Rezension zu Das lebendige Gefüge der Gruppe

ÖBVP-News, April 2017

Wenn die Fachausdrücke einer Wissenschaft Eingang in die Umgangssprache gefunden haben, dann ist die breite Anerkennung, der praktische Wert und Akzeptanz dieser Disziplin belegt. Untrennbar mit dem Begriff Gruppendynamik ist der Name Raoul Schindler verbunden. Die von ihm beschriebenen und geprägten Fachausdrücke der Rangordnungsdynamik, wie die Alpha-Position oder Omega-Position haben z.B. in Form des »Alpha-Tierchens« oder »ein typischer Alpha«, häufig verwendeten Einzug in unserer Umgangssprache gefunden.

Aber: wer war Raoul Schindler? Was hat er geschaffen? Was hat er uns, im Mai 2014 verstorben, hinterlassen? Wie kommt man zu seinen Originalarbeiten und was sind die Wichtigsten? Diesen und weiteren Fragen haben sich die sieben Herausgeberinnen, die aus verschiedenen beruflichen Fächern kommen, gestellt. Mit Raoul Schindler sind sie als WeggefährtInnen, Nachkommen, SchülerInnen und MitarbeiterInnen verbunden und sie repräsentieren vier Generationen österreichischer Gruppendynamik. Prominente Unterstützung haben die Herausgeberinnen bei erfahrenen Persönlichkeiten wie z.B. Wolf Aull und anderen erfahrenen Experten der Gruppendynamik erhalten. Eine ausführliche Biographie von Raoul Schindler führt im ersten Abschnitt des Buches nicht nur in sein Leben und Wirken ein, sondern ist vielmehr eine Geschichte des Aufbaus der Psychiatrie und Psychotherapie in Wien und darüber hinaus im deutschsprachigen Raum der Nachkriegszeit. Erwartungsgemäß stehen dabei die Gruppendynamik und ihre Entwicklung im Zentrum der Ausführungen. Die Gründung des ÖAGG 1959 wird ebenso genau beschrieben wie die Leistungen der prominentesten Vertreter der Gruppendynamik dieser Zeit. Die Autorinnen arbeiten gut verständlich heraus, wie sehr die Gruppe den zentralen Platz im Leben und Schaffen von Raoul Schindler einnimmt. Im zentralen zweiten Abschnitt des Buches befinden sich seine Originaltexte nach fünf Themenschwerpunkten gegliedert, mit jeweils einer kurzen Einführung.

Es geht erstens um Auftrag und Orientierung – Bifokale Familientherapie. Hier hat mich besonders der Bericht Raoul Schindlers über eine Begegnung mit J. L. Moreno anlässlich einer Psychodrama-Demonstration Morenos an einer Patientin mit depressivem Stupor beeindruckt. Zweitens geht es um Vernetzung und Experiment – Rangdynamik, Gruppendynamische Grundlagen sind das zentrale Thema dieser Texte, sowie ein Kapitel über Sinn, Zweck und Aufbau des ÖAGG. Im dritten Themenblock, Reform und Gesellschaft – Omega, geht es viel um Familientherapie, die Gruppe und ihre Rangdynamik mit Praxisbeispielen und das Arbeiten in der Klinik. Im vierten Schwerpunkt-Block sind die soziale Vision und Institutionalisierung im thematischen Mittelpunkt der Originaltexte. Hier wird die Entwicklung von der Klein- zur Großgruppe ebenso in den Texten von Schindler bearbeitet wie z.B. die Entwicklungen in Alpbach. Der fünfte und letzte Block widmet sich dem Lehren und Weitergeben – das Vermächtnis. Von noch immer hoher aktueller Bedeutung scheint mir hierein Gespräch von Bernhard Dolleschka mit Raoul Schindler zur Spannung Gruppentherapie vs. Einzeltherapie zu sein. Weitere Gespräche von Peter Pawlowsky und Wolfgang Knopf schließen den zweiten Abschnitt ab. Ein gut gegliederter, recht kompletter Anhang schließt das Werk ab.

24 Originaltexte und drei Gespräche ermöglichen, die Größe und Bedeutung des Schaffens von Raoul Schindler durch die Beiträge der Herausgeber im Kontext seinerzeit und ihrer Entwicklungen, zu erkennen. Dieses außergewöhnliche und bedeutende Lebenswerk wird von den HerausgeberInnen in einer Form gewürdigt und für Interessierte aufbereitet, die sicher Zustimmung und Wertschätzung von Raoul Schindler selbst erhalten würde.

Dafür sei den Herausgeberinnen Dank und Anerkennung ausgesprochen und dem Buch viel Erfolg!

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