiens, in der ›Versuchsanstalt des Weltuntergangs‹, wie Karl Kraus den Wertewandel zynisch kommentierte, wird Schopenhauer zur Leitfigur des neuen Strebens nach Integrität. Sein Eintreten gegen Heuchelei, Konventionalität und Bestechlichkeit weckt neue Hoffnungen auf moralische Werte, nachdem der Vernunftmensch seine Glaubhaftigkeit eingebüßt hatte.

Vergleiche der Bestimmungen des Willens bei Schopenhauer und des Unbewußten bei Freud (vgl. S. 238, 407) zeigen deutlich, daß Schopenhauer als der Vater der Psychoanalyse betrachtet werden kann, obgleich Freud erst sehr spät im Leben Schopenhauer selbst gelesen habe (vgl. S. 330). Schopenhauers Lehre der Identität von Willen und Leib (vgl. S. 417) ist ein anderer Ausdruck des psychoanalytischen Problems der Realität des Unbewußten.

Die Rezeption Schopenhauers durch die Wiener Intellektuellen ist kaum zu trennen von derjenigen Nietzsches. Beide Philosophen werden oft zusammen genannt (vgl. S. 238). Von vornherein verbinde Nietzsche mit Freud ihre jeweilige antimetaphvsische Einstellung. Beide Denker wurden von dem gewaltigen Umbruch erfaßt, ›dem das anthropologische Denken im 19. Jahrhundert unterworfen war‹, wie Gödde resümierend erklärt. »Die tiefen Gegensätze zwischen religiösen und atheistischen, mechanistischen und vjtalistischen, rationalistischen und romantischen, idealistischen und materialistischen, metaphysischen und antimetaphysischen, darwinistischen und antidarwinistischen Vorstellungen ließen sich nicht mehr verleugnen und mit harmonisierenden Strategien überbrücken. Aus solchen Gegensätzen, Wendungen, Loslösungen und Brüchen sind radikal gewandelte Anthropologien hervorgegangen, von denen diejenigen Nietzsches und Freuds herausragende Bedeutung erlangt haben.« (S. 486) Dabei hebt Gödde hervor, daß sowohl Nietzsche als aueh Freud in ihrem Spätwerk zu einer Art Naturphilosophie zurückgekehrt seien, in welcher die Auseinandersetzung mit Eros und Tod zentrale Bedeutung erhalten haben (vgl. S. 490).

zurück zum Titel