Rezension zu Wagnis Solidarität

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Rezension von Ernst Antoni

Das Wagnis Widerstand
Gesammelte Porträts, Zeugnisse und Analysen

Es ist nicht die erste Veröffentlichung, mit der das Psychologen/Pädagogen-Paar Jürgen und Ingeborg Müller-Hohagen sich der Widerständigen gegen das NS-Regime und anderer Verfolgter annimmt. Versucht wird in ihrem neuen Buch, Beweggründe für Handeln auszuloten, damalige Bedingungen zu analysieren, schließlich auch Schlüsse für heute und morgen, für eine humanere Gegenwart und Zukunft, zu ziehen.

»Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens angesichts der NS- Gewalt« heißt es: Es geht um jene mit- und zwischenmenschliche Kraft »Solidarität«, die ja in vielen zumeist politisch motivierten Widerstandsfeldern unerlässlich war, die sich manchmal in kritischen Situationen lediglich als Schlagwort erwies, die aber viel öfter, auch unter unmenschlichsten Bedingungen, ihre Beständigkeit unter Beweis stellte . Obwohl die Verfolgungssysteme des Naziregimes alles nur Erdenkliche unternahmen, dieser Solidarität wo immer möglich den Garaus zu machen. In dem Buch kommen eine Reihe von Überlebenden des KZ Dachau und deren Angehörige zu Wort. Das hängt auch zusammen mit dem Wohn- und Arbeitsort der Verfasser, die ja seit langem engagiert sind bei der Geschichtsaufarbeitung vor Ort, in Dachau und im näheren und weiteren Umfeld. Vor allem aber hängt es zusammen mit dem Konzept, für diese Studie Zeitzeugen-Gespräche aus den vergangenen Jahrzehnten mit Menschen, die zum Teil nach 1945 auch in der Lagergemeinschaft Dachau und im CID wichtige Kräfte waren (Alfred Haag etwa, Eugen Kessler, Anni Pröll, Richard Titze, Nikolaus Lehner...) zu kombinieren mit aktuellen Interviews Nachgeborener, die mit den einstigen Widerständigen und Verfolgten, sei es als Angehörige oder aus anderen Gründen, auf verschiedenen Ebenen im Laufe ihres Lebens zu tun hatten.

Entstanden ist – auch dank der Illustrationen mit Grafiken von Wolfgang Szepansky, der aus ähnlichen politischen Widerstands- und Verfolgungs-Zusammenhängen kommt wie die meisten der anderen im Buch Porträtierten – eine interessante Bilanz widerständischen Handelns, der Beweggründe dazu und der Solidarität der unmittelbar Betroffenen und anderer, die ihnen zur Seite gestanden hatten und derer es zum Weitermachen und Überleben bedurft hatte.

Ein Buch über den Widerstand gegen den NS-Faschismus. Nicht über irgendeinen ominösen Widerstand, sondern über einen ganz konkreten: über den von (zumeist) Arbeitern und Arbeiterinnen, die, wenn politisch aktiv, eher links von der SPD organisiert waren (nicht alle), die meisten von ihnen bei den Kommunisten. Es geht in diesem Buch vor allem über den Widerstand in den ersten Jahren des NS-Regimes – und der sah halt weitgehend so aus. Weshalb dessen Protagonistinnen und Protagonisten auch als damals zahlenmäßig größte Gruppe in den neu erstellten Konzentrationslagern landeten. Dort stand dann da die Solidaritätsfrage dringender denn je im Raum. Schön und wichtig ist, dass in dieser neuen Veröffentlichung solchen Fakten, Fragen, Diskussionsansätzen wieder einmal größerer Raum geboten wird. Über Gewichtungen, Schlussfolgerungen von Verfasserin und Verfasser, überhaupt auch darüber, was denn »Widerstehen« ist oder sein sollte (auch heute) und wo denn »Solidarität« angesiedelt werden müsste, lässt sich sicherlich trefflich weiter streiten.
Die alltäglichen Geschehnisse werden uns, wie es sich seit einiger Zeit deutlich abzeichnet, vielfältig genügend Gründe liefern, unsere jeweils aktuellen Erkenntnisse auch mit Hilfe solcher historischer Zeugnisse zu verifizieren.

Ernst Antoni

www.lagergemeinschaft-dachau.de

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