Rezension zu Kleine politische Texte

Psychologie Heute, 44. Jahrgang, Heft 5, Mai 2017

Rezension von Wolfgang Schmidbauer

Hastige Lösungen

Tilmann Moser diskutiert aktuelle politische Vorgänge aus psychoanalytischer Perspektive

In Zeiten des Populismus und seines Blutsbruders Terror suchen Leitartikler geradezu krampfhaft nach Gegenmitteln und Lösungsansätzen. Ökonomen, Soziologen, Politologen und Historiker kommen zu Wort; die Vorschläge reichen vom arbeitsfreien Grundeinkommen bis zur Obergrenze für Einwanderer.

Psychologen werden selten gefragt, obwohl oder vielleicht gerade weil ihre Forschung ziemlich genau das Gegenteil einer populistischen Argumentation darstellt. Im Populismus geht es darum, differenzierte Gefühle zu verleugnen und primitive Größenvorstellungen mit den »schnellen« Affekten von Angst und Wut zu verbinden. In der Psychologie wird die Notwendigkeit des langsamen Vorgehens und der gründlichen Untersuchung betont. Das schnelle Denken braucht, um nicht in die Irre zu gehen, ein gründliches Verständnis der zugrunde liegenden Emotionen.

In den kleinen politischen Schriften von Tilmann Moser wird deutlich, wozu eine offene, soziologisch und historisch neugierige Psychoanalyse fähig ist und was sie dazu beitragen kann, sich gelassener mit Zeiterscheinungen zu beschäftigen. Moser ist ein unabhängiger Geist. Er schwimmt schon seit Jahren gegen den Mainstream der Psychoanalyse, indem er Gestalt- und Körpertherapie in seine Behandlungen einbezieht und immer wieder die Verbindung zwischen dem Therapeutischen, Geschichtlichen und Gesellschaftlichen herstellt. Er spricht, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, über die Verwüstungen, welche Nationalsozialismus und Pietismus nicht nur allgemein, sondern auch ganz speziell in seiner Lebensgeschichte angerichtet haben. So trainiert, kann er auch die Frage nach der Schamlosigkeit und den Geltungsbedürfnissen in den Mohammed-Karikaturen bei Charlie Hebdo stellen, die der grausame Mord an den Redakteuren nicht aus der Welt schafft. Nicht alles, was Terroristen angreifen, ist deshalb schon gut. Und umgekehrt, das zeigt Moser in einer Analyse der »Edathy-Hatz«, sind die Motive der Jäger eines Verdächtigen ebenso kritisierbar wie dessen Verhalten.

Die Psychoanalyse war schon immer auch eine Wissenschaft der menschlichen Verletzlichkeit. Geändert hat sich über die Generationen von Analytikern von Freud über Melanie Klein zu Heinz Kohut, Otto Kernberg und auch Tilmann Moser die Blickrichtung: Es geht nicht mehr um die unterdrückten Wünsche und die triebfeindliche Strenge der Kultur, sondern um die frühen Beschädigungen der seelischen Entwicklung durch verweigerte Empathie. Aus den traumatisierten Kindern werden Erwachsene, die ihre Affekte nicht annehmen können. Sie sind depressionsgefährdet, gieren nach einfachen Lösungen und können es nicht ertragen, dass (Liebes-)Beziehungen ohne Konflikt und die Verarbeitung von Ambivalenzen nicht zu haben sind. Mosers Buch greift dieses Thema in vielen Facetten auf und berührt darüber hinaus durch die Bereitschaft des Autors, über seine eigenen Gefühle zuschreiben – über die Gefahren des Scheiterns, wenn ein überlastetes Ich nach hastigen Lösungen greift, aber auch über die Chancen des Gelingens, wenn solche Fehler des Denkens und Tuns verstanden werden.

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