Rezension zu Journal 45/46: Fritz Morgenthaler

Widerspruch 50/06

Rezension von Ralf Binswanger

Schwerpunkt dieses Doppel-Heftes des »Journal für Psychoanalyse« ist das Werk von Fritz Morgenthaler (1919 – 1984), dem das Psychoanalytische Seminar Zürich (PSZ) den internationalen Kongress »Traum – Technik – Sexualität« vom 3. – 5. März 2005 im Volkshaus Zürich widmete. Mit drei Ausnahmen werden sämtliche im Plenum und in Symposien gehaltenen wissenschaftlichen Beiträge dokumentiert, auf die im Folgenden hinzuweisen ist.

Fritz Morgenthaler (1919 – 1984) war eine prägende Figur des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ). Er wirkte mit seinen Schriften weit über Zürich hinaus. Neben Forschungen zur Ethnopsychoanalyse (zusammen mit Paul Parin, Goldy Parin-Matthèy und anderen) hat er in drei Kernbereichen der Psychoanalyse entscheidende Beiträge geleistet: Keiner hat wie er gezeigt, dass die Theorie der Technik eigenen Bewegungsgesetzen folgt und nicht direkt aus der Metapsychologie abgeleitet werden kann. Ferner hat er die psychoanalytische Auffassung von Sexualität revolutioniert und schliesslich den Umgang mit Träumen auf eine neue theoretische Ebene gehoben.

Die Tradierung seiner Konzepte war vor allem eine mündliche. Seine Schriften sind nicht einfach zu lesen. Dies liegt an seiner für den Wissenschaftsbetrieb unkonventionellen Arbeitsweise. Unter dem Motto Faire travailler Morgenthaler: Traum, Technik, Sexualität verfolgte der Kongress das Ziel, die theoretische Hinterlassenschaft Morgenthalers am heutigen wissenschaftlichen Kenntnisstand zu messen und fruchtbar zu machen. Dass dadurch am Rande auch das Verhältnis von Psychoanalyse und Marxismus zur Debatte stand und damit ein traditioneller Diskussionsstrang des PSZ wieder aufgegriffen wurde, überrascht nicht.

In seiner Begrüssung beleuchtet Paul Parin einige persönliche Aspekte aus seiner Zusammenarbeit mit Morgenthaler. Im Einführungsreferat gibt der Rezensent einen Überblick über Morgenthalers Werk und geht auf die Kontroversen ein, zu denen Morgenthalers Anwendung der materialistischen Dialektik und der Ich-Psychologie Anlass gegeben hat.

Das Thema Traum eröffnet Wolfgang Mertens in seinem Hauptreferat. Nach einer berechtigten Kritik an der mangelnden Einbettung Morgenthalers Schriften in frühere und heutige wissenschaftliche Entwicklungen, macht Mertens den gelungenen Versuch, dies nachzuholen. Robi Friedmann aus Haifa und Maria Steiner Fahrni als Leiterin einer Gruppe jüngerer Teilnehmerlnnen des PSZ erörtern unter verschiedenen Gesichtspunkten Aspekte von Morgenthalers neuartigem Umgang mit Träumen. Berühmt waren seine Traumseminare, in denen er sich, nach der Erzählung eines »nackten« Traumes, auf die Assoziationen der Gruppenmitglieder zu stürzen pflegte und dabei oft zu erstaunlichen Erkenntnissen über die Persönlichkeit der Träumenden und über die Entwicklung der analytischen Arbeit mit ihnen kam. Der Psychoanalytiker und experimentelle Traumforscher Wolfgang Leuschner gibt diesem Phänomen anhand seiner aufsehenerregenden Experimente zu subliminalen Wahrnehmungen und Telepathie einen theoretischen Hintergrund.

Mit den Arbeiten Morgenthalers zur Theorie der Technik beschäftigt sich eingehend Heinrich Deserno vom Frankfurter Sigmund Freud-Institut. Die Beziehung von psychoanalytischer Technik und Methode ist bei Morgenthaler explizit nicht geklärt. Auch das Verhältnis zwischen psychoanalytischer Theorie der Technik und Metapsychologie, womit sich ausführlich Olaf Knellessen auseinandersetzt, bleibt interpretationsbedürftig. Das zeigt auch die Morgenthaler-Rezeption von Peter Schneider unter Einbeziehung von Kant und Laplanche. Beide hinterfragen Morgenthalers Grundannahmen. René Pomeranz beschreibt sein am Kongress durchgeführtes Guppenexperiment, das der Frage nachgeht, wo denn die von Morgenthaler mündlich ins Zentrum gestellte Übertragungsdeutung zu linden sei, und würdigt dabei sein »Technik«-Buch. Rony Weissberg und Regula Schindler vergleichen die dialektische Auffassung Morgenthalers mit jener Lacans, wobei Weissberg Tendenzen der Übereinstimmung festhält, wahrend Schindler die Unvereinbarkeiten herausarbeitet.

Anton M. Fischer widerspricht in seinem sachkundigen Beitrag vehement der These, Morgenthaler habe die auf der Grundlage von Engels und Mao rezipierte materialistische Dialektik auf die Psychoanalyse angewendet. Nach Egon Garstick sind Morgenthalers Studien nicht zuletzt wegen seiner Ausführungen zur sexuellen Identität auch für die psychoanalytische Arbeit mit Kinder- und Jugendlichen von grossem Nutzen. Vera Sailer stellt die aktuelle Bedeutung der ethnopsychoanalytischen Bücher, an denen Morgenthaler beteiligt war, in Frage: Danielle Bazzi ist hingegen der Auffassung. dass sie nach wie vor gegeben ist. Lilian Berna-Simons, Madeleine Dreyfus und Beate Koch halten in ihren Kongressbeobachtungen fest, dass der Verlust von Fritz Morgenthaler in den Referaten und Diskussionen sowohl mit Trauer als auch mit Melancholie verarbeitet wurde und die am Kongress Teilnehmenden vor allem »zum Arbeiten gebracht« habe.

Den Themenblock Sexualität eröffnet Volkmar Sigusch, Direktor des zur Zeit in seiner Existenz bedrohten Instituts für Sexualforschung in Frankfurt am Main. Sein Beitrag »Die neosexuelle Revolution« beschreibt und deutet die neuen Freiräume der kulturellen Geschlechts- und Sexualformen, die paradoxerweise neue Zwänge installieren. Morgenthalers Auffassung des Sexuellen wird von Reimut Reiche hart kritisiert, was ihn nicht hindert, in seinen frühen Ausführungen zum Problem der Homosexualität eine Pionierleistung zu sehen. Morgenthaler betonte immer wieder, dass z.B. die ödipale Situation nicht in erster Linie die Initiative des Kindes ist, sondern dass es durch die Erwachsenen in diese Situation hinein verführt wird. Die Nähe zum aktuellen Denken Laplanches ist hier offensichtlich, worauf Peter Passett in seinem Vergleich der Sexualitätskonzepte eingeht.

Mario Erdheim beschäftigt sich mit den Schwierigkeiten bei der theoretischen Arbeit, die durch unser aller Scheitern an der kindlichen Sexualneugier behindert ist und arbeitet die psychoanalytischen Erklärungen des Inzestverbotes in Morgenthalers Schriften heraus. Das Interesse Morgenthalers galt der Beziehung zwischen dem »Sexuellen« und einer »Diktatur der Sexualität«, dem Abhängigkeitsverhältnis, in welchem sich der Keim einer Theorie der Aggression finden lässt. Für Emilio Modena geht aber dabei die Dialektik innerhalb von Freuds Es-Instanz verloren, eine Lücke, die es notwendig macht, an einer neuen Aggredo-Theorie zu arbeiten.

Inwieweit bei Morgenthaler auch Elemente zu einer Theorie der Weiblichkeit gefunden werden können, dieser Frage geht Ita Grosz-Ganzoni nach. Eva S.Poluda geht nur indirekt auf diese Frage ein, indem sie Erfahrungen aus ihrer ethnopsychoanalytischen Forschung bei den Himba in Namibia heranzieht. Hans-Jürgen Heinrichs, seinerzeit wichtigster Mit-Herausgeber der Schriften zur Sexualität und zum Traum, zeichnet Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Themen Morgenthalers auf und relativiert aus seiner lacanianischen Sichtweise einige Auffassungen Morgenthalers, so auch die Bedeutung der Plombentheorie, die auch der Rezensent einer grundlegenden Kritik unterzieht. Hans-Rudolf Schneider gelingt eine profunde Darstellung dieser Theorie und setzt sie in Beziehung zu anderen Konzeptionen von Perversion.

Die hier nur kurz vorgestellten, aber auch die hier nicht erwähnten Beiträge werden, so ist zu hoffen, zu eingehenden und anregenden Diskussionen Anlass geben, wie dies an dem Kongress bereits der Fall war.

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