Rezension zu Bindungsstörungen und Entwicklungschancen

Praxis der Kinderpsychologie 53.Jg. 1/04

Rezension von Lothar Unzner

Die Bindungstheorie und die Ergebnisse der Bindungsforschung werden nicht nur an der Hochschule diskutiert, in den letzten Jahren gewannen sie zunehmend Bedeutung für die Praxis. Die Bindungsforschung wird zudem wieder von der Psychoanalyse positiv zur Kenntnis genommen, nachdem Psychoanalytiker die Bindungstheorie konsequent missverstanden und sich Bowlby auf die schwächsten Punkte der psychoanalytischen Theorie konzentriert hatte. Das breite Interesse an der Bindungstheorie drückt sich auch darin aus, dass im Frühjahr 2003 innerhalb von zwei Monaten vier Bücher zu diesem Thema veröffentlicht wurden.

Für zwei der Bücher zeichnet Peter Fonagy als Autor verantwortlich. Peter Fonagy ist u. a. Professor am University College London und Forschungsdirektor am Anna Freud-Centre. Als Bindungsforscher und Psychoanalytiker verbindet er empirisch-psychologische Forschung und psychoanalytische Psychotherapieforschung.

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Im zweiten Buch von Fonagy wird dessen eigener Ansatz deutlich: Der Psychosozial-Verlag editiert in seiner Buchreihe »Bibliothek der Psychoanalyse« einen Sammelband mit Aufsätzen von Peter Fonagy (in Zusammenarbeit mit Mary Target u. a.), in denen der Forschungsansatz und die Forschungsbereiche seiner Londoner Gruppe dargestellt werden. Im Verlauf der letzten Jahre entwickelten sie das Konzept der »Reflexiven Kompetenz« in dem mentale Konzepte der Bindungstheorie und der Psychoanalyse verbunden sind. Reflexive Kompetenz ermöglicht es dem Individuum, eine reiche innere Welt »mentaler Repräsentationen in Bezug auf das Selbst und den Anderen« zu entwickeln, hierüber zu reflektieren und sein intentionales Handeln darauf zu gründen. Diese Entwicklungsleistung wird im Rahmen enger emotionaler (intergenerationeller) zwischenmenschlicher Beziehungen (in der Regel mit Mutter und Vater) in den ersten fünf Jahren erworben. Wenn die Bezugsperson eine innere Vorstellung vom Kind als unabhängiges Subjekt mit eigenen Wünschen und Vorstellungen hat und dies in der alltäglichen Interaktion dem Kind widerspiegelt, ermöglicht sie ihm, eigene geistige Strukturen aufzubauen. Es lernt, ein Bild von sich selbst zu entwickeln als ein mit Überzeugungen, Gefühlen und Absichten ausgestattetes Selbst. Die Entwicklung reflexiver Kompetenz ist also entscheidend abhängig von der Qualität der metakognitiven Fähigkeiten der Eltern, d.h. deren Fähigkeit, fremdes und eigenes Befinden zu reflektieren.

Die ersten Arbeiten dieses Buches beschäftigen sich aus dieser Sicht mit der Bedeutung frühkindlicher Bindungserfahrungen. Nach einer Einführung in den Ansatz der reflexiven Kompetenz wird der Prozess der transgenerationellen Transmission beschrieben. Hierbei spielt der Vater eine wichtige Rolle. Die nächsten beiden Aufsätze befassen sich mit dem Verständnis von Veränderungen in der Kinderanalyse. Eine retrospektive Studie mit 761 Fällen des Anna Freud Centre zur Auswirkung von Alter, Behandlungsfrequenz und Art der Störung erbringt die Kombination von einsichtsorientierter Therapie und »Entwicklungshilfe« als wirksamster Behandlungsform. Als bedeutsam erwies sich der Einfluß elterlicher Pathologie, vermittelt durch den Mangel an reflexiven Fähigkeiten. Besonders eindrucksvoll beschreibt der Aufsatz über »Bindung, Holocaust und Ergebnisse der Kinderpsychoanalyse: Die dritte Generation« generationsübergreifende Auswirkungen von Traumatisierungen.

Die nächsten Aufsätze haben das Entstehen der Borderline-Persönlichkeitsstörung zum Thema. Fonagy sieht bei Borderline-Patienten die Entwicklung eines angemessenen sozialen Verständnisses durch frühe ungünstige (missbräuchliche und traumatische) Bindungserfahrungen behindert, ungeachtet was auch immer die primäre Ursache ist. Das Spiel mit der Realität ist gestört; es findet eine dysfunktionale Entwicklung der Fähigkeit statt, intime Beziehungen zu mentalisieren. In der therapeutischen Praxis ist das kindliche Spiel die beste Möglichkeit des Therapeuten, die Innenwelt des Kindes zu verstehen und dessen Entwicklung anzuregen.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Überlegungen zum Entstehen von Gewaltbereitschaft. Fonagy zeigt Gemeinsamkeiten auf der Ebene der psychischen Mechanismen zwischen Borderlinestörungen und Kriminalität auf. Er versteht Aggression als Verteidigung gegen Drohungen gegen das psychische Selbst und kriminelles Verhalten als sozial nicht angepaßte Form der Bewältigung von Trauma und Mißhandlung; die metakognitiven Fähigkeiten, das Verstehen des Empfindens des Anderen ist beim Gewalttäter unzureichend ausgeprägt. Sichere frühkindliche Bindung stellt einen wichtigen Schutzfaktor dar, indem es eine differenzierte Wahrnehmung des inneren Befindens von Anderen ermöglicht.

Mit vielen Fallbeispielen belegt er eindrucksvoll die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung in Bezug auf relevante gesellschaftliche Fragen. Seine Ausführungen münden nicht in altbekannten Schuldzuweisungen, er beschreibt vielmehr deutlich die zugrunde liegenden Mechanismen.

Die zwölf Beiträge dieses Buches sind zwar bis auf einen bereits in deutscher Sprache erschienen, jedoch in unterschiedlichen Büchern und Zeitschriften. Eine umfassende Darstellung der Arbeit Peter Fonagys gab es bisher nicht. In dieser Zusammenfassung wird die Relevanz des Ansatzes in seiner Fülle deutlich; Fonagy versteht wie kein anderer Bindungstheorie und Psychoanalyse zu verbinden. Die inhaltlichen Überschneidungen und Wiederholungen lassen sich in einer solchen Sammlung unabhängig voneinander geschriebener Artikeln nicht vermeiden; sie stören das Gesamtbild nicht.

Die beiden anderen Bücher sind jeweils aus Fachtagungen entstanden. Im von Urte Finger-Trescher und Heinz Krebs herausgegebenen Band wird das Thema einer wissenschaftlichen Fachtagung (im Herbst 2001) des Frankfurter Arbeitskreises für Psychoanalytische Pädagogik »Bindungsstörung und Entwicklungschancen« einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt. Ziel des Buches ist es, Fachleute aus sozialen, pädagogischen und therapeutischen Arbeitsfeldern über neuere Erkenntnisse zu informieren und aus einer kritischen Position zu diskutieren, ob und welche Relevanz Bindungstheorie für die Psychoanalytische Pädagogik besitzt.

In einem ersten grundlegenden Teil erläutert Keupp, welche Ressourcen in der modernen Gesellschaft benötigt werden, die geforderten Fähigkeiten wie Flexibilität und Mobilität zu erlangen. Er weist eindringlich auf den Widerspruch hin, dass emotionale und soziale Bindungen für diese »IKEA-Identität« als eher hinderlich und überflüssig gesehen werden (Orientierungslosigkeit als Tugend), dass diese aber genau für die Entwicklung der gewünschten positiven Eigenschaften unerlässlich sind (flexible Selbstorganisation verlangt Ressourcen). Brisch führt anschließend in die Bindungstheorie ein und stellt wichtige Befunde dar.

Im zweiten Teil wird der Nutzen der Bindungstheorie diskutiert. Datler unterscheidet mittelbare und unmittelbare Folgen, wobei er eine unmittelbare Bereicherung der Praxis durch die Ergebnisse der Bindungstheorie in den Bereichen sieht, wo beide Ansätze in hohem Maße kompatibel sind. Die mittelbare Bereicherung ist in der Modifikation und Weiterführung von zentralen Konzepten zu finden, verdeutlicht wird dies u. a. an Fonagys Arbeiten. Die weiteren Beiträge haben die Qualität früher Mutter-Kind-Interaktionen (Hédervári-Heller) und die Bedeutung vorgeburtlicher Bindungserfahrungen (v. Lüpke) zum Thema bzw. versuchen an Fallbeispielen den Beitrag des Kindes zur Entstehung von Bindungsmustern (Heilmann) und die Auswirkungen frühen Mutterverlustes (Kupper-Heilmann) aufzuzeigen. Entwicklungschancen und -risiken aus bindungstheoretischer Sicht diskutieren die beiden abschließenden Kapitel, einmal für späteres Sozialverhalten (Göppel), zum anderen für die Prävention psychischer Störungen (Romer).

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In beiden Tagungsbänden sind hervorragende Beiträge zu finden; sie wechseln sich aber auch mit weniger anspruchsvollen Aufsätzen ab. Insgesamt belegt das Spektrum dieser vier Bücher die Relevanz der Bindungstheorie und der Bindungsforschung, sowohl für die Wissenschaft und deren Theoriebildung als auch und ganz besonders für die Praxis.

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