Rezension zu Fit für die Katastrophe?

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Rezension von Jos Schnurer

»Krisen sind die neue Normalität?«

Die hoffnungsvollen Prognosen, dass eine friedliche und gerechte (Eine) Welt möglich sei, dass sich bei der Menschheit ein Perspektivenwechsel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung vollziehen würde, dass die Menschen stark und widerständig wären, wenn in der Welt »die Dinge daneben gehen«, dass sich also eine neue Form eines humanen Überlebens entwickeln könne, die mit dem wissenschaftlichen Begriff »Resilienz« bezeichnet wird, sind von den machtpolitischen und ideologischen Wirklichkeiten in der Welt kassiert worden! Ist dieser Pessimismus gerechtfertigt, oder ist gar Fatalismus angesagt? Die Krisen, die sich in allen individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Lebensbereichen breit gemacht haben und die Menschen verunsichern, so formuliert es die Leiterin der Rockefeller-Stiftung, Judith Rodin, seien längst zum Allgemeinzustand im Leben der Menschen geworden. Es gehe bei den Fragen der sozialen Gerechtigkeit, einer humanen Entwicklung in ökonomischen und ökologischen Bereichen, bei der Wahrung des Wohlstands der Besitzenden und der Akzeptanz der Besitzlosen, Habenichtse und Hungernden, bei der Klima-, Umwelt- und Migrationspolitik, und in der Unfähigkeit der Menschheit, eine »globale Ethik« zu verwirklichen, nur noch »um Sicherung des Status quo und der mit ihm verbundenen sozialen Ungleichheit« (Thomas Gebauer).

Entstehungshintergrund

»Resilienz« als ein Mittel, psychische, physische und ökologische Widerstandskräfte und Überlebensressourcen bei Menschen zu wecken und zu aktivieren, und so eine gerechte, gleichberechtigte, friedliche und solidarische Eine Welt zu ermöglichen, vermittelt grundsätzlich ohne Zweifel eine positive Perspektive für den notwendigen Perspektivenwechsel, wie ihn bereits 1995 die Weltkommission »Kultur und Entwicklung« propagiert hat: »Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden«. Wenn aber Widerständigkeit dazu führt, dass die Wohlhabenden immer reicher und mächtiger und die Habenichtse immer ärmer und ohnmächtiger werden, also sich die ökonomischen und sozialen Verhältnisse nur insofern ändern, dass der Status quo möglichst nicht angetastet, sondern vielmehr abgesichert wird – also gewissermaßen »keine Experimente« gewagt werden, sondern vielmehr Fake News und alternative Fakten zu Argumenten und Machtmitteln werden – führt der Begriff »Resilienz« in die Irre.

Herausgeberorganisation und -team

Die Arbeitsgemeinschaft «Psychosoziale Gesundheit der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international« setzt sich mit den Fehlentwicklungen, Fehlinterpretationen und einer missverstandenen Praxis beim Resilienz-Diskurs auseinander.

Die Gesundheitsreferentin Anne Jung und die Projektkoordinatorin Usche Merk geben den Sammelband »Fit für die Katastrophe?« heraus, in dem Politik- und SozialwissenschaftlerInnen, Psychologen und Entwicklungsexperten sich kritisch damit auseinandersetzen, wie der Resilienzbegriff und die -praxis im lokalen und globalen Diskurs benutzt werden. Sie verbinden die Hoffnung, mit der interdisziplinären Diskussion »einen Beitrag dafür zu leisten, den Umgang mit menschlichem Leid wieder im Kontext krank machender gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten«. Es handelt sich überwiegend um Referate, die in dem medico-international-Symposium »Fit für die Katastrophe« im Juni 2015 vorgetragen und diskutiert wurden.

Aufbau und Inhalt

Der Geschäftsführer von medico international, Thomas Gebauer, stellt mit seinem Beitrag »Fit für die Katastrophe« fest, dass das entwicklungs- und gesellschaftspolitische Modewort »Resilienz« die Ursachenbekämpfung verhindere. Denn es ist die immer weiter voranschreitende profitable, ökonomische, kapitalistische und neoliberale Inwertsetzung von Menschen und Natur, die ökologische Entwicklungsdefizite und Machtzuwächse verschleiert und eine tatsächliche Ursachenanalyse verhindert: »So entpuppt sich Resilienz als eine Art Knotenpunkt von deregulierter Ökonomie, neoliberal ausgerichteter Subjektivität und einer Staatlichkeit, die nur noch den Status quo sichern will«.

Der Frankfurter Sozialwissenschaftler Thomas von Freyberg thematisiert »Resilienz in der Pädagogik«, indem er auf die in der Pädagogik diskutierten und gehandhabten Konzepte des Defizit- und Ressourcenansatzes verweist. Dabei betrachtet er kritisch die Verknüpfung des Ressourcenansatzes mit dem Resilienzkonzept und wertet die theoretische Verbindung der pädagogischen Instrumente als »Instrument der Verharmlosung oder Verleugnung«. Er verweist darauf, dass in diesem Sinne »Resilienz« geradezu die gesellschafts-pädagogischen und -politischen Verantwortlichkeiten einer institutionalisierten Pädagogik verhindere und z.B. die Fragen nach den strukturellen Bedingungen von Schule verweigere.

Der Sozialpsychologe und Psychotherapeut Klaus Ottomeyer und die Psychoanalytikerin, beide an der österreichischen Universität Klagenfurt tätig, machen sich mit ihrem Beitrag auf »die Suche nach dem guten Leben«, indem sie über den ambivalenten Umgang mit Resilienz in der Psychotherapie nachdenken. Bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen stellen sie fest, dass unter »entfremdeten Bedingungen« die Faktoren Anpassung und Widerstand unter den je spezifischen, persönlichen Situationen zu betrachten sind. Sie erkunden dazu drei gängige Ansätze der Resilienzforschung und verweisen auf die positiven und negativen Interpretationsmuster und Praxen.

Der Ökologe Chris Methmann vom Bündnis Campact und die Umweltwissenschaftlerin von der Open Universiteit Nederland, Angela Oels, setzen sich mit ihrem Beitrag »Migration als ›rationale Strategie‹ zur Anpassung an den Klimawandel« mit den Begründungen und Auswirkungen auseinander, wie »Klimamigranten« im Namen der Resilienz regierungsamtlich behandelt werden. Sie zeigen auf, dass im Fall der klimabedingten Migration »Resilienz als neoliberale Gouvernementalität zu lesen« ist und zur Aushöhlung der lokal- und global-politischen Einschätzung und Bewertung führt.

Der Politikwissenschaftler von der University of Cambridge, Philippe Bourbeau, vermittelt mit dem Beitrag »Migration, Resilienz und Sicherheit« einen Überblick über den politikwissenschaftlichen Diskurs. Er verweist auf das Wechselspiel von Diskurskonstruktionen und staatlichen Abwehrstrategien gegen Zuwanderung, und er verdeutlicht die unterschiedlichen Strategien am Fallbeispiel »Frankreich«. Er zeigt auf, wie die politisch und medial benutzten Argumentationen dazu führen, dass in der öffentlichen Meinung Migration als Sicherheitsrisiko wahrgenommen wird.

Die am Frankfurter Institut für sozial-ökologische Forschung tätige Sozialwissenschaftlerin Diana Hummel fragt: »Von der Nachhaltigkeit zur Resilienz?«. Sie diskutiert die Meinungs- und Konzeptbildungen, wie sie sich im Diskurs von Ökologie und Umweltpolitik vollziehen. Sie verweist auf die global-ökologischen Klimadynamiken und Herausforderungen, wie sie sich angesichts anthropogenen Klimawandels ergeben. Sie stellt heraus, »wenn es um den sozialen Umgang und Lösungsansätze für krisenhafte gesellschaftliche Naturverhältnisse geht, muss die entscheidende Rolle von Machtstrukturen, Interessenkonflikten und Verteilungsfragen einbezogen werden«.

»– Überleben in der Dauerkrise«, mit dieser Diktion thematisiert Usche Merk die Resilienzdiskurse in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe. Mit der eigentlich positiven und aktiven Akzent- und Zielverschiebung in der internationalen EZ von der Vulnerabilität (Verwundbarkeit / Gefährdung / Bedürftigkeit /Schwächen /Defizite) hin zur Resilienz (Kraft / Stärke / Ressourcen) freilich vollziehen sich Entwicklungen, die Krisen naturalisieren, normalisieren und gewissermaßen privatisieren und die Ursachenanalysen negieren.

Mit dem Aufruf »Der Resilienz Widerstand leisten« beschließt der Sozialwissenschaftler von der Brunel University in England, Marc Neocleous, den Sammelband. Der öffentliche, ordnungsrechtliche und machtpolitische Umgang mit dem Resilienzgedanken zeigt, »dass Sicherheit zum Meta-Narrativ geworden ist, durch das der Staat unser Leben und unsere Vorstellungskraft prägt« und zu steuern versucht. Der Autor mahnt an, dass dadurch kritisches Denken behindert wird und zur Entmündigung der Bürger beiträgt.

Fazit

Wenn menschliche Gegenwart und Zukunft unter den Prämissen von Unsicherheiten und Katastrophenszenarien be- und verhandelt wird, sind eigenständige und kritische Einstellungen und Verhaltensweisen von Menschen störend. Der sich in zahlreichen Lebensbereichen und Fachgebieten entwickelte sprachliche, interpretatorische und praxisbezogene Resilienzdiskurs führt zu einer Umkehr des an sich richtigen Gedankens der Selbstbestimmung, Selbststärkung und Eigenaktivität von Menschen: »War die Moderne noch von der Idee beseelt, die Risiken, denen Menschen ausgesetzt sind, (zu) reduzieren und so eine bessere Zukunft aufbauen zu können, geht es heute eigentlich nur noch um Sicherung des Status quo und der mit ihm verbundenen sozialen Ungleichheit«. Der Ruf, bei all den Imponderabilien und Lebensbedingungen der Menschen zuallererst nach den Ursachen zu fragen, und so die Übel an der Wurzel zu bekämpfen, ist notwendig!

Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim


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