Rezension zu Das lebendige Gefüge der Gruppe

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Rezension von Volkmar Ellmauthaler

Wer Raoul Schindler begegnen und ihn über mehrere Jahre näher kennenlernen durfte, war von dessen leiser, trotz allerlei rhythmischer Besonderheiten grandios präziser Formulierkunst – bei durchaus ironisch-selbstdistanziertem Humor – fasziniert.

Berührend war gleichermaßen seine detailgenaue Merkfähigkeit und die Ordnung seiner Bibliothek. Als ich einmal nach mehreren Übersiedelungen einen Text vermisste, den ich ihm als Duplikat überlassen hatte, dauerte es nur wenige Minuten, bis er ihn mir zur Kopie überreichte: »Wollen wir ihn gleich kopieren?«

Sein Willkommen war, ebenso wie seine ständige Bereitschaft, Telefonate entgegenzunehmen, offen; Stellungnahmen erfolgten in Form einer leise memorierenden Distanziertheit, wie aus der Sicht eines »Beobachters der eigenen Situation«, was dazu führte, dass seine Gesprächspartner im privaten Zusammenhang einen stets freien Raum möglicher Entfaltung geboten bekamen.

Körperlich fühlbar ist die Erinnerung der rasch nach oben gekippten Handfläche bei der Begrüßung, die wohl zum Ritual geworden war: eine Geste nicht des Bittens, sondern des Hereinholens, des Sich-Öffnens, eines Angebots, das zu nützen jedoch dem Gast anheimfiel. Oftmals öffneten die Kinder, später Enkelkinder, riefen nach Rauli. Bis er kam. Pünktlichkeit war sein Anspruch. Doch Zeitverschiebungen brachten ihn kaum je aus dem Konzept. Es gab die kleine Bibliothek, ein Gangzimmer mit an den Beinen messingbeschlagenen Jugendstilmöbelchen, wo man gut warten, zur Ruhe, zur Besinnung kommen konnte.

Solcherlei Atmosphären mögen auch die HerausgeberInnen des vorliegenden Bandes bewegt haben, dieses Projekt zu erdenken und in mehrjähriger Arbeit zu einem guten Ende zu führen.

Schwankte ich beim ersten Bericht über das Vorhaben zwischen Respekt und einem Gefühl möglicher Fixierung – hatte Raoul Schindler doch nie ein ganzes Buch veröffentlichen wollen und die freie Text- und Themenwahl genossen –, so wich diese Sorge schlichter Begeisterung, als mir das Buch tatsächlich vorlag.

Strukturell besteht es aus drei Teilen: Der erste dient der Orientierung und Zuordnung von Person, Werk und Zeit, die zweite besteht aus sehr gewissenhaft eingeleiteten Originaltexten, die zudem in einem deutlich lesbaren, einheitlichen Nachdruck vorgelegt wurden, der dritte Teil umfasst ein Glossar, eine Vita und das bislang detaillierteste Werkverzeichnis, das zu Schindlers vielfältigen, kurzen und längeren Beiträgen jemals vorlag.

Die maßgeblichen, in Deutschland und Österreich publizierten Arbeiten waren bisher im Archiv der »Psyche« vorhanden, sie waren während der vergangenen 20 Jahre bereits digitalisiert worden und konnten gegen geringes Entgelt als pdf-Dateien abgerufen werden. Doch setzte diese Nutzung eine recht gezielte Suche voraus, welche andere Texte, die zum Teil als Vorträge an unterschiedlichen Seminarorten gehalten worden waren, nicht einschloss.

Das Verdienst der Arbeitsgruppe ist also, ein Kompendium der signifikanten Arbeiten Raoul Schindlers an die Hand gegeben zu haben, das obendrein auch sehr gut kommentiert ist und zudem eine Einordnung in die zeit- und wissenschaftsgeschichtlichen Kontexte der doch beachtlichen Lebens- und Schaffensperiode Raoul Schindlers ermöglicht.

Was dabei fehlt, ist ein ausführliches Stichwortverzeichnis, das gute Textverarbeitungsprogramme heutzutage zumindest halbautomatisch in Form von Endnoten mit Seitenbezügen anlegen.

Raoul Schindlers Haltung entspricht die sparsame, aber exakte Kommentierung seiner Texte. Zur Selbstdarstellung neigte er zeitlebens nicht. Was wirkt, ist die zur Skizze, zum Wort kondensierte Idee, die sogleich zum wohlwollenden, lebhaften Diskurs freigegeben ist.
Sein Wort, »wer sich gerne auf ein Podest stellen lasse, möge bedenken, dass an dessen Beinen bereits gesägt werde«, war den HerausgeberInnen gewiss bekannt – und haben sie diese Falle umgangen. Die Wirkung authentischer Überlegungen im Kontext der Zeit und deren wissenschaftlicher Proponenten reicht aus. Was über sein Privatleben zu äußern war, wurde erwähnt, wobei er selbst stets nur das Minimum von sich preisgab (1).

Ausgeblendet sind die – bisweilen symptomatischen – Entwicklungen innerhalb des von Schindler mit begründeten ÖAGG, der als Organisation eben jenen Dynamiken unterworfen war und wohl bis heute ist, die Schindler mitunter warnend beschrieb. Sein Interesse galt ausdrücklich und geradezu methodisch den »Nicht Angepassten« – die zuweilen als Omegas auch in dem Ausbildungsverein ÖAGG, selten sogar von Fachleuten gemobbt und schließlich hinaus gedrängt werden mochten.

Schindler nahm in kritischen Situationen regelmäßig die Position des Schwächsten ein, entlastete diese Person, nahm Aggressionen auf sich und eröffnete allen Beteiligten eine Chance, die je eigene Position im Moment zu fühlen, zu reflektieren, erweiterte Möglichkeiten zu ahnen, mit diesen zu experimentieren.

Was gelegentlich als chaotische Interventionsversuche missverstanden wurde, konnte so das Gedeihen einer Gruppe ermöglichen. Diese Haltung Raoul Schindlers kommt in dem Sammel- band hervorragend zur Geltung, wenngleich auch erst durch die synoptische Lektüre, durch das Aktivieren eigener Erinnerungsspuren. Die Linie von S. Freud über A. Aichhorn und R. H. Jokl zu R. Schindler ist konsistent, sie stellt sich sehr gut in der vor- liegenden Gesamtschau dar. Hilfreich ist an dieser Stelle die Lektüre eines Buches von Richard F. Sterba: Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers (2). Unter den skizzierten Portraits finden sich auch jene von Aichhorn und Jokl, beides phänotypische Kontrapunkte zu dem ästhetisch-vornehmen, etwa zwei Meter großen, leptosomen Schindler, der in Vielem an ein Double des großen Wilhelm Furtwängler (3) erinnern mochte. Eine treffende Assoziation, denn abgesehen von der etwas fuchtelnden Gestik Furtwänglers glichen beide einander wohl durch ihre konzentrierte Innerlichkeit, wertschätzende Sorgfalt und analytische Konsequenz der Interpretation: von Mensch oder Werk.

Verdrängte Bewusstseinsinhalte, Konflikte, »herausleben« und im geschützten Rahmen einer Gruppe »darstellen« zu können, grenzt konzeptuell an das Hervor- und Zur-Wirkung-Bringen des musikalischen Geheimnisses aus einer Partitur.

Hier wie da zu befragen sind Auffälligkeiten, etwa Fehlstellen, Nicht-Erwähntes. So fällt auf, dass Erwin Ringel, ebenfalls Assistent bei Hans Hoff in Wien, insgesamt nur zwei Mal in schlichten Aufzählungen Erwähnung findet. Hans Strotzka wird häufiger erwähnt, dennoch war er, in enger Zusammenarbeit mit Schindler, maßgeblich für die Einführung der klinischen Supervision nach dem Fall Lainz (4) 1989, nachdem im Pavillon V systematische Tötungen an PatientInnen vorgekommen waren. Über Einladung Hans Strotzkas durfte ich an dem sich bildenden Team zur Organisation der Team-Supervision an Krankenanstalten teilnehmen, dem damals bereits Stephan Rudas und eben Raoul Schindler angehörten.

Insofern folge ich nun der »Einladung, Geschichte(n) über die Entwicklung der Gruppendynamik in Österreich zu erzählen und dem, was passiert ist, auf die Spur zu kommen« (S. 29).

Nicht nur im Spitalsbereich, auch in der Gruppendynamik als Organisation, später Lehrinstitut ÖAGG, entstanden auch noch 20 Jahre nach der Gründung wesentliche Groß- und Kleingruppenprozesse, die wohl in situ erkenntlich und literarisch verarbeitbar, aber erst rückblickend exakt analysierbar werden.(5)

Auch fehlen wenigstens einzelne Hinweise zu Univ.-Prof. Dr. Sepp Schindler (6), Salzburg, schon wegen der Namensgleichheit, aber auch deswegen, weil sein Hintergrund ebenfalls psycho- analytisch war, sein Interesse auch der sozialen Integration von Außenseitern galt. – Sepp Schindler war zunächst Vorstands-, dann Ehrenmitglied des Salzburger Arbeitskreises für Psychoanalyse, er rief einen ersten Hochschullehrgang für Supervision an der Paris Lodron Universität zu Salzburg ins Leben. Er war aber auch profilbildend für die Wiener Sozialarbeit und bezog sich etwa im Rahmen der Bewährungshilfe des Öfteren auf August Aichhorn und Raoul Schindler.

Unerwähnt in dem Beitrag von Margreiter u.a. bleibt auch der Ansatz von Michael Balint (7) zur Beziehungsspiegelung in ärztlichen Selbsterfahrungsgruppen, die Raoul Schindler gewiss bekannt waren. Balints Prinzip, die Beziehung und Kommunikation seiner Ärzte innerhalb der Gruppe darstellen (»spiegeln«) zu lassen, stellt eine Koinzidenz, eine gewisse Nahebeziehung zur bifokalen Gruppentherapie Schindlers dar: Die Gruppe wird zur Darstellung von latenten oder manifesten Konflikten in Außenbeziehungen genutzt, zugleich dient dieser Prozess der Selbsterfahrung und Fortbildung von Ärzten zur Optimierung deren eigener Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit im Umgang mit PatientInnen und deren Angehörigen, aber auch untereinander in der täglich wünschenswerten Kooperation. (8)

Im ersten Abschnitt sprachlich wie intellektuell besonders ansprechend wirken die Beiträge von Judith Lamatsch und Konrad Wirnschlimmel. Ihnen sind wundervolle Auslöser zahlreicher Erinnerungen, Assoziationen, Eigenerfahrungen zu danken. Wertvolle Hintergrund-Informationen runden das Bild ab.

Kommt Raoul Schindler zu Wort, dann jedes Mal nach einer subtilen, informativen Einleitung, die man nicht missen möchte.

Bemerkenswert ist sein frühes Distanznehmen von chemischen (Insulin-) und physikalischen (Elektro-) Schockbehandlungen, die in der Klinik vor Antipsychiatriebewegung und Psychiatriereform zu den Standard-Therapieversuchen zählten. Noch bemerkenswerter sein Urvertrauen in die positive Dynamik und autoregulatorischen Fähigkeiten der (später bisweilen Ersatzfamilie genannten) Gruppe.

Als wesentlich erkannte Schindler die förderliche Dynamik im Gegensatz zur pathogenen Erstarrung. Wie allerdings der jugendliche Student Schindler zu solchen sehr emotionalen Erfahrungen gefunden hatte, was die Potenziale einer Gruppe anlangt, bleibt im Schatten. Möglicherweise ist es nicht sehr gewagt anzunehmen, dass hierbei die eigene Herkunftsfamilie ausschlaggebend war. Auch in seinem gesamten späteren Leben blieb die Familie ein wesentlicher, niemals verborgener, Teil des Schindler’schen Gesamtkonzepts. So war die Bennogasse als ein Mehrgenerationenhaushalt zu erleben, wohin AnalysandInnen wie WissenschaftlerInnen aus aller Welt, einfache Studierende, KandidatInnen und Freunde kommen konnten. Bis zuletzt blieb es an seinem Krankenbett lebendig, ein Kommen und Gehen, ein ansprechendes Kontaktnehmen und Seinlassen, das ihm sicherlich die zunehmende Demenz nicht zur Tragödie werden ließ, sondern ihn zum langsam verblassenden Mittelpunkt einer lebendigen Gesellschaft werden ließ.

Gruppe bietet jedem, der/die daran Anteil hat, auch eine Palette von Gefühlen: Schindler beschrieb sie als »Mitgerissenheit«, als »affektives Zuhören«, als »psychodramatische Aussagen« und »elastische innere Gleichgewichte« (S. 59 f). Zu einer bedrohlichen Ausformung solcher Phänomene in der Gegenwart später. In ersten Fallbeispielen findet sich noch die bis in die Siebzigerjahre übliche Identifikation des Menschen mit dessen Diagnose, etwa: »Pat. A., eine paranoide Schizophrenie, erzählt einen Traum:« (S. 61).

Dass daraus keine erstarrte Momentaufnahme, sondern der Ursprung eines wissenschaftlichen Regenbogens werden konnte, ist ebenfalls der so gerne querdenkenden, stets »elastischen« Persönlichkeitsstruktur, auch der Unbeugsamkeit des im eigenen Familiensystem liebevoll integrierten Menschen zu danken. Wir leiten daraus ab, dass es nicht bloß des überragenden Intellekts, sondern auch gewisser materieller Voraussetzungen bedarf, um sich in Ruhe der Analyse evidenter Phänomene zu widmen und daraus überragende wissenschaftliche Schlussfolgerungen zu ziehen: Mikrokosmos und Makrokosmos von »Gruppe« – Partnerschaften innerhalb von Familiensystemen – gehen über in das Gelingen von Außenbeziehungen, die wiederum als Spiegel der ursprünglichen Dynamiken wirken können.

So konnte sich beinahe organisch ein Vorverständnis für eine weitere innovative, bisweilen als provokant erlebte, Idee herausbilden: die ausdrücklich stellvertretende Therapie von Bezugspersonen an Stelle der von jenen vorgestellten, vermeintlichen oder tatsächlichen PatientInnen, erst in zweiter Linie psychotherapeutische Maßnahmen zusammen mit dem jeweiligen, ebenfalls Leidenden zu unternehmen – das aber in einer Phase der Entlastung (s.a. Schema S. 65).

Ein zweites Fallbeispiel, Fall 9 genannt, erinnert mich an zwei ähnlich gelagerte Therapieerfolge von Schindlers Weggefährten: Hans Strotzka (9) betreute die Wiener Neustädter Autorin Annemarie Euphrosine Moser. Ihre Therapie glückte, sie beschrieb diese Zeit in dem leider wenig bekannten, doch lesenswerten Roman Türme. Protokoll einer Heilung (10).

Der andere Patient ist Peter Turrini(11). Auch er hat öffentlich darüber geredet. Sein Therapeut war Erwin Ringel(12), dessen unkonventioneller Ansatz ebenfalls System hatte. Als Turrini eine Krise durchlitt, beorderte Ringel ihn kurzerhand (»Haben Sie einen Rock und eine Krawatte?«) zu einem Fest, das er nicht verlassen konnte. Ohne die Abstinenzregeln zu verletzen, wurde der Patient in eine informelle Gruppe integriert. Später, in der Hauptvorlesung, erschien er bisweilen, sprach über seine Therapie und las eigene Texte. Schindler hätte darüber seine Freude gehabt. Bei Künstlern ging und geht es letztlich darum, die unbewussten Konflikte derart bearbeitbar zu machen, dass eine Symptombildung oder Somatisierung ausbleiben kann, dennoch aber die affektive »Energie« – der künstlerische Eros – erhalten bleibt. So kann Destruktion in konstruktive Schaffenskraft umgewandelt werden. Das Gesamtwerk Turrinis beweist dies auf besonders eindrucksvolle Weise; samt seinen vielfältigen Kraftausdrücken, die ihn bisweilen als einen »literarischen Alfred Hrdlicka(13)« anmuten lassen.

Was sind nun gelungene Dynamiken? Was nicht gelungene? Darüber hat Schindler stets geschwiegen. Ein anderer Wegbegleiter und Freund, Richard Picker(14), fehlt ebenfalls in dem vorliegenden Buch: Er hatte die Gestaltpsychologie nach Wien gebracht und als Therapieform etabliert. Sein Buch »Exorzismus war gestern. Entdämonisierung durch Psychotherapie«(15) schildert unter anderem einen Großgruppenprozess in Alpbach, der tatsächlich auf eine besondere Weise aus dem Ruder lief, den auch Schindler nicht zu Ende bringen konnte – wobei er unvermutet erkrankte und an dem Ende nicht teilnahm.

Es bedarf demnach einer Außenperspektive, um Besonderheiten wahrnehmen und deuten zu können: Supervision. – Richard Picker war, wie Schindler, ein begeisterter Lehrender, zugleich Theologe und Psychotherapeut. Er begleitete Raoul Schindler während der letzten Zeit und verstarb, ebenfalls rapide dement geworden, ein Jahr darauf.
Genesung ohne Gewaltrituale bedeutet es also, sich der schöpferisch-künstlerischen Freiheit bewusst zu werden und diese möglichst im supportiven Gruppenkontext zu nützen.

Nach diesem Exkurs finden wir zu Schindlers Modernität zu- rück, die sich bereits 1952 äußert: Die nur vier Jahre zuvor verwendete Terminologie Karl Jaspers’ bezeichnet er damals bereits als »alte Gedankengruppen« (S. 71). Zugleich aber wird die Terminologie des Freud’schen »Energie-Konzepts« weitergeführt (S.73 u.a.) – hier ist etwa an »Triebe und Triebschicksale« (Freud: 1915(16)) zu denken.
Möglicherweise treffen sich also Strotzka, Ringel, Picker und Schindler dort, wo es um die Erhaltung des Kreativen, um die Nutzung von Beziehungssystemen im Dienste der individuellen und gesamtheitlichen Gesundung geht: Gruppe wirkt auf Individuum, Individuen auf Gruppe: elastisch, wie Schindler sagt, nicht starr. Die »Energien« zwischen Eros und Thanatos bewusst und nutzbar machen. Freud mochte das Phänomen der kreativen Umformung von sexueller Triebenergie anfangs Sublimierung nennen. Seine Affektlehre aber wird in der Gruppe auf neue Art bedeutsam. Im Grunde ist Gruppe ein Abbild des Einzelnen wie des Kosmos.

Der wissenschaftlich-therapeutische Ansatz findet sich bei Freud wie Schindler in der angewandten Affektlehre (17).

Frühe Arbeiten, manche zusammen mit Ringels und Schindlers Chef, Hans Hoff, deuten weitere Phänomene, etwa des »verlängerten Heimkehrersyndroms« (S. 93–94), das wir heute unter »Posttraumatische Belastungsstörung« kennen. Bleibt diese unerkannt bzw. untherapiert, kann diese zu einem aggressiv-fremdschädigenden oder antisozial-autoaggressiven bis hin zu chronifiziert-depressivem, am Ende suizidalem Verhalten führen.

Ein anderer Begriff Schindlers blieb weitgehend unbeachtet, wenngleich auch er gut seine eigene Grundhaltung beschreibt: »Ausgesetztheit in stimulativer Ungesichertheit« – die sich, ja, »kreativ von der gesicherten Schulenorientierung der 90er Jahre unterscheidet« (S. 99).

Spiegelgleich findet sich das schöne Bild, wie Schindler zusammen mit Moreno (der damals ebenfalls um Zugehörigkeit rang) auf den 484m hohen Kahlenberg fuhr, um aus der erhöhten Außenperspektive, mit Blick auf Wien und den Donaustrom, einen mehrschichtigen Perspektivenwechsel anzubieten (S. 100).

Die Ablösung vom eher der Organmedizin und Hirnphysiologie verpflichteten Hoff scheint für Schindler wie auch Ringel nur eine logische Konsequenz, baute doch jeder für sich an einem ganzheitlichen Konzept: einer an der Psychosomatik, wie Thure von Uexküll(18) und andere, in Orientierung auf die »Biopsyche« – der andere an der gestaltenden Kraft der Gruppe und an der bifokalen Gruppentherapie.
Schließlich findet Schindler früh (1954, publiziert 1957) zu der »soziodynamischen Grundformel« und deren vielfältigen Entsprechungen und Ableitungen. Hierin liegt der Wert seiner Grundlagenarbeit (im Original in Psyche Nr. 11 [1957] S. 308–314, in ihrer Kürze und Prägnanz kaum erreicht, wenn nicht im Vergleich mit Wittgensteins »Tractatus logico-philosophicus«): in der vielfältigen Anwendbarkeit, die mit der Zeit sogar »umgangssprachlich« geworden ist (S. 105–123, 125–136).

Über die Positionen Alpha, Beta, Gamma, Omega und Gegner ist häufig geredet und publiziert worden, auch die Omega- Rochade scheint geläufig, wird aber bisweilen missverstanden (S. 159–167). Schindler definiert auch die Position des Trainers bzw. des Therapeuten als eine eigenständige innerhalb der Gruppe, wobei allerdings diese ein hohes Maß an innerer, analytischer Distanz bei gleichzeitiger empathischer Präsenz erfordert, um im rechten Zeitpunkt die am besten wirksame Intervention setzen, Übertragungsphänomene aushalten und nützen zu können: im Dienste der therapeutischen Aufgabe. Erst so kann eine Verzahnung zwischen Umwelt und Inwelt gelingen, frei nach Carusos »Koinzidentalkorrespondenz« (miteinander wechselweise abhängige Gleichzeitigkeit bzw. Zufälligkeit) – s. S. 169–182.

Der Begriff der Personalisation (der Gruppe) stellt gewissermaßen eine Antithese zu aktuellen Vorkommnissen dar, die mit der libidinösen Übertragungsreaktion von Großgruppen auf »Führer« zu tun haben (Erdoğan und Trump seien hier genannt).

Gibt – wie in »Massenpsychologie und Ichanalyse« geschildert – ein Individuum Anteile seiner Persönlichkeit zugunsten des Gruppen-Wir auf und löst das Individuum sich im Wir auf, kann eine heftige libidinöse Übertragung auf den Führer stattfinden, vollkommen unerheblich, welche objektiven Wahrheitswerte dessen Aussagen haben mögen: Ein Mann schreit weinend in die TV-Camera: »Allah nehme mein Leben und gebe es Erdoğan.«

Trump wiederum genießt einen raren Moment der Verwunderung während des Wahlkampfes 2016 und kräht: »Ich könnte auf der 5th Avenue glatt einen Menschen erschießen, es würde mich keine Stimme kosten! Großartig! Einfach großartig!«(19)

Dem gegenüber steht die Repersonalisation von Gruppen: Hier gewinnt der Einzelne wie auch die Gruppe selbst zunächst weggegebene Anteile des Selbst und dessen Libido zurück und kann damit sich selbst rekonstituieren: Ein wesentlicher Grund, weshalb just das von Diktatoren verhindert wird. Eine »fortschreitende Erweiterung der Wert- und Weltbezüge« (S. 170) wirkt demnach den autoritären Ambitionen Einzelner entgegen. Sie wirkt auf Gruppen wie Individuen emanzipatorisch. Voraussetzung sind Bildung und die Fähigkeit zur kooperierenden Selbstorganisation.

Siehe dazu auch Karl Raimund Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde(20) (Bd I und II), eine sehr lesenswerte Arbeit.

Thematische Bezüge dazu finden sich, ob bewusst gesetzt oder unbewusst als »Koinzidenz« bei Schindler, etwa in »Krise der Gruppe« (S. 321 ff).

Die genannten Massen- und Großgruppenprozesse finden quasi als Kleinformat Ansätze in Schindlers Familienberatungsstelle 1966, die mögliche therapeutische Settings vom klinischen Betrieb zunehmend emanzipiert, ohne zur Gänze darauf zu verzichten (S. 183–191).

Die konsequente Weiterführung der »Personalisationsidee« findet sich in basisdemokratischen Einrichtungen wie dem »Hausparlament« an einer psychiatrischen Abteilung und verschiedenen Arten eines öffentlichen »Patienten-Café«.

In den 80er Jahren nahm Schindler auch mehrere Sommer hin- durch zusammen mit seiner Frau Jutta an Familientherapiewochen teil, die er supervisorisch begleitete, wo kleine Vorträge gehalten, Ideen diskutiert und tagsüber, bisweilen auch nachts, TeilnehmerInnen betreut wurden. Diese Wochen fanden oft in Wiener Neustadt, Niederösterreich, gelegentlich auch in Lienz–Zettersfeld, Osttirol, oder in St. Georgen am Längsee, Kärnten, statt. Sie sind nur rudimentär dokumentiert (21), weswegen ich sie hier ergänzend erwähne. Das Setting war informell strukturiert. Es gab ein »Intim-Team« bestehend aus dem Ehepaar Gertraud und Heribert Czerwenka-Wenkstetten, Psychologin und Psychiater, fallweise auch Wolf und Margret Aull, diese jedoch in einer eher beobachtenden Position, und mir. – Das »erweiterte Team« bestand aus jungen PsychologInnen, SozialarbeiterInnen und StudentInnen bzw. KandidatInnen, die gesondert gecoacht wurden. Die Gruppe der TeilnehmerInnen setzten sich aus mehr oder weniger kompletten Familien mit Kindern sowie Einzelpersonen zusammen, von denen einige stark bewegungseingeschränkt im Rollstuhl und daher pflegebedürftig waren, ein anderer blind und selbstständig, andere psychisch leidend.

Diese Mischung erschien anfangs regelmäßig unfassbar; wechselweise Assistenz und gruppale Dynamiken sowie die Angebote an Gesprächen, informellen und strukturierten Gruppen, erzeugten jedoch zumeist ein erstaunlich therapeutisches Klima – wenngleich Krisen und Extremereignisse durchaus vorkamen.

Die Schindler’sche These des bifokalen therapeutischen Setting gedieh zuweilen multifokal, was in den Abendbesprechungen zu theoretischer Artistik geriet, nicht allein wegen der merkbaren Übermüdung aller. Dennoch konnte etwa mit einem psychotischen Mathematiker auf der Symbolebene (Ziffern, Nummern von Wiener Tramwaylinien etc.) eine erstaunliche Kommunikation hergestellt werden, die darin mündete, dass er schließlich uns über Rechenaufgaben dazu anleitete, seinen nahen Geburts- tag zu errechnen – was eine sehr zufriedenstellende Erweiterung besonders für das therapeutische Team ergab, woran ich mich immer gern erinnere. Ein andermal wurde eine Flüchtlingsfamilie betreut, deren Vater im Krieg verschollen war, wobei der damals 12-jährige Sohn Vaterfunktionen übernahm und begann, seine Mutter und jüngere Schwester zu bestimmen und zu verteidigen. Hier wurden schon sehr früh kulturelle und religiöse Aspekte deutlich, die uns heute neu und vermehrt betreffen.

Die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen und gerieten Dank Jutta zu höchst lustigen Ereignissen.

Theoretisch interessant bleibt der Ansatz größtmöglicher Durchlässigkeit zwischen TeilnehmerInnen und BetreuerInnen, deren Identität nie aufgegeben, aber während der gemeinsamen Arbeit zunehmend unwesentlich wurde. Nach dem Ableben von Heribert und schließlich auch Raoul hat sich eine solche Konstellation jedoch nicht wiederholt.
Die Analyse der Gruppenprozesse hätte eines/einer eigenständigen »unbeteiligten BeobachterIn« bedurft, die wir nicht finanzieren konnten. So bleibt nur die persönliche Erinnerung. Allerdings wird diese geweckt durch Schindlers Analogiemodell der Entsprechung psychischer Instanzen mit den Gruppenpositionen (S. 207), dessen Wahrheitswerte oftmals augenscheinlich wurden. Schließlich nähert sich Schindler in seinen Trainingsgruppen für Ärzte neuerlich dem Balint’schen Modell (s. Endnote v), geht aber mit dem dynamischen Ansatz doch darüber hinaus.

Die bekannten Phasen – beginnend mit bisweilen zermürbend- machtvollem Schweigen – schildert Schindler klarer und weniger komplex als einige Kollegen (etwa in der »strukturierten Methode« nach Lanssen und Haans aus deren Modell einer hoch komplexen Abfolge rationaler Schritte, denen folgend ein Gruppenprozess, insbesondere zum Zweck der Supervision, einfach zu steuern sei). – Solche Steuerungsmechanismen erscheinen günstig – jedoch eher für die Leitung im Sinne einer effizienten Nutzung von Trainingszeiten, als sie für eine dynamische Entwicklung im Sinne Schindlers nützlich und förderlich wäre.

Klarheit ist wohl eine der hervorragendsten Eigenschaften Raoul Schindlers als Theoretiker – weniger deutlich in der Praxis. Hier schien er häufig das entstehende und sich möglicherweise dynamisch selbst regulierende Chaos zu genießen. Ein stehen- der Halbsatz zieht durch meine – unsere gemeinsame – Erinnerung: dieses Schindler’sche »Wieso nicht? Warum nicht anders?«

»Also verbleibt doch ›Chaos‹. – Ja, warum eigentlich nicht?«


(1) Kurze Würdigung Raoul Schindlers: http://medpsych.at/Lehrer-R-Schindler.pdf

(2) Richard F. Sterba (*1898 Wien, †1989 Michigan, USA): Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers. – Frankfurt/Main: Fischer TB 1985. ISBN 3-596-27354-4.

(3) Gustav Heinrich Ernst Martin Wilhelm Furtwängler (1886–1954), Dirigent, Komponist.

4) Claus Pandí: Lainz – Pavillon V. Hintergründe und Motive eines Kriminalfalls. Mit Beiträgen von Erwin Ringel, Karl Fellinger u.a. – Wien: Carl Ueberreuter 1989.

(5) Volkmar Ellmauthaler: Die Wölfe. In: Drei Erzählungen. – Krems: NÖ Literaturforum 2001 (nunmehr erhältlich über editionL: ISBN 978-3-902245-11-3).

(6) Univ. Prof. Dr. Sepp Schindler (1922–2012). Univ.-Prof., Psychoanalytiker, Vorstandsmitglied und Ehrenmitglied des Salzburger Arbeitskreises für Psychoanalyse. – Eine Würdigung findet sich bei Alfons Reiter: Zum 80. Geburtstag von Prof. Sepp Schindler. In: Prenatal and perinatal Psychology and Medicine 14, 3/4 (pg. 440-441), 2002. – Zwei frühere Würdigungen finden sich bei
1. E. Falzeder, A. Papst: Wie Psychoanalyse wirksam wird.
2. Ernst Federn: Von August Aichhorn zu Sepp Schindler. In: Sepp Schindler zum 65. Geburtstag. – Salzburg 1987.

(7) Michael Balint (1896–1970), ungarischer Psychoanalytiker, Schüler von Hanns Sachs und Sándor Ferenczy. Proponent der Psychosomatischen Medizin in Ungarn, Autor zahlreicher Werke, auch zus. m. Ehefrau Enid. Emigration nach GB, wissenschaftliche Tätigkeit an der Tavistock-Clinic, London.

(8) Siehe dazu Volkmar Ellmauthaler: Das Prinzip der dynamischen Gruppe im Vergleich zur Balint’schen Beziehungsspiegelung. Ein Lernbehelf. Als pdf verfügbar auf Anfrage: http://medpsych.at/balint-vgl.pdf und (ebenfalls als pdf auf Anfrage) Volkmar Ellmauthaler: Das ärztliche Gespräch. http://medpsych.at/Arzt-Pat-Gespr.pdf

(9) Hans Strotzka (1917–1994) Sozialmediziner, Universitätsprofessor, Psychoanalytiker nach Sigmund Freud, Autor mehrerer Lehr- und Fachbücher.
Informationen: http://medpsych.at/lehrer-hansstrotzka.pdf und http://medpsych.at/lehrer-hansstrotzka.png

(10) Annemarie E. Moser (*1941): Türme. Protokoll einer Heilung. – Graz, Wien, Köln: Styria 1981. Roman. ISBN 3-222-11330-0
 Über »Türme« im Kontext der Psychiatriereform existiert eine lesenswerte Diplomarbeit von Birgit Langer (*1970): Auswege. Die Bewältigung von psychischen Erkrankungen und Krisen in den Romanen Türme, Vergitterte Zuflucht und Das eingeholte Leben von Annemarie E. Moser. – Wien: 1995 (Universitätsbibliothek Wien. Auf Anfrage bei editionL erhältlich: 121 Seiten, Bibliographie, 34 Seiten Anhang mit Bibliographie der Autorin. Leseprobe: http://medpsych.at/auswege.html

(11) Information zu Peter Turrini (*1944 in Kärnten): http://www.turrini.at/ 
Schriftsteller. Bühnenautor. Lebt heute abgeschieden in einem kleinen Dorf nördlich von Wien.

(12) Erwin Ringel (1921–1994): Neurologe-Psychiater, Psychotherapeut. Suizidforscher. Autor. Gründer des Wiener Kriseninterventionszentrums. Adlerianer, Präsident der Adlerianischen Gesellschaft Wien. Vertreter der Psychosomatischen Medizin in Wien. Informationen: http://medpsychl.at/lehrer-erwinringel.pdf und http://medpsych.at/Leher-erwinringel-erg.pdf

(13) Alfred Hrdlicka (1928–2009): ein wesentlicher Graphiker und Bildhauer Wiens der Siebzigerjahre. Umstritten und verehrt: ein grobschlächtig-feinsinniger Zeitendeuter: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Hrdlicka

(14) Richard Picker (1933–2015) – Zunächst Theologe, dann laiisierter Priester, Psychotherapeut, Lehrtherapeut Gestalttherapie und Gruppentherapie. Eine Würdigung findet sich hier: http://medpsych.at/RichardPicker.pdf

(15) Richard Picker: Exorzismus war gestern. Entdämonisierung durch Psychotherapie. – München: Kösel 2009. ISBN 978-3-46636829-7. 
Rezension: http://medpsych.at/Rezension-Picker.pdf
xvi

(16) Sigmund Freud (1856–1939): Über Triebe und Triebschicksale. In: Studienausgabe Band III – Psychologie des Unbewußten (S. 75–102 u.a.). – Frankfurt/Main: Fischer Wissenschaft (TB-Ausgabe) 1982. ISBN 3-596-27303-X.

(17) Zur Affektbildung und –führung in der Psychotherapie mit Schizophrenen (S. 79). Original in: Wiener Zeitschrift für Nervenheilkunde und deren Grenzgebiete, Nr. 5. S. 155–174 (1952).

(18) Thure von Uexküll (1908–2004): Mediziner und Begründer der psychosomatischen Medizin sowie Mitbegründer der Biosemiotik. Psychosomatische Medizin (1963). Psychosomatische Medizin. Theoretische Modelle und klinische Praxis, Herausgegeben von Rolf Adler. München und Jena: Urban & Fischer bei Elsevier, 2011. ISBN 978-3-437-21831-6.

(19) Siehe dazu auch V. Ellmauthaler: Macht und Konflikt. Als pdf auf Anfrage erhältlich: http://medpsych.at/Macht-Konflikt.pdf

(20) Sir Karl Raimund Popper (*1902 in Wien, †1994 in London): Philosoph, Erkenntnistheoretiker, Logiker. Begründer des »Kritischen Rationalismus« (abgeleitet aus dem logischen Positivismus). Die zitierten Bände sind: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band I: Der Zauber Platons, Band II: Falsche Propheten: Hegel, Marx und die Folgen. (Original: The Open Society and its Enemies 1945 und 1958), überarbeitete Ausgabe dt: Tübingen: Mohr-Siebeck 1992, nochmals durchgesehen und ergänzt: 2003. Studienausgabe: ISBN 3-16-148069-4. Würdigung: http://medpsych.at/lehrer-sirkarl.pdf

(21) Volkmar Ellmauthaler: Protokoll eines Großgruppenprozesses 1991. – Auf Anfrage erhältlich bei editionL: http://medpsych.at/GG-Prozess-Schindler-1991-web.pdf .

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