Rezension zu Wagnis Solidarität

Mitteilungen des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg Ulm e.V., Heft 66, Juni 2017

Rezension von Isabell Gamperling

Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen – er Psychologischer Psychotherapeut, sie Grund- und Hauptschullehrerin – möchten in ihrem sehr persönlich gehaltenen Buch »Zeugnisse von Menschen vorlegen, die das Wagnis eingingen, in Einheit von politischer und mitmenschlicher Solidarität Widerstand gegen die NS-Gewalt zu leisten.« Darüber hinaus fragt das Ehepaar, wie sich Solidarität und deren Zerstörung während der NS-Zeit in der deutschen Nachkriegsgesellschaft auswirkten, und zeigt Perspektiven, wie das historische Erbe des Widerstehens den heutigen und kommenden Generationen erschlossen werden kann.

Der erste und größte Teil des Buches widmet sich »Zeugnissen solidarischen Widerstehens«. Das Ehepaar berichtet in acht Portraits, was Solidarität für KZ-Gefangene konkret bedeutete, wie sich Solidarität unter Häftlingen in den Konzentrationslagern gestaltete – mit besonderem Bezug zum KZ Dachau, leben die Autoren doch seit den achtziger Jahren in der bayerischen Kreisstadt. Dabei beziehen Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen Originalaussagen der Portraitierten mit ein, die sie zum Teil in persönlichen Interviews oder aus bereits bestehenden Berichten gewonnen haben – zu Wort kommen auch die der Ulmer Gedenkstätte gut bekannten Alfred und Lina Haag. Anhand des breiten Quellenmaterials arbeiten die Autoren dann eine Definition von Solidarität heraus, die »in einem Spannungsbogen zwischen dem Einsatz für den konkreten Mitmenschen und einer politischen Zielsetzung« angesiedelt ist.

Im zweiten Kapitel des Buches, das in der Wir- bzw. Ich-Perspektive geschrieben ist, werden unter der Überschrift »Wagnis Solidarität« verschiedenste Gesichtspunkte zum Thema Solidarität zusammengefasst. Hier geht es um die ausbleibende Solidarität seitens der frühen Bundesrepublik mit den während des Nationalsozialismus verfolgten Kommunisten, um gesellschaftlich gewolltes Vergessen des deutschen Widerstands in den Nachkriegsjahrzehnten sowie um strukturelles Lügen in der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Thematisiert werden anhand einzelner Zeitzeugenberichte – von Kindern der Überlebenden – auch generationenübergreifende Folgen für die Familien, deren Geschichten von Nicht-Wissen, Schweigen, Scham und Ängsten geprägt waren und zum Teil immer noch sind. Insgesamt jedoch fehlt diesem zweiten Abschnitt des Buches ein roter Faden. Zu viele Nebenschauplätze werden eröffnet, zu viele Aspekte zu Solidarität gehörend angenommen, sodass der Leser schnell den Bezug zum eigentlichen Anliegen des Buches verliert.

Wesentlich strukturierter, aber auch anschaulicher und lebendiger gestaltet sich hingegen das dritte und letzte Kapitel »Das Erbe annehmen«. Ingeborg und Jürgen Müller-Hohagen berichten hier von ihrer konkreten beruflichen Praxis als Lehrerin bzw. Psychologe. Die Autorin schildert mehrere Besuche von Zeitzeugen, die bereits am Anfang des Buches zu Wort kamen, in ihren Schulklassen sowie die Reaktionen der Schüler auf die Geschichten der Überlebenden. Daneben erzählt Jürgen Müller-Hohagen von psychischen Langzeitwirkungen bei den Kindern und Enkeln der Beteiligten am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. An dieser Stelle hätte man gerne noch mehr Beispiele des Therapeuten gelesen.

Abschließend lässt sich festhalten, dass das Buch für alle, die sich für die Geschichten Überlebender des Widerstands interessieren, eine Lektüre wert ist. Auch hinsichtlich der psychologischen Interpretationen des Vergessens, des Schweigens und des Lügens sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf familiärer Ebene lässt sich das Buch durchaus mit Gewinn lesen und regt nicht zuletzt zum Nachdenken an.

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