Rezension zu Kritik der Neuropsychologie (PDF-E-Book)

psychosozial, 41. Jahrgang, Nr. 151, 2018, Heft 1

Rezension von Anna Schor-Tschudnowskaja

Dieses Buch geht einer Faszination auf den Grund – einer folgenreichen, wenn nicht fatalen Faszination, die die neurowissenschaftlichen, das heißt vor allem neuro- und gehirnphysiologischen, Erkenntnisse auf Psychologen ausüben. Aber diese ausufernde Faszination wird hier nicht nur als Problem der Psychologie analysiert, und daher wird dieses Buch sicherlich auch für Nichtpsychologen interessant. Obwohl seine Autoren gleich auf der ersten Seite betonen, dass es ihnen »ausschließlich um die Rolle, die neurowissenschaftliche Erkenntnisse in der Psychologie spielen«, geht, sprechen sie, indem sie diese, wie sie es mehrmals betonen, unverdient große Rolle, ja Überbewertung der Neurowissenschaften kritisieren, ein viel größeres Problem an, das einen bemerkenswerten gesellschaftlichen Trend der Gegenwart darstellt – eine totalitäre (sic!) Naturalisierung psychischer Zustände und Vorgänge. Und es wäre keine Übertreibung, zu sagen, dass dieses Problem heute eines der zentralen Probleme der wissenschaftlichen Erkenntnis wie auch der zukünftigen Entwicklung der Zunft der Wissenschaften vom Menschen ist.

Kritisch sein heißt für die beiden Autoren vor allem versuchen zu verstehen. Und daher ist dieses Buch viel mehr als eine Streitschrift oder man kann sagen eine sehr fundierte: Es bietet nicht nur einen Rückblick auf die Anfänge der Geschichte der Psychologie im 19. Jahrhundert, eine Übersicht über philosophische Standpunkte zum sogenannten Leib-Seele-Problem und eine kritische Übersicht der Forschungsmethoden der Neurowissenschaften. Expliziert wird auch die philosophische, wissenschaftstheoretische und psychologische Kritik an der systematischen Naturalisierung des Psychischen am Beispiel der Debatte über Willensfreiheit. Und darüber hinaus werden die Beziehungen zwischen der Psychoanalyse und den Neurowissenschaften und die mediale Selbstdarstellung der Neurowissenschaften ebenfalls kritisch beleuchtet.

Die beiden wichtigsten Schlussfolgerungen sind: Die Neurowissenschaften können kaum etwas zur Lösung psychologischer Fragen beitragen. Sie erfüllen aber offenbar trotzdem, das heißt ungeachtet ihrer Unfähigkeit, das Psychische zu erklären, eine spezifische gesellschaftliche Funktion und so ist ihre schrankenlose Popularität und Autorität, die sie gegenwärtig genießen, auch ein interessantes soziologisches Phänomen.

Gut getroffen hat dieses Phänomen zum Beispiel die Philosophin Hannah Arendt: »Nicht nur, daß die anschauende Kontemplation keine Stelle mehr hat in der Weite spezifisch menschlicher und sinnvoller Erfahrungen, auch das Denken, sofern es im Schlußfolgern besteht, ist zu einer Gehirnfunktion degradiert, welche die elektronischen Rechenmaschinen erheblich besser, schneller und reibungsloser vollziehen als das menschliche Gehirn« (Arendt, 1960, S. 314).

Auch Werbik und Benetka behandeln die systematische Naturalisierung des Psychischen in der Gegenwart als ein Zeichen der Degradierung, und nicht allein der Psychologie.

Arendt widmete ihr bekanntes Werk »Vita activa oder Vom tätigen Leben« dem Niedergang des Handelns, das sie als »spezifisch menschlich« und genuin sinnvoll erachtete. Sie stellte fest, dass die Neuzeit, deren Spätfolgen unsere heutige Gegenwart bestimmen, »an die Stelle der potentiellen Unvergänglichkeit des politischen Gemeinwesens des Altertums (...) wie an die Stelle des unsterblichen Lebens des christlichen Mittelalters« (ebd., S. 313) nur noch den potenziell unvergänglichen Lebensprozess selbst rückte, da sonst nicht mehr viel übrig blieb. Mit anderen Worten, was schließlich als einzig fester Bezugspunkt, »als das einzig Absolute« übrig blieb, ist das Leben selbst, wodurch auch das Denken und Handeln des Lebewesens Mensch nur noch einseitig als irgendwie »natürlich«, das heißt mit Gehirnaktivität und neuronalen Verschaltungen, gleichgesetzt werden.

Diese ungeheure Rolle der Naturwissenschaften bringen auch Werbik und Benetka auf den Punkt. Die ganz spezifische gesellschaftliche Funktion, die die Naturwissenschaften heute erfüllen, sei nämlich Trost spenden. Noch nie hat das Leben so viel Angst gemacht wie im »entzauberten« Zeitalter, in dem es nur noch endgültig enden kann. Und nicht mehr das Seelenheil, nicht das Schicksal im Jenseits, sondern die Verlängerung und die Verbesserung des irdischen Lebens sind daher zur Hauptaufgabe der Menschen geworden, zur wichtigsten Quelle ihrer Zuversicht. Dafür werden nicht nur die natürlichen Prozesse, der Körper und seine Gesundheit, sondern auch die Psyche unter möglichst vollständige Kontrolle gebracht: Auch die instrumentelle Verfügbarkeit der Seele und der Psyche, des eigenen Charakters, der eigenen Beziehungen, sogar der eigenen Träume und Irrtümer verspricht die tröstende Kontrolle über die Endlichkeit des eigenen Lebens.

Verschiedene Naturwissenschaften, allen voran die Biologie, aber auch die Computerwissenschaften (so mit dem Konzept des Transhumanismus) arbeiten heute intensiv an der Aufgabe, das Leben des Menschen auf eine ›natürliche‹ bzw. ›naturwissenschaftliche‹ Art und Weise zu transzendieren. Dass es in den Kreisen der Intellektuellen im Silicon Valley dabei mitunter um absolute Macht (der Maschinen bzw. der künstlichen Intelligenz) über den Menschen geht, wird bereits seit einigen Jahrzehnten diskutiert. Auch die einschlägigen Ansprüche der Neurowissenschaften sind nach Werbik und Benetka totalitär: »Es ist wichtig zu sehen, dass in dieser Reduktion des Psychischen auf Hirnvorgänge eines vor allem eliminiert wird: die Bedingung der Möglichkeit der Freiheit des Subjekts« (S. 14). Das Beherrschen und Beherrscht-Werden bleibt wohl eines der zentralen Motive der menschlichen Selbsterkenntnis. Die vorliegende »Kritik der Neuropsychologie« zielt darauf, ein anderes zentrales Motiv im menschlichen Leben für die wissenschaftliche Psychologie und die Theoriebildung darin wenigstens genauso wichtig zu machen – das Motiv der Freiheit.

Für Werbik und Benetka ist Freiheit weniger ein politisches als vielmehr ein psychologisches Problemfeld. Sie argumentieren gegen die Reduktion des Psychischen auf natürliche Vorgänge zum Beispiel mit Wilhelm Wundt, der vom ›schöpferischen‹ Charakter des Psychischen ausging. Bereits für Wundt war das Psychische nur aus dem Psychischen erklärbar, weil es ausschließlich genuin psychischen Gesetzmäßigkeiten und Logiken folge, das Psychische – wie auch das Zwischenmenschliche – sei eine Materie für sich und auf andere Arten der Materie nicht reduzierbar. Erinnert sei auch an den Nobelpreisträger (1963) John Eccles, den australischen Physiologen, der davon ausging, dass die Psyche eben keine Funktion des Gehirns sei: Das Bewusstsein könne nicht durch das Funktionieren des Gehirns erklärt werden. Oder wie die bekannte russische kritische Gehirnforscherin Tatjana Tschernigowskaja zu sagen pflegt: Ich und mein Gehirn sei nicht das Gleiche.

Als Psychologen versuchen Werbik und Benetka in ihrer Streitschrift auch eine Neuorientierung sichtbar zu machen. Sie erinnern, worauf die Psychologie eigentlich bezogen sein sollte: auf das handelnde Subjekt. Daher ist ihre Streitschrift auch eine allgemeinwissenschaftliche Einführung in eine kulturwissenschaftliche Psychologie. Der Leser findet hier eine wertvolle Übersicht über kulturpsychologische Ansätze, die nach Regeln suchen, nach denen Menschen in kulturellen (zwischenmenschlichen) Kontexten Bedeutungen erzeugen und auf deren Grundlage sie handeln.

Besonders interessant darin ist die eigene theoretische Abhandlung der Autoren über die Sinnperspektiven beim menschlichen Handeln. Sie plädieren für eine Verdreifachung der Forschungsperspektiven: Generieren die Neurowissenschaften ihre Erkenntnisse ausschließlich aus der Perspektive eines Beobachters (dritte Person) und bleiben daher wirklichkeitsfern und einseitig, kann eine kulturwissenschaftliche Psychologie auch die Perspektive des handelnden Subjekts (erste Person) und die Perspektive des einbezogenen Anderen (zweite Person) in den Forschungsprozess einfließen lassen. Damit würde die Psychologie dem Wesen des menschlichen Handelns viel näher kommen, das immer ›erstens‹ auf Gegenseitigkeit beruht und ›zweitens‹ schöpferische Potenziale impliziert. Auch die Freiheit verstehen Werbik und Benetka als eine wechselseitige Unterstellung: Die Willensfreiheit ereignet sich immer ›zwischen‹ den Menschen und resultiert aus gegenseitiger Zuschreibung bzw. Anerkennung.


Literatur
Arendt, H. (1960). Vita activa oder Vom tätigen Leben.
Stuttgart: Kohlhammer. Eccles, J.C. (2005). Evolution of the Brain. London, New York: Routledge.
Tschernigowskaja, T. (2013). »Eto ne ja – eto moj mozg« (Das bin nicht ich – das ist mein Gehirn). Otetschestwennye zapiski, 1(52).

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