Rezension zu Gestalttherapie - Faszination und Wirksamkeit

Psychoanalyse & Körper, Nr. 32, 17. Jahrgang (2018), Heft 1

Rezension von Dagmar Hoffmann-Axthelm

Der Band ist ein Kongressbericht, der Beiträge enthält, die im Mai 2014 als Vorträge anlässlich der Tagung der Gestaltverbände Deutschlands, Österreichs und der Schweiz in Kassel gehalten worden sind (D-A-CH-Kongress 2014). Der Umfang ist beträchtlich: Auf 364 Seiten finden sich 29 Artikel, verfasst von 24 Autoren (die scheinbare Diskrepanz ergibt sich daraus, dass die Herausgeberin nächst dem Vorwort mit sechs weiteren Beiträgen vertreten ist). Die Artikel sind fünf Aspekten subsumiert:

(1) »Geistige Quellen und Grundlagen«
(2) »Wirkprinzipien und praktische Vorgehensweisen«
(3) »Kreative Zugangswege, Anwendungsbereiche und Settings«
(4) »Gestalttherapie im Nachbarschaftsdialog wie auch im Grenzgeplänkel«
(5) »Gestalttherapie und andere Ansätze der Humanistischen Psychotherapie «

Im ersten Teil wird vor allem der holistische Anspruch der Gestalttherapie (GT) herausgehoben (Reuter, Höh, Hartmann-Kottek, S. 71ff.). Ferner werden historische Aspekte zur Entwicklungsgeschichte der GT durch das Wirken des Ehepaares Laura und Fritz Perls und Martin Bubers sowie Verbindungslinien zwischen GT und Säuglingsforschung nach Daniel Stern diskutiert (Ludwig-Körner, Wegscheider).

Der zweite Teil ist ein Mix aus Auseinandersetzungen mit Phänomenen, die in wohl jeder humanistischen Therapieform von Relevanz sind: Es werden Konzepte zum Kontakt (Hartmann-Kottek, Kroschel-Lobodda), zur Schwierigkeit, Charakterstrukturen zu ändern (Stahlmann), zum Prozess von Annäherung und Ablösung (Klöckner), zu Analogien zwischen den Theorien Bubers, den Bindungstheorien und der GT (Wirth), zur Überwindung von Polaritäten durch Dialogfähigkeit (Schmidt-Lellek), zur Aggression (Blankertz), zur Liebe (Hartmann-Kottek), zur Achtsamkeit (Ramin), zum Umgang mit frühen Traumata (Falk) und zur Empathie (Matthies) besprochen.

In Teil III werden Verbindungen zwischen GT und Musiktherapie (Schroeder), Familienaufstellungen (Chu), dem Einluss der GT auf das Berufsverhalten von Lehrern (Dauber) und philospophischen Konzepten (Rabanus) gezogen.

In Teil IV wird die Schematherapie, die Elemente der GT verwendet, daraufhin untersucht, wie weit sie ihrerseits für GT-Therapeuten Konzepte zu bieten hat (Votsmeier-Röhr). Ferner werden vergleichende Wirksamkeitsstudien zur humanistisch ausgerichteten und kognitiver Traumatherapie vorgestellt (Butollo). Schließlich werden die »strukturbezogene Psychotherapie« nach Gerd Rudolf (Glanzer) und Daniel Sterns Säuglingsforschung (Wimmer) auf ihre Kompatibilität mit GT hin untersucht.

Im letzten Teil geht es um die Frage nach der Wirksamkeit Humanistischer Psychotherapie gegenüber psychoanalytischen, verhaltenstherapeutischen und systemischen Verfahren (Bergmann, Hartmann-Krottek) sowie um Machtverhältnisse in der Gesundheitspolitik (Kriz).

Der Kongress hatte unter folgendem Leitstern gestanden: »Gestalttherapie fasziniert. Seit ihrer Gründung überzeugt Gestalttherapie durch ihre hohe Wirksamkeit, durch ihre Lebendigkeit und Unmittelbarkeit, ihre Kreativität und schöpferische Kraft.« Entsprechend formuliert die Herausgeberin im Vorwort, der Sammelband sei als ein »bunter Strauß von Perspektiven« zu verstehen, mit dem unter anderem die »Faszination«, die die Therapierichtung bestimme, ergründet werden solle. Und:

»Manche, die sie schon länger kennen und schätzen, behaupten, sie sei in ihrem Perspektivenreichtum unergründlich, fast wie eine ›russische Puppe‹: Wenn man sie zu kennen glaubt, enthülle sie zur Überraschung noch eine weitere Zwiebelschale und eröffne dahinter einen neuen, erkenntnisreichen Horizont« (S. 10).

Solchermaßen neugierig geworden, machte ich mich als körperorientierte Psychotherapeutin, die ihre Therapierichtung gleichfalls faszinierend findet, mit einiger Vorfreude an die Lektüre. Aber so gern ich mich hätte begeistern lassen – es kam keine Spannung auf. Das lag wohl an den vielen Überschneidungen und an einer angesichts des Titels und der versprochenen Faszination überraschenden Theorielastigkeit sowie an der damit verbundenen unlebendigen Diktion der Mehrzahl der Beiträge.

1. Überschneidungen sind bei Sammelbänden wahrscheinlich unvermeidbar. Wenn der Leserin aber an nicht weniger als sieben Orten mehr oder weniger ausführlich das Kontakt-Konzept Martin Bubers erläutert wird, stellt sich unweigerlich ein Gefühl des Deja-vu ein. Man vermisst eine ordnende redaktionelle Hand.

2. In mehreren Beiträgen wird beklagt, dass der GT die Anerkennung als wissenschaftlich abgesichertem Therapieverfahren versagt wird. Das ist bedauerlich, zumal Jürgen Kriz in einem ebenso kurzem wie einleuchtendem Beitrag die politisch gesteuerten Machtverhältnisse offenlegt. Danach monopolisiert der für die Anerkennung psychotherapeutischer Verfahren in Deutschland zuständige »Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie« die Szene zugunsten der verhaltenstherapeutischen Verfahren. Gleichwohl werden in einem recht umfangreichen Beitrag Verbindungen zwischen GT und der an Universitäten gelehrten, verhaltenstherapeutisch orientierten Schematherapie gesucht. Das ist an sich begrüßenswert, die entsprechenden Überlegungen verweilen aber in Abstraktionen, ohne praxisbezogenen Erkenntnisgewinn zu vermitteln (Votsmeier-Röhr).

3. In zwei umfangreichen Studien werden Messverfahren aufgezeigt, die die Wirksamkeit humanistischer Therapien aufzeigen wollen, was gleichfalls zur Theorielastigkeit des Bandes beiträgt (Butollo, Bergmann).

4. Auch in anderen Beiträgen ist die Neigung spürbar, das rational wohl kaum umfänglich zu fassende Phänomen der Psychodynamik zu klassifizieren und zu schematisieren. Dies mag mit der vom Ehepaar Perls zugrunde gelegten Vorstellung von »Figur und Hintergrund« der GT zu tun haben. Jedenfalls erstaunt es die Außenseiterin, hier eine Tendenz auszumachen, lebendiges, spürendes und atmendes Leben in geometrische Figuren gepresst zu sehen. Da werden »Kontaktzyklen« festgeschrieben, die im Rahmen eines Therapieprozesses vom Erleben eines Leidensdruckes über acht weitere Phasen bis zur Freude über das »Erreichte« führen sollen (Hartmann-Kottek 107f.), oder es werden komplizierte grafische Darstellungen von »Bedürfniskreisen« und »Motivrädern« vorgestellt (Kroschel-Loboda).

Dass es auch weniger abstrakt geht, zeigt ein Interview mit Leslie Greenberg, dem Entwickler der »Emotionsfokussierten Therapie«, die etliche Elemente von der GT entlehnt hat. Wichtigste Stützpfeiler sind ihm dabei eine gute Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Klient und die emotionale Aktivierung der Klienten. Im Übrigen äußert er sich kritisch gegenüber rein kognitiv orientierten Verfahren, die er als direktiv und oberflächlich kritisiert. In diesem Rahmen sieht er auch die Schematherapie, die er als eine Ansammlung von mit Etiketten versehenen Kategorisierungen empfindet.

Summa summarum entstand bei mir während der Lektüre der – von der Herausgeberin und den Autorinnen und Autoren vielleicht gar nicht intendierte – Eindruck, die GT wolle mit diesem Band allen Verdikten zum Trotz sehr wohl als mit wissenschaftlichen Kriterien auf seine Wirksamkeit hin messbares therapeutisches Verfahren präsentiert werden. Messbarkeit schließt aber Faszination aus, denn diese gedeiht im Garten der Emotionen, und so lässt sich der Band eher Lesern empfehlen, die an kognitiv orientierten Themen interessiert sind, als solchen, die ein tieferes Verständnis für die schwebenden, unwäg- und ungreifbaren Elemente im Spektrum therapeutischen Arbeitens gewinnen möchten.

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