Rezension zu Laudato Si’

AMOSinternational – Internationale Zeitschrift für christliche Sozialethik, 11. Jahrgang, Heft 4, 2017

Rezension von Ana Honnacker

Bereits durch den Veröffentlichungstermin von »Laudato Si« im Juni 2015, im Vorfeld der UN-Klimakonferenz in Paris, wurde der Anspruch von Papst Franziskus deutlich, mit seiner Umweltenzyklika ein unübersehbares Signal zum Handeln zu geben: Er wende sich an »jeden Menschen, der auf diesem Planeten wohnt" (3.) - bemerkenswert ist nicht allein dieser umfassende Adressatenkreis, sondern nicht zuletzt die Tatsache, dass die Enzyklika mit ihrer drängenden Botschaft tatsächlich weltweit Aufmerksamkeit fand, und das auch über (katholische) Kirchenkreise hinaus. Gerade Umweltorganisationen wie z.B. Germanwatch oder Campact kommentierten die Enzyklika äußerst wertschätzend und sahen ihre Anliegen bestätigt. Nun liegt ein Sammelband des Diplompsychologen und Organisationsforschers Wolfgang George vor, der sich eine dezidiert wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Thesen des Papstes zum Anliegen gemacht hat.

»Laudato Si« war, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker im Geleitwort des Bandes noch einmal betont, nicht zuletzt eine Einladung zum Dialog an all jene, die ihr wissenschaftliches Forschen nicht als isoliertes disziplinares Unterfangen verstehen, sondern letztlich am Ziel einer fortschreitenden Humanisierung ausrichten. Die Autorinnen und Autoren des Bandes sind dieser Einladung gefolgt.

Die Beiträge beziehen sich aus ihrer je spezifischen Perspektive auf das päpstliche Schreiben, zusammengefasst in sechs inhaltliche Hauptabschnitte: »Sprache«, »Umwelt und Klima«, »Technik, Wissenschaft und Ökonomie«, »Gesellschaft und Konsum«, »Kultur, Religion und Psychologie« sowie »Transfer«. Dabei kommen die Thesen und Vorschläge der Enzyklika wie durch ein Vergrößerungsglas sowohl vertiefend als auch prüfend in den Fokus: Franziskus/' dramatischer Befund der globalen Situation wird einer Art Bewährungsprobe unterzogen. Zum überwiegenden Teil wird der Botschaft des Papstes damit weiter Nachdruck verliehen, so zum Beispiel im Beitrag des Ozeanographien Martin Visbeck, der detailliert die Bedeutung maritimer Ökosysteme für die Menschheit vor Augen führt und zugleich deren Bedrohung durch Ausbeutung, Verschmutzung und Klimawandel beschreibt (55–72). Auch die Analysen zur Nutzung und Verteilung von stofflichen Ressourcen der Agrarbiologin Christine Rösch (69–87) führen sie zu dem Schluss, dass unser bestehendes System, das auf Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritt ausgerichtet ist, nicht ausreichend an Nachhaltigkeit orientiert ist, um unsere Existenz zu sichern oder gar zu verbessern. Ein radikaler Wertewandel sei nötig, um einen nachhaltigen Wirtschafts- und Lebensstil zu erreichen. Dabei greifen individueller Bewusstseinswandel und gesellschaftliche Dynamiken ineinander, wie viele Beiträge betonen. Die Verhaltensänderung des Einzelnen ist ebenso anzustreben wie strukturelle Weichenstellungen. Die Frage des nachhaltigen Miteinanders stellt sich sowohl im ganz Persönlichen wie auf der gesellschaftlich-politischen Ebene. Konkret veranschaulicht wird dies unter anderem im Beitrag des Physikers und Philosophen Armin Grunwald, der die vielgescholtene Rolle des Konsums in den Blick nimmt (163–173). Zwar könnten die Konsumenten als Schlüsselakteure in der Umweltfrage gelten, eine alleinige Verantwortung sei ihnen jedoch, übereinstimmend mit der Enzyklika, nicht zuzuschreiben – vielmehr müssten die strukturellen Rahmenbedingungen des Konsums in den Blick genommen und durch politisches Handeln in Richtung Nachhaltigkeit verändert werden. Dies bedarf nicht zuletzt engagierter Menschen, die sich als Bürgerinnen und Bürger eines Gemeinwesens verstehen. Die gegenseitige Verwiesenheit individuellen und wirtschaftlich-politischen Handelns wird von Anja Mertineit, Gartenbauerin und Gärtnerin, mit Fokus auf das globalisierte Ernährungssystem ausgeführt (339–362). Sie macht deutlich, dass eine ausreichende und nachhaltige Ernährung keine Frage der Produktionsmengen, sondern der Gerechtigkeit ist. Der Kern des Problems liege darin, dass die Konzerne der Agrar- und Ernährungsindustrie nicht am Gemeinwohl, sondern an Profitinteressen ausgerichtet seien. In den bestehenden wirtschaftlichen Strukturen sei die notwendige »Ernährungswende« daher nicht zu erwarten. Mertineit plädiert im Anschluss an Papst Franziskus für eine solidarische Landwirtschaft, die von einer am Gemeinwohl orientierten Ernährungspolitik und an Nachhaltigkeit ausgerichtetem Konsumverhalten getragen wird.

Dass es dem Band nicht nur dem Anspruch nach, sondern tatsächlich um eine durchaus kritisch prüfende Bezugnahme auf die Enzyklika geht, wird trotz der insgesamt eher positiven Rezeption deutlich. Nicht nur Leugner des menschengemachten Klimawandels und konservative Kirchenvertreter, auch Vertreter und Lobbygruppen aus Wirtschaft und Industrie hatten die Enzyklika für ihre »apokalyptische« Diagnose des Weltzustands und dem damit verbundenen Aufruf zu einer radikalen spirituellen wie kulturellen Umkehr angegriffen. Im Fokus stand dabei nicht zuletzt die von Franziskus geforderte Abwendung von einem als ausbeutend und schädlich konstatierten Wirtschaftssystems hin zu einem genügsamen und nachhaltigen Lebensstil und Handel. So kommt auch im Band die deutlichste Kritik von einem Wirtschaftswissenschaftler. Manfred Becker bezweifelt ganz grundlegend – und sehr pointiert – die Herangehensweise von Papst Franziskus als unverhältnismäßig kapitalismuskritisch und normativ überfrachtet (129–148). In der Folge sei eine Resignation der Menschen zu erwarten, seine pastorale Wirkung habe der Text damit verfehlt. Becker wirft Franziskus eine unkritische Übernahme der Argumente aus der ›Degrowth‹-Bewegung vor, er ignoriere den Wohlstand, den die Marktwirtschaft erzeugt habe, ohne zugleich ein überzeugendes wirtschaftliches Gegenmodell zu entwerfen.

Auf einen ganz anderen blinden Fleck der Enzyklika verweist der Physiker und Meteorologe Michael Häuf (89–104). Das dem Menschen wesentliche Streben nach Fortpflanzung und verbesserten Lebensbedingungen mache ihn, so seine These, unweigerlich zum einem negativen Umweltfaktor – eine Situation, die sich als tragisch beschreiben und daher nicht einfach auflösen lasse. Besonderes Augenmerk legt Häuf dabei auf die Problematik des Bevölkerungswachstums, die in der Enzyklika nicht zur Sprache kommt, wie auch in einigen weiteren Beiträgen (beispielsweise Kress, Beyer) kritisch angemerkt wird.

Trotz des klaren wissenschaftlichen Anspruchs des Bandes richtet er sich an eine breite Leserschaft: Sowohl an jene, die an einer Auseinandersetzung mit der Enzyklika im Rahmen ihres eigenen wissenschaftlichen Forschens interessiert sind, als auch an jene, die, sei es aus einer explizit christlichen Perspektive oder im Rahmen aufklärerischer und humanistischer Werteorientierung, dem weiter nachgehen wollen, was angesichts der anstehenden ökologischen, sozialen und kulturellen Herausforderungen nun zu tun ist. Reizvoll dabei ist, dass der Band der in der Enzyklika eingeführten pluralistischen Heuristik folgt. Der dort empfohlene Pluralismus meint mehr als eine bloße Nebeneinanderstellung von Perspektiven (etwa von Geistes- und Naturwissenschaften sowie Religionen). Daraus folgt eine Kritik an solchen Wissenschaften, die zwar in ihrem Gegenstandsbereich Expertise besitzen, aber die Erkenntnisse ihrer Forschung nicht in einen umfassenderen Zusammenhang bringen. Unbestritten bleibt die Autorität der Wissenschaften in Bezug auf empirisches Weltwissen. Zugleich gerät jede Disziplin in eine Schieflage, wenn sie ihre Perspektive nicht in einen weiteren (ethischen) Reflexionshorizont setzt, der nicht zuletzt von Philosophie und Sozialethik bereitgestellt wird. Der angestrebte Pluralismus spiegelt sich darüber hinaus in der Bandbreite der Beitragenden. Sie kommen sowohl aus den unterschiedlichsten Fachdisziplinen (Germanistik, Agrarbiologie, Ökonomie, Meteorologie, Philosophie,...) als auch Arbeitsbereichen und Institutionen (so z.B. diversen Hochschulinstituten, dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), dem Umweltbundesamt, Greenpeace oder Misereor).

Auch auf einer weiteren, eher unkonventionellen Ebene trägt der Band dem pluralistischen Ansatz Rechnung. Illustrationen von Uwe Battenberg greifen Zitate der Enzyklika auf und ergänzen so die wissenschaftlichen Fachbeiträge durch einen künstlerischen Zugang zur Thematik. Sich auch sinnlich ansprechen zu lassen (»die Klage hören«) und dadurch mitfühlend und schließlich aktiv zu werden, kann – neben der Anerkennung der Fakten – als eine der Botschaften der Enzyklika angesehen werden. Das ist insofern eine wichtige Einsicht, als dass gerade in Bezug auf den Klimawandel oder auch Fragen des gerechten Wirtschaftens offenbar wird, dass es nicht an einem Mangel an Information liegt, dass wir unser Verhalten nicht ändern, ein rein kognitiver Ansatz also nur begrenzt etwas bewirkt.

Ob der angestrebte Dialog, der auch über den Band hinaus auf einer Online-Plattform (www.laudato-si.info) weitergeführt werden soll, fruchtbar wird und tatsächlich etwas zum angestrebten Kulturwandel beitragen kann, bleibt nur zu hoffen. Der Band jedenfalls zeigt sich dem Projekt verpflichtet, dem er auch die Enzyklika zuordnet, nämlich dem «eines für das Überleben im 21. Jahrhundert notwendigen Humanismus, der sich am Gemeinwohl der Menschen und dem nachhaltigen Schutz der Mitwelt orientiert« (11). Ein solcher (ökologischer) Humanismus ist nicht nur, wie es die Enzyklika ausführt, dem Christentum wesentlich, sondern verlangt auch nach Engagement aus den Reihen der Wissenschaft, um ihn konkret in den jeweiligen Disziplinen auszubuchstabieren.

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