Rezension zu Filmpsychoanalyse

www.amazon.de vom 9. Februar 2018

Rezension von Werner Fuchs

Je mehr Vorwissen, desto grösser das Vergnügen.

Wenn ich lese, dass ein Autor über 200 Bücher geschrieben hat, zweifle ich unweigerlich an meinem Selbst- oder Zeitmanagement. Dabei tröstet es mich wenig, dass unter den Rekordhaltern auch Heinz G. Konsalik oder Hedwig Courths-Maler zu finden sind. Denn auch Georges Simenon oder Honoré de Balzac hatten einen unglaublichen Output. Ich schreibe das, weil ich auch bei Andreas Hamburger staune, woher er die Zeit nimmt, sich Hunderte von Filmen anzusehen, unzählige Bücher zu lesen, als Professor für Klinische Psychologie, Privatdozent, Lehranalytiker, Supervisor, Forscher und Buchautor zu sein. Aber irgendwie scheint er das alles zu schaffen. Sogar so, dass man beim Lesen dieses Buches das Gefühl hat, er habe sich für seine Gedankenführungen und Formulierungen die notwendige Zeit genommen.

Meine Einleitung fällt etwas länger aus, weil es für die Lektüre sicher ein Vorteil ist, wenn man ebenfalls über ein großes Zeitbudget für Kinobesuche verfügt. Denn Andreas Hamburger weist fast auf jeder Seite auf einen Film hin, der für Gesagtes prototypisch ist. Und so kommen im Filmregister am Schluss des Buches über 400 Titel zusammen. Zudem ist es sicher kein Nachteil, wenn man auch einige der wichtigsten Bücher kennt, auf die sich Hamburger bezieht. Mir machten die Begegnungen mit alten Bekannten jedenfalls Spaß, zumal ich durch Hamburgers Sichtweise auch neue Seiten an Autoren entdeckte, deren Theorien ich zu kennen glaubte. Aber wohlgemerkt, ich spreche von Vorteilen nicht von Voraussetzungen. Denn Leser ohne dieses Vorwissen können durch die Lektüre dazu verführt werden, besprochene Filme endlich mal anzusehen oder ihre Nase in eines der erwähnten Bücher zu stecken. Und dieser Gewinn könnte den meinigen sogar noch übertreffen, wenn man sich von der Freude des Autors anstecken lässt, durch die Filmgeschichte zu düsen, den roten Teppich für große Stars und kaum beachtete Meisterwerke auszurollen oder allzu Populärwissenschaftliches in den Senkel zu stellen.

Ob Vorwissen oder nicht, beide Lesergruppen sollten auch die Kunst des Überlesens beherrschen. Denn Andreas Hamburger gehört zu den Autoren, die mit unzähligen Verweisen arbeiten und Quellenangaben gleich und den Fließtext einbaut. Das mag in Wissenschaftskreise sogar auf Zustimmung stoßen, einer entspannten Lektüre stehen runde und eckige Klammern, Autoren- und Seitenangaben jedoch im Weg. Wer sein Gehirn nicht so trimmen kann, dass es solche Blocker nicht wahrnimmt, kommt kaum vom Fleck.

Da es beim Psychosozial-Verlag keinen »Blick ins Buch« gibt, werde ich versuchen, das vierseitige Inhaltsverzeichnis im Folgenden zu komprimieren. Wem dieser Service zu langweilig ist, möge ihn ebenso überlesen wie die vielen Hinweise von Andreas Hamburger. Also: Der Buchtitel wird gleich nach der Einleitung griffiger, wenn Hamburger darlegt, warum das Kino die Psychoanalyse beerbt hat, weshalb Freud kein Filmliebhaber war, weshalb Filme keine Träume sind und was sie Spezifität des Mediums Film ausmacht.

Im dritten Kapitel liefert der Autor eine Übersicht über die traditionellen psychoanalytischen Zugänge zum Film, wobei er nicht mit Antworten auf die selbst gestellte Frage »Fortschritte oder Sackgasse« spart. Im gleichen Kapitel finden sich auch die Überschriften »Szenisches Verstehen im Kino« sowie »Schritte der Filmanalyse«.

»Filmpraxis« lautet das vierte Kapitel, in dem Hamburger auf Genre, Bond, Männlichkeitskonstruktionen und schließlich auf die Psychoanalyse der Filmerzählung zu sprechen kommt. Die Lektüre dieses Kapitels empfehle ich auch allen, die nur bedingt an psychoanalytischen Fragen interessiert sind. Denn sie werden unglaublich viel über das Filmhandwerk lernen, geht der Autor doch auf alle gängigen Stilmittel ein. Und zwar aus Perspektiven, die man in klassischen Filmhandbüchern nicht findet.

Das fünfte und letzte Kapitel widmet sich dem Thema »Filmtheorie und Psychoanalyse«, dem Filmtheoretiker Christian Metz, den Filmmetaphern, den Frauen- und Männerbildern im Kino sowie der Schönheit. Und die Moral von der Geschichte? Die Antwort liefert Andreas Hamburger auf zwei Seiten, wobei er zum aufmunternden Schluss kommt, dass die Epoche des Kinos nicht so schnell zu Ende gehen wird, wie einige Medientheoretiker meinen.

Mein Fazit: Ein Buch, das wohl die wenigsten im Schnellmodus lesen werden. Sei es, weil es inhaltlich sehr dicht ist, sei es wegen der aufgeworfenen oder zwischen den Zeilen versteckten Fragen. Oder auch wegen der spannenden Antworten, die Andreas Hamburger liefert. Verständlich, dass der Klappentexter auf die Nennung eines Zielpublikums verzichtete. Denn einzugrenzen, wer an Hamburgers Analysen und Betrachtungen Gefallen findet, ist fast unmöglich. Filmliebhaber, die andere und oft neue Sichtweisen auf ihr bevorzugtes Medium kennenlernen möchten, werden bestimmt auf ihre Kosten kommen. Da ich kein Netflixianer bin, habe etliche der 400 erwähnten Filme als DVD bestellt. Für die Überschreitung meines Kontos für neue Geschichten bin ich dem Autor sogar dankbar.

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