Rezension zu Mathilde Freud

literaturkritik.de vom 29. August 2003

Rezension von Thomas Müller

Ehepolitik und Exil

Günter Göddes kulturhistorisch-biographische Studie über Mathilde Freud

Was wäre das Besondere, was man von einer biographischen Studie zu einer Tochter Sigmund Freuds erwarten würde? Und für welche historischen Forschungsgebiete wäre diese Studie relevant?

Ist eine Studie zu einem Familienmitglied der Freud-Familie für die Geschichte der Psychoanalyse selbstredend von Interesse, so sollte eine Studie, die breitere Leserkreise interessieren möchte, weitere, über den Familienzusammenhang hinausgehende Aspekte aufweisen.

Die vorliegende Arbeit baut gleich auf zwei größeren Quellenfunden auf: Zum Einen die circa sechzig Jugendbriefe und Postkarten Mathilde Freuds (1887–1978) an ihren Jugendfreund, den späteren Münchner Arzt Eugen Pachmayr (1886–1963) aus den Jahren 1903 bis 1910. Diese Freundschaft resultierte aus einer Sommerfrische in der Nähe der bayrischen Kurstadt Reichenhall. Die Aufarbeitung dieser Jugendbriefe stand am Anfang der hier vorgelegten Studie. Den zweiten Quellenbestand stellt ein »Concert- und Theatermerkbüchlein« Mathildes dar, das in den Anhang des Bandes Aufnahme gefunden hat. Diese Quelle ist wegen der persönlichen Bemerkungen Mathildes zu den einzelnen dramatischen oder musikalischen Werken vor allem für Literaturwissenschaftler, Theater- und Kunsthistoriker von hohem Interesse. Informationen, die im Rahmen von Interviews gewonnen werden konnten, bereichern dieses Material zusätzlich, ebenso wie einige bisher unveröffentlichte Briefe Sigmund Freuds.

Ziel der vorliegenden Untersuchung ist erstens, Einblicke in die Jugendbriefe der ältesten Tochter Freuds zu geben, die nicht ohne Grund den Vornamen der Ehefrau Josef Breuers trug. Zweitens, Mathilde selbst ausführlich zu Wort kommen zu lassen. Und drittens, weiterführende Fragen zu Mathildes Schicksal als Frau und Mitglied dieser prominenten Familie aufzuwerfen sowie diese nach Möglichkeit zu beantworten. Die gesamte Monographie, nicht allein die Aufarbeitung der Jugendbriefe und der Beziehung der beiden Adoleszenten, liest sich äußerst kurzweilig. Die Briefe selbst geben ein beredtes Zeugnis vom Witz, von der Intelligenz, vom Selbstbewusstsein, auch von den Selbstzweifeln der jungen, um die Aufmerksamkeit eines potentiellen Partners werbenden Dame. Sie erhellen »Thildes« Interessen, die für ihre Entwicklung nicht unwesentlichen Erkrankungen in Pubertät und Adoleszenz, ihr Streben nach Bildung als »höhere Tochter« des jüdischen Bildungsbürgertums sowie ihren Zugang zu zeitgenössischer Kunst und Kultur. Der Korrespondenzzeitraum umfasst die Phase der ersten Partnerwahl dieser Frau, die letztendlich einen – im Gegensatz zu Pachmayr jüdischen – Wiener Handelsagenten heiratete, der in der Textilbranche tätig war. Mathildes Weg in die Ehe mit Robert Hollitscher, ihre berufliche Ausbildung und Entwicklung vor und nach der Emigration nach London, wo sie als Modeschöpferin und »permanent director« eines namhaften Modehauses erfolgreich war, wurden recherchiert und aufgearbeitet. Ebenso übrigens die Frage nach dem väterlichen Einfluss auf die Partnerwahl und andere Aspekte ihres Werdegangs, vor allem Freuds ›Ehepolitik‹ bezüglich Mathilde. Gender-Aspekte werden hier wie an anderer Stelle der Biographie reflektiert und teilweise unter Einbeziehung psychoanalytischer Theorien diskutiert.

Die Monographie Göddes ist das beeindruckende Beispiel einer kulturhistorisch-biographischen Studie dieser jüdischen Emigrantin, die aus dem von den Nationalsozialisten besetzten Österreich floh. Ihre integrative Funktion innerhalb der Familie und die Bedeutung derselben für die psychoanalytische Bewegung werden hervorragend aufgearbeitet, die Position der Tochter in Sigmund Freuds facettenreichem Frauenbild verortet. Jeder einzelne Aspekt allein hätte die historische Forschung bereichert. Ihre Zusammenführung jedoch macht diese Studie zu einem unentbehrlichen Beitrag, dessen Lektüre bei allem Nutzen dennoch immer ein Vergnügen bleibt.

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