Rezension zu Einführung in die psychoanalytische Betrachtung bildender Kunst

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Rezension von Anja Beisiegel

Vom Lächeln Mona Lisas bis zur Concept Art

Über Petra Christian-Widmaiers Buch »Einführung in die psychoanalytische Betrachtung bildender Kunst«

»Es mag also so gewesen sein, daß Leonardo vom Lächeln der Mona Lisa gefesselt wurde, weil dieses etwas in ihm aufweckte, was seit langer Zeit in seiner Seele geschlummert hatte, eine alte Erinnerung wahrscheinlich. Diese Erinnerung war bedeutsam genug, um ihn nicht mehr loszulassen, nachdem sie einmal erweckt worden war; er mußte ihr immer wieder neuen Ausdruck geben.« Gut 100 Jahre ist es her, dass Sigmund Freud in »Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci« einen Verbindungsbogen von der Kindheit des Künstlers Leonardo zu dessen Werk schlug.

Die Psychologin und Psychoanalytikerin Petra Christian-Widmaier startet mit ihrer Einführung zur psychoanalytischen Betrachtung von Kunst ebenfalls mit dem Lächeln der Mona Lisa und beleuchtet sodann die Parallelen von Traum und Kunstwerk: Kombination, Verdichtung und Transformation.

Im Wesentlichen geht die Autorin von drei unterschiedlichen psychoanalytischen Zugängen zur bildenden Kunst aus: dem werkorientierten, dem künstlerorientierten und schließlich dem betrachterorientierten Zugang. Christian-Widmaier schildert diese drei Erschließungsmöglichkeiten knapp und verständlich. Anschaulich werden die unterschiedlichen Blickweisen durch exemplarisch ausgewählte Kunstwerke, mittels derer die Autorin die verschiedenen Methoden darstellt.

Niki de Saint Phalle steht exemplarisch für eine künstlerische Persönlichkeit, bei der sich der künstlerorientierte Zugang anbietet. Die Autorin verfolgt Spuren der äußeren und inneren Biografie Saint Phalles und zieht hierzu Briefe und Selbstzeugnisse der Künstlerin heran. Insbesondere für die »Schießbilder« Niki de Saint Phalles (entstanden um 1961) werden in der psychoanalytischen Betrachtung auch traumatologische und depressionstheoretische Bild-Interpretationen in Anschlag gebracht.

Werke der »Concept Art« (zum Beispiel Sol le Witts »Cubic Cube« von 1965) sind beispielgebend für den werkorientierten Blick der psychoanalytischen Kunstbetrachtung. Christian-Widmaier greift hier auf die Thesen Udo Rauchfleischs zurück, der sich bereits 2008 um einen psychoanalytischen Zugang zur »Concept Art« bemüht hat.

Mit einem Zitat Mark Rothkos wird schließlich der betrachterorientierte Zugang eingeführt: »Keine erdenkliche Anhäufung von Anmerkungen vermag unsere Gemälde zu erläutern. Ihre Erklärung ergibt sich aus einer vertieften Beziehung zwischen Bild und Betrachter. Die Würdigung von Kunst ist eine echte Heirat der Sinne.« Das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen Kunstwerk und Betrachter und der psychoanalytische Blick auf dieses Geflecht werden anhand eines Interieur-Gemäldes von Adolph Menzel vorgestellt und erhellt.

Denkt man an psychoanalytische Kunstbetrachtung, mag der künstlerorientierte Zugang zunächst dominant erscheinen. Petra Christian-Widmaier weist mit den beiden ergänzenden Aspekten auf zwei lohnenswerte zusätzliche, flankierende Ansätze hin, die bei der Betrachtung und Interpretation bildender Kunst durchaus und fruchtbare Möglichkeiten aufzeigen.

Mit einem lesenswerten Exkurs zur »Magie« der Couch und dem »Mythos« Atelier widmet sich das Schlusskapitel den wechselseitigen Bezügen von Psychoanalyse und Kunst im Allgemeinen. Die Autorin gibt mit ihrem kleinen, knappen und informativen Buch dem Leser eine gute Handreichung, in die umfassende (psychoanalytische und kunsttheoretische) Fachliteratur zum Thema einzusteigen.

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