Rezension zu Laudato Si’

Soziologie Heute, Ausgabe August, 2017

Rezension von Bernhard Hofer

Sorge um den Planeten?

Die zweite Enzyklika des Papstes Franziskus – »Laudato Si« Was sagt die Wissenschaft dazu?

von Bernhard Hofer

Die im Juni 2015 veröffentlichte Enzyklika des Papstes Franziskus »Laudato Si« und ihr weltweites positives Echo dürften auch maßgeblichen Einfluss auf das Pariser Klimaabkommen ausgeübt haben.

Letzteres wurde am 12. Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris verabschiedet. U.a. einigten sich dabei alle Staaten der Erde mit Ausnahme Syriens, Nicaraguas und den USA darauf, die menschengemachte globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten zu begrenzen.

Beim kürzlich in Hamburg stattgefundenen G20-Gipfel (ein seit 1999 bestehender informeller Zusammenschluss aus den 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern sowie der Europäischen Union) verständigten sich 19 Teilnehmerstaaten darauf, am Klimaabkommen von Paris festzuhalten und es zügig umzusetzen. Keine Übereinstimmung zum Klimaschutz gab es mit den USA. Trotz eines gemeinsamen Kommuniques blieb das Abschlusspapier in vielen Teilen vage. Doch was hat es mit der oben erwähnten Enzyklika auf sich? Und was sagen Wissenschaftlerinnen dazu?

In »Laudato Si« geht Papst Franziskus mit seinen Thesen weit über Klimafragen hinaus. Er drückt darin seine Sorge um den von vielen Problemlagen bedrohten Planeten Erde aus, sieht die Ursachen großteils beim Menschen und möchte diese in einem kausalen Zusammenhang verstanden wissen. Für den Papst steht die Würde des Menschen auf dem Spiel, des Menschen, der Verantwortung für die Folgegenerationen übernimmt und nicht »Herr« oder »Ausbeuter« der Natur, sondern ihr »verantwortlicher Verwalter« sein soll.

In der Enzyklika gibt Franziskus zunächst einen kurzen Überblick über die aktuelle ökologische Krise, übernimmt die besten Ergebnissen des aktuellen Forschungsstandes als Basis für den folgenden ethischen und geistlichen Weg. Er belässt es nicht bei einer bloßen Symptombetrachtung, sondern wendet sich den Ursachen zu, um eine Ökologie vorzuschlagen, die »den besonderen Ort des Menschen in dieser Welt und seine Beziehungen zu der ihn umgebenden Wirklichkeit einbezieht.« Franziskus geht schließlich noch weiter und präsentiert einige Leitlinien für Dialog und Aktion, die jeden Einzelnen als auch die internationale Politik betreffen und schlägt ebenso (christlich inspirierte) Leitlinien zur menschlichen Reifung vor.

Im Anfang 2017 erschienen Buch »Laudato Si. Wissenschaftler antworten auf die Enzyklika von Papst Franziskus« haben sich gut zwei Dutzend Wissenschaftlerinnen aus verschiedensten Disziplinen zu der päpstlichen Veröffentlichung geäußert. Besonders interessant dabei ist, dass es sich nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – um besonders kirchennahe Autorinnen handelt, sondern um Fachleute, welche aus unterschiedlichen Perspektiven die Themen Umwelt, Klima, Technik, Ökonomie, Konsum, Gesellschaft, Kultur, Psychologie etc. betrachten und die vom Papst angeführten Argumente und Schlussfolgerungen sozusagen auf den Prüfstand stellen. Spannend und neu ist auch – wie der Herausgeber des Buches, Wolfgang George, in seiner Einleitung schreibt – »der Versuch, eine über Einzelmeinungen hinausgehende systematischere Auseinandersetzung und damit Bewertung und Einordnung der Enzyklika zu ermöglichen.« Neben fachlichen Kompetenzträgern konnten auch Organisationsvertreterinnen gewonnen werden, die Erfahrungen insbesondere zu Kur und Therapie mitbringen. Alle Autorinnen zeichnen sich durch hohe fachliche Kompetenz aus und verstehen es, ihre Beiträge gut lesbar und vor allem nachvollziehbar zu präsentieren. Einziger Wermutstropfen bei der Zusammenstellung des Autorinnenteams allerdings ist, dass kein(e) Soziologe/Soziologin vertreten ist, obwohl die in »Laudato Si« behandelten Themen förmlich danach rufen.

Aus Platzgründen ist es schier unmöglich, auf alle Autorinnen angemessen einzugehen. Ich beschränke mich deshalb auf einige ausgewählte Personen und deren zentrale Aussagen.

Der Germanist Wolfgang Beutin sieht die besondere Größe im Denkstil der Enzyklika und ermittelt beispielsweise als kennzeichnende Elemente den kombinatorischen »Elan, Pathos, Bildlichkeit, Lyrismus, Exaktheit, hier und da Lakonismus.« Für Beutin ist »Laudato Si« »durch die Verbindung aus vorzüglich poetisierender Grundstimmung und außerordentlich stringenter Gedankenführung« ein rhetorisches Meisterstück. Der Ozeanograf Martin Visbeck behandelt in seinem Beitrag die Rolle des Ozeans im Wandel. U.a. stellt er die Frage, wem der Ozean eigentlich gehört. »Bis heute gibt es keine UN-Organisation, die für die Regulierung der Nutzung und des Schutzes des Ozeans als Ganzes verantwortlich ist. Viele Programme und Organisationen der Vereinten Nationen sind immer nur für Teilaspekte zuständig.« Visbeck wirft die Frage auf, ob es uns gelingen wird, »den Ozean insgesamt als Menschheitserbe zu verstehen und sorgsam mit ihm auch im Kontext der neuen Nutzungen und der Generationengerechtigkeit umzugehen.«

Christine Rösch, Leiterin des Forschungsbereichs Nachhaltigkeit und Umwelt am Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse in Karlsruhe, verweist auf die Problematik anthropogener Stoffströme. Ökonomische Entwicklung ohne die Erhaltung einer intakten Umwelt und der Ökosysteme ist auf lange Sicht nicht realisierbar. In Anlehnung an die in »Laudato Si« geäußerten fundamentalen Kritik am bestehenden, auf schnellen Konsum ausgelegten Wirtschaftssystem kommt Rösch zu dem Schluss, dass »ohne einen für viele als unbequem angesehenen individuellen und gesellschaftlichen Wertewandel vom unbegrenzten Güterkonsum hin zu einem genügsamen Lebensstil kann weder eine ökologisch noch sozial gerechte Verteilung der Ressourcen- und Umweltnutzungsmöglichkeiten realisiert« werden.

Über die Notwendigkeit der Reduktion der Treibhausgase und zum Handeln trotz aller Skepsis und Zweifel am politischen Willen ruft der Meteorologe Thomas Häuf auf. Das Handeln sollte von Friede, Solidarität und Genügsamkeit geprägt sein, denn »Klimapolitik ist primär Friedenspolitik«.

Nach dem Biologen Andreas Beyer gibt es nur eine »einzige Wellenlänge«, auf der man Menschen in ihrer Gesamtheit ansprechen kann: Menschen mit ihrem Menschsein ansprechen. Beyer attestiert Franziskus diese humane, humanitäre und humanistische Argumentation. In der Trägheit politischer Systeme, der Selbsterhaltungskräfte der Nomenklatura, der Schicht der Herrschenden und Mächtigen, aber auch in der Trägheit der Masse konstatiert er einen Mangel des Wollens, nicht an Wissen oder Möglichkeiten. Und diesen Mangel des Wollens stellt er auch der Kirche in Rechnung – etwa am Beispiel der Einstellung zur Verhütung angesichts der Bevölkerungswachstumsraten in den Entwicklungsländern.

Claude Helene Mayer, Privatdozentin am Institut für therapeutische Kommunikation und Sprachgebrauch an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), sieht in der Enzyklika einen wichtigen Beitrag zur Entstehung und Förderung von Gesundheit, insbesondere die Möglichkeit des Neuanstoßes zu einer konstruktiven dialogischen »Auseinandersetzung bezüglich eines salutogenen Lebensstils im Spannungsfeld von Gott, Natur, Mensch und Gesellschaft«.

Im vorliegenden Werk finden sich noch zahlreiche weitere Beiträge zum Bereich Technik, Wissenschaft und Ökonomie (Andreas Suchanek, Manfred Becker, Johannes Schmidt), Gesellschaft und Konsum (Armin Grunwald, Michael Opieika, Fritz Reheis, Hans Peter Klein), Kultur, Religion und Psychologie (Hartmut Böhme, Elmar Nass, Georg Toepfer, Christoph Bals, Peter Rödler) und Transfer (Ulf Hahne, Dietmar Kress, Yvonne Zwick, Martina Eick, Anja Mertineit).

Dieses im Psychosozial-Verlag erschienene Werk ist nicht nur einzigartig durch seinen breitgefächerten Zugang zur Enzyklika, sondern auch eine wahre Fundgrube hinsichtlich Fragen, die sich für unseren Planeten und seine Bewohnerinnen heute und in Zukunft stellen. Zugleich zeigt es auf, dass das katholische Kirchenoberhaupt mit »Laudato Si« die Kernprobleme der Menschheit anspricht, Politik, Wissenschaft und jeden Einzelnen bei ihrer Verantwortung für die Umwelt, das Umfeld und für künftige Generationen packt und gleichzeitig mahnt, Umweltphänomene nicht als Einzelphänomene, sondern in ihrer Komplexität zu begreifen und zu behandeln.


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